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Erlösungsdeadline – ein Tribut an David Bowie. R.I.P.

Erlösungsdeadline eine Geschichte über einen alten Mann, der sich weigert zu sterben. Er flieht aus dem Altenheim und streift durch ein apokalyptisches Berlin, wo er seine letzten Abenteuer erlebt.

Die Geschichte ist inspiriert von David Bowies Songs Five Years (1972), Joe the Lion (1977) und Looking for Water (2003). Five Years handelt davon, was passiert, wenn man weiß, dass die Welt in fünf Jahren untergehen wird. In Joe the Lion geht es um einen Alkoholiker, der in einer Eckkneipe davon schwafelt, sich eine Knarre zu kaufen. In Looking for water nimmt Bowie Bezug auf Nicolas Roegs SF-Kultfilm The Man who fell to Earth (1976), in dem er einen Alien auf der Suche nach Wasser spielte.

Erlösungsdeadline ist zuerst in der von Bowie inspirierten Storysammlung Hinterland (Wurdack-Verlag 2010) erschienen.

Erlösungsdeadline

Janus starrte auf den mindestens acht Quadratmeter großen Wandbildschirm. Meistens lief der Küchenkanal. Von morgens bis abends erklärten irgendwelche Semiprominenten, wie man einen Insalata Caprese, Köfte oder Blumenkohlkrapfen zubereitete. Janus hatte keine Ahnung, wer für so etwas Geld haben sollte. Er lauschte dem selbstvergessenen Schmatzen um sich herum. Besonders die Männer gaben damit an, was sie früher am Herd alles gezaubert hatten, als Essen noch bezahlbar war. Die mit selbstreinigenden Bezügen ausgestattete Sitzgruppe neben Janus war mit ein paar Frauen besetzt, die über die Anwendungsmöglichkeiten ihrer Heizdecken diskutierten. Eine Frau in einer blauen Kunstseidenbluse hockte zusammengesunken in ihrem Rollstuhl, nickte unablässig und krähte zu allem, was gesagt wurde: „Jaajaa.“

Plötzlich wurde es für einen Moment still im Fernsehraum, alle Köpfe wandten sich dem Bildschirm zu. Janus hatte die Werbung in den letzten Wochen schon mindestens hundertmal gesehen. Sie faszinierte ihn, obwohl er sie hasste, wie alles. Außer seiner Enkeltochter. Seiner Meinung nach war sie das einzige liebenswürdige Geschöpf auf diesem Planeten. Janus wünschte inständig, es wäre Zeit für seine Pillen, als der bildschirmfüllende Countdown erschien, der die nächsten fünf Jahre hinunter zählte. Kurz darauf erschienen die attraktiven, jungen Gesichter, in allen Hautfarben. Sie wurden weich eingeblendet, sagten einen Satz oder einen halben, wurden dann wieder ausgeblendet, um Platz für das nächste Gesicht zu machen. Sie sprachen vor dem Hintergrund der Katastrophen, die die Welt hinreichend kannte: Konventionelle Kriege, Cyberkriege, Nanokriege, Atomkriege, Stromausfälle, Erdölneige, Inflation, Klimawandel, Hungersnöte, Seuchen, Stürme, Dürre, Überschwemmung, … Die schönen Gesichter sagten, was jeder wusste: Kein Staat der Welt, keine Kirche und keine Philosophie hatte es geschafft, dies alles abzuwenden. Trotz allem, oder vielleicht gerade deswegen, geschah dies alles. Soweit nichts Neues und nicht besonders erschütternd. Wenn dieser Kontrast nicht gewesen wäre: Die jungen Gesichter wirkten vor all dem Elend wie Engel oder Übermenschen, weise Besucher von einem anderen Stern. Sie waren so jung, so gut. Ekelhaft fand Janus das, und trotzdem konnte er nicht weggucken. Jetzt kam es gleich, seine Fäuste ballten sich, bis die Adern blau hervortraten.

Doch es gibt eine Lösung. Wir alle sind Teil dieser Lösung. Wir sind keine Sekte, wird sind ein legales Wirtschaftsunternehmen, das von normalen Leuten geleitet wird. Normale Leute wie Sie und ich können etwas verändern. Wir sind keine Hippies, wir sind Geschäftsleute, und wir werden die Lösung wie Geschäftsleute anpacken: Mit Milestones und einer Deadline und Mitarbeitern, die echte Verantwortung tragen. Übernehmen Sie Verantwortung – und profitieren Sie davon. Geben Sie uns Ihr Versprechen.

Dann ein junger Chinese: „Ich verspreche, die Welt zu retten – innerhalb der nächsten fünf Jahre.“ Eine junge Weiße: „I promise to cause world-salvation within five years.” Ein junger Araber: „Ich verspreche, die Welt zu retten – innerhalb der nächsten fünf Jahre.” Ein kleines Mädchen aus Indien: „I promise to cause world-salvation within five years.”

Und so weiter. Janus hätte brechen mögen. Pures Business. Aber vielleicht hatten diese Salvationisten sogar recht, vielleicht konnte man dem Ausverkauf der Welt am Ende nur entgegen treten, indem man sie kaufte.

We promise to cause world-salvation until 1st of january 2032.

We give salvation a deadline.

Das Gesicht der blonden Sprecherin wurde ausgeblendet, die Katastrophenbilder steigerten sich zu einer Kakophonie, bevor sie sich in sanfte Blau- und Grüntöne auflösten.

Wir wissen, Sie wollen dabei sein. We know you want to join.” Eine Webseite wurde eingeblendet. “Be part of the movement that will change our world. Your world. The world of your children.”

Einige der Alten zückten ihre Personal Management Center, scannten die eingeblendete Adresse und speicherten sie. Wahrscheinlich hatten sie vergessen, dass sie dasselbe schon etliche Male gemacht hatten. Janus hatte Durst. Er drückte auf den Knopf, der in seinen Sessel eingelassen war, und eine Minute später kam eine Pflegerin aus irgendeinem Schwellenland und fragte in gebrochenem Deutsch, was er brauchte.

Wasser, ich brauche Wasser.“ Janus’ Stimme klang brüchig in seinen Ohren. Die Stimme eines alten Mannes. Die Plastikflasche mit gechlortem Supermarktsprudelwasser stand vor ihm auf dem Tisch. Darum herum waren ordentlich fünf Gläser gruppiert, mit der Öffnung nach unten auf einer Serviette, damit man wusste, dass sie noch nicht benutzt waren.

Wasser hier.“

Das ist mit Sprudel. Wie oft muss ich noch sagen, dass ich davon Koliken bekomme.“

Die Pflegerin verstand ihn offensichtlich nicht.

Ich will Wasser. Echtes Wasser, klar?“

Die Pflegerin zog ein säuerliches Gesicht, öffnete die Flasche, ein Zischen entwich. Sie knallte ein Glas vor Janus auf den Tisch und goss ihm Sprudelwasser ein. Dann schraubte sie die Flasche sorgfältig zu und ging hinaus.

Janus trank und rülpste demonstrativ. Wo Alice und Lura nur blieben. Sie hatten ihn seit Neujahr nicht besucht. Seit drei Wochen und vier Tagen. Er erinnerte sich genau an ihren letzten Besuch, sein Kurzzeitgedächtnis war in bester Ordnung. Sie hatten an diesem Tisch gesessen, seinem Stammplatz, Alice hatte Kaffee und aufgetaute Ananastorte aus der Kantine geholt, sie hatten sich eine verlogene Neujahrsansprache, Kochsendungen und Werbung für Aufbauproteine angesehen. An diesem Tag hatte Janus auch zum ersten mal die Salvationistenwerbung gesehen, während er Lura die Haare zu winzigen Zöpfen flocht. Dann hatte Alice gesagt: „So, Papa, gleich gehen wir auf dein Zimmer, dann mach ich dir noch die Fußnägel, bevor sie wieder einwachsen, und dann sind zwei Stunden rum. Dann ist auch genug.“

Ja, dann war es genug. Janus war aufgestanden, hatte sich artig für Kaffee und Kuchen bedankt und sich verabschiedet. „Ich bin müde. Die Fußnägel macht eine Pflegerin.“ Dann hatte er sehr aufrecht den Fernsehsaal verlassen. Sehr entschlossen. Lura hatte ihm mit ihrer hellen, achtjährigen Stimme „Tschüss, Opa“ hinterhergerufen.

Ein paar Minuten später hatte sie an seine Zimmertür geklopft, sie einen Spalt breit geöffnet und ihre Nase ins Zimmer gesteckt, aber Janus hatte sich schlafend gestellt. Sie war hereingekommen, hatte eine Weile unschlüssig an seinem Bett gestanden. „Schläfst du, Opa?“

Mach die Augen auf, alter Mann, hatte er zu sich selbst gesagt, was kann denn das Mädchen dafür? Sie ist das einzige, was du hast. Aber er hatte es nicht gekonnt. Erst als Lura fort war, hatte Janus die Augen geöffnet. Vor ihm auf dem Nachttisch stand eine Literflasche Jägermeister.

Alice hatte es einfach nicht begriffen. So wie sie nicht begriff, dass man Kinder nicht jede Nacht irgendwo anders hin abschieben konnte, damit sie in Ruhe Party machen konnte. Er konnte seine Sucht nicht beherrschen, konnte nicht einfach einen „Kleinen“ oder „Kurzen“ nach dem Essen trinken. Wenn er anfing, dann zog er es durch. Alice wusste nicht, wie es war, morgens eine gelbliche, stinkende Flüssigkeit aufs Kopfkissen zu würgen, sich zitternd in den Bademantel zu wickeln, zum nächsten Stehausschank zu schleichen und gegen die Entzugserscheinungen anzutrinken. Sie wusste nicht, wie es war, wenn man die Kontrolle verlor. Jeden morgen, wenn er aufwachte, verneigte er sich vor dem Alkohol und kapitulierte. Er würde sich nicht mehr auf einen Kampf mit ihm einlassen. Er würde den Jägermeister einfach ignorieren.

Alice war eine Spätgebärende, ein Unfall, Vater unbekannt. Janus war so glücklich gewesen, als er das kleine Wesen mit dem Namen Lura zum ersten Mal im Arm halten durfte. Das vorletzte Mal war er kurz vor ihrer Geburt abgestürzt. Danach hatte er an Lura alles gut zu machen versucht, was er an Alice versäumt hatte. Er hatte Lura geliebt. Und dann waren sie plötzlich weg gewesen, ohne ein Wort. Er hatte Wochen lang nach ihnen gesucht. Dann war er zum letzten Mal abgestürzt und hier eingeliefert worden.

Alice war mit Lura zu einem Liebhaber gezogen. Bis es wieder gekracht hatte. Sie waren von einem Tag auf den andern wieder da gewesen. Als ob nichts geschehen sei.

Janus machte sich Sorgen. Und er nahm sich seit Neujahr jeden Tag vor, den Jägermeister in den Ausguss zu schütten. Er schaffte es nicht, obwohl seine bloße Anwesenheit ihn ängstigte. An den meisten Tagen konnte er sie vergessen. Nur gerade heute … Alice hatte es nie begriffen.

Plötzlich wurde die Tür des Fernsehsaales aufgerissen und eine von den Pflegerinnen brüllte durch den ganzen Raum. „Wer gesehen Frau Niebeling? Frau Niebeling hier?“

Nee, den ganzen Tag noch nicht“, rief ein Männchen mit heller Stimme.

Frau Niebeling lebte in der Wahnvorstellung, sie sei unschuldig zum Tode verurteilt und sollte hingerichtet werden. „Isse euch wieder abgehauen?“, fragte eine Frau und lachte keckernd. Die Pflegerin knallte die Tür zu. Einige der Anwesenden fingen an, Wetten darauf abzuschließen, wann sie Frau Niebeling diesmal einfangen würden.

Janus wandte sich einer Dauerwerbesendung für Gesichtscreme mit Nanorobotern zu, welche die Kollagenschicht reparieren sollten. Er nahm sein PMC aus der Tasche seiner Jogginghose, scannte die eingeblendete Nummer, bestellte drei Tiegel und erhielt ein Augengel gratis dazu. Der Betrag wurde ohne Umschweife von seinem Konto abgebucht, er konnte die Bewegung des imaginären Geldes auf seinem Display verfolgen. Wenigstens ein Geburtstagsgeschenk zum Achtzigsten, dachte er und lachte kurz auf.

Dann ging er in sein Zimmer. Ein Bett mit Haltegriffen. Ein kleiner Sessel am Fenster mit Ablagebrett an der Wand, ein Schrank über Kopf, eine eigene Nasszelle. Alles auf gut sechs Quadratmetern, weniger als ein Fernseher, dachte Janus. Und damit hatte er es noch außerordentlich gut.

Janus zog den Jogginganzug aus und nahm so viel Abstand von der Spiegeltür der Nasszelle wie es in dem engen Raum möglich war. Nicht mehr viel übrig, dachte er. Ein paar dünne Beine mit dicken Knien. Knochige Arme, an denen die Haut schlaff hinunter hing. Ein langer, immer noch stabiler Hals. Der Bauch leicht vorgewölbt. Ein Froschbauch. Aber er hatte eine sehr aufrechte Haltung, wie Christopher Lee bis ganz zum Schluss. Und volles, dichtes Haar, kaum ergraut. Als hätte sein Haar vergessen, mit ihm alt zu werden. Aber gut, es gab schlimmeres. Die falschen Zähne zum Beispiel. Ein strahlend weißes, billiges Modell, das in seltsamem Widerspruch zu seinem alten Mund stand. Manchmal, wenn die Pflegerin vergaß, ihm neue Haftcreme ins Bad zu legen, schob es sich vor und zwang ihn zu einem Dauergrinsen bei gleichzeitig herunter gezogenen Mundwinkeln.

Janus ging in die Nasszelle und spülte seine Abendpillen die Toilette hinunter. Er würde sie heute nicht brauchen. Dann öffnete er den Schrank und nahm die Sachen heraus, die er getragen hatte, als man ihn hier eingeliefert hatte, volltrunken, vollgepisst, geistig umnachtet. Röhrenjeans, Chucks, eine schwarze Bikerjacke. Ein Designerstück aus den siebziger Jahren, er hatte sie sein ganzes Leben lang getragen, und er war stolz darauf, dass er nie zu fett dafür geworden war. Von hinten würde er in diesen Klamotten wie ein Mittfünfziger wirken, aber nicht wie jemand, der heute achtzig geworden war. Wenigstens Lura hätte Alice herbringen können, wenigstens für eine Stunde. Sie hatte eine Menge von ihm – die haselnussbraune Mähne, die grünen Augen, die Intelligenz. Er musste auf sie acht geben, er traute Alice nicht. Sie kümmerte sich manchmal Tage lang nicht um das Kind. Nur wegen Lura war Janus trocken.

Janus schaltete sein PMC aus und steckte es in die Hosentasche. Dann nahm er seinen alten Armeerucksack aus dem Schrank, packte Kamm, Zahnbürste, Tabletten und Haftcreme hinein. Ein paar Anziehsachen zum Wechseln. Und die Literflasche Jägermeister, die er sorgfältig in ein fadenscheiniges Handtuch mit dem Aufdruck „Seniorenresidenz Mauerblick“ wickelte.

Als er mit packen fertig war, setzte er sich in den Sessel und wartete. Auf Station Eins waren nur die, die noch klar kamen. Vor morgen früh würde ihn niemand belästigen. Als alle in ihren Betten lagen, bis zur Halskrause voll mit Pillen, als Janus auch keine Pflegerinnen in Badelatschen mehr herumschlurfen hörte, öffnete er das Fenster und blickte auf die Straße hinab. Die Bernauer war die ganze Nacht hindurch stark befahren. Trams, Elektroautos, Fahrradrikschas, Frittenfetttaxis, Pferdekutschen und sogar der eine oder andere Benziner. Direkt an Janus’ Fenster lief die Regenrinne vorbei. Er beschloss, dass sie seine nicht mal sechzig Kilo aushalten würde, schulterte seinen Rucksack, schwang die Beine übers Fensterbrett und griff danach. Er durfte nicht versuchen zu klettern, die Kraft würde er nicht aufbringen. Aber wenn er sich an der Regenrinne festhielt und mit den Füßen an der Wand abstemmte und sich in zwei oder drei Schwüngen nach unten gleiten ließ, dann müsste er die drei Meter bis zu dem winterbraunen Grasstreifen vor dem Haus überstehen. Er hatte so etwas früher schon gemacht, mit Pomade im Haar und hochgestelltem Kragen. Viel früher. Janus holte tief Luft und ließ sich fallen.

Der Schmerz, der in seinen rechten Knöchel biss, war überraschend scharf. Janus rollte sich ab und blieb stöhnend liegen. Er horchte in sich hinein, aber bis auf den Knöchel fühlte er sich ganz an.

Janus setzte sich auf und begutachtete den Schaden. Kein Blut, aber als er den Fuß abtastete, stöhnte er vor Schmerz. Er öffnete den Rucksack, wickelte die Jägermeisterflasche aus dem Handtuch und betrachtete sie. Erstaunlich, was Glasflaschen alles aushielten. Dann riss er das altersmorsche Handtuch in Streifen, die er sich fest um den Knöchel wickelte und verknotete. Das hatte wahrscheinlich mehr einen psychologischen als einen praktischen Wert, aber es gelang Janus aufzustehen und zwischen den Fahrzeugen hindurch über die Bernauer Straße zu humpeln. Er wollte zu Simon im Wedding. Der Einzige, der ihm nach seinen Abstürzen treu geblieben waren. Von dort aus würde er weiter sehen. Vor allem wollte er Lura sehen, wollte wissen, dass alles in Ordnung war. Warum hast du sie dann nicht einfach angerufen, du alter Idiot, dachte er, statt dir den Knöchel zu verstauchen. Weil Alice seit Wochen die Mailbox dran gehen lässt und nicht zurück ruft. Ach was, du hast es einfach nicht oft genug versucht. Idiot.

Janus humpelte durch den Mauerpark, wo einige Obdachlose in ihren Schlafsäcken lagen. Die Temperaturen waren selbst für einen Klimawandeljanuar ungewöhnlich mild. Nach dem Park bog er nach links Richtung Gesundbrunnen ab. Er kam nur langsam voran, doch je weiter er ging, desto deutlicher fiel ihm die Veränderung auf, die seit seiner Einlieferung vor sich gegangen war: Die Salvationisten waren allgegenwärtig, auf Plakaten, auf Bildschirmen, in Schaufenstern, und in Gesichtern, die das Bewusstsein ausstrahlten, ein guter Mensch zu sein. Janus wäre gerne gefahren, er hatte schon die Hand gehoben, um eine Rikscha anzuhalten, als ihm einfiel, dass er nicht bezahlen konnte. Bargeld war lange passé, und sein PMC konnte er nicht benutzen. Sobald man ihn im Heim vermisste, würden seine Transaktionen überwacht werden, und dann würde es keine zehn Minuten dauern, sie würden ihn einkassieren und zurück bringen. Er musste sich ohne Geld behelfen. Bis er eine Lösung fand.

Zwei Stunden später erreichte Janus das Löwenjoe. Vor der Tür stand ein Mann mit einer verspiegelten Brille und rauchte. Janus kannte ihn nicht, aber man sah auf den ersten Blick, dass es sich um einen Bullen handelte. Niemand sonst würde mitten in der Nacht mit solch einer Brille rumlaufen. Es hieß, dass sie Informationen über die Menschen anzeigten, die man dadurch ansah. Aber das war vielleicht nur ein Gerücht. Janus hoffte trotzdem, dass man sein Fehlen noch nicht bemerkt hatte.

Drinnen stand Simon hinter der alten Eichenfurniertheke, wie immer, zapfte und schenkte Kurze ein. Der Laden war gut besetzt, der Geräuschpegel entsprechend hoch, im Fernsehen liefen Sportnachrichten. Es roch intensiv nach Alkohol und altem Schweiß. Wenigstens hier keine Salvationisten in der Glotze, dachte Janus, setzte sich auf einen schmierigen Barhocker und tastete vorsichtig seinen Knöchel ab. Inzwischen war er geschwollen und pulsierte heftig. Er würde sich ausruhen müssen. Als Simon zu ihm herüber blickte, machte Janus sich bemerkbar.

He, Simon!“

Offenbar brauchte Simon einen Moment, bis er ihn erkannte. War er tatsächlich so stark gealtert im Heim?

Janus?“

Simon kam herüber und grinste ihn mit seinen braunen Zähnen breit an. „Mensch, Alter! Ich hätte dich fast nicht erkannt, so rasiert und frisch gepudert! Wo warst du denn?“

Janus zuckte die Schultern. „Lange Geschichte. Hast du Eis da?“

Erdbeer vielleicht noch, das ist aber noch vom Sommer, würde ich dir nicht empfehlen.“

Janus schüttelte den Kopf. „Ich meine richtiges Eis, das man in Drinks tut.“ Er zeigte auf seinen Fuß, den er sich quer übers andere Knie gelegt hatte. „Ich habe mir wehgetan.“

Simon lachte. „Mal wieder im Suff auf die Fresse gelegt?“

Hast du nun Eis?“

Simon verschwand unter der Theke und begann in seinen Kühlfächern zu kramen. Dann kam er mit einer Flasche Wodka wieder hoch. „Ich hab nur den. Kalt genug ist er.“

Simon schenke sich und Janus von dem Wodka ein. Dann legte Janus die Flasche auf seinen Knöchel. Die Kälte war durchdringend, aber der Schmerz begann nachzulassen.

Prost“, sagte Simon und kippte den Wodka. Janus griff reflexartig ebenfalls nach seinem Glas, und als ihm der Duft des Wodkas in die Nase stieg, überfiel ihn eine fast schmerzhafte Sehnsucht, ihn zu trinken. Tu nur das, was du wirklich willst, sagte er sich. Immer. Janus wusste, was er wirklich wollte: Rausfinden, ob es Lura gut ging. Wenn er jetzt trank, dann würde dieses Ziel in unerreichbare Ferne rücken. Janus atmete den Alkoholgeruch aus und stellte das Glas sorgfältig vor sich hin.

Willst du was anderes?“

Janus versuchte zu lächeln. „Ich hab mein PMC nicht mit. Ich kann nicht zahlen.“

Mensch Alter, der geht aufs Haus, so tief stecken wir nicht im Dreck.“

Ich nehme auch gerade Medikamente, die vertragen sich nicht damit. Hast du vielleicht Kaffee? Ich bin ziemlich müde.“

Simon sah ihn ratlos an, löffelte aber löslichen Kaffee in einen Becher und machte sich dann daran, den Wasserkocher zu füllen. Er sah aus, als sei er länger nicht benutzt worden.

Mit Schuss?“, fragte er über die Schulter.

Nein, Danke.“

Komm schon Janus, oller Eisenhans, seit wann säufst du nicht mehr?“

Janus blieb die Antwort schuldig. Es hatte keinen Sinn, darüber zu reden. Was er jetzt brauchte, war Ruhe zum Nachdenken. „Kann ich mich vielleicht für ein paar Stunden auf dein Sofa hauen?“

Als Simon Janus den Kaffee über die Theke schob, sah er ihn durchdringend an. „Hast du was ausgefressen, Alterchen?“

Nein. Ich hab mich nur — mit meiner Tochter gestritten.“ Janus ärgerte sich, dass er sich nicht bereits auf dem Weg hierher eine Geschichte zurecht gelegt hatte.

Na schön. Da, hinter dem Vorhang. Ist aber eigentlich für die Schnapsleichen.“

Janus bedankte sich und trank seinen Kaffee mit viel Zucker. Das Gespräch mit Simon verebbte. Janus wusste, dass es anders wäre, wenn er trinken würde, und er registrierte ein ängstliches Flattern in seiner Magengegend. Er fühlte sich leer und hohl, und er musste dieses Gefühl einfach ertragen. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, hierher zu kommen.

Die Tür des Löwenjoe ging auf. Für einen Moment drang monotoner Singsang von der Straße herein, an- und wieder abschwellend. Ein bulliger Mann um die Vierzig kam herein, er trug einen sandfarbenen Mantel und hatte einen Stapel Broschüren in der Hand. Außerdem hatte er eine lange Schnittwunde mitten auf dem kahlen Schädel. Blut sammelte sich in seinen Augenbrauen, lief seitlich an Nase und Kinn hinab und tropfte auf seinen Mantel.

Die Dialoge an der Bar verstummten, die Gäste starrten den Mann an, manche verdutzt, manche mit feindselig in die Hüften gestemmten Armen.

Scheiße“, sagte Simon. „Wir kaufen hier keine Pennerzeitschriften, verzieh dich wieder.“

Der Mann lächelte, legte sein PMC neben Janus auf die Theke. „Eine Runde für alle, bitte.“

Simon sah ihn misstrauisch an, führte die Bestellung aber aus. Keiner sagte etwas.

Darf ich das hier auslegen?“, fragte er und hielt die Broschüren hoch.

Was haste denn für’n Dreck?“

Der Mann setzte zu einer Erklärung an, aber Simon winkte ab. „Lass stecken, ist mir egal. Da neben der Tür ist ein Ständer, da kannste die mit rin stecken.“

Danke“, sagte der Mann höflich und deponierte seine Broschüren an einer gut sichtbaren Stelle. „Auf Wiedersehen.“

He du!“, rief Simon ihm hinterher. Der Mann blieb stehen. „Du blutest.“

Der Mann lächelte, und wieder drang der an- und abschwellende Singsang für einen Moment herein, als er das Löwenjoe verließ. Simon hob sein Glas. „Na dann, Prost. Auf den blutenden Mann.“

Einer von Simons Gästen, über dessen Bierbauch sich ein grauer Synthetikpullover spannte, hatte eine der Broschüren aufgeschlagen. „He, soll ich euch die Zukunft voraus sagen?“, rief er von der Tür her. „Noch fünf Jahre, dann ist Ende mit saufen. Dann sind wir nämlich erlöst!“ Er lachte schallend.

Saufen für die Salvationisten. Überall waren diese Irren unterwegs, aber niemand schien zu wissen, was die eigentlich wollten. Erlösung in fünf Jahren. Und dann? Janus rutschte von seinem Hocker, humpelte zu dem grünen Filzvorhang im hinteren Teil der Bar, setzte sich auf das durchgelegene Kunstledersofa dahinter, wickelte seinen Knöchel wieder in den Handtuchstreifen und versuchte, den Fernseher und die betrunkenen Männer im Löwenjoe zu überhören. Morgen früh würde er zu Luras Schule gehen, er würde sie auf dem Schulhof abpassen. Wenn sie nicht in seine Anstalt kam, ging er eben in ihre. Janus hielt sich an diesem Gedanken fest, während er langsam in den Schlaf hinüber glitt.

Der folgende Tag war trübe und schwül wie im Sommer, aber an so etwas hatte man sich in den letzten zwanzig Jahren gewöhnt. Janus zog den Reißverschluss seiner Jacke auf. Sein Fußgelenk war über Nacht schlimmer geworden. Simon hatte ihm kurzerhand ein Stück Kupferrohr aus der Heizungsanlage ausgebaut.

Brauchen eh keine Heizung mehr.“

Janus konnte sich gut darauf abstützen, aber er kam trotzdem nur langsam voran. Und er war nervös. Noch ein Stückchen weiter, dann geradeaus in die Gartenstraße. Rechts war die Schule, ein bunt bemalter Flachbau für Kinder von Leuten, die sich noch was leisten konnten. So wie Alice. Ja, sie verdiente gut mit ihren Partys. Ohne Alice wäre es auch für ihn nicht das Seniorenstift „Mauerblick“ geworden, sondern ein Schlafsaal ohne medizinische Versorgung. Bis man für immer einschlief. Janus hasste den Gedanken, dass er Alice dankbar sein musste, und Alice ließ es ihn spüren, dass er versagt hatte. Finanziell. Und als Vater.

Janus’ PMC zeigte viertel nach neun. Er betrat den Schulhof und setzte sich steifbeinig auf eine Bank neben der Tür. Zehn Minuten später war es soweit, Janus zuckte unwillkürlich zusammen, als direkt über ihm neben der Tür eine richtige, altmodische Glocke schrillte. Die ersten Kinder kamen heraus, gelangweilt schlendernde kleine Menschen, ordentlich angezogen, mit vernünftigen Gesichtern. Privilegiert, arrogant. Manche blickten ihn unsicher an, tuschelten, gingen schnell weiter. Janus betrachtete sie alle ganz genau, aber Lura war nicht dabei.

Vielleicht gibt es noch einen anderen Ausgang, überlegte er, als der Strom verebbte. Vielleicht ist sie hinten heraus gekommen. Janus stützte sich auf sein Kupferrohr und wollte aufstehen, als plötzlich ein Wachschutzmann mit getönter Brille und Bomberjacke vor ihm stand.

Haben Sie eine Berechtigung, sich hier aufzuhalten? Wie sind Sie überhaupt reingekommen?“

Janus lächelte. Zum Glück war er nüchtern geblieben, er hätte sonst nicht die geringste Chance gehabt, diese Situation zu meistern. „Ja, meine Enkelin geht hier zur Schule.“

Können Sie sich ausweisen?“

Janus klopfte demonstrativ seine Jackentaschen ab. „Ich fürchte, ich habe mein PMC nicht dabei. Meine Enkelin heißt Lura Kuper, sie geht in die zweite Klasse.“

Der Mann schwieg einen Moment und betrachtete ihn intensiv durch seine Brille.

Wissen Sie, es wäre besser, wenn Sie sich keine Geschichten ausdenken. Ich muss Sie bitten, den Schulhof zu verlassen. Sie haben keine Berechtigung, sich hier aufzuhalten.“

Bitte, ich muss sie sehen, es ist wichtig.“

Der Wachmann sah Janus skeptisch an. Dann sagte er, „Na gut, ich sehe nach.“ Er zog sein PMC aus der Bomberjacke. „Wie hieß die Kleine?“

Lura Kuper. K-U-P-E-R.“

Der Wachmann blickte auf sein Display und ging die Schülerliste durch. Dann schüttelte er den Kopf. „Tut mir Leid, Lura Kuper hat die Schule vor zwei Wochen verlassen.“

Der Wachmann steckte sein PMC zurück in die Jacke und öffnete beiläufig den Verschluss der Waffentasche an seinem Gürtel. „Ich muss Sie bitten, den Schulhof jetzt zu verlassen.“

Janus nickte benommen und gehorchte.

Vor dem Tor blieb er stehen. Verlassen. Vielleicht war doch etwas passiert? Janus’ Herz begann zu rasen. Er bekam keine Luft und vor seinen Augen tanzten winzige Silberblitze. Er stützte sich am Zaun ab, aber der Wachmann wies ihn zurecht. „Jetzt machen Sie aber, dass Sie weg kommen!“

Janus schaffte es bis zum Supermarkt zwei Häuser weiter. Dort setzte er sich auf die Stufen und schloss die Augen. Was jetzt? Als er spürte, dass jemand sich neben ihn setzte, öffnete er die Augen wieder. Sein Blick fiel auf einen Salvationistenanstecker.

Brauchen Sie Hilfe?“, fragte die junge Frau. Sie hatte ihr Baby im Tragetuch vor dem Bauch.

Janus schüttelte den Kopf. „Ich muss nur zu Atem kommen, danke.“

Die Frau beobachtete ihn noch ein wenig, stand dann aber auf und ging weiter. Soweit kam es noch, dass Janus sich von einer Salvationistin helfen ließ. Allein, dass diese so genannte Bewegung sich wie eine Seuche verbreitete, machte sie verdächtig. Da brauchte es dann den Glauben an die Allmacht des Geldes gar nicht mehr, um ihn auf Abstand zu halten. Geld war eine Illusion. Es existierte in Wirklichkeit gar nicht. Es war bloß ein gigantisches System der Verschuldung. Wer konnte in diesen Zeiten noch so blöd sein, sich einer Sekte anzuschließen, die sich das Geschäftemachen noch auf die Fahnen schrieb? Wir sind ein Wirtschaftsunternehmen! Profitieren Sie!

Janus war immer noch schwindelig, und ihm wurde bewusst, dass er seit gestern Mittag nichts gegessen hatte. Nicht, dass man in seinem Alter noch viel brauchte, aber er war seitdem die meiste Zeit auf den Beinen gewesen, die Anstrengung war ungewohnt, und außerdem war er verletzt. Janus hätte in den Supermarkt gehen, sein PMC anschalten und sich etwas zu Essen kaufen können. Dann wäre er in einer halben Stunde wieder im „Mauerblick“ gewesen. Nein, so weit war er noch nicht. Er würde zu Alice gehen, obwohl sich alles in ihm dagegen sträubte. Sie würde ihn auch bloß ins Heim zurück bringen. Aber er würde Lura sehen. Und er würde verdammt noch mal eine Erklärung verlangen.

Janus kam mühsam auf die Füße. Bis in die Linienstraße war es nicht weit, aber Janus brauchte über eine Stunde dafür. Als er dort ankam, stellte er fest, dass Alices’ Name nicht an der Klingel stand. Sie wohnte nicht mehr hier.

Im einsetzenden warmen Regen war Janus einfach weiter gelaufen, ohne zu wissen, wohin. Bei einer Imbissbude blieb er stehen und aß die vom Regen aufgeweichten Chinanudeln, die jemand stehen gelassen hatte. Sollte er Alice anrufen? Und wenn sie wieder nicht ran ging? Dann wäre alles umsonst gewesen. Die Frau in der Imbissbude konnte kein Deutsch, aber sie schenkte Janus eine Fanta und ein Brötchen zu den Nudeln, und Janus nahm dankbar an. Obwohl sie ein Salvationistenplakat über ihrem Allesbrenner aufgehängt hatte.

Als Janus am Alex ankam, war es bereits dunkel geworden, und der Tauschring, der tagsüber zwischen den halb leer stehenden Shopping Malls florierte, hatte bereits geschlossen. Nur die verbeulten LCD-Folien, welche die Fassaden der Gebäude bedeckten, ergossen unermüdlich ihre Botschaften über den weiträumigen Platz. Unterhaltung, Werbung, Nachrichten. Eine Sondersendung: Die Salvationisten hatten heute die Schwelle von weltweit vierundzwanzig Millionen Mitgliedern überschritten. Nach nicht einmal vier Wochen seit dem Kickoff. Der nächste Milestone war eine Schulung aller Mitglieder in gewaltfreier Kommunikation. Und niemand schien die Lauterkeit ihrer Absichten in Frage zu stellen. Janus schüttelte fassungslos den Kopf. Vor der Weltzeituhr war eine überdimensionierte Digitaluhr mit dem Logo der Salvationisten aufgestellt. Sie zählte den Countdown bis zum 01.Januar 2032, bis zum Tag der endgültigen Erlösung. Nur fünf Jahre. Janus bekam Kopfschmerzen, wenn er darüber nachdachte. Er hoffte, dass sie scheitern würden.

Es regnete immer noch, aber Janus fand einen trockenen Platz unter einem parkenden Blutspendebus und legte den Kopf zum Schlafen auf seinen Rucksack. Die Jägermeisterflasche drückte ihn im Nacken, aber er war zu erschöpft, um sich noch einmal anders hinzulegen.

Janus wachte davon auf, dass ihm jemand in die Rippen trat. „He, Alter. Aufstehen, ich muss wegfahren. Hast Glück, dass ich dich überhaupt gesehen habe.“

Janus kam mühsam auf die Füße und trollte sich. Es dämmerte und der Platz wurde langsam lebendig. Menschen kamen mit Handkarren, Pritschenwagen und Bauchläden, einige hatten Fahrräder mit einer Ladefläche. Es gab Gemüse, Klamotten, Puppen, Messer, geschliffene Steine, Kaltlichtlampen, Universalladegeräte, Tücher, Küchenutensilien. Das meiste aus eigener Produktion. Wer hier kaufen wollte, brauchte Lexitaler, eine Spezialwährung, die nur für Mitglieder des Tauschrings galt. Man durfte hier weder ein Guthaben ansammeln noch Schulden machen, alles musste direkt umgesetzt werden. Janus liebte den Tauschring, man hatte echtes Geld in der Hand, man handelte, und Arbeit war Arbeit. Janus hatte diesen Platz schon geliebt, als er noch getrunken hatte, er konnte ganze Tage hier verbringen, in der Sonne schmoren und die Auslagen betrachten. Er musste sich dafür nicht einmal bewegen, denn die Auslagen kamen an ihm vorbei. Manchmal waren es auch junge Frauen und Männer, die sich selbst anboten, gegen Kost und Logis. Janus hatte einmal ein Mädchen mitgenommen, aber es war nicht gut gegangen.

Janus suchte sich einen Platz auf der Treppe an der Seite des Platzes. Er hatte keine Lexitaler. Der einzige Weg, an Geld zu kommen, wäre seine Jägermeisterflasche. Die LCD-Folien an der Fassade hinter ihm knatterten im Wind, aber wenigstens musste er nicht hinsehen, wenn er die Dinger im Rücken hatte. Sein Knöchel war blau geworden und schmerzte immer noch. Aber er glaubte, er war über den Berg. Nur die schneeweißen Zehen machten ihm Sorgen, er hatte kein Gefühl darin. Janus massierte sie kräftig, aber es nützte nichts. Genau genommen brauchte er einen diskreten Arzt. Wenn er seine Jägermeisterflasche geschickt eintauschte … aber irgend etwas in ihm sträubte sich dagegen. Er brauchte diese Flasche noch. Als Drohung, als letzte Rettung. Sie gehörte zu ihm, selbst wenn er nicht vorhatte, daraus zu trinken. Gerade deshalb brauchte er sie: Um nicht in Versuchung zu kommen. So lange sie da war, so lange sie voll war, konnte ihm nichts passieren. Seine Zehen waren nicht so wichtig, er würde sie ohnehin nicht mehr sehr lange brauchen. Und jetzt musste er darüber nachdenken, wie er Alice finden konnte, ohne sein PMC zu benutzen.

Janus ließ seinen Blick über den Platz schweifen. Zwei Meter von ihm entfernt wurden Lexitaler gegen Koks und Mettwurst getauscht, und dann ging eine Frau mit einem Bauchladen voller Sonnenbrillen vorbei. Hoch gewachsen, tiefschwarze Haut, ein kunstvolles, weißes Haargebilde auf dem Kopf, eine gelbe Plastikbrille an einer vergoldeten Kette, Jeans und ein gelbes Herrenhemd. Aber was Janus’ Blick fesselte, war nicht ihre Aufmachung, sondern die Kohlezeichnung, die sie in den Deckel ihres Bauchladens gepinnt hatte. Eine Kohlezeichnung von Lura.

Janus achtete nicht auf seinen Fuß und lief der Frau hinterher. „He, warten Sie!“

Die Frau drehte sich um, betrachtete ihn durch ihre Sonnenbrille und lächelte. „Sie sind aber aufgeregt und verzweifelt. Und voller mühsam verdrängter Schuldgefühle. Kann ich etwas für Sie tun?“

Janus war irritiert. Tätowierte er sich seine Gefühle neuerdings auf die Stirn? „Entschuldigen Sie, das Mädchen dort, das ist meine Enkeltochter. Wo haben Sie die Zeichnung her?“

Die Frau zuckte die Achseln. „Die mache ich selbst. Das hier hat der Kundin nicht gefallen. Es sah ihr zu ernst aus, sie wollte was Fröhliches. Für den Opa zum Achtzigsten. Das sind dann wohl Sie? Na, so was.“

Janus nickte. Sie hatte recht, Lura sah auf dem Bild ernst und traurig aus. Zu erwachsen. Irgend etwas ging nicht mit rechten Dingen zu.

Wollen Sie sie?“

Janus nickte und schüttelte gleich darauf den Kopf. Die Zeichnung war nicht wichtig. „Wissen Sie, wo das Mädchen jetzt ist?“

Die Frau blickte Janus durch ihre Sonnenbrille prüfend an. „Oh je, ich sehe ein dickes, fettes Problem. Kommen Sie, wir setzen uns.“

Die Frau klappte ihren Bauchladen zu, nahm Janus beim Arm und gemeinsam setzten sie sich wieder auf die Treppe. Sie nahm ihre Sonnenbrille ab. Jetzt erst bemerkte Janus, dass sie mindestens sechzig sein musste. Sie war fantastisch in Form. „Hallo, ich bin Véronique“, sagte sie und streckte ihm die Hand hin.

Janus. Danke, dass Sie sich Zeit nehmen. Die Sache ist wirklich wichtig für mich.“

Véronique winkte ab und zeigte ein strahlendes Lächeln. Janus war sich ziemlich sicher, dass es ihre eigenen Zähne waren. Schnell überprüfte er den Sitz seines Gebisses und wurde sich plötzlich bewusst, dass er sich seit zwei Tagen weder gewaschen noch rasiert noch seine Zähne gereinigt hatte. Wahrscheinlich stank er. Unwillkürlich nahm er etwas Abstand von Véronique, um sie nicht zu belästigen.

Erzählen Sie.“

Und Janus erzählte, ohne Vorbehalt. Wenn sie ihn verpfeifen wollte, sollte sie es tun. Dann konnte er wenigstens sein PMC anschalten und Alice anrufen, dann kam es darauf auch nicht mehr an.

Als er fertig war, zog Véronique anerkennend eine Augenbraue hoch. „Ein alter Rebell, meine Güte. Aber ich bewundere das, ehrlich.“

Janus errötete leicht.

Hier.“ Véronique öffnete ihren Bauchladen. „Probieren Sie die. Ich schenke sie Ihnen.“

Meinen Sie?“ Janus mochte eigentlich keine Sonnenbrillen. Vor allem nicht bei trübem Wetter.

Na los, Sie werden staunen!“

Janus griff nach dem Ray-Ban-Nachbau, den Véronique ihm hin hielt. Die Gläser waren viel zu schwer. Er grinste schief, aber als Véronique ihm aufmunternd zulächelte, setzte er sie auf – und schnappte überrascht nach Luft. Das Bild war insgesamt nur wenig dunkler, aber die Menschen auf dem Platz waren von intensiven Farbspielen umgeben. Unten im Blickfeld war eine Farbskala zu sehen, welche die gesamte Palette wieder gab.

Janus blickte Véronique an. Sie strahlte in einem satten Gold und neben ihrem Kopf erschien ein Schriftzug: zufrieden7plus

Du bist zufrieden?“, fragte Janus unsicher.

Véronique kicherte. „Sehr sogar. Ich hab dich alten Knacker gerade zum Staunen gebracht. Das ist doch ein Grund zum Zufriedensein, oder?“

Der Übergang zum Du kam Janus natürlich und zwangsläufig vor, die Brille erzeugte eine ungeahnte Intimität. Es war, als könne er Véronique direkt in die Seele schauen.

Wie funktioniert das?“

Sie nennen es Aurabrille. Wird von der Polizei benutzt, um potentielle Unruhestifter aus dem Verkehr zu ziehen.“

Janus dachte an den Wachmann vor Luras Schule. „Sind deshalb die Gläser so schwer?“

Véronique nickte.

Wo hast du sie her?“

Es ist Hehlerware. Ich baue die Technik in billige Plastikbrillen ein. Ich kann ziemlich gut davon leben, weißt du?“

Janus nahm die Brille ab. „Woher weißt du, dass ich dich nicht verpfeife?“

Sie zuckte die Achseln. Er hatte Véronique vertraut, jetzt vertraute sie ihm, und Janus merkte, dass ihn das stolz machte. Véronique grinste immer noch, und in Janus begann es zu zucken. Das Gefühl kam ihm vage vertraut vor, bis er es als den Drang zu lachen erkannte. Er hatte schon ewig nicht mehr so gelacht.

Nachdem Véronique und er sich die Tränen abgewischt hatten, schlug sie vor, erst einmal zu frühstücken.

Ich habe kein Geld.“

Kein Problem, ich besorg uns was.“

Nach zehn Minuten war sie mit einer großen Flasche ionisiertem Luxuswasser und vier belegten Vollkornbrötchen wieder da. Es war köstlich. Und musste ein Vermögen gekostet haben.

Nach dem Essen wollte Janus die Brille zurückgeben und sich verabschieden, aber Véronique wollte nichts davon wissen.

Wir müssen doch deine Enkelin finden.“

Aber …“

Ich habe sie gezeichnet. Ich hab gesehen, dass es dem Kind nicht gut geht. Ich fühle mich schuldig, weil ich sie habe gehen lassen. Und dass ich dich jetzt treffe, ist ein Zeichen. Man muss Verantwortung übernehmen.“

Janus fiel es schwer, ihre Hilfe anzunehmen. Andererseits war Véronique so bezaubernd und ehrlich. Er fühlte sich beinahe jung, als er mit ihr zusammen auf den Stufen saß und Brötchen aus der Hand aß.

Ich habe genügend Zimmer. Du schläfst dich erst mal richtig aus. Und dann sehen wir weiter.“ Véronique fummelte einen Schlüssel aus ihrer Jeanstasche und gab ihn ihm. „Großbeerenstraße 18, vierter Stock. Nimm das Zimmer ganz hinten rechts.“

Janus sah Véronique fassungslos an. „Du gibst mir einfach so deinen Wohnungsschlüssel? Einem wildfremden Kerl?“

Ich muss noch arbeiten, und ich habe genug gesehen um zu wissen, dass ich dir vertrauen kann.“ Véronique warf einen Blick durch ihre Plastiksonnenbrille und zwinkerte ihm dann über den Rand hinweg zu.

Nimm dir ne Rikscha. Hier.“ Véronique reichte ihm einen Gutschein vom Asylamt.

Janus war erneut beeindruckt. „Wo hast du denn den her?“

Das lass mal meine Sorge sein.“

Véronique winkte und drehte sich um, um mit ihrem Bauchladen wieder ihre Runden zu drehen. Janus sah ihr nach, bis sie in der Menge verschwunden war. Ihr kleiner, spitzer Hintern saß immer noch knackig in der Jeans. Was für ein Weib. Janus winkte nach einer Rikscha.

In Véroniques Wohnung hingen großformatige Bilder an den Wänden, auf denen Menschen von fließenden Farbwirbeln umgeben waren. Véronique malte, was sie durch ihre Brillen sah. Er zog seine falsche Ray Ban aus der Jackentasche, setzte sie auf und blickte sich um. Die Wohnung war riesig – und leer. Bis auf einen warmen, lebendigen Fleck in der Küche. Eine Katze lag auf einem Sofa in der Ecke und hatte sich in ein paar milchigen, durchs Fenster hereinfallenden Sonnstrahlen zusammengerollt. Sie strahlte violett. Das Display der Brille projizierte Thetazustand neben den Kopf der Katze. Janus wusste nicht, was das bedeutete, und die Brille antwortete unmittelbar mit einer Erklärung: Hirnwellenmuster, das Meditationszustände begleitet. Die Brille schien nicht nur den geistig-emotionalen Zustand anderer Lebewesen aufzunehmen, sondern auch seinen eigenen. Ein gefährliches Instrument, wenn man es missbrauchte.

Janus nahm die Brille ab und rieb sich die Nasenwurzel. Dann öffnete er den Kühlschrank, entdeckte Hummus und eine kleine Cantaloup-Melone, teures Zeug. Besser, wenn er nichts davon anrührte. Statt dessen duschte er, nahm seine Zähne heraus und putzte sie gründlich, rasierte sich, zog frische Unterwäsche an und stopfte die dreckigen Sachen in die Waschmaschine. Im Wandschrank im Bad fand er eine Sportsalbe und eine elastische Binde, die er sich um den Knöchel wickelte. Dann endlich legte er sich auf die Gästematratze, die am Ende des Flurs in einem freundlichen Zimmer auf dem Dielenboden lag.

Janus hörte Schritte in der Wohnung, vor dem Fenster war es bereits dunkel. Schnell stand er auf, zog sich an und ging in die Küche. Véronique saß vor der geöffneten Balkontür und rauchte.

Gut geschlafen?“

Janus kratzte sich etwas verlegen am Kopf. „Ja, Danke.“

Hast du Hunger?“ Janus nickte. „Gut. Es gibt Heuschrecken. Mit Erdnusssoße. Du kannst schon mal Wasser in der Pfanne heiß machen.“

Janus hatte noch nie vorher Heuschrecken gegessen, aber sie schmeckten köstlich. Knusprig, salzig, fettig. „Wohnst du hier allein?“

Véronique leckte sich Soße vom Finger und nickte. „Bis auf Katze. Das ist ihr Name.“

Du musst ganz schön Asche haben.“

Véronique zuckte die Achseln. „Ja, schon. Gib mir mal dein PMC.“

Janus reichte es ihr. „Wir dürfen es nicht anschalten, damit ich nicht geortet werden kann.“

Ich weiß, aber wir müssen an die Kontakte.“ Véronique drehte das PMC in den Händen. „Mist, ein Billigprodukt. Die kann man nicht aufmachen, wenn was kaputt ist.“ Sie schlug es einmal fest auf die Tischkante. Janus entfuhr unwillkürlich ein kleiner Schrei, aber er klang weniger erschrocken, sondern beinahe triumphierend. Das Gehäuse war aufgebrochen, und Véronique pulte mit der Gabel einen Chip aus den Eingeweiden. Janus musste gegen seinen Willen grinsen. Jetzt war er wirklich vom Rest der Welt abgeschnitten, ein Nichts und Niemand, ohne Geld, ohne Identität, ohne Netzzugang, ohne alles.

Keine Sorge, wir besorgen dir was Neues. Brauchste den Rest noch?“, wollte Véronique wissen. Janus verneinte und sie stand auf und warf das PMC in den Müllzerkleinerer. „Komm mit.“

Das Zimmer war groß, mit zwei Fenstern, und es war dick mit Teppichen ausgelegt. Eine Matratze gab es nicht, aber in einer Ecke lagen zusammengerollte Decken und ein paar dicke Kissen. An den Wänden auch hier Véroniques Aurabilder, ein paar antike antirassistische Plakate und ein Regal mit richtigen Papierbüchern. Janus blieb unschlüssig stehen, die Hände in die Jeanstaschen vergraben, während Véronique sich im Schneidersitz auf den Teppich setzte, den Chip in ein nicht personalisiertes MC steckte und die Kontakte aufrief. Sie schrieb die Nummer per Hand ab.

Dann wählte sie Alices Nummer mit ihrem PMC und gab es Janus. Er wartete, aber nach ein paar mal Klingeln ging wie erwartet die Mailbox dran: „Hallo, ich bin gerade nicht zu sprechen. Hinterlasst mir eine Nachricht, ich rufe zurück.“

Hallo Alice. Hier Papa noch mal. Ich habe mich gefragt, na ja, ich hatte Geburtstag, ich mache mir Sorgen. Wo steckt Ihr? Bitte ruf die Nummer an, von der ich angerufen habe, ja?“

Janus wollte schon auflegen, als eine weitere Automatenansage kam: „Danke für Ihren Anruf, Sie werden jetzt weitergeleitet.“ Dann sagte eine weitere Stimme: „Hallo, mein Name ist Linda, Sie möchten den Salvationisten beitreten?“

Ähm, nein. Wie kommen Sie denn da drauf?“

Bitte warten Sie einen Moment.“

Nein, ich wollte …“

Linda hatte Janus bereits weg geschaltet und er blickte das PMC fassungslos an. Wieso wurde er von Alice’ Anschluss zu den Salvationisten weiter geleitet? Plötzlich zeigte das Display die Homepage der Salvationisten. Ein Werbefilm wurde abgespielt.

Véronique blickte ihm neugierig über die Schulter. „Huh, den kenne ich noch nicht!“, sagte sie, nahm das PMC und schob den Deckel des Objektivs zur Seite. Als sie das PMC auf ein Regalbrett stellte, wurde das Bild an die Wand geworfen.

Wieder diese überirdisch schönen Ichhabdieweisheitmitlöffelngefressen-Gesichter. Janus stöhnte. „Mach das aus!“

Véronique kicherte. „Warte doch mal.“

Wir sind keine Sekte. Unser Motto lautet: jeder, was er kann, jeder, wie er kann, und jeder, wie viel er kann. Was uns verbindet ist nicht Ideologie oder Religion, sondern ein gemeinsames Ziel: Das Ende von Krieg, Hunger und Zerstörung unserer Welt bis zum 01. Januar 232. Unsere Methode: konsequent gewaltfreie Kommunikation. Die Schulungen sind für Sie selbstverständlich kostenfrei.“

Während die Stimme weiter sprach, zeigte der Bildschirm die Features, die erklärt wurden:

Dies ist unser Vernetzungscenter. Hier geben Sie ein, welche Art von Beitrag Sie leisten wollen, und unsere Datenbank sucht dann nach Partnern in Ihrer Nähe. Außerdem werden Sie mit einem Mentor vernetzt. Er wird ihren Beitrag nach seiner Nützlichkeit bewerten, er wird Ihnen Rückmeldung über die konkrete Auswirkung und den Erfolg Ihres Beitrags geben und Sie auf ähnliche Beiträge aufmerksam machen. Tägliche Rankings erlauben Ihnen, genau zu sehen, wo Sie stehen.“

Das Bild wechselte, die Sprecherin war wieder da. „Was Sie davon haben? Sie werden sich – vielleicht zum ersten mal in Ihrem Leben – nützlich fühlen. Sie werden wissen, was Sie bewirken können, Sie werden erleben, wie die Welt sich verändert. Sie werden Teil der größten Reformbewegung aller Zeiten sein. Und in fünf Jahren können Sie sagen, ich war von Anfang an dabei.“

Eine Eingabemaske ging auf. „Bitte melden Sie sich hier an. Es wird sich sofort jemand in Ihrer Nähe um Sie kümmern.“

Janus kochte vor Wut. „Die sind so was von penetrant!“

Véronique schaltete den Beamer aus und steckte ihr PMC in die Tasche. Sie wirkte nachdenklich.

Ich finde das gar nicht so uninteressant. Wenn man ihnen glauben kann, dann vernetzen sie, aber sie benutzen kein weltanschauliches Dogma oder so.“

Was ist mit dieser gewaltfreien Kommunikation?“

Ja, gute Frage.“ Dann zwinkerte sie ihm zu. „Aber so lange es nichts kostet. Es wäre schon interessant, mal zu sehen, mit welchen Methoden die eigentlich arbeiten.“

Interessant ist daran nur, wie diese scheiß Werbung auf Alice’ Mailbox kommt.“

Véronique machte es sich in ihren Kissen bequem. „Das ist doch nicht schwer zu erraten.“

Janus sah sie verständnislos an. „Wieso?“

Na, sie wird wohl bei den Salvationisten sein.“

Meine Tochter?!“

Janus hatte Alice nicht gerade gründlich oder fürsorglich erzogen, das musste er zugeben. Aber er hatte ihr beigebracht, dass man gegen jede Art von medialer Hirnwäsche Widerstand leisten musste. Man durfte sich nicht einlullen lassen, man musste selbst denken. Man durfte nie aufhören, selbst zu denken.

Setz dich mal zu mir.“ Véronique lächelte Janus einladend an. „Du siehst schrecklich verspannt aus.“

Janus’ Wut verwandelte sich plötzlich in ein Kribbeln in der Lendengegend. Auch das hatte er seit Jahren nicht verspürt. Etwas steifbeinig ließ er sich nieder und Véronique begann, mit geübten Griffen seinen Nacken und seine Schultern zu massieren. „Ich habe schon ein paar Sachen über die Salvationisten gehört“, fing sie wieder an, „Sie arbeiten mit Businessmethoden, es geht um Profit.“

Genau das mag ich nicht an ihnen.“

Nur angeblich geht es um Profit für alle. Jeder soll etwas davon haben. Mikrokredite, nachhaltige Entwicklung, Regionalwirtschaft, Partizipation, … du weißt schon.“

Und wer entwickelt da wen?“

Na, die Leute entwickeln sich selbst. Schließlich geht es darum, selbst die Verantwortung zu übernehmen.“

Falsch, das Geld entwickelt die Leute. Mit Mikrokrediten und so was tragen wir das Geldsystem noch in den allerletzten Winkel der Welt. Es wird dann keinen einzigen Ort mehr geben, der frei davon ist, keinen Platz mehr, wo man noch hingehen kann.“ Janus war plötzlich den Tränen nah. Er schüttelte Véroniques Hände ab.

Véroniques Stimme klang sanft, ihr Atem streichelte sein Ohr. „Aber das ist doch längst geschehen, Janus. Das kann doch keiner mehr verhindern.“

Aber das ganze beschissene Geldsystem ist eine Illusion! Es gibt eigentlich gar kein Geld. Es gibt nur Schulden. Aber das soll keiner merken.“

Véronique ging nicht darauf ein und begann stattdessen, seinen Lendenwirbelbereich zu massieren. Janus bekam eine Erektion, er konnte kaum glauben, dass ihm so etwas in seinem Leben noch einmal passierte.

Komm, zieh dich aus“, sagte Véronique mit plötzlich rauer Stimme. Und das tat er, und sie wies ihn nicht zurück.

Véronique riss die Fenster auf und ließ kühle, frische Luft herein. Janus hatte mit ihr zusammen zum ersten mal seit Jahrzehnten einen Joint geraucht, und auch das konnte er noch. Er fühlte sich beinahe glücklich. Wenn da nur die Sorge um Lura nicht gewesen wäre. Er lag nackt auf dem Rücken und starrte an Véroniques Zimmerdecke. Die Nachtluft, die durchs Fenster herein kam, überzog seinen Körper mit einer Gänsehaut, und er griff nach einer Decke. Véroniques Haut sah aus wie mit Airbrush gemalt: Samtig, leuchtend, glatt. Am Hals sah man ein paar Falten, und die Brüste waren ein wenig welk. Aber so sahen manche Frauen auch mit Mitte dreißig schon aus. Keine Arthrose, keine Hammerzehen, keine Alters-Obeine, von denen er im „Mauerblick“ jeden Tag etliche Paare sah. Keine Altersflecken, keine Lipome unter der Haut, keine Krampfadern.

Wie alt bist du eigentlich?“

Zweiundsiebzig.“

Das ist nicht dein Ernst. Wie machst du das?“, frage Janus.

Man sah es Véronique nicht an, falls sie sich geschmeichelt fühlte. Wahrscheinlich wusste sie, wie jung sie wirkte. „Ich ernähre mich gut, ich schlafe hart. Ich bin ehrlich zu mir selbst. Und ich tue, was ich wirklich will.“

Janus stützte sich auf einen Ellenbogen. „Das ist auch mein Motto: Tu immer nur das, was du wirklich willst. So bleibe ich trocken.“

Siehst du, und deshalb bist du auch noch ganz knackig für so einen alten Knacker.“ Véronique kuschelte sich unter der Decke an ihn und fing an, ihn zu streicheln. „Und was willst du jetzt wirklich?“

Janus lachte. „Na, ein bisschen Zeit musst du mir schon lassen, fürchte ich.“

Na gut. Was machen wir inzwischen?“

Janus zuckte die Achseln. „Schlag du was vor.“

Gut. Dann treten wir den Salvationisten bei.“

Janus lachte erneut, aber Véronique sah ihn durchdringend an. „Ich meine das ernst, Janus.“

Komm schon, erzähl keinen Quatsch.“

Erstens – immer mehr Leute machen mit, auch Prominente. Ich will wissen, was dahinter steckt. Von außen erfährt man nicht wirklich etwas über diese Leute und wie sie drauf sind. Vielleicht ist alles Bullshit, das werden wir dann in fünf Jahren wissen. Oder sie haben recht. Zweitens – es ist auf jeden Fall ist es eine Möglichkeit, an Alice und damit auch an Lura ran zu kommen, oder?“

Janus versteifte sich. „Bitte, Véronique, verstehst du denn nicht?“

Nein, was?“

Jeder macht, was er immer macht, klebt den Aufkleber „ich rette die Welt“ drauf und fühlt sich als guter Mensch, egal, was er für einen Scheiß macht. Klar zieht das Promis an. Es ist gute Publicity.“

Da sage ich ja auch gar nichts gegen, oder?“

Janus ließ sich nicht beirren. „Du könntest auch zum Beispiel… “, Janus ruderte etwas hilflos mit den Armen, „zum Beispiel weiter Hehlerware verkaufen und sagen, das sei zu einem guten Zweck.“

Ist es ja auch.“

Wenn du das im Dienst von Salvationisten machst? Das ist doch nicht dein Ernst.“

Véronique wollte etwas erwidern, doch dann hielt sie inne, dachte nach. „Ja, das könnte die tatsächlich interessieren, oder?“

Du willst denen eine solche Technologie in die Hände spielen? Reicht es nicht, dass die Bullen so was haben?“

Véronique sprach mehr zu sich selbst als zu Janus. „Man kann damit Wut sehen. Gewaltbereitschaft.“

Aber Wut ist nicht schlecht. Wut ist manchmal gerecht und notwendig.“

Die Salvationisten sagen, was wir brauchen, ist mehr Liebe in der Welt. Nicht mehr Wut. Ihre Methode ist konsequent gewaltfreie Kommunikation.“

Janus lachte bitter. „Genau, stecken wir die Wütenden in den Knast und der Rest der Welt hat sich lieb.“

Véronique schlug die Decke zurück und stand auf. „Du weißt, dass es so nicht gemeint ist.“

Janus versuchte, sich ein wenig zu beruhigen. Véronique reizte ihn mit Absicht, sie wollte ihn herausfordern. Es war ihr nicht ernst damit. „Na gut. Aber wir müssen doch realistisch bleiben. Man kann die Welt nicht in fünf Jahren retten.“

Véronique zuckte die Achseln. „Wer weiß?“, sagte sie leichthin. Dann stemmte sie die Hände in die Hüften und sah Janus von oben herab an. „Bist du zu feige, es wenigstens zu versuchen? Wir sollten es tun. Und zwar jetzt gleich. Wer weiß, wie viel Zeit uns noch bleibt.“ Damit griff sie nach ihrem PMC und ging auf die Salvationistenseite.

Véronique, bitte.“

Sie trug auf Aufforderung ihren Namen, ihren Wohnort, ihre persönlichen Interessen und Fähigkeiten ein.

Bitte, Véronique. Lass es.“

Sie trug einen monatlichen Beitrag ein, den sie auf das Konto der Salvationisten überweisen wollte.

Du gibst dich völlig in ihre Hände.“

Véronique sah Janus nicht an. „So, glaubst du das?“

Sie drückte ihren Daumen auf das Display und bestätigte ihre Angaben.

Herzlichen Glückwunsch. Sie sind nun Teil der Salvationistenbewegung. Gleich wird jemand Kontakt mit Ihnen aufnehmen.“

Janus schüttelte den Kopf. Er fühlte sich bitter enttäuscht. Keine Minute später klingelte Véroniques PMC.

Véronique Malé hier. Genau. Ich denke, ich habe etwas für Sie, das Sie interessieren könnte. Aber vorher brauche ich einen persönlichen Termin und ein paar Informationen. Ja, ich warte.“

Janus stand leise auf, raffte seine Sachen zusammen und ging.

Als er auf die Straße trat, öffnete sich über ihm ein Fenster.

Janus! Du verstehst das falsch, kommt zurück!“

Aber er konnte einfach nicht.

Janus heulte vor sich hin, während er durch den Regen humpelte, den Rucksack auf den Schultern. Er konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt geheult hatte. Seine dreckigen Sachen waren noch bei Véronique in der Waschmaschine, seine Zahnbürste lag auf der Duschablage. Und sie hatte noch den Chip mit Alice’ Nummer und seine falsche Ray Ban. Er hätte nicht so überstürzt aufbrechen dürfen. Vielleicht hätte er sie doch noch überzeugen können. Aber vielleicht hatte er auch Angst, dass sie am Ende ihn überzeugte.

Janus musste an den Jägermeister denken. Er sollte ihn weg schütten, in seiner momentanen Stimmung konnte er ihm zur Gefahr werden. So viel er auch darüber nachdachte, ihm fielen nur zwei Alternativen ein, mit der Situation umzugehen: Sie auszuhalten oder sie in Alkohol zu ertränken. Am besten für immer.

Wenn da nicht noch Lura gewesen wäre. Janus machte sich mehr Sorgen denn je, und ja, er machte sich auch Vorwürfe. Véronique war ein guter Mensch, ein mutiger und ehrlicher Mensch. Sie hatte recht, er war feige. Vielleicht hatte sie mit der anderen Sache auch recht. Doch bei dem Gedanken daran schüttelte Janus unwillig den Kopf. Er konnte es nicht wirklich logisch begründen, aber er wusste, irgendetwas war gründlich falsch an der Sache. Er konnte nicht glauben, dass die Salvationisten ehrliche Motive hatten.

Es war kalt geworden, und der Regen wuchs sich zu einem der typischen Frühjahrsunwetter aus, die Straßen standen Knöcheltief unter Wasser. Janus sah ein paar Ratten um ihr Leben paddeln. Er selbst war nass bis auf die Haut, seine Lederjacke war ruiniert, aber wenigstens dämpfte das kalte Wasser den Schmerz in seinem Fuß. Es spielte keine Rolle, dass er nicht wusste, wo er hin gehen sollte. Er war niemand mehr, und niemand brauchte auch keinen Platz, an den er gehen konnte.

Auf der Yorckstraße traf Janus auf einen Menschenzug. Sie trugen Transparente mit dem Logo der Salvationisten und dem Slogan „Wir tragen eure Bürde“, und sie hatten einen an- und abschwellenden Singsang angestimmt, den Janus schon kannte. Als er sich dem Büßerzug näherte, sah er, dass die Leute alle kahl geschoren waren. Sie schlugen sich selbst mit langen, schmalen Messern auf den Kopf. Janus hörte, wie das Fleisch nass auseinander klaffte, und er sah, wie Blut sich mit Regenwasser mischte und in Augen und geöffnete Münder lief. So viel zum Thema Gewaltfreiheit, dachte er bitter. Manche griffen sich mit den Händen in die offenen Wunden und spreizten sie, und Janus musste einen spontanen Brechreiz unterdrücken, als neben ihm eine schmale Frau vor Schmerz zusammenbrach. Zwischen dem zerhackten Fleisch sah er ihren Schädelknochen hindurchschimmern. Die anderen beachteten sie nicht und zogen weiter.

Das Wasser stand so hoch, dass die Frau zu ertrinken drohte, wenn sie nicht bald wieder aufstand. Was hatte Véronique zu ihm gesagt? Mann musste Verantwortung übernehmen. Janus überwand seinen Ekel und beugte sich hinab. Als er die Frau zu sich umdrehte und in ihr Gesicht blickte, widerstand er dem Impuls, sie zu schlagen. Es war Alice.

Sie blickte Janus verständnislos an, dann drehte sie sich erschrocken nach dem Büßerzug um, der schon ein Stückchen weiter die Straße hinunter war.

Alice, was machst du hier? Wo ist Lura?“

Die Demo.“

Alice wollte aufstehen, aber Janus hielt sie fest und schüttelte sie. „Wo ist Lura?“

Alice war noch jung, sie war stärker als Janus, trotz der tiefen Wunde auf ihrem Kopf, trotz des Blutverlusts, und sie war mindestens so entschlossen wie Janus. Sie riss sich los, kam auf die Füße und taumelte dem Büßerzug hinterher.

Janus brüllte ihr hinterher. „Wo ist Lura?!“

Alice reagierte nicht.

Janus wusste genau, was er morgen tun würde. Er würde zu Véronique gehen, sie um Verzeihung bitten und den Salvationisten beitreten. Um Lura zu finden. Nur darum. Und er wusste auch, was er heute tun musste, um morgen den Mut dazu zu finden.

Janus ging ins Löwenjoe und begann mit Bier. Nach dem dritten fühlte er sich beinahe stark genug. Simon schlug ihm anerkennend auf die Schulter und begleitete ihn zur Tür. „Machs gut, Alter. Bis morgen vielleicht.“

Janus hob lässig die Hand zum Gruß und machte sich auf den Weg Richtung Prenzlauer Berg. Er durchquerte den Park, setzte sich auf die Bank vor dem „Mauerblick“, öffnete seinen Rucksack und zog den Jägermeister zwischen seinen völlig durchnässten Sachen hervor.

Er brauchte lange, um die Flasche zu leeren. Er durfte es nicht überstürzen, sonst würde er kotzen müssen. Wenigstens wurde ihm warm davon. Und dann wurde es dunkel.

Man zog ihn aus, wusch ihn, legte ihn auf eine fahrbare Liege. Im Vorbeifahren erkannte er die Stationsnummer. Es war die Vierzehn, das waren die Pflegefälle. Von hier gab es kein Zurück mehr. Janus wollte protestieren, sein Zimmer war auf Station Eins. Aber er stellte fest, dass es nicht ging. Er konnte sehen und hören, aber er konnte seinen Körper nicht benutzen. Er hatte vergessen, wie man ihm Befehle gab. Er konnte nicht einmal die Augen schließen.

Er wurde in ein Zimmer geschoben und stehen gelassen. Ohne Erklärung. Nach einer Weile kam eine Pflegerin, sie kam Janus vage bekannt vor, und träufelte ihm etwas Kochsalzlösung in die geöffneten Augen, damit sie nicht austrockneten.

Als nächstes wurde er an einen Tropf gehängt. Eine Magensonde. Ein Katheter für Urin. Ein Monitor. Janus lag wie ein Stein in seinem Körper. Es war hell, er wusste, wer er war, er fühlte Schmerz. Aber er konnte keine Verbindung herstellen. Er konnte nicht einmal lallen. Seine Hände lagen vor ihm auf der Bettdecke, in Pfötchenstellung wie bei einem Schwachsinnigen.

Tage folgten auf Nächte folgten auf Tage. Sein Zustand veränderte sich nicht. Er wusste nicht einmal, wie man seinen Zustand nannte, denn niemand sprach mit ihm. Oft fragte er sich, ob der 01.Januar 2032 schon hinter ihm lag oder noch vor ihm.

Dann, an einem Tag, als seine aufgerissenen Augen das erste zarte Grün an der Birke vor dem Fenster angestarrt hatten, bis die Umrisse der Blätter sich unauslöschlich in seine Netzhaut eingebrannt hatten, ging die Tür auf und Lura kam herein. Gefolgt von Véronique.

Janus wollte lachen, und er hätte so gerne ihre Hand genommen, hätte so gerne über ihr Haar gestreichelt, über Luras und auch über Véroniques. Sie hatten so unterschiedliches Haar. Lura hatte seins. Er hätte ihr so gerne wenigstens zugezwinkert. Aber seine Augen blickten starr geradeaus, die Lider weit geöffnet, schutzlos vor dem zu grellem Licht. Véronique setze ihre gelbe Sonnenbrille auf. Dann lächelte sie.

Hallo Janus. Wie ich sehe, geht es dir nicht allzu schlecht. Du freust dich über unseren Besuch. Ich habe ziemlich lange gebraucht, um dich hier zu finden. Sie wollten uns erst gar nicht rein lassen. Sie meinten, du kriegst eh nichts mehr mit. Aber das stimmt offensichtlich nicht.“

Véronique nahm seine Hand. Es war ihm peinlich, dass sie nach wie vor in dieser würdelosen Haltung verkrümmt war.

Es muss schrecklich sein, so allein da drin.“

Er wollte sich bei ihr entschuldigen, er wollte alles tun, was sie wollte, wenn sie ihn nur hier heraus holte.

Lura kam näher. Wie hübsch sie geworden war. Sie sah ein wenig verstört aus, aber nicht so schlimm, wie Janus das erwartet hätte, wenn die eigene Mutter durchgedreht ist.

Hallo, Opa.“

Wie ging es ihr, was war mit Alice, was geschah jetzt? Janus hatte Tausend Fragen und Véronique sah es. Sie zog sich einen Stuhl heran und setzte sich.

Also. Lura war nicht schwer zu finden, die Polizei hatte sie von der Straße aufgelesen und in ein Heim gesteckt. Und deine Tochter … ich weiß nicht. Sie ist irgendwie durchgedreht. Aber das gibt es überall, das hat eigentlich nichts mit den Salvationisten zu tun.“ Véronique streichelte Janus’ schlaffe Wange. „Weißt du, du hast das damals in den falschen Hals bekommen. Ich hatte mich natürlich mit einem frisierten PMC angemeldet. Ich wollte nicht wirklich Mitglied werden. Ich wollte nur die Informationen. Aber seitdem hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Die Sallis haben wirklich ein gutes Netzwerk aufgebaut. Sehr effektiv. Und ich habe das Gefühl, wirklich etwas bewirken zu können. Lura wohnt bei mir, und sie arbeitet auch schon ganz tüchtig mit. Wir machen mindestens vierzig Brillen am Tag. Für die Mentoren, stimmts?“ Lura nickte und lächelte schüchtern. „Nein, du musst jetzt nicht gleich wieder ärgerlich werden, Janus“, sagte Véronique bestimmt.

Janus konzentrierte seinen ganzen Willen, um seine Wut ausdrücken zu können. Nur Véronique konnte durch ihre sonnengelbe Brille sehen, was in ihm vorging. „Es tut mir schrecklich Leid, was mit dir passiert ist. Aber das ist allein deine Schuld. Du hattest deine Chance.“

Plötzlich wich Janus’ Wut dem intensiven Wunsch, erlöst zu werden. Er wollte nicht mehr. Véronique sah ihn mitleidig an.

Die Erlösung kommt 2032, Janus. Ich fürchte, so lange musst du dich gedulden. Töten – das kann ich nicht.“ Sie stand auf und küsste ihn auf die Stirn. Dann zog seine falsche Ray Ban aus der Handtasche und setzte sie ihm auf. „Machs gut, Janus. Und mach dir keine Sorgen, wir kümmern gut uns um Lura.“

Lura winkte zum Abschied. „Tschüss, Opa.“ Sie strahlte in einem zarten, geborgenen Grün.

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Karla Schmidt am 11. Januar 2016 in Leben schreiben

Gravitation verstehen – vorsichtige Annäherung an Michael Jackson

Ein nasskalter Sommertag, wir fahren zu schnell. Links eine Felswand, rechts ein Wall aus Geröll, die Straße führt um einen See herum. Wir sollten jetzt abbremsen, nach rechts einschlagen. Doch wir halten weiter auf den Höhenzug zu, jeden Moment muss Realität eintreten: ein Aufprall, reißendes Blech, verpuffendes Benzin. Stattdessen verschwindet der Wagen und wir mit ihm. Scheinwerfer holen Tunnelwände aus dem Nichts, erschaffen von Augenblick zu Augenblick die Straße vor uns. Wir fahren und fahren, und ich lausche dem Singen der Reifen, das mich von allen Seiten einzulullen beginnt. Wir sind unterwegs in eine deutsche Großstadt, zu einer Wohltätigkeitsveranstaltung anlässlich von Michael Jacksons Todestag.

Trommelwirbel
Noch nie habe ich einen solch gravierenden Regen erlebt, ein immenses Solo geht auf das Wagendach nieder. Mit was für einer Leidenschaft die Natur sich äußert! Was für eine Konsequenz! Vor uns auf der Straße tauchen die verwaschenen Umrisse eines Lastwagens auf, mannshohe Reifen schaufeln Schmutzwasser über uns, die Scheibenwischer versagen.
„Ich überhol den mal besser“, ruft meine Freundin gegen das Trommeln an. Sie zieht nach links, beschleunigt.
Von diesem Augenblick an gibt es keine Lücke mehr zwischen uns und der Welt, gelb und braun drängt sie von allen Seiten gegen die Wagenscheiben. Wir fahren unter Wasser. Der Augenblick dehnt sich, eine Kraft geht von dem Lastwagen neben uns aus, wie Höhenangst: man muss Abstand halten, weil die Anziehung des Abgrunds so groß ist. Es gibt keine Straße mehr, keinen Horizont, nur noch Trommeln, Blindheit und das Warten auf den Knall. Meine Freundin packt das Steuer fester und gibt Gas.

Spotlight
In der deutschen Großstadt werde ich Zeugin einer Geisterbeschwörung: Verkleidete Leute stehen herum und versuchen bad auszusehen. Keiner von ihnen füllt seinen Anzug aus, viele wirken verloren. Ob diese Form des aktiven Nachverstehens hilft, die Leidenschaft der Fans auf die Passanten zu übertragen, damit sie Geld für den guten Zweck spenden?
Ich beobachte Tanzkurse für Beat it und Thriller, Umarmungen, Tränen. Innerlich bleibe ich auf Distanz. So sehr ich das humanitäre Engagement respektiere, die Form der Huldigung bleibt mir fremd.

Auf dem Platz gibt es eine öffentliche Toilette, die nach und nach von all den Jackson-Inkarnationen aufgesucht wird. Die Wände der Kabine sind nachtblau, von oben brennt ein einzelner Spot herab. Ich denke an eine Anekdote über Michael Jackson auf dem Klo, als er von einem Jungen gefragt wurde, ob er denn auch auf die Toilette ginge. Jackson war zu perplex, um darauf zu antworten.
Dann denke ich an den Mitschnitt einer Billie Jean-Performance: Strasshandschuh, Paillettenjacke und Fedora. Popping and Locking, klassische Pantomime, intensiver Kontrast zwischen hell und dunkel, zwischen eckigen und fließenden Bewegungen, der Griff in den Schritt, der paradoxe Moonwalk, und ein einzelner, gleißend heller Verfolger auf der ansonsten dunklen Bühne. Inbegriff von Bühnenmagie. Und letztlich wofür? Um erst vergöttert und dann in Stücke gerissen zu werden?
Durch den Lichtkegel in der Toilettenkabine schweben Staubpartikel wie Plankton in der Tiefssee. Ich befinde mich mal wieder unter Wasser.

Unter Wasser atmen
In einer meiner frühesten Erinnerungen sitze ich in einer fremden Stadt am Boden eines Brunnens. Sonnenlicht fällt durch die Wasseroberfläche auf bunte Mosaikfliesen am Beckengrund und erschafft Farben, die es gar nicht gibt. Alles ist auf weißblaugoldene Art friedlich, ich atme tief, das Wasser ist um mich und in mir und ich fühle mich für immer aufgehoben. Ich will in diesem Glück aus Licht und Farben bleiben, bin hier willkommen.
Frank Cascio erzählt1, wie Jackson einmal voll bekleidet in den Whirlpool gesprungen, untergetaucht und dann lange nicht wieder aufgetaucht ist. So lange nicht, bis er ihn, mittlerweile in Panik, aus dem Wasser zerrte.
Jackson ging es gut. Er war nur plötzlich von einer, wahrscheinlich schmerzmittelinduzierten, inneren Ruhe erfüllt gewesen und unter Wasser eingeschlafen.
Dumpfe Stimmen dringen zu mir durch, und als man mich aus dem Wasser reißt, bleibt ein Stück von mir in dem Brunnen zurück. Ich sehne mich oft dorthin zurück.

Es heißt, Künstler schaffen aus Angst vor dem Tod und dass sie ihre Seele in die Leinwand weben oder sie zwischen die Zeilen flechten, damit sie überlebt. So betreiben sie uralte Spinnenmagie.
Vielleicht schaffen sie aber gar nicht aus Angst, sondern um ihren ureigenen Ort des Aufgehobenseins, an dem Leben und Tod dasselbe sind, wiederzufinden. Mit jeder Zeile, mit jedem Pinselstrich und jeder Note versuchen sie, wenigstens einen kurzen Blick auf den Brunnen zu erhaschen. Es geht darum, nur einmal noch, unter Wasser zu atmen.

Michael Jackson – muss das sein?
Ein Jahr zuvor. Ich stehe in der Küche, schneide Zwiebeln, heule vor mich hin. Meine achtjährige Tochter brüllt aus ihrem Zimmer heraus gegen die laufende Spülmaschine an:
„Mama, kriege ich eine Michael Jackson CD?“
„Was? Warum das denn plötzlich?“, brülle ich zurück.
Sie taucht in der Küchentür auf. „Pamela ist Michael Jackson Fan. Sie ist sogar in ihn verliebt.“
„Ach, deshalb.“
„Und er macht tolle Musik.“
Bin ich als Kind verblödet, weil ich mein Taschengeld für Barbies gespart habe? Warum also nicht der King of Pop für meine Tochter? Vielleicht ist dann auch endlich mal die ABBA-Phase vorbei.
„Und, kriege ich eine CD?“
Eigentlich habe ich keine Lust, Geld dafür auszugeben. Vielleicht verschwindet der Wunsch wieder, wenn ich ein bisschen warte.
„Mal sehen, Mäuschen. Vielleicht finden wir ja auf dem Flohmarkt eine.“

Niemand weiß bisher wirklich, wie Gravitation entsteht. Es hat etwas mit der Korrelation von Masse und Beschleunigung zu tun, und dunkle Materie, eine bislang unergründliche Existenz, spielt wohl ebenfalls eine Rolle. Gewichtiges jedenfalls hat die Tendenz, sich mit mehr Gewichtigem zusammenzutun und sich so dicht wie möglich zusammenzudrängen. So entstehen Gaswolken, Planeten, Sterne und schwarze Löcher.
Wenn ich die Physik der Gravitation auch nicht begreife, weiß ich doch, dass sie Voraussetzung für Leben ist. Sie hält die Erde in der Umlaufbahn und die Dinge am Boden. Die schwersten Sterne sind auch die hellsten und heißesten. Sie brennen oft nur Millionen Jahre, während die durchschnittlichen, wie unsere Sonne, leicht 10 Milliarden Jahre schaffen.
Doch sind es die schweren Sterne, die unter dem Gravitationsdruck schließlich zusammenfallen und dabei all die Elemente erschaffen, die Leben auf Planeten wie unserem erst ermöglichen. Auch sind die Massen von Mond und Sonne immer in Resonanz mit der Erdmasse. Ihre Gravitation zieht nicht nur das Wasser der Meere an, sondern alles Wasser: das in den Brunnen, Regengüssen, stillen Weihern, schlammigen Tümpeln, Whirlpools – und das in allen Leibern. Letztlich will alles Wasser = Leben immer dorthin, nach oben, zu den Himmelslichtern, um verbrannt und in neues Leben verwandelt zu werden.

Die Nasa zum Beispiel hat Milliarden investiert, um die Erdanziehung zu überwinden und die Idee eines Moonwalk zu verwirklichen. Wenn man das Wort in eine Suchmaschine eingibt, bekommt man als Ergebnis jedoch nicht zuerst Neil Armstrong, sondern den Mann mit Paillettenjacke und Fedora, der vorwärts und rückwärts zugleich über die Bühne gleitet. Es ist der Kerl mit dem Bühnentrick, der die Credits bekommt. Der Moonwalk sieht unendlich leicht aus – doch wer erst in seinen Anziehungsbereich geraten ist, kommt kaum wieder fort.

In der Schwebe zwischen Anziehung und Abstoßung
Im Internet kursiert ein Foto von Michael Jackson im hellen 30er-Jahre-Anzug mit blauer Armbinde, tief in die Stirn gezogenem Hut und Gamaschenschuhen – das Smooth Criminal Outfit. Jackson neigt sich, die Füße platt am Boden, im 45°-Winkel nach vorn. Darunter steht in fetten Buchstaben:
Fuck you, Gravity! I´m Michael Jackson!

Damit ein Künstler Schwerkraft entwickelt, muss ich mit ihm in Resonanz gehen. Wenn er mich zugleich anzieht und verärgert, abstößt oder ich seine Arbeit dumm und oberflächlich nenne, weil ich es nicht wage, den Kopf unter Wasser zu tauchen um zu schauen, was unter der Oberfläche geschieht, genau dann ist die Resonanz am stärksten. In der Mitte zwischen Schwerkraft und Fliehkraft entsteht freier Fall, ein Schwebezustand, in dem Gleiches sichtbar wird, das einander begegnen will. Gebe ich der Schwerkraft unkontrolliert nach, besteht die Gefahr von Absturz, Kollision, Ertrinken.

Eine Erinnerung, die noch weiter zurückreicht, als der Brunnen: Ich stehe auf dem Wohnzimmerteppich, eine persischer Garten in Gelb- und Grüntönen, in dem Elemente eines Musters zu invertierten Elementen anderer Muster werden. Alles ist außen und innen zugleich, und ich breite die Arme aus, hebe die Füße vom Boden und schwebe über den Teppich dahin, folge den Ornamenten und verliere mich darin. Ich habe keine Angst zu fallen, ich fliege ja nicht hoch, der Teppich ist weich, und sollte jemand hereinkommen, kann ich schnell die Füße auf den Boden stellen.

Auf dem Flohmarkt erstehe ich eine Doppel-CD mit Jacksons Hits. Die meisten Stücke kenne ich, ohne sie je bewusst gehört zu haben. Hymnen, Balladen, Soul, Funk, Rock. Eingängig, tanzbar, oft sentimental. Singen kann er ja schon, das muss ich zugeben. Aber der Earth Song ist so kitschig, dass es wehtut.
Noch halten sich Anziehung und Abstoßung die Waage.

Gravitation …
Meine Tochter hört die neue CD rauf und runter. Ich lächele, ein wenig von oben herab, werde jedoch zunehmend unsicher. Wie kommt ein immens reicher Popstar dazu, sich in They don´t care about us mit den Unterdrückten und Entrechteten dieser Welt gemein zu machen? Was weiß der schon von Straßenkämpfen und Polizeigewalt? Was hat es mit dem Stranger in Moscow auf sich? Ist das ein Relikt jener amerikanischen Urangst vor dem Kommunismus? Und wieso singt er, es sei egal, ob man schwarz oder weiß ist, wenn er selbst immer weißer wurde? Ist das eiskalte, kommerziell motivierte Heuchelei oder kompletter Realitätsverlust?

Je öfter ich bewusst zuhöre, desto weniger kann ich Jacksons Lyrics und die emotionale Aufrichtigkeit seines Gesangs in einen sinnvollen Zusammenhang bringen, ich habe keinen anderen Deutungsrahmen als jenen, den ich über Jahrzehnte unbewusst erworben habe: den der Sensationspresse, die Jackson als mehr oder weniger senilen Spinner beschrieben hat.
Was ich darum jetzt wahrnehme, sind unbegreifliche Unvereinbarkeiten. Da gibt es den netten jungen Mann von nebenan, den misogynen Macho, den exzentrischen Aristokraten, den asexuellen ebenso wie den höchst sinnlichen Jackson, den Mann, der sich nicht im Spiegel anschauen kann und den stolzen Swagger. Ich sehe den Zirkusdirektor und den Freak aus der Kuriositätenshow, den humanitären Heiligen und die Medienhure, … was steckt dahinter? Welche der vielen Verkörperungen ist „echt“? Und vor allem: warum beschäftigt mich das überhaupt? Nach all den Jahren, in denen mir Jackson vollkommen egal war, plötzlich: Gravitation!

… darf man nicht erklären
Ist Resonanz vorhanden, suche ich in der Begegnung mit einem Künstler und seiner Arbeit nach Selbsterweiterung. Wie alles im Universum bin auch ich bestrebt, meine (mentale und emotionale) Masse vergrößern.
Vor allem aber hoffe ich, einen erhellenden Blick auf die beiden großen Dunkelheiten des Daseins zu erhaschen: Was bedeutet es zu leben? Was bedeutet es zu sterben? Das ist es, was ich wissen will! Künstler, die keine Haltung zu diesen Fragen finden, lassen mich meistens kalt. Wo finde ich diese Selbsterweiterung, welches sind die Elemente, die Zuwachs versprechen?

Der schwerelos wirkende Moonwalk entsteht durch einen geschickten Wechsel der entgegengesetzten Kräfte Ziehen und Schieben. Der Lean basiert auf patentierten Schuhen, die auf einem Bolzen in der Bühne einrasten und so die Füße am Boden halten. Der Michael Jackson, der während der Dapngerous-Tour mit einem Jetpack auf dem Rücken über die Massen schwebt, ist ein Double, und wenn er mit Werwolfmaske in einem gläsernen Sarg verschwindet und Sekunden später auf einer Hebebühne über den Zuschauern erscheint, setzt er Playback und ein Körperdouble ein, um Zeit für den Kostüm- und Ortswechsel zu gewinnen.

Das herauszufinden, hat mich dem Verständnis von Gravitation jedoch nicht nähergebracht. Solange mir niemand erklärt hatte, dass ich in Wirklichkeit gar nicht fliegen kann sondern es mir nur vorstellte, konnte ich fliegen. Gravitation zu verstehen bedeutet nicht, den Trick zu entlarven. Verstehen bedeutet, den Zauber zu erleben. Es geht nicht um die Frage, wie ist es gemacht? Es geht um die Frage: Was macht es mit mir?

Begegnung mit dem Trickster
Ich sehe mir die Musik-Filme an, erkenne den versierten Dramaturgen der Persona „Michael Jackson“, bewundere den genialen Tänzer, lese Essays und Poesie eines Dichters, der mir manchmal unfassbar naiv und dann wieder fast erleuchtet erscheint, ich beargwöhne den kommerziellen Unterhalter, fremdele mit dem romantischen Verteidiger der Kindheit, hinterfrage die Schwerter-zu-Pflugscharen Symbolik der Militärjacken und Armbänder, wundere mich über den Kitschliebhaber, der sich als König, Heiligengestalt oder – nach einem Gemälde von John William Waterhouse – als Narziss, der sich im Wasser spiegelt, malen lässt. Ist da ein Funken Selbstironie zu spüren, oder ist all dieses Pathos aufrichtig?

Wenn Jackson auf der Bühne stand und ins Publikum blickte, sah er keine anderen Menschen, er sah sich selbst: Plakate mit seinem Konterfei, Massen, die seinen Namen skandierten, eine See von Armen, die in der Dünung seiner eigenen Rhythmen trieben. Jackson war eine Naturgewalt, wenn er auf der Bühne stand, er badete in sich selbst. Und wenn er nach Liebe rief, hörte er nur sein eigenes Echo. Gerade das Narziss-Selbstporträt bezeugt einen ebenso nüchtern-realistischen wie verklärenden Blick auf sich selbst. Schon wieder ein Widerspruch!

Was immer ich über Michael Jackson in Erfahrung bringe, provoziert neue Fragen, neue Widersprüche, und ich beginne zu ahnen, dass es kein Entweder-Oder gibt. Ich arbeite mich an einem Trickster ab, der sich ins Fäustchen lacht, an jemandem, der durch und durch ambivalent ist.
Trickster sind Kulturstifter, wie Prometheus, der Feuerbringer oder Anansi, der afrikanische Spinnengott, Netzespinner, Intrigenweber und Herr über alle Geschichten. Es ist nicht leicht, mit ihnen auszukommen, sie sind eine Herausforderung des Tolerierbaren, sind Mann/Frau, Erwachsener/Kind, Weiser/Narr sowie schwarz und weiß zugleich.
Sie sind einer unhintergehbaren Ethik des Lebens verpflichtet, kennen jedoch keine Moral. Ständig überschreiten sie schädlich gewordene Grenzen der Konvention und erweitern so die menschlichen Möglichkeiten. Sie leben intensiv und lassen uns sowohl an ihrer Ekstase als auch an ihrem unausweichlichen Schmerz teilhaben. Und wie Prometheus oder der allzu hell brennende Stern zahlen sie einen Preis für diese Intensität.

Nichtverstehen heißt erleben
Es ist die unaufgelöste Spannung, das „noch nicht verstehen“, das mich weiter in den Gravitationsschacht „Michael Jackson“ hineinzieht. Ich muss wissen, was geschieht, wenn ich tiefer tauche, und dazu muss ich mich in Bereiche begeben, die mir ungemütlich sind.
Was mich initial an Jackson abgestoßen hat – das Pathos, der naive, romantische Gestus – beginne ich zunehmend in mir selbst zu erkennen. Ist da etwas, das nach Anerkennung und Ausdruck verlangt? Ein Hang zum Sentimentalen, zum Gutmenschentum und zur großen Geste? Das sind natürlich fürchterlich uncoole Accessoires für jeden „ernsthaft“ Kulturschaffenden. Doch es ist zu spät, ich bin bereits ergriffen. Noch einmal: Wie funktioniert diese Magie?

Magie wird in der Unmittelbarkeit einer verblüffenden Erfahrung erlebt. Sie erzeugt einen zwingenden Moment, von dem man sich mittels Verstand und Urteilen nicht distanzieren kann. In Jacksons eigenen Worten:
„Meine Vorstellung von Magie hat nicht viel mit Bühnentricks und Illusionen zu tun. Die ganze Welt strotzt vor Magie. Wenn ein Wal aus der See taucht wie ein neugeborener Berg, schnappst du in unerwartetem Entzücken nach Luft. Welch Magie! Ein Kleinkind, das seine erste Kaulquappe durch einen schlammigen Tümpel flitzen sieht, empfindet dieselbe Erregung. Staunen erfüllt sein Herz, für eine Sekunde hat es einen Blick auf die Verspieltheit des Lebens erhascht.
Wenn ich Wolken sehe, die von einem schneebedeckten Gipfel fortgewischt werden, möchte ich rufen: „Bravo!“ Die Natur, größte aller Magierinnen, hat soeben eine neue Attraktion vorgeführt. Sie hat die eigentliche Illusion aufgedeckt: unsere Unfähigkeit, über ihre Wunder zu staunen. Jedes mal wenn die Sonne aufgeht, wiederholt die Natur denselben Befehl: „Sieh hin!““
(Michael Jackson, Danding the dream, doubleday 1992, Übersetzun: d.A.)

Das klingt, als hätte die Natur den Wunsch zu gefallen. Erster Impuls: Lachhaft!
Doch diesmal werde ich nicht vorschnell von Romantisierung sprechen, sondern mich einlassen. Was ich erlebe, muss überhaupt nicht faktisch korrekt oder auf einer Metaebene ironisch distanziert sein. Es muss lediglich menschlich wahr sein. Ich darf meinen Deutungshorizont frei wählen.
Nehme ich also für den Moment einmal an, Natur bringt sich per se selbst zum Ausdruck und will dabei gesehen werden, was gleichbedeutend ist mit: sich selbst bewusst erleben. Denn wer oder was auch immer hinsieht, ist Teil dieser Natur.
Wenn ich unter dieser Prämisse hinsehe, kommen in der Natur im Größten wie im Kleinsten und wie in nichts, was ich über sie erhaben fühlt, die Prinzipien des Lebens in kreativem Überschwang zum Ausdruck. Und die Prinzipien des Sterbens in Klarheit und Akzeptanz. Damit kann ich durchaus etwas anfangen, auch als Vorbild für das, was es in der Kunst überhaupt zu erreichen gilt.

Wirklich gravierende Kunst lehrt, mich für die bezwingenden Aspekte des Lebens zu öffnen statt sie zu rationalisieren. Sie richtet meinen Blick neu aus. Der Alltag ist von Ablenkung bestimmt, ich springe von Sorge zu Sorge, von Rolle zu Rolle, von der Vergangenheit in die Zukunft und zurück. Ständig verliere ich den Moment aus den Augen. Dabei ist der Moment doch der einzige Ort, an dem Erkenntnis und Magie zusammenkommen können. Und Michael Jackson zwingt mich dazu, in den Moment zu kommen und Magie/Nichtbegreifen zuzulassen.

Den Gesetzen der Thermodynamik entkommen
In The Wiz (1977), einer großstädtischen, komplett schwarz besetzten Adaption des Wizard of OZ (der ja bekanntlich ein Betrüger ist), spielt der damals 19jährige Jackson die Vogelscheuche. Sein Kopf ist nicht mit Stroh, sondern mit Zitaten der Philosophiegeschichte gefüllt. Aufgehängt an ihrem Gestell singt die Vogelscheuche den Krähen zu deren gehässigem Vergnügen immer wieder die „Spielregeln des Lebens“ vor, die nichts weiter sind, als eine Umschreibung der drei Gesetze der Thermodynamik:

Energie kann nicht gewonnen oder zerstört werden: You can´t win.
Energieumwandlung findet immer von schnell/warm Richtung langsam/kalt statt: You can´t break even.
Alles endet unausweichlich im vollkommenen Energiegleichgewicht, in dem nichts mehr bewegt oder verändert werden kann: You can´t get out of the game.

Die Aussicht, dass das Universum mit all seinen Sternen, Galaxien, leuchtenden Filamenten und tiefdunklen Voids einmal den Wärmetod sterben wird, ist konsequent pessimistisch. Die Vogelscheuche ist entsprechend hoffnungslos, ihr Schicksal je ändern zu können – bis Dorothy (Diana Ross) ihr zeigt, dass es durchaus möglich ist, aus dem Spiel auszusteigen:
Man muss dazu selbst Energie aufbringen, selbst etwas bewegen. So entsteht, entgegen aller Wahrscheinlichkeit, magisches Momentum. Das hilflose Geschöpf steht plötzlich auf eigenen Beinen und macht sich, die leuchtend gelbe Ziegelsteinstraße vor Augen, auf den Weg, um sich selbst zu erschaffen.

Den Blick unscharf stellen
Kunst ist ein Scheinwerfer, der einen gangbaren Weg aus dem Allem/Nichts hervorzaubert. Die Verengung des Blicks führt zu einer Vertiefung der Wahrnehmung. Das ist der Punkt, an dem Verstehen einsetzt: ein fokussierter Blick definiert nicht nur das, was ich sehe, sondern auch meine Identität. Ich werde, was ich sehen kann. Sei es eine Vogelscheuche voll papierner Zitate – oder ein weißglühender Stern von hoher Gravitation.

Um den Fokus frei wählen zu können, muss der Blick jedoch zuerst bedingungslos offen und das Bild verschwommen sein.
Es ist eine interessante Erfahrung, mit absichtlich unscharfem Unterwasserblick herumzulaufen und dabei nicht die Dinge, sondern den Raum dazwischen zu betrachten. Man beginnt dann Rhythmen zu sehen, Muster, Tänze. Eine gewisse Schwerelosigkeit stellt sich ein, und das Bewusstsein weitet sich, wie der Blick, über das Ich hinaus. Man erlebt dann die Magie des unmittelbaren Lebensausdrucks, ohne ihn sogleich interpretieren und Dinge oder Umstände benennen zu müssen. Das ist der ultimativ kindliche Blick.
Je mehr Erziehung und Bildung man jedoch anhäuft, desto schwieriger wird es jedoch, den unmittelbaren Ausdruck überhaupt noch für relevant zu halten. Als Künstler bekommt man dann vielleicht das Gefühl, möglichst brillante Strategien erfinden zu müssen, um vom Publikum zu bekommen, was man braucht: Resonanz.
Dann wird der Lebensausdruck zu einem Ausdruck des Kampfes um Anerkennung. Wie sonst könnte man als Mensch, geschweige denn als Künstler überleben?
Wenn man es auf den kleinsten gemeinsamen Nenner bringt, dann bedeutet Überleben, die Dinge so wahrzunehmen, wie sie in diesem Moment sind und angemessen zu reagieren. Wer von vornherein einen Tunnelblick hat, wer den Fokus zu früh setzt, dem entgehen nicht nur die Gefahren, die sich vom Rand her nähern, sondern auch die Weite des Horizonts.
Echte Magier müssen darum bedingungslos offen sein, unschuldig, urteilslos, unabhängig von dem festen Standpunkt, der letztlich nichts als eine Verteidigungsanlage ist: Schließt man sich in eine Festung aus Denkmustern und festgelegten Reaktionen ein, werden die schöpferischen Impulse ausgeschlossen.

Es liegt darum eine tiefe Wahrheit im Unmittelbaren. Es braucht jedoch Hingabe, Talent und die mit allen Mitteln verteidigte Naivität eines Michael Jackson, um vom unschuldig-dilettantischen Ausdruck über Übung, Technik, Bühnentricks und Geltungsdrang auf einer höheren Ebene zum unmittelbaren Ausdruck zurückzufinden. Jackson ist das gelungen, auf höchstem handwerklichem Niveau. Gelingt es nicht, bleibt man bei bloßem Kunsthandwerk stehen.

In den Leib zurückfinden
Ein Barkeeper beobachtet einen Betrunkenen, der auf allen Vieren um eine Straßenlaterne herumrutscht. Er geht hinaus und fragt den Mann:
„Suchen Sie etwas?“
„Meine Schlüssel!“
„Haben Sie sie hier verloren?“
„Nein. Aber woanders ist es zu dunkel zum Suchen.“

Falls ein Witz funktioniert, entlädt sich mit der letzten Zeile nicht nur im Kopf, sondern auch im Körper die zuvor aufgebaute Spannung. Die Schlusswendung muss zugleich überraschend und zwingend sein, damit Verstand und Atmung (als Schnauben oder Lachen) sich daran erfreuen können.
Wenn eine künstlerische Arbeit als komplex gilt, ist damit häufig gemeint, dass sie sich weniger an den Leib und mehr an den Verstand richtet. Darum ist „Pop“ „schlicht“ und „Komposition“ mitunter „anspruchsvoll“. Gerade in der sog. hohen Kunst wird dem Geist der Vorzug vor dem Leib gegeben; er soll sich gefälligst über das träge, wollüstige und sterbliche Fleisch erheben. Das eigentlich Menschliche wird dort vermutet, wo der Leib so wenig wie möglich eine Rolle spielt.

Der Leib ist jedoch nicht hintergehbar, in keiner Kunst. Ohne ihn läuft gar nichts, und Jackson hat das gewusst. Wenn er in der Panther-Dance-Sequenz (der unzensierten Version) des Black or White Videos unter Schreien und masturbatorischen Bewegungen das amerikanische Ghetto zu Klump schlägt, ist das weniger eine Huldigung von Sex & Crime als ein Tribut an den Leib als dem ersten und besten Ausdrucksmittel von Intensität, vorgetragen in einer musique concrète aus tierhaften Lauten, stampfenden Füßen, Atmung, Schreien, Wasser, klirrendem Glas, elektrischem Knistern. Der Gestus ist nicht Pop, sondern Avantgarde, und es handelt sich um die kontrollierte Entladung einer Spannung, die sich 1992 unter dem Druck der Rassenunruhen in LA zusammengebraut hatte.
Es kann passieren, dass man, wie ich, bei ungeschützter Betrachtung erstmal eine Gewischt bekommt, auf die eigenen, unerwartet heftigen Reaktionen zurückgeworfen wird: Befremden, Faszination, Fragezeichen.

Echte Magier folgen den leiblichen ebenso wie den mentalen Erregungen und bringen sie konsequent zum Ausdruck, und solange ein Werk ausschließlich den Verstand herauszufordern versucht, werde ich nur unter der Straßenlaterne suchen, dort, wo vermeintlich das Licht des Verstandes scheint. Sobald ich als ganzer Mensch bewegt werde, bin ich bereit, ein Wagnis einzugehen und die Schlüssel auch im Dunkeln zu suchen.

In die Wut hineinwachsen
Earth Song ist keine Weltverbesserungshymne, sondern ein verzweifelter Abgesang, ein Verlust des Glaubens an das Gute im Menschen. Dennoch wird auch hier die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben. Wenn im Short Film zum Earth Song am Ende all das zuvor inszenierte Sterben – hingeschlachtete Tiere, Menschen, Bäume – durch die Macht der Musik „ungeschehen“ wird, dann ist das ein schamanischer Akt, eine Umkehrung der thermodynamischen Gesetze. Jackson tritt im zerfetzten Kostüm auf, einer Vogelscheuche gleich, doch diesmal hat er keine schwächlichen Gummibeine, klammert sich nicht hilflos an seinen Vogelscheuchenpfahl, sondern er stampft, insistiert, wütet.
They don´t care about us ist auch keine Anbiederung an die unterdrückten Massen, sondern eine sowohl rhythmisch als auch textlich zornige Anklage der Profiteure der Gleichgültigkeit. Jackson ist als schwarzes Unterschichtkind durchaus Zeuge von Straßenkämpfen gewesen. Mehr als auf solche frühen Erinnerungen bezieht Jackson die police brutality, von der er singt, jedoch auf ganz frische Erinnerungen – auf die sogenannte Strip Search: Zum Vergleich mit den Beschreibungen eines angeblichen Missbrauchsopfers musste Jackson seine Genitalien ablichten lassen.
Das gesamte HIStory-Album ist Reaktion auf diese Anschuldigungen, Jackson ist hier so verletzlich und so aufgebracht wie nie zuvor. Die Strip Search Bilder bewiesen, dass der Junge Jackson niemals nackt gesehen haben konnte.3 Dennoch hat Jackson in eine finanzielle Einigung eingewilligt, denn in einem Prozess wären die Bilder als Beweismittel öffentlich gemacht worden. So jedoch blieben sie unter Verschluss. Dies ist der eine Widerspruch in Jacksons Biografie, mit dem er nicht fertig werden konnte, das eine Mal, dass er ganz unzweideutig die Wahrheit sagen wollte. Dass man ihm nicht geglaubt hat, mag daran liegen, dass er, statt reumütig seiner Hingebung ans Kindsein abzuschwören, insistierte: Ich tue nichts Falsches, und darum werde ich es nicht lassen und euch bigotten Spießern damit recht geben.
Stranger in Moscow schließlich erzählt nicht von der Angst vor Kommunisten, sondern von der tiefen Entfremdung, die Jackson nach den Anschuldigungen durchlitten hat, von Einsamkeit, wenn es keinen Ort mehr gibt, an den man gehen kann. Der Song ist während der Dangerous-Tour in einem Moskauer Hotelzimmer entstanden. Die Ironie: zehn Jahre zuvor war Jackson der beliebteste Popstar auf dem Planeten gewesen, durfte in der UdSSR aber nicht auftreten. Jetzt war er der erste westliche Star, der im Osten Konzerte gab, doch in den USA, seiner Heimat, war er zum Geächteten geworden.

Geister, die man ruft
Die Wut über Gier, Zerstörung und Ungerechtigkeit, die Jackson nach 1993 zunehmend in seiner Arbeit ausdrückt, erscheint mir jetzt nicht mehr als bloßer Gestus, sondern aufrichtiger und gerechtfertigter als bei einigen Punk-, Rock- oder Metal-Größen, für die expressive Aggressivität von vornherein zum guten Ton gehört. Doch obwohl ich zunehmend Respekt für den Künstler und Menschen Michael Jackson empfinde, es bleibt ein Rest, ein Misstrauen gegenüber seinen schwer verständlichen Selbstinszenierungen.

Bis mir Ghosts (1996), ein 40 Minuten langer Musik-Film, in die Hände fällt, eine erneut ambivalente Inszenierung zwischen Selbstüberhöhung und Ironie, zwischen Plakativität und Vielschichtigkeit, zwischen Anklage und Empathie mit dem Feind.
Jackson spielt den Maestro, der sein Publikum mit einem Fingerschnippen unter Kontrolle hat. Was immer er es sehen lassen will, seien es wundersam poetische Momente oder groteske Entstellungen, es ist ihm ein Leichtes. Er prahlt mit gigantischer Zunge von seiner erschreckenden Potenz, gibt mit bröckelnder Nase ihren Verlust vor. Dem Publikum graut vor ihm, und dennoch kann es in seiner Gier nach Erregung nicht wegsehen. Am Ende des Films dann die große Sterbeszene – der Unverstandene wird von einem rechtschaffenden Bürgermeister (ebenfalls von Jackson gespielt; ja er schlüpft erst einmal in die Mokassins seines Gegners, bevor er urteilt .. ) in die Selbstauslöschung getrieben.

Vielmehr als eine Anklage gegen die Ungerechtigkeit der Welt, die Jackson nicht verstehen will, ist Ghosts jedoch ein Lehrstück über das erweiternde Potential von Kunst. You´re right, I like scaring people, erklärt der Maestro dem Bürgermeister auf dessen Vorwurf, er sei ein unheimlicher Kinderschreck.4 Der Bürgermeister droht mit Gewalt, der Maestro wählt die einzige Waffe, die ihm zur Verfügung steht: Bühnenmagie. Er inszeniert eine poetische Horror-Tanz-Show für sein Publikum, um es für sich einzunehmen.
Jackson zeigt dabei nicht nur das Bühnengeschehen, sondern er inszeniert auch das Publikum (wie schon zuvor in den Short Films zu Beat it und BAD), und der Lynchmob, der gekommen ist, um den Maestro zu vertreiben, beginnt nach und nach das Schöne im Grotesken zu erkennen.
Nur den Bürgermeister kann der Maestro nicht bezaubern. Selbst, als er in dessen Körper eindringt und ihn fühlen lässt, was es bedeutet zu tanzen, kann er nicht zur Offenheit des Erlebens zurückfinden. Der Künstler hat versagt und zieht die Konsequenz: Er stirbt. Und der rechtschaffene Bürgermeister wähnt sich als Sieger in einem Kampf, in dem er eine ebenso selbstzufriedene wie lächerliche Figur abgegeben hat. Nur der ehemalige Lynchmob bereut es nun, dass der Maestro nicht mehr ist.

Und ist es am Ende nicht ganz genau so ausgegangen? Jackson hat bereits in den 1980er Jahren mit von ihm selbst lancierten, absurden Geschichten5 begonnen, mit den Medien und seinem Image zu spielen – und hat damit Geister auf den Plan gerufen, die ihn letztlich zu Tode gehetzt haben.

Das ist der Punkt, an dem ich zu heulen beginne. Nicht so ein bisschen, weil das rührend ist, wie prophetisch Ghosts die Realität vorwegnimmt, sondern heftig, anhaltend, bis es körperlich wehtut, heimlich und über Wochen. Ich weiß niemanden, dem ich das Ausmaß dieser Verwirrung anvertrauen könnte. Wie soll ich erklären, warum ich so sehr um jemanden trauere, dem ich nie im Leben begegnet bin, den ich die meiste Zeit über nicht einmal mochte? Ich beginne zu ahnen, dass ich um lauter Dreifaltigkeiten weine: Glaube/Liebe/Hoffnung, das Wahre/Gute/Schöne, Blut/Schweiß/Tränen. Ich weine wegen dieser dreimal verfluchten drei Gesetze der Thermodynamik, um die Magie und die zwei Seiten des Tricksters. Und ich wüte gegen all die ordentlichen Bürgermeisterlein, die achtlos zerstören, was sie nicht begreifen und sich dabei gebärden, als erwiesen sie der Menschheit einen Dienst.

Nach Hause kommen in einer neuen Haut
Am Ende der Wohltätigkeitsveranstaltung in der deutschen Großstadt erscheint auf der Opernfreitreppe eine ansehnliche Menge professioneller Sängerinnen und Sänger in großer Robe, die die Fans auf dem Platz beim abschließenden Absingen von We are the World unterstützen. Es regnet schon wieder, und schon wieder in Strömen. Dennoch hat der Chor Kraft, und alle bleiben, bis der letzte Ton verklingt.
Unmittelbar danach setzt allgemeines Rennen rein, wird Schutz gesucht in Cafés und unter Arkaden und im ausrangierten Militärzelt der Michael Jackson Fans, in dem heute Devotionalien für den guten Zweck versteigert wurden.
Gerade eben war ich noch Teil eines Gemeinschaftskörpers gewesen, alle Kehlen haben in Resonanz miteinander geschwungen. Und nun stehe ich im Eingang des Zeltes und schaue auf den leeren Platz. Innerhalb einer Minute hat die Menschenmenge, zuvor zusammengehalten von der Gravitation ihres Sterns, sich aufgelöst. Der Tag weicht, der Regen trommelt eintönig aufs Zeltdach.
„Wollen wir uns auf den Rückweg machen?“, fragt meine Freundin.
„Ja, bitte.“

Ich bin schweigsam auf der Rückfahrt, fühle mich vage schuldig, ohne sagen zu können, warum. Es ist leicht, auf die verkleideten Fans hinabzulächeln – auf die junge Frau, die mit weiß angemaltem Gesicht und grellroten Lippen aussieht wie eine bösartige Jackson-Parodie, und den dicklichen Mann im schweißig müffelnden Michael-Outfit aus billigster Synthetik. Es ist leicht, sie zu bedauern, weil sie ihren Lebenssinn in der Hülle eines andern suchen, einer Hülle, die nicht sitzt und passt, und durch die sie eine tragikomische Note bekommen. Get a life, möchte man sagen.
Aber etwas verbietet mir, so zu urteilen: Es sind heute mehrere Tausend Euro für ein Kinderhilfsprojekt gesammelt worden. Das ist konkret, weit konkreter als jede intellektuelle Distanz, die die Anziehungskraft eines Künstlers oder die Hingabe seiner Bewunderer zu analysieren versucht. Und wie vermessen ist es, auf einen Akt unmittelbarer Menschlichkeit mit Überheblichkeit zu reagieren?
Michael Jackson hält bislang den Weltrekord als Investor für humanitäre Zwecke. Mit rund 319 Mio. Dollar hat er das größte private Vermögen investiert, und weltweit tun Fans nichts weniger, als dem nachzueifern und etwas fortzuführen, was sie als die ihnen überlassene Aufgabe verstehen. If you wanna make the world a better place, take a look at yourself and make a change, singt Jackson.
Jenseits allen Spott und Hohns über unpassende Verkleidungen, schlecht sitzende Perücken, Spekulationen über die Anzahl plastischer Operationen oder sexuelle Orientierung steht dieses schlichte Tätigsein im Dienst der Mitmenschlichkeit.
Jacksons war ebenso viel in Waisen- und Krankenhäusern unterwegs, wie er Konzerte gegeben hat. Sein ehemaliger Manager Frank Dileo, der ihn dabei gelegentlich begleitet hat, erzählte einmal, wie er sich weinend in einer Ecke wiederfand, weil er nicht mit dem emotionalen impact gerechnet hatte, den das Kinderelend auf ihn haben würde. Jackson, selbst ganz gefasst, hat ihn daraufhin beiseite genommen und erklärt, das hier, das sei ihre eigentliche Arbeit. All das andere finanziere sie nur. Die Einnahmen aus We are the World, so eine Schätzung, haben bisher etwa 260.000 Menschen ganz konkret das Leben gerettet. Wirkliche Sterne brennen zu einem einzigen Zweck: Leben zu ermöglichen und es lebenswert zu machen. Und möglicherweise ist das jeden Preis wert.

Darum genügt es nicht, dem Schamanen aus ethnologischer Distanz anerkennend auf die Schulter zu klopfen und zuzuschauen, wie er, Heilung herbeisingend, ums Feuer tanzt. Es genügt auch nicht, sich das Gewand des Magiers überzustreifen. Verstehen bedeutet, den Künstler nicht bloß brennen zu lassen, sondern mitzubrennen. Sich von solch einer Gravitation zerquetschen zu lassen heißt, neue Lebenskeime entstehen zu lassen. Ob die sich in eigenem künstlerischen Ausdruck, einer hilflosen Verkleidung oder in handfesten Zahlen manifestiert, sei dahingestellt. Einen Künstler und seine Arbeit ernst zu nehmen bedeutet, sich auf die mitunter schmerzhafte Verwandlung einzulassen, die sie fordern. Es bedeutet, nicht länger die Lebensregeln der Hoffnungslosigkeit herzubeten und endlich von der bequemen Vogelscheuchenstange herunterzukommen und sich auf einen Weg zu machen.

In Ghosts gibt es ein Happy End: Maestros Tod war nur ein weiteres Stückchen Bühnenmagie. Er kehrt zurück, der Bürgermeister springt vor Schreck aus dem Fenster, der Staffelstab wird an die Kinder weitergegeben, die nun selbst ausprobieren, wie man am besten Leute erschreckt.
Genau so wird man vom bloßen Zuschauer selbst zum Magier: Man geht durch Angst und Hoffnungslosigkeit hindurch und kommt auf der anderen Seite als jemand heraus, der unter Wasser atmen kann.

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Karla Schmidt am 14. November 2013 in Leben schreiben

Erst schreiben, dann essen! Oder: was man lebendig begräbt, steht wieder auf.

Im Mai 2012, nachdem mir keine einzige meiner Hosen mehr passte und ich die verschriebenen Betablocker gegen den Bluthochdruck nicht mehr länger guten Gewissens verweigern konnte, habe ich einmal wieder damit begonnen, systematisch abzunehmen.
Ein halbes Jahr später hatte ich 20 Kilo weniger und konnte die Blutdrucktablette halbieren.
Jetzt, wieder ein halbes Jahr später, passe ich nur noch in zwei meiner Hosen einigermaßen hinein, ich traue mich nicht auf die Waage und messe auch keinen Blutdruck mehr. Statt mich weiter zielstrebig auf mein Gewichtsziel zuzubewegen, habe ich wieder zugelegt. Verdammt!

Es ist nicht das erste Mal, dass ich deutlich ab- und dann wieder zugenommen habe, es gab immer mal Zeiten großer Motivation, das Pendel schlug bisher aber immer wieder in die Gegenrichtung aus.

Doch warum diesmal? Diesmal habe ich keine rigiden Diätvorschriften befolgt, habe keine Kalorien gezählt, habe gute Mahlzeiten gegessen, neue Rezepte ausgetüftelt, Wildkräuter gesammelt, Sprossen gezogen, grüne Smoothies gemixt, mit nativem Kokosöl gekocht, Chiasamen überall dran- und draufgetan, die besten Öle gekauft, edelste Grüntees getrunken … und hatte Spaß daran.

Warum habe ich wieder damit aufgehört?

Ich habe vier wesentliche Faktoren im Verdacht.

Erstens kann es ja irgendwie nicht sein, dass ich mal mit etwas wirklich 100%igen Erfolg habe. Es muss schließlich Rückschläge geben, einen Dämpfer, der mich an meinen Platz verweist. Wenn es mir zu gut geht, kann das nicht rechtmäßog sein! Ein hinderliches Grundgefühl, das mich wahrscheinlich schon an so einigem gehindert hat, das ich auch hätte durchziehen können.

Zweitens: mein biologisch-regionaler und mit besten Zutaten und Nahrungsergänzungsmitteln ausgestatteter Lebensstil ging Anfang des Jahres schlagartig über meine finanziellen Verhältnisse. Ich hatte keinen aktuellen Verlagsvertrag, der letzte größere Auftrag für die “Schule des Schreibens” war durch, die Steuern wollten ebenso bezahlt werden wie der Steuerberater – und plötzlich war mein Dispo am Anschlag. Nichts ging mehr, und meine regelmäßigen monatlichen Ausgaben überstiegen die Einnahmen in beunruhigender Weise. Statt Bioladen war jetzt wieder konsequent Aldi angesagt. Das Gefühl, ein Recht auf gute Selbstfürsorge zu haben – wie weggeblasen. Kann ich mir eben nicht leisten.

Drittens:
finanzieller Engpass, keine Veröffentlichung in Aussicht, das sind psychische Stressfaktoren, die ich besser nicht zu dicht an mich ranlassen wollte. Was liegt also näher, als aufsteigenden Ärger, Selbstzweifel, Ungedulgd, Stress und innere Unruhe möglichst umgehend wieder zu begraben, unter einer Hand voll Chips, einem Glas Wein oder kalten Kartoffeln im Stehen aus dem Topf?

Viertens, und ich denke, das ist der eigentliche Knackpunkt: Wie immer habe ich auch beim letzten Mal versucht, mein Gewicht über eine disziplinierte Ernährung zu regeln: Nur essen, wenn du physisch hungrig bist! Nur die Sachen essen, die dir beim Abnehmen helfen! Aufhören, sobald sich eine leichte Sättigung einstellt! Regelmäßig Sport machen! Keinen Alkohol trinken!
Sogar Fressanfälle habe ich unter disziplinatorische Maßnahmen gestellt: Jeden Samstag ist Fresstag, und da wird geschaufelt, ob du willst oder nicht! So trickst man nämlich den “Hungersnot-Modus” aus, der bei so vielen Diäten zur Stagnation des Abnehmens führt. Schlau, oder?

Am Anfang, wenn man die ersten zehn, fünfzehn Kilo verliert, kann man sich damit durchaus wie auf Wolke sieben bewegen, man fühlt sich stark, auf dem richtigen Weg, ist stolz auf sich selbst.
Irgendwann lässt der Effekt nach, man gewöhnt sich ans Abnehmen, es ist nicht mehr solch eine Sensation, und es geht auch mit der Zeit immer langsamer voran. Stattdessen stellt sich ein Gefühl von erneuter Hoffnungslosigkeit ein. Und so soll das jetzt den Rest Deines Lebens weitergehen? Ständige Disziplin beim Essen?
Irgendwann wird man müde, dann lässt die Disziplin langsam nach. Und wenn dann noch äußere Stressfaktoren hinzukommen, dann gibt es nur noch eins, was einen über Wasser zu halten scheint: Essen!

Es ist nicht so, dass ich große Massen an Futter auf einmal in mich hineinstopfe. Stattdessen esse ich über den Tag verteilt ständig irgendwelche “Häppchen”. Zwei Kekse hier, eine Käsebrot da, ein paar Löffel Reste von gestern, eine Hand voll Nüsse … alles nur Kleinigkeiten. Und abends dann Wein drauf, das entspannt, und dann fühlt man sich auch gleich nicht mehr so schlecht, wenn man anschließend noch die Süßigkeitenkiste plündert …

Die Schriftstellerin Erica Jong glaubt, dass viele Schriftsteller nur deshalb zu viel trinken, weil sie zu wenig schreiben.

Kann da etwas dran sein? Im letzten halben Jahr habe ich wahrhaben müssen, dass meine beiden Verlage (Piper und Rowohlt) durchaus nicht auf ein neues Buch von mir warten. Ich habe erlebt, dass Heyne und ich sehr unterschiedliche Vorstellungen davon hatten, welche Art von Buch sich lohnen würde zu schreiben. Es ist nicht zu einem Vertrag gekommen. Mein Agent hat das Agentsein aufgegeben und ist Programmleiter bei Blessing geworden.
Lauter Rückschläge, nicht nur für den Geldbeutel. Auch fürs Selbstwertgefühl.
Durchaus möglich also, dass der Impuls zu schreiben in einer solchen Situation eben nicht mehr dazu führt, dass ich schreibe, sondern dass ich das Schreiben vermeide – bringt ja doch nichts – und mir stattdessen lieber schnell etwas in den Mund schiebe.

Mehr Energie, als ich nutzen kann

Wenn man im Internet nach psychologischen Ursachen von Übergewicht sucht, findet man unter anderem die Erklärung, dass Zuvielessen oft auf unterdrückte Wut auf sich selbst oder auf andere hinweist. Das ist wohl nicht ganz abwegig. Angst “nicht genug zu bekommen” scheint ebenfalls häufig dahinterzustecken. Passender geht es wohl kaum.
Auch Bluthochdruck wird in psychosomatischen Auslegungen als gestaute Wut aufgefasst, als eine Aggression, die keinen kreativen Ausdruck findet. Der Druck zeigt zugleich auch an, dass jemand mehr Energie hat, als er denkt oder nutzen kann.
Ich stelle mir das wie eine blockierte Dampfmaschine vor, der Druck im Kessel steigt und steigt, aber die Maschine kann die Arbeit dennoch nicht verrichten. Irgendwo klemmt ein Bolzen, irgendwo steckt etwas im Getriebe fest. Das Zuvielessen soll offenbar eine innere Disbalance ausgleichen und führt zu einer “Symptomverschiebung” nach außen: Fett!
Wenn es dabei nur um Schönheitsideale ginge, wäre das für mich halb so wild. Wenn die “äußere Fülle” ein Ausdruck von “innerer Erfülltheit” wäre, würde ich mich damit eher wohl fühlen. Dann hätte ich aber auch keinen Bluthochdruck, sondern einfach eine Menge Energie zur Verfügung.

Ohne Körper geht es nicht

Worum geht es hier also? Es geht darum, mich zu Hause zu fühlen in mir, es geht darum, meinen Körper nicht ständig als “störenden Fremdkörper” mit mir herumzuschleppen, sondern zu erleben, das er das einzige Ausdrucksmittel ist, dass ich letztlich habe. Ohne Körper läuft gar nichts!
Der “störende Fremdkörper” kann nichts dafür, weil er einfach das zum Ausdruck bringt, was ich vorher “runtergeschluckt” habe. Sich einen Feind einzuverleiben, ihn aufzufressen, ist vielleicht die archaischste, aber immer noch wirksamste Methode, ihn loszuwerden, oder?
Der Feind sind demnach nicht der Bluthochdruck oder das Fett, sondern vor allem wohl jene Wut auf mich selbst – weil ich nicht genug Geld verdiene, nicht erfolgreich genug bin, nicht genug schreibe, weil ich antriebslos in der Ecke hocke, statt zu tanzen oder Klavier zu spielen oder zu schreiben; innerlich getrieben und unter Strom, aber im entscheidenden Moment unfähig zu handeln. Vielleicht ist auch Angst dabei, dass sich das nicht ändern lässt, vielleicht auch Wut über alle möglichen Ungerechtigkeiten, an denen ich nichts ändern kann.

Teufelskreis

Wie auch immer es sich verhält, dmittlerweile weiß ich, dass die Lösung nicht darin liegt, sich hinsichtlich Essen und Trinken und Bewegung zu disziplinieren und einem kurzen Erfolgshigh immer wieder die Enttäuschung des Scheiterns folgen zu lassen.
Diese Enttäuschung ist ein Teufelskreis, denn wenn sie eines schürt, dann die Wut auf einen selbst, die Angsts, dass sich nie etwas ändern wird, und den inneren Druck, endlich etwas ändern zu müssen.
Enttäuschung über mich selbst torpediert nicht nur ein glücklicheres Verhältnis zu etwas, das mich jeden Tag des Lebens begleiten wird – zum Essen, sondern auch meine Form des kreativen Ausdrucks, das Schreiben.

Was kann ich also tun? Was kann ich tun, damit ich mich dem Drang, mir etwas in den Mund zu schieben (und zu schlucken! Kaugummi tut es nicht!) nicht so ausgeliefert fühle? Was kann ich tun, um die in Form von Fett und Blutdruck gestaute Energie für den Ausdruck zu nutzen?

Die Antwort erscheint fürchterlich einfach – und das Vorhaben sehr schwierig:

Ich werde mir keinerlei Essen und keinerlei Trinken verbieten, ich werde mir auch nicht verbieten, zu schnell oder zu viel zu essen, ich werde nicht an mir herummäkeln, mich nicht in Schuldgefühlen suhlen, wenn ich die “falschen Sachen” esse, sondern ich werde all diesen “dunklen Impulsen” rückhaltlos nachgeben.

Ich verordne mir dabei nur eine einzige Disziplin: Bevor ich mir etwas in den Mund stecke, werde ich schreiben. Sobald ich aufgeschrieben habe, was immer mich gerade bewegt, was immer gerade für Bilder, Fragen, Gedanken oder Szenarien in mir aufsteigen, kann ich essen. Ohne Wenn und Aber. Die einzige Regel, die es zu befolgen gilt, lautet also:

Erst schreiben, dann essen!

Was das bewirken soll?
Erstens gebe ich mir auf diese Weise die Zeit, denn Futterimpuls verstreichen zu lassen. Möglicherweise stelle ich mit der Zeit fest, dass ich das Essen nicht mehr brauche, nachdem ich geschrieben habe.

Zweitens schreibe ich. Das heißt, ich schaffe Ausdruck, und das vermindert Innendruck. Ich möchte wetten, dabei kommen Ideen zutage, die mir zu weit hergeholt, undurchführbar, größenwahnsinnig oder heikel erscheinen und denen ich darum bisher lieber schnell ein Ei an den Kopf geworfen oder eine Flasche übergezogen habe.
Ich gehe davon aus, dass übermäßiges, unbewusstes und unkontrolliertes Essen daher rührt, dass man einen inneren Zustand überdecken möchte oder ein Bedürfnis zu befriedigen versucht, dass sich mit Essen jedoch nicht stillen lässt. Man ist sich dieses Bedürfnisses oder Zustands jedoch in dem Moment nicht bewusst. Und damit das so bleibt, futtert man schnell etwas.
Indem ich zulasse, dass mir “etwas” bewusst wird, schaffe ich die Voraussetzung, an der Ursache anzusetzen, statt die Symptome mit Essen zu bedecken und sie dann an anderer Stelle als Druck und Fett wieder auferstehen zu sehen.

Merke: Was man lebendig begräbt, steht wieder auf!

Genau darum wird die Regel “Erst schreiben, dann essen” mir mehr Disziplin abfordern, als alle Diätregeln, die ich jemals befolgt habe. Und genau darum ist es möglicherweise die einzige Regel, die zu einer dauerhaften Veränderung führen kann.

Wenn ich jedoch erstmal gelernt und verinnerlicht habe, dass ich nicht zu viel essen muss, um das Leben gebacken zu kriegen, dass ich mehr Energie habe, mehr ausdrücken kann, wenn ich essen und trinken nicht zur Selbstbetäubung missbrauche, dann muss ich auch die Regel nicht mehr befolgen. Dann wäre ich irgendwie ziemlich – frei!

So, und nun darf ich in die Küche gehen und etwas essen. :-)

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Karla Schmidt am 16. Juni 2013 in Leben schreiben

Ist es möglich, ein Buch zu werden?

Heute morgen habe ich ein Zitat von Amos Oz gelesen:

“Als ich klein war, wollte ich unbedingt ein Buch werden. Kein Schriftsteller. Menschen können wie Ameisen zertreten werden, und Schriftsteller sind nicht minder schwer zu töten. Aber nicht Bücher. Wie systematisch man auch versucht, ein Buch zu zerstören, es besteht immer die Möglichkeit, dass ein Exemplar überlebt und sein Dasein in einem Regal in irgendeiner kleinen, staubigen Bibliothek in Reykjavik, Valladolid oder Vancouver fristet.”

Ist es möglich, ein Buch zu werden? Das wüsste ich schon gerne. Fangen wir also mit den naheliegenden Gedanken an.

Leute werden Bücher, wenn andere Leute über sie schreiben. Sei sind entweder berühmt und werden mit Biografien bedacht, oder sie fließen als Alltagsfiguren in irgendeinen Roman ein. Eine Autobiografie zu schreiben, ist sicherlich ein ganz bewusster Versuch, ein Buch zu werden und am Leben zu bleiben.
Allerdings wohl eher ein misslingender Versuch. Denn das Ich-Gefühl, das Bewusstsein bleibt ja doch beim Autobiographen und wird zusammen mit ihm sterben, und das Buch, das übrigbleibt, hat per se erstmal kein Leben.

Schreib-Kryonik

Ich fürchte, es führt nicht, wie Amos Oz hofft, zum Weiterleben eines Buches, wenn es in einer verstaubten Bibliothek steht und ein „Dasein fristet“. Das ist kein Leben, sondern eine Art Kryostase, ein inaktiver Modus, der das physische Fortdauern sichert, ohne dass dabei Lebendigkeit im Spiel wäre.
Lebendig wird ein Buch in dem Moment, in dem es gelesen wird, und auch nur so lange, wie es gelesen wird. Klapp das Buch zu und schick es zurück in seinen Kälteschlaf, bis vielleicht nach 2000 Jahren ein Altertumsforscher es aus einer verschütteten Bibliothek rettet oder ein Alien es aus einer in die Tiefen des Alls geschickten Raumkapsel birgt. Sprache und Schrift werden dechiffriert, und wenn der Leser ein Altertumsforscher ist, wird das Buch der Forscher, ist der Leser ein Alien, wird das Buch zum Alien.
Im Buch lebt nicht der Autor weiter, sondern es gewinnt mit jedem Leser ein neues, eigenes Leben, an dem der Autor keinen Anteil mehr hat.

Ein Buch zu schreiben bedeutet, etwas abzusondern, wie eine Protuberanz, die sich dann für immer vom Körper löst. Schreiben wird ja oft genug auch mit dem Kinderkriegen verglichen: Ich habe meine Kinder zwar ausgetragen und geboren, aber abgesehen davon, dass alles Dasein auch irgendwie eins sind, weil es da ist, sind meine Kinder sie selbst und nicht ich.

Für kurze Zeit bin ich das Buch

Schriftsteller sondern also Bücher ab, die nicht sie sind. Aber Oz wollte ja auch nicht Schriftsteller werden, sondern ein Buch. Merkwürdigerweise habe ich eine genaue Vorstellung von dem Gefühl, das er mit der Hoffnung verbindet, ein Buch zu sein. Es ist das Gefühl, das ich als Kind hatte, wenn ich ein Buch gelesen habe:

Ich war die Suche nach dem Heiligen Gral, ich war der Löwe von Narnia, ich war die Gemeinschaft des Rings und die Reiter von Rohan, ich war das Kind im Waisenhaus, das in eine fremde Welt verbannt wird, ich war die turmhohen Wälder auf einem fernen Planeten, ich war das Mädchen, das von den Toten zurückkehrt, …

Bücher habe ich als Kind nicht gelesen, ich habe sie gelebt, und was man lebt, das ist man auch.
„Ein Buch sein“ heißt also zuerst, es auf eine bestimmte Weise lesen zu können: Sich selbst dabei aufzugeben und mit etwas anderem, das davor Nicht-Ich war, zu verschmelzen.
Als Kind war das leicht, die eigenen Identität war noch durchlässig genug, um sich täglich in alles und jeden verwandeln zu können.

Als Erwachsene ist es mir immer weniger gelungen. Ich lese Bücher heute nicht mehr, indem ich zu ihnen werde, sondern indem ich sie denke. Ich nehme auf, was ich lese, ich eigne es mir an, mag es oder mag es nicht. Dabei bin ich immer unzweifelhaft nicht das Buch, sondern diejenige, die das Buch liest. Es bleibt eine Distanz, die scheinbar nicht mehr überbrückt werden kann.

Ein Buch? Für immer?

Warum ist es so schwierig, ein Buch zu werden, wenn man groß ist? „Wenn ich einmal groß bin“ klingt so, als würde das „echte Leben“ erst später beginnen. Jetzt, als Kind, da ist ja alles bloß Spiel, als ob, unfertig.

Die Sehnsucht eines Kindes, im echten Leben, “wenn ich einmal groß bin”, ein Buch zu werden schließt die Vorstellung ein, dass man das Buch nicht nur lebt, solange man es liest, sondern dass man sein Bewusstsein dauerhaft transferieren könnte, so als würde man plötzlich Mitglied der Crew von Captain Futures Comet und würde für immer und einen Tag an ihren prinzipiell unendlichen Abenteuern teilnehmen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Als Erwachsene begreife ich langsam, dass das Leben als Kind genauso echt, faktisch, vollständig und bedeutsam ist, wie mein jetziges Leben. Vielleicht sogar mehr, weil man als Kind noch sorgloser im Moment aufgeht.
Als Kind konnte ich jede Woche ein anderes Buch sein, und die Erinnerungen an diese Erlebnisse sind heute lebendiger und wirklicher, als Erinnerungen an alle Bücher, die ich als Erwachsene gelesen habe. Ich habe tatsächlich viele Leben gelebt, weil ich mich an diese Leben erinnern kann und weil manche dieser Erinnerungen sich in ihrer emotionalen Tiefe in nichts von Erinnerungen an das physische Leben außerhalb der Bücher unterscheiden.

Wenn damals eine Fee gekommen wäre, um mir Amos Oz’ Sehnsuchtsgedanken zu erfüllen und mir erzählt hätte, ich könnte unsterblich werden, indem sie mich in ein Buch verwandelt, und wenn sie mich dann gefragt hätte, welches Buch ich denn gerne „für immer“ sein würde, dann hätte ich höchstwahrscheinlich das genannt, welches ich zufällig gerade las.
Hätte ich darüber nachgedacht, wäre ich aber vielleicht darauf gekommen, dass die Frage eine Falle ist und hätte die Entscheidung verweigert.
Wie hätte ich mich jemals für ein Buch entscheiden und damit alle andern Bücher ausschließen können?! Wie könnte ich das heute? Nur ein Buch sein? Nie mehr tauschen können? In irgendeiner verstaubten Bibliothek in Kryostase verharren? Unmöglich!

Wenn heute die Idee ein Buch zu werden, dennoch ein bisschen Wehmut auslöst, dann deshalb, weil ich nach einer Erfahrung verlange, die ich als Kind für selbstverständlich gehalten habe, die ich heute beim Lesen jedoch nicht mehr finde, weil da immer eine Lücke zwischen mir und dem Buch bleibt.

Die Lücke schließen

Selbst Bücher zu schreiben ist definitiv ein Versuch, diese Lücke zu schließen. Vielleicht ist Amos Oz darum Schriftsteller geworden. Ein Buch zu schreiben, heißt ein Buch zu sein.

Das Buchsein findet aber wiederum nur durch und während des Schreibens statt. Das fertige Produkt ist genauso weit von mir entfernt, wie das Buch jedes anderen Autors auch. Es beginnt, wie die eigenen Kinder, sein eigenes Leben, lässt einen zurück und verbindet sich mit anderen Menschen.
Nur solange man schreibt, lebt man das Buch, ist es ein Teil von einem selbst und man ist selbst ein Teil davon. Mittlerweile weiß ich, wenn dieses Gefühl sich beim Schreiben nicht einstellt, dann schreibe ich nicht gut.

Wenn Schreiben jetzt das ist, was früher für mich das Lesen war, dann kann ich Lesen als eine Art Training verstehen, das mich darauf vorbereitet hat, vollständige Leben im mentalen Innenraum leben zu können – auch ohne fremde Hilfe.
Wenn ich etwas geschrieben habe, kommt es sogar gelegentlich vor, dass ich dorthin zurückkehre, einen Moment erlebe, den ich nicht aufgeschrieben habe. Vielleicht ist das wiederum die nächste logische Stufe? Wenn man weder zu lesen noch zu schreiben braucht, um alle Leben zu leben und alle Welten zu bewohnen?

Die Frage ist vielleicht weniger, ob es möglich ist, ein Buch zu werden, sondern ob es möglich ist, alles zu werden, was man sich vorstellen kann. Es gibt ja Leute, die sagen, dass man das sowieso ist und es spätestens dann erkennt, wenn man stirbt.

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Karla Schmidt am 13. April 2013 in Leben schreiben

Mehr Spielzeit für Autoren! Eine Improvisation übers Schreiben

Mir sind in letzter Zeit zwei Bücher in die Hände gefallen, eins übers Malen, eins übers Musizieren:

Michele Cassou: Point Zero – entfesselte Kreativität

Stephen Nachmanovitch: Free Play – Kreativität geschehen lassen

In beiden Büchern geht es um die Wirkung, die freies Improvisieren sowohl auf den Künstler wie auf seine Kunst hat, und beide kommen, auf kurze Formeln gebracht, zu ähnlichen Schlüssen:

- Gekonnte Improvisation braucht Technik

- Technik entwickelt sich nicht durch formelhaftes Üben, sondern mit und durch stetige Improvisation

- Übung durch Improvisation ist kein „Übel“ auf dem Weg zu einem „perfekten“ Ziel, sondern in sich selbst Zweck.

- Ziel ist die Evolution der des Spiels, Spiel ist der Motor der Evolution – sei es in der Natur, in der Reifung des Individuums oder der des Künstlers.

- Improvisation ist eng verknüpft mit einem Gefühl für Spiritualität, weil sie, wie Gebet oder Meditation, eine zugleich entspannte und gerichtete Aufmerksamkeit braucht, ein Aufgehen im Moment, ohne dabei die Kontrolle zu verlieren.

Diese Beschreibung deckt sich mit Erfahrungen, die ich letzter Zeit beim Schreiben mache.

Professionell zu sein ist keine Meisterschaft

Viele von uns sind jedoch – selbst als Kreativarbeiter – weitgehend auf ein protestantisches Arbeitsethos gedrillt. Kindern wird die Fähigkeit, mit jedwedem Material zu spielen, relativ systematisch aberzogen. Alles Tun ist mit zunehmendem Alter zunehmend auf ein Ergebnis, ein Ziel, ein Produkt ausgerichtet, und der Weg dorthin ist steinig und voll der Mühsal, sonst ist die Sache nichts wert. Nur, wer sich ordentlich schindet, gelangt am Ende zu einer gewissen Professionalität, und nur wer professionell ist, verdient es auch, Geld zu verdienen.

Hat man erst einmal einen gewissen Grad der Professionalität erreicht, weiß man, wie man seine Mittel einzusetzen hat, man kennt die „Tricks“ und „Kniffe“, und man reagiert auf die gleiche Art Herausforderung auf immer dieselbe, zehntausend Mal geübte Weise.

Das ist ja das Schöne, nicht wahr? Nun muss man sich nicht mehr schinden, nun weiß man, wie es geht, und es geht hinreichend einfach. Willkommen im kreativen Rentenalter.

Was nämlich bei dieser Art der Professionalität verlorengeht, ist die Fähigkeit zur Evolution. Man erreicht mit den erprobten Techniken in der Ausdrucksfähigkeit, aber auch auch in der eigenen Erkenntnis- und Erlebnisfähigkeit einen Zenit, der mit den bekannten Mitteln nicht überschritten werden kann. Es scheint, als hätte man das Ende der Fahnenstange erreicht, mehr ist da nicht.

Zurück zum freien Spiel

Es sei denn, man findet den Weg zurück zum freien Spiel. Wenn man die Tonleitern rauf und runter leiern kann, wird es Zeit, sie in einer andern Reihenfolge zu spielen. Und wenn sich das nicht gut anhört, dann ändert man die Reihenfolge, ändert sie wieder, und noch einmal. Schon ist man inmitten der Improvisation, man experimentiert, man spielt mit den Tönen und erweitert die erlernten Techniken um Ungelerntes.

Das Besondere am freien Spiel mit dem Material ist, dass man zugleich in zwei Aufmerksamkeiten präsent ist: Sowohl im Tun als auch in der flexiblen Reaktion auf dieses Tun.

Man nimmt die eigene Improvisation wahr, während sie entsteht und reagiert unmittelbar darauf, indem man das Erlebte in die weitere Improvisation einbezieht. So kann „on the fly“ ein Werk entstehen, das ebenso geschlossen, spannungsvoll und strukturiert ist, wie eines, bei dem man sich an den Noten festhält. Dies ist der Punkt, wo Improvisation zur Meditation wird.

Wenn ich nicht mehr schreiben will, dann will ich gar nichts mehr!

Ich habe über die letzten fünf, sechs Jahre einen gewissen Grad an Professionalität erreicht, ich kenne mich mit der Technik nicht nur theoretisch aus, ich habe auch viel geübt, und indem ich andern die Technik beibringe, übe ich sie immer und immer wieder von neuem.

Dabei ist mir ganz genau das passiert, was Cassou im Hinblick auf Malerei und Nachmanovitch im Hinblick auf Musik beschreiben: Irgendwann kennt man seinen Werkzeugkasten. Und dann tut sich nicht mehr viel.

Genossen habe ich das Schreiben im letzten Jahr leider nicht besonders. Es war eher mit Druck behaftet:

Du musst schreiben, das ist das einzige, was du kannst. Deine Profession. Sonst hast du keine!

Und Du musst verkaufen, sonst kannst du davon nicht leben, und dann ist deine Profession nichts wert! Pass dich an, liefere, was sich verkauft!

Selbst die Trotzhaltung, die ich dagegen eingenommen habe, basiert letztlich auf demselben Arbeitsethos: Lasst mich doch endlich das perfekte Buch schreiben, Ihr Banausen! Ich muss doch etwas Authentisches sagen, etwas „von Bedeutung“. Ich will doch nicht nur austauschbare Füllware für die Midlist, sondern ein Lebensergebnis liefern, etwas, das später mal ein Beweis dafür ist, dass ich nicht völlig nutzlos hier gewesen bin … Gebt mir Geld dafür und zeigt mir, dass meine Arbeit etwas Wert ist!

Beide Haltungen sind nur Varianten von „aufs Ergebnis, aufs Ergebnis, aufs Ergebnis kommt es an!“

Und beides führt dazu, dass ich nicht mehr gerne schreibe, dass ich es als Last empfinde, die mich, statt mir Energie zu geben, zunehmend aushöhlt. Zugleich ist mir vollkommen klar: Wenn ich nicht mehr schreiben will, dann will ich gar nichts!

Können Schreiber improvisieren?

Aber zählt beim Schreiben nicht nun einmal der fertige Text, weil es nur das Ergebnis ist, das andere Menschen wahrnehmen können? Wenn ich Musikerin wäre, Schauspielerin, Tänzerin … könnte ich auf der Bühne improvisieren, und das Publikum würde die Improvisation als das „eigentliche“ Werk begreifen, und auch action painting ist eine Improvistationskunst. Nur: wer schaut irgendjemandem beim Schreiben zu? Kann man sich Öderes vorstellen?

In gewisser Weise ist das ganze Leben ein nicht abreißender Strom von Improvisationen. Wenn ich mit jemandem spreche, muss ich die Technik des Sprechens so gut beherrschen, dass ich mit Worten und Satzbau flexibel spielen kann, sie der Situation anpassen und das Gespräch genießen kann. Wenn ich über Waldboden gehe, muss ich die Technik des Gehens so gut beherrschen, dass ich nicht darüber nachdenken muss, wie um alles in der Welt ich hier bitte gehen soll, wenn ich den Spaziergang genießen will.

Wenn ich einen Text schreibe – so wie jetzt diesen hier – ohne vorherigen Plan, sondern einfach meinen Gedanken folge, dann muss ich die Technik des geordneten Selbstgesprächs, des Satzbaus und meine PC-Tastatur so weit beherrschen, dass ich annähernd so schnell schreiben kann, wie ich denke.

Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, kann ich anfangen zu spielen, und dann rückt nicht mehr das Ergebnis, sondern die Erfahrung des Schreibens selbst in den Vordergrund: Ich genieße, wie ein Gedanke aus dem andern folgt und der Text von selbst einen Bogen zu schlagen beginnt. Ich genieße das Gefühl, etwas zu begreifen, indem ich es in Worte fasse. Ich improvisiere nicht nur in meiner Vorstellung, sondern ganz konkret, auf der Tastatur.

Das Ergebnis der Improvisation ist noch etwas holperig. Aber das kann ich anschließend verbessern, bis ich das Ergebnis für präsentabel halte. Vielleicht lasse ich es auch, mal sehen.

Augen zu beim Schreiben!

Bei Nachmanovitch habe ich die Empfehlung gelesen, beim Schreiben die Augen zu schließen und blind zu tippen und sich ganz auf die unmittelbare Umsetzung von Innenwelt in Text zu konzentrieren. Das heißt für mich nicht zwangsweise, dass die Innenwelt im Augenblick der Improvisation keine Richtung oder kein Thema haben darf. Natürlich kann ich im Sinne der mentalen Entrümpelung einfach drauflosschreiben, und das kann befreiend und inspirierend sein. Ich kann jedoch auch ganz bewusst mit einem Gedanken, mit einem Bild, einem Vorgang beginnen und mich in eine zugleich gelöste und konzentrierte Aufmerksamkeit begeben, die tatsächlich vor allem einem meditativen Zustand ähnelt.

Genau das habe ich also gestern Abend versucht: Augen zu, Blick nach innen, Hände auf der Tastatur, bereit zum Protokoll.

Und tatsächlich! Nach Monaten des Stillstands habe ich den entscheidenden Wendepunkt für eine Novelle gefunden. Ich habe nach langer Durststrecke endlich mal wieder eine Sache getan, die ich beinahe vergessen hatte: Ich habe auf den Prozess des Schreibens selbst vertraut, darauf, dass mein Unterbewusstsein längst weiß, was zu tun ist.

Blockiert war dieses Wissen dadurch, dass ich nicht aufhören konnte, an das Ergebnis zu denken und ob es denn einen Verlag finden würde und auch gut genug würde. Stattdessen habe ich diesmal einfach improvisiert, ohne dabei mein Thema aus den Augen zu verlieren. Ich habe mir lediglich keine Sorgen mehr um Misstöne gemacht, habe Variationen zugelassen. Dabei bin ich auf eine unerwartete Melodie gestoßen, auf Bilder, die ich bewusst wohl nicht hätte planen können.

Etwas wagen, spielen, ausprobieren

Zwischenfazit für mich: Improvisation beim Schreiben gelingt – genau wie in jeder andern Kunstform – wenn man die Technik soweit beherrscht, dass man ihr vertrauen kann und dann den Mut aufbringt, sowohl auf die Technik als auch auf das Ergebnis zu verzichten.

Ich fange nach langem „Ernst“ gerade erst wieder an, frei zu spielen, und erinnere mich daran, dass es ein ganz bestimmtes Gefühl bei dieser Art von Spiel ist, weswegen ich ursprünglich mit dem Schreiben einmal begonnen habe: Es geht darum, ganz und gar einzutauchen in das Erleben einer Welt, die auf wundersame Weise entsteht, noch während man hinschaut. Man hat alle Hände voll zu tun, mit dem Stift hinterherzukommen und die Rätsel zu lösen, die sich dabei auftun, und man kann hinterher nicht sagen, wie man auf all diese Ideen gekommen ist. Sie waren eben da, also hat man sie festgehalten, um sie auch für andere sichtbar zu machen.

Michael Jackson hat über das Komponieren gesagt, dass es nichts damit zu tun hat, einen Song zu „erfinden“, sondern damit, einfach in die Musik hineinzutreten. „Just step into the music.“ Genau das meine ich, wenn ich sage: Man muss einfach in die Geschichte einsteigen und aufschreiben, was man dort zu sehen bekommt. Ob man vorher plant oder nicht, ist dabei eigentlich egal. Die einen schreiben besser mit, die andern ohne Plan.

Ein Plan kann ein gutes, stabiles Gerüst liefern, hat aber dann keinen Wert mehr, wenn er zum Korsett wird. Es hat keinen Sinn, eine Richtung zu erzwingen, wenn ich die Augen zumache und die Geschichte in der geplanten Richtung nun einmal nicht weitergeht. In dem Fall hilft nur: andere Richtungen ausprobieren, die Tonleiter in einer andern Reihenfolge spielen.

Wenn man im Professionalismus gefangen ist, dann fühlt sich Schreiben so an: Nur noch eine Seite, dann habe ich es für heute geschafft. 5.000 Zeichen noch, dann kann ich das Dokument endlich schließen. Nur noch eine Beratung, dann darf ich mich erschöpft in die Ecke werfen …

Beim Spielen ist das anders. Egal, wie anstrengend es ist, man will gar nicht aufhören: Nur eine Runde Gummitwist noch! Nur noch ein Tor schießen! Nur noch eine Seite schreiben, ich bin gerade so gut drin, bitte, nicht stören jetzt!

Wenn ich das Schreiben wieder so erleben kann, dann brauche ich niemanden, der mich dafür bezahlt, damit ich mich an den Schreibtisch setze, und ich brauche auch keine Hoffnung auf ein „bedeutsames“ Ergebnis, um mich motiviert zu fühlen. Dann ist es eher so, dass ich es nicht erwarten kann, endlich anzufangen. Dann gibt es auch kein Ende der Fahnenstange, sondern ich gebe mir die Chance, langsam immer besser zu werden.

Jetzt brauche ich nur noch einen Brotjob, der mir viel Zeit zum Spielen lässt. :-)

P.S.: Fürs Protokoll – ich habe die vorliegende Improvisation übers Schreiben einmal überarbeitet und Zwischenüberschriften eingefügt.

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Karla Schmidt am 11. März 2013 in Leben schreiben

Angepasst originell, so passt der Schuh!

Gerade bei mir mal wieder aktuell: Ein Verlag möchte gerne “etwas eigenes”, aber es soll auch “passen”.
Das mausert sich irgendwie zum Dauerwiderspruch bei mir – Verlage möchten einerseits gerne eine “originelle künstlerische Leistung” einkaufen, finden zugleich aber, dass “Originalität” für die Gesetze der kalkulierbaren Marktbereiche eben nicht “konform” genug ist.

Die großen Erfolge entstehen meist dort, wo vorher keiner damit gerechnet hätte, wenn jemand etwas Originelles/Auffälliges gemacht hat, das zufällig zum richtigen Zeitpunkt an die richtigen Leute geraten ist. Das ist die Ausnahme von der Regel, und die meisten Autoren hoffen wahrscheinlich, dass sie zu diesen Ausnahmen gehören.

Doch wenn es um die kalkulierten und halbwegs kalkulierbaren Programmplätze der Verlage geht, dann scheint Originalität eher ein Verkaufshindernis zu sein, da sortiert man sich besser ein. Das Blöde dabei: Auf diese Weise wird man als Autor kaum ein eigenes Profil entwickeln, nicht auffallen, nicht bemerkt werden.

Darum würde ich einfach gerne klar trennen: “Kunst” und “Kunsthandwerk”. “Werk” und “Auftragsarbeit”. “Brotjob” und “Herzblut”.  Manche Autoren haben das Glück, dass ihr Herz ganz genau für das schlägt, was Verlage gerade suchen. Die sind aus dem Schneider es sein ihnen gegönnt.

Bei mir ist das etwas anders, was ich mit Leidenschaft gerne schreiben würde, ist meist “zu krass”, “zu schräg”, zu “was ist das überhaupt?”

Ich habe aber auch kein Problem mit  Auftragsarbeiten nach klarer Vorgabe, finde da nichts Ehrenrühriges dran. Es wäre einfach ein ehrlicher Umgang mit der Marktsituation. Wenn eine Vertriebsabteilung also einfach sagen würde:

Wir wollen zwei Pärchen in einer Skihütte, die von der Umwelt abgeschnitten wird, und dann sollen die erst alle durcheinandervögeln und sich dann gegenseitig umbringen. Oder: Wie wollen so ein Buch wie das von Autor XY, aber in einer andern Farbe.

Prima, da weiß ich, was ich zu tun habe und wie das Honorar ausfällt! Und es hieße nicht einmal, dass es keinen Spaß mache und keine Kreativität einfließt, sondern bloß, dass man die Kreativität eben innerhalb bestimmter, festgelegter Parameter nutzen muss.

Verlag sagt aber: Machen Sie doch mal was richtig schön Krasses, das können Sie doch. Wir wollen aber nichts Paranormales und keine missbrauchten Kinder (z.B.).

Daraufhin reiche ich mehrere Stoffe ein – ohne Paranormales und missbrauchte Kinder und schön krass. Ich folge dabei Ideen, die ich spannend finde, denen ich etwas abgewinnen kann, die mich auch über das Genre hinaus interessieren – von denen ich mir erhoffe, dass sie nicht nur Leser, sondern auch mich selbst in meiner Erkenntnisfähigkeit, meiner Erlebnisfähigkeit weiterbringen.

Antwort vom Verlag: “nicht das richtige” / “zu krass”

*Seufz* Ich weiß. Kenn ich schon. Also ich: Dann gebt mir doch bitte genauere Vorgaben. Ich kann doch nicht erraten, was ihr haben wollt, das wisst Ihr doch viel besser als ich. Was ich hingegen gut kann: Umsetzen, was Ihr haben wollt. Ich bin handwerklich gut, das Ergebnis wird spannend und sprachlich auf den Punkt geschrieben sein.

Verlag: Wir wollen aber keine “Reißbrettbücher”, das sollen doch eigenständige, künstlerische Arbeiten sein.

Liebe Vertriebsleute und Lektoren in den Verlagen: Wenn Ihr eigenständige künstlerische, originelle Leistungen wollt, dann müsst ihr genau das auch zulassen und glücklich sein, wenn Ihr keine Reißbrettbücher bekommt.

Wenn Ihr aber eigentlich am liebsten Reißbrettbücher wollt, dann seid doch einfach Euch selbst und den Autoren gegenüber so ehrlich, das auch zu sagen. Programmplätze füllen kann man auch mit sauberem Kunsthandwerk, da muss man keinen “authenische Autoren”-Mythos dranhängen.

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Karla Schmidt am 28. Februar 2013 in Leben schreiben

Zähflüssige Wirklichkeiten – warum Michael Jackson noch immer als Kinderschänder, Verleugner seiner Rasse und Verräter der Musik beschrieben wird

In den letzten Tagen habe ich anhand desselben Themas mehrmals dieselbe Beobachtung gemacht: mediale Wirklichkeit, die im quecksilbrigen Wechsel der Bilder so reaktionsschnell und aktuell wirken kann, ist tatsächlich zäh wie Harz und auch im explizit kritischen Journalismus und im medienwissenschaftlichen Kontext manchmal in einer Weise konservativ, die ich beunruhigend finde. Deutlich wurde mir das an drei Zitaten:

1. Jungle World, 7.2.2013 – Bagdad´s Smooth Criminals

So der Titel einer Reportage von Andrea Miluzzi und Linda Dorigo über jugendliche Tänzer in Bagdad, die den Unwillen der Behörden und der Gläubigen auf sich ziehen, weil sie ihre Kunst mangels Proberäumen in Parks und auf Straßen ausüben.

„Unter all den musikalischen Idolen gibt es einen, der über allen anderen steht: Michael Jackson, den sie einfach nur „the king“ nennen. „Als ich das Video von >Smooth Criminal< das erste Mal gesehen habe, war ich acht Jahre alt, es traf mich wie ein Blitzschlag“, erzählt Adel.
Es geht ihnen nicht nur um die Musik und um den Tanz, sondern auch um den Menschen Michael Jackson. Wenn es um ihren König geht, fangen alle plötzlich sehr laut zu reden an, als wollten sie zeigen, wer ihn am meisten liebt. Von den Skandalen um die Person Michael Jackson wollen sie nichts wissen: „Als er gestorben ist, haben wir geweint und tagelang schwarze Kleider getragen“, sagt Adel, „und wir reden nicht mehr mit Leuten, die Schlechtes über ihn sagen.“ Für ausländische Reporter ist das durchaus als Botschaft zu verstehen, den Prozess wegen Kindesmissbrauchs erwähnen wir daher an dieser Stelle lieber nicht.“

Die Reportage beschreibt die Kriminalisierungserfahrungen der Jugendlichen, lobt ihr tänzerisches Talent und belächelt ein wenig von oben herab die Naivität arabischer Kids, denen als rebellische Geste nichts besseres einfällt, als sich für westlichen Pop zu begeistern.
Dass diese Jugendlichen in ihren Aussagen differenzierter und informierter sind, als die Reporter, entgeht diesen komplett. Der Unterschied entspricht dem zwischen der Betrachtung eines Gegenstandes in der Boulevardpresse (Reporter) und der Durchdringung eines Gegenstands nach einer von leidenschaftlichem Interesse beflügelten Recherche (Jugendliche).
Das hat erstens damit zu tun, dass es kaum einen Gegenstand gibt, dessen mediale Repräsentation derart festgelegt ist, wie die Michael Jacksons. Zweitens gibt es möglicherweise keine andere Fangemeinde, die derart mit biografischem, medizinischem und gerichtlichem Detailwissen bewaffnet ist, wie die von Michael Jackson.
Gerade weil Jackson ab einem bestimmten Punkt in der Öffentlichkeit systematisch verlacht und später dämonisiert wurde, sind Fans gezwungen, hinter die Kulissen zu schauen und aus den medialen Inszenierungen das herauszudestillieren, was einer möglichen Wahrheit am nächsten kommt. Was daraus entsteht, ist fast immer gesteigerter Respekt für einen Künstler, der ansonsten wenn nicht unheimlich, so doch zumindest befremdlich bleibt.
Das erscheint im Kontext einer Medienkultur, die eindeutig provokative Stars wie Marilyn Manson oder Lady Gaga hervorbringt, erstaunlich. Doch Jackson hat sich eben nicht als „Provokateur“ gegeben, er ließ sich dort nicht einsortieren, während sein Lebensstil und sein Erfolg zugleich als höchst provokant empfunden wurden . Jackson saß in mehr als nur einer Hinsicht konsequent zwischen den Stühlen, und dieser Status hat den Kern seines Schaffens als Musiker und Tänzer stets überschattet.

2. Lisa Gotto: Touch / Don´t Touch – interkulturelle Körperkontakte im Videoclip. In: Ivo Ritzer / Marcus Stiglegger (Hrsg.): Global Bodies. Mediale Repräsentationen des Körpers. (Berlin 2012)

Lisa Gotto schreibt in ihrem Beitrag unter anderem über Michael Jacksons Shortfim zu dem Stück Black or White (1992). Die Passage des Essays ist von Ungenauigkeiten und Oberflächlichkeiten durchzogen, die im folgenden Zitat mit am deutlichsten zutage treten:

„Der Eindruck ethnischer Vielfalt wird noch einmal aufgenommen und gesteigert in einer Abfolge von Gesichtern, die mittels Morphing auseinander hervor- und ineinander übergehen. Zu sehen sind unterschiedliche Hautfarben und Physiognomien, deren Wechsel sich in einer einzigen fließenden Bewegung zu vollziehen scheint.
Der nächste Teil zeigt ein weiteres Morphing. Aus einem schwarzen Panther erwächst Michael Jackson, dessen zuckende Tanzbewegungen nun nicht mehr von Musik oder Gesang begleitet werden. Es folgen Schreie und Gewaltausbrüche […] Was auf der Ebene des Songtextes angekündigt wird – „It don´t matter if your black or white“ -, das scheint sich auch über die Bilder mitzuteilen und in ihnen auszubreiten […] Geht es hier also um die Unterminierung der Differenz, um die Auflösung und Auslöschung des Unterschieds? Um die Feier einer formvollendeten Formlosigkeit? In der Diskussion um das Morphing ist diese Position mehrfach vertreten worden.“ (S.235f.)

Die Autorin nimmt diese Idee auf und führt anhand verschiedener Zitate weiter aus, dass das Morphing hier die Illusion transformativer Identitäten bezüglich Rasse, Alter und Geschlecht erzeuge, wo es in Wirklichkeit doch nur eine unbehagliche Einheitsform hervorbringe: Die des lächelnden, schönen Menschen.

„Damit ist eine Befürchtung aufgenommen, die Jean Baudrillard bereits als Charakteristikum des Videostadiums gekennzeichnet hatte. Er spricht von der „endlose(n) Angleichung des Menschen an sich selbst.“; von einer Vervielfachung, die das Distinkte zu unterminieren, ja zu zerstören drohe […]. Nicht als befreiendes Moment tritt uns hier die Angleichung entgegen, sondern als beunruhigende Assimilation.“ (S.236f.)

Dies werde auch dadurch unterstützt, dass die Morphing-Sequenz weder einen signifikanten Anfang noch ein Ende habe; die Narration sei hier der Flow selbst, der keine Zuordnung authentischer oder ursprünglicher Merkmale mehr aufweise, ebenso wie Michael Jacksons durch Operationen assimiliertes Gesicht (ebd.)

Beunruhigende Gleichmacherei

Folgt man dieser Argumentation, findet hier keine Befreiung im Sinne eines gleichberechtigten Ausdrucks von Differenz statt, sondern eine beunruhigende Entdifferenzierung und „Gleichmacherei“ unter der Ägide des Popmusikvideos. Es ist interessant, mit welchem Einmut die von der Autorin zitierten Artikel diese Beunruhigung teilen.

Bei dieser Sicht auf die Morphing-Sequenz handelt es sich meiner Meinung nach jedoch um eine eklatante Fehlinterpretation und zeigt vor allem eins: Die Beunruhigung, die Jackson ständig sich wandelnde Erscheinung auslöst, wir hier weitgehend unreflektiert auf seine Arbeit übertragen. Eine genaue Analyse des Videoclips findet nicht statt. Die Morphingsequenz weist z.B. durchaus ein – deutlich ironisches – Ende auf. Sie erschließt sich erst dann, wenn man die anderen Passagen des Films, die musikalische Ausgestaltung, den Tanzstil, Jacksons Stellung in der Öffentlichkeit und den zeitgeschichtlichen Kontext in die Interpretation einbezieht. Gottos Betrachtung des Videos ist in einer Weise oberflächlich, die zu einer allzu unhinterfragten Bestätigung der Sicht auf Jackson als „Verleugner seiner Rasse“ führt – einem Bild, das sich seit 1987 konsequent und vorwurfsvoll durch die Rezeption zieht.

3. David Brun Lambert: Der Phönix der Popszene. In: Starcollector: Michael Jackson – Ausgabe 04/2012

Eine Publikation für Fans, die ich am Bahnhofskiosk erstanden habe. Hier geht es also nicht um eine sozialkritische Reportage oder einen medienwissenschaftlichen Aufsatz, sondern um etwas ganz Einfaches: einen Star in bestem Licht erscheinen zu lassen, die schönen und glamourösen Seiten zu betonen und Leser möglichst nicht durch unbequeme Themen vom Kauf seiner Alben abzuhalten. David Brun-Lambert vertritt hier die – nicht neue, aber bisher kaum differenziert untersuchte – These, dass hinter den Angriffen auf Jackson die alte amerikanische Rassenproblematik stecken könnte. Insofern ist dieser Artikel bereits einen Schritt weiter, als die beiten ersten zitierten Texte. Von dennoch mangelnder Kenntnis des Gegenstands spricht in diesem Kontext eine solche Formulierung:

„Er hatte davon geträumt, anders zu sein und verkörperte das Versprechen der Popszene: „Werde zu dem, der du sein willst.“ Doch ein Schwarzer, der weiß werden will, ist für den amerikanischen Puritanismus nicht akzeptabel.“

Das ist soweit korrekt, verkennt jedoch die Tatsache, dass Jackson durchaus nicht freiwillig weiß geworden ist. Die Angriffe sind zudem auch nicht allein daraus zu erklären, dass er weiß wurde, die Dynamik war komplexer und speiste sich außer aus der Rassenproblematik auch aus der Weigerung Jacksons, über sein Privatleben zu sprechen und einen Lebensstil, der sich an sowohl christlichen Grundwerten als auch an romantischen Künstler-Idealen orientierte.

Künstler oder Kalkulator?

Ich will den Zitaten zugrundeliegenden Denkfiguren ein wenig genauer aufschlüsseln. Ich werde mir hier nicht den Raum nehmen, den Kindesmissbrauchsprozess, der im ersten Zitat zum Stein des Anstoßes wird, im einzelnen zu analysieren – das ist ein Thema, das allein ganze Bücher füllen kann. Es sei hier nur angemerkt, dass sowohl die Prozessakten als auch ein großer Teil von Jacksons FBI-Akte im Internet einsehbar ist und dass Jackson aus gutem Grund in allen Anklagepunkten freigesprochen wurde. Hierzu gibt es mittlerweile reichhaltiges Material, das jedoch in Presseartikeln selten Niederschlag findet, weil Journalisten in der Regel nicht so viel Rechercheaufwand betreiben, wie es z.B. im akademischen Kontext notwendig wäre. (Auch dort wird das Thema bisher jedoch nicht analytisch behandelt.)

Den Shortfilm zu Black or White will ich hingegen eingehender beschreiben. Durch genaue Betrachtung einer konkreten Arbeit lässt sich normalerweise mehr über das Ideengebäude eines Künstlers herausfinden als aus irgendwelchen anderen Quellen.
Es gibt bisher nur sehr wenige Publikationen, die sich explizit mit Jacksons Arbeit auseinandersetzen (Joseph Vogels Man in the Music gehört zu den Ausnahmen). Möglicherweise, weil Jackson als kommerzieller Unterhaltungskünstler gilt, dessen Werk keine Betrachtung als Ausdruck einer Künstlerpersönlichkeit verdient. Sowohl Jacksons Musik als auch seine Videos sind jedoch nicht zuerst Produkte für einen willkürlich mit bunten Bildern zu speisenden Markt gewesen, sondern bewusster, oft hart erarbeiteter Ausdruck, und die ästhetischen Konzeptionen dahinter waren nicht nur brillant, sie erweisen sich auch als weitgehend zeitlos.

Die Miskonzeption Jacksons als kindhaft-naives Wesen stand in krassem Widerspruch zu seiner Arbeit, weswegen es für Kritiker oft schwierig war, die Persona Jackson mit dem Schaffen Jacksons in Übereinstimmung zu bringen, was wiederum dazu führte, dass dieses Schaffen aus dem Blickwinkel eines Voraburteils betrachtet wurde: Was lediglich kalkulierter Kommerz ist, kann keine Kunst sein, und wo sich die Spannung zwischen Gegensätzen nicht in ein einheitliches Bild auflösen lässt, ist etwas verdächtig. Das Naive und das perfektionistisch Durchdachte, das Jackson zugleich verkörperte, schien nicht zusammenzupassen, und darum konnte nur eins von beidem richtig sein.
In einem solchen Blick auf Jacksons Lebensstil und Arbeit wird ersichtlich, warum sich die Geschichte vom „Kinderschänder Jackson“ ebenso hartnäckig hält, wie die vom “Weißeinwollen”  oder vom “kapitalistischen Verräter der wahren Musik” – sogar (oder gerade?) in Publikationen, die sich die kritische Aufdeckung repressiver Denkmuster auf die Fahnen geschrieben haben.

Warum der „gute Neger“ zum „Freak“ wurde

Bei kaum einem andern Star mit solch großer Sicherheit auszuschließen, dass er pädophil war, wie bei Jackson, da bei keinem je so gründlich in der Unterwäsche gewühlt worden ist. Dass man dabei nicht fündig wurde, ist ein Rätsel und ein Ärgernis, das bereits während des Prozesses 2005 für Verschwörungstheorien gesorgt hat – Jackson sei zu reich und zu mächtig, er nutze vielleicht Seilschaften zum organisierten Islam, um sich aus der Affäre zu ziehen. Ist dies die Verbindung zu den Kids aus Bagdad? Erklärt sich vielleicht so, warum sie auf ihren „King“ nichts kommen lassen?

Warum glänzt das Zitat aus der Jungle World Reportage mit solch großer Arroganz und Uninformiertheit? Dass Jackson 2005 freigesprochen wurde, ist von den Medien jeglicher Couleur mit einer gewissen Enttäuschung zur Kenntnis genommen worden. Jackson verurteilt – das hätte nicht nur eine bessere Story gegeben, sondern es hätte auch dem Bild entsprochen, das sich bereits 1983 mit dem Titel „Wacko Jacko“, der Jackson von der britischen SUN verliehen worden war, abzuzeichnen begann und sich spätestens Ende der 1980er mit einem bereits deutlich erbleichten und effeminierten Jackson weiter verfestigte.

Jackson war zunächst noch, wie vor ihm Marvin Gaye, der „gute Neger“ gewesen, höflich, feinsinnig, immer mit einem Lächeln auf den Lippen, dessen „vom Tellerwäscher zum Millionär“-Geschichte wunderbar in die nationale Narration der Machbarkeit passte.
Für Off the Wall gab man ihm zwei Grammys. Doch Jackson war damit nicht zufrieden, er wollte mehr und wusste, dass er mehr erreichen konnte. Er wollte dem von ihm verehrten Charlie Chaplin nacheifern und eine Ausdrucksweise schaffen, die Menschen auf der ganzen Welt emotional berührte. Das Ghetto der „schwarzen Musik“, die damals noch in von den „weißen“ Charts getrennten Charts gelistet wurde, wollte er hinter sich lassen. Genau das gelang:

Dass nächste Album war Thriller, das den damals krisenhaft geschrumpften Plattenmarkt neu definierte und sowohl die weißen als auch die schwarzen Charts anführte. Es wird darüber gern in Superlativen geredet, das ist ja auch sehr reizvoll: Thriller ist mit über 100 Millionen verkauften Exemplaren bis heute das meistverkaufte Album aller Zeiten.

Der Affront bestand darin, dass Jackson damit den gut abgesteckten Bereich schwarzer Unterhaltungsmusik endgültig verließ und sein eigenes Amalgam aus (schwarzem) Soul, (weißem) Rock, Disco, Pop, Musical, später Hip Hop, Beatboxing, klassischer und „ernster“ Musik schuf. Das Ergebnis war elektrisierend und Jackson bewirkte beinahe im Alleinhang eine so radikale Globalisierung der Musikindustrie, dass es ihm manche Kollegen verübeln – wie beispielsweise der weiße Künstler Fatboy Slim, der anmerkte, Jackson hätte besser bei seinem ehrlichen Soul bleiben sollen, statt aus Musik eine Marktmaschinerie zu machen. Nicht nur seiner Ansicht nach hatte Jackson durch seinen kommerziellen Erfolg die „wahre Musik“ verraten; wie immer, wenn jemand mit einer Sache Erfolg hat, steht im Gefolge eine Industrie, die den Erfolg mit andern Stars zu reproduzieren versucht. Den Vorwurf an den Künstler zu richten, der mit seiner Arbeit diese Lawine losgetreten hat, entspricht der These von der Differenz auslöschenden Gleichmacherei, die in der Betrachtung des Black or White Shortfilms bei Gotto für so viel Unbehagen sorgt: Es handelt sich schlicht um eine Projektion.
Eine solche projektive Kritik scheint auf den ersten Blick jedes Rassismus abhold zu sein. Deutlich sichtbar wird Rassismus erst, als Jackson zunehmend nicht mehr als Schwarzer erkennbar ist. Der Vorwurf, er wolle „weiß“ sein, wurde laut. Jackson hat zunächst wenig dafür getan, den Behauptungen die Nahrung zu entziehen. Im Gegenteil hat er anfangs, als er sich eingehend mit dem amerikanischen Zirkusdirektor P.T. Barnum beschäftigt hat, für eine Selbstinszenierung als „Freak“ entschieden. (Freakschows, in denen unter anderem „weiße Neger“ ausgestellt wurden, waren im Europa und in den USA des 19. Jahrhunderts Gang und Gäbe.) Jackson versuchte, aus einer Not eine Tugend zu machen, mit den medialen Repräsentationen zu spielen und so die Realität zu steuern – Geister, die er rief und nachher nicht mehr loswurde.
Die konkrete Not, die zur Tugend gemacht werden musste, nannte sich Vitiligo; die Krankheit, die eine Depigmentierung der Haut zur Folge hat, wurde bereits 1984 diagnostiziert, 1993 hat Jackson in Oprah Winfreys Talkshow, wenn auch sichtlich mit Schamgefühlen behaftet, darüber gesprochen.
Geglaubt hat ihm die Presse zu diesem Zeitpunkt nicht, man stellte sogar die Existenz einer solchen Krankheit gleich ganz in Frage. Doch warum glaubte keiner an eine Hautkrankheit, warum war es naheliegender, an den Freak zu glauben, der sich selbst zum Schneewittchen macht?

Pinocchio schneidet sich die Nase ab

Da wäre zunächst der Mythos vom Selbsthass Jacksons, genährt von einem brutalen Vater, einer schweren Akne in der Pubertät und das schnelle Wachstum einer auffälligen Nase, die das Image des „süßen Jungen“ innerhalb weniger Monate zunichte machte. Sobald er volljährig war, hat Jackson sich die breite, fleischige Nase in eine gerade, schmale Nase verwandeln lassen. Die war im ersten Anlauf einigermaßen kaukasisch geraten, im zweiten Schritt jedoch war das Ergebnis nicht kaukasisch, sondern vor allem: künstlich.
Der plastische Chirurg Stephen Hoeffling hatte Jackson dreieckige Nasenlöcher und eine schiefe, aufwärts strebende Nasenspitze verpasst, die eher nach einem Comic als nach einem Menschen aussah. Es wird sich wohl nicht mehr klären lassen, ob dies ein Unfall war oder dem Kundenwunsch entsprach. Gewiss ist nur: Die Nase hat sich danach (trotz anders lautender Medienberichte) im Wesentlichen nicht mehr verändert. Weitere Operationen dienten dem Erhalt, nicht der Umgestaltung, denn bei der zweiten Operation wurde so viel Knorpelgewebe entfernt, dass die Nase nicht mehr richtig durchblutet wurde.
Diese weder „schwarze“ noch „weiße“ Nase trug Jackson also bereits in den 1980er Jahren. Dennoch begann erst 1993 nach den ersten Kindesmissbrauchs-Vorwürfen die Presse wegen dieser Nase Amok zu laufen. Es kursierten aus ungünstigem Winkel aufgenommene, groteske Bilder und Montagen, in denen Jackson gar keine Nase hatte. (Angeblich bewahrte er seine Prothese in einem Krug auf; eine Geschichte, zu der der Pathologe, der Jackson obduziert hat, auf Nachfrage nur lakonisch antwortete: Natürlich hatte der Mann eine Nase.)
Dieses plötzliche Interesse an Jacksons Nase ist in einem ganz banal freudianischem Sinne zu verstehen: Der Mann hat Böses getan mit seinem Geschlecht; die logische Selbstbestrafung besteht in der Amputation der eigenen Nase.

Jackson hat auch mit dieser Geschichte noch zu spielen versucht: Während einer Bühnenprobe ließ er eine Wachsnase über die Bühne fliegen, fasste sich ins Gesicht und schrie hysterisch. Am nächsten Tag sah er wieder ganz normal aus. Interessanterweise wurde dieser tricksterhafte Spaß nicht als solcher verstanden. Die Nachricht, die um die Welt ging, lautete: Jackson ist bei einer Probe die Nase weggeflogen!
Die Absurdität solch grotesker Geschichten besteht nicht darin, dass sie erfunden sind. Sie besteht darin, dass die Erfindung als Realität interpretiert wurde. Nun war nicht mehr die Geschichte grotesk, sondern Jackson war es. Der Zauberlehrling mit Chaplins Verspieltheit und P.T. Barnums Raffinesse hatte 1993 bereits weitgehend die Kontrolle über den Zirkus verloren.

Wirklichkeit ist das Bild, das wir uns von ihr machen

Wie einfach es ist, jegliche Art von Geschichten zu inszenieren, zeigte in den 1990er Jahren die britische Künstlerin Alison Jackson. Sie arbeitete mit Doppelgängern von Prominenten und inszenierte nie stattgefundene Situationen, z.B. Prinzessin Diana, die den Stinkefinger zeigt oder die Queen auf der Toilette.
Eine Reihe ihrer Bilder zeigte „Michael Jackson“ – mit zerstörter Nase, Weinflasche oder mit schwarzseidener surgical mask, auf den Knien ein schreiendes Kleinkind, in der Hand einen Lippenstift, mit dem er dessen Gesicht beschmiert. Diese Bilder sind so inszeniert, als seien ihre Objekte im Sinne eines Paparazzi-Shots „auf frischer Tat ertappt“ worden – und sie wirken authentisch, wenn man bereit ist, sie nicht als Inszenierung, sondern als „Nachricht“ zu begreifen.

Dass Jackson sich vorsätzlich zum Weißen machte, war vor dem Hintergrund seines Erfolgs, der Rätsel um seine Person und der Narrationen, die er selbst um sich herum zu weben begonnen hatte, tatsächlich leichter zu glauben, als die schlichte und banale Wahrheit einer demütigenden, identitätszerfressenden Hautkrankheit.

Auch nach Jacksons Tod und der Bestätigung von Vitiligo durch den Pathologen nahm die Presse dieses Faktum eher stillschweigend zur Kenntnis. Wie man an dem Star Collector-Zitat sehen kann, ist es noch immer die Geschichte von dem Schwarzen, der lieber weiß sein wollte, der den Hals nicht voll bekam, obwohl er doch schon alles und mehr hatte, als die meisten Weißen auf diesem Planeten, die die Gemüter erregt. Die Narration vom „tragischen Jackson“ beginnt sich parallel zu der des „dämonischen Jackson“ durchzusetzen, doch auch für diese ist die Geschichte vom „Weißseinwollen“ konstitutiv.

Der Schritt zur Kriminalisierung des Zauberlehrlings war nun nicht mehr groß, und er wurde auf breiter Front vollzogen, wie man an dem Zitat aus der Jungle World gut sehen kann – womit ich schließlich zum Black or White Shortfilm komme.

Inszenierung der Differenz – die „Ethnie Michael Jackson“

Für Michael Jackson den Menschen dürfte die Vitiligo-Diagnose auf dem Höhepunkt seines Ruhms eine traumatische Situation dargestellt haben. Die Entscheidung, die Krankheit aktiv in die Selbstinszenierung einzubeziehen und Rätsel und Mythos weiter zu nähren, war für ein Kind, das vor Kameralinsen aufgewachsen war, konsequent. The Show must go on!
Was Jackson inszenierte, war jedoch nicht, wie vielfach konstatiert, „Whiteness“ – sondern Unverwechselbarkeit, oder auch Differenz. Jackson sah 1987, 1988 bereits nicht mehr wie ein Schwarzer aus mit der hell überschminkten Haut und der schmalen Nase. Er sah mit den langen Jheri-Curls aber auch nicht wie ein Weißer aus. Er hob mit Make Up feminine Züge hervor, sah dabei aber nicht wie eine Tunte aus, weil er zugleich auch die Hüfte mit breiten Gürteln und den Schritt mit expliziten Tanzgesten betonte. Seine Ausstrahlung konnte die eines schüchternen jungen Mannes, eines exzentrischen Aristokraten oder eines ausgemachten Machos sein.
Diese Zusammenstellung von Race- und Gendermerkmalen sah von Anfang an unverkennbar ausschließlich wie Michael Jackson aus, er bildete sozusagen seine eigene Ethnie. Das gilt für jedes Stadium seiner weiteren Karriere, während der er mal Papierweiß mit grellrotem Lippenstift in Erscheinung treten konnte, zu anderen Gelegenheiten maskiert und dann wieder praktisch ungeschminkt.

In der Rio-Version des Videos They don´t care about us (1996) zeigt Jackson sich beispielsweise weitgehend so, wie er auch zuhause anzutreffen war: in einfacher Kleidung, ohne Perücke und aufwändiges Make Up. Das nach einem Brandunfall 1984 und durch eine weitere Autoimmunerkrankung (Diskoider Lupus) dünner gewordene Haar und die kaum kaschierten Vitiligo-Flecken auf Brust und Armen wurden im allgemeinen nicht wahrgenommen, weil der Blick darauf nicht geeicht war.

Stattdessen lag der Fokus auf den Features des Gesichts: Ist das eine Nase oder eine Prothese, hat er sich spitzere Wangenknochen machen lassen, die Augen vergrößern, …?
Das Interessante daran ist, dass man anhand von Bildern jegliche Aussage beweisen kann, z.B. dass Jackson an seinem Gesicht „kaum etwas hat machen lassen“ ebenso wie dass er „über 50 Operationen“ hatte. Es ist möglich (und wird auf youtube auch so betrieben), Morphings mit Jacksons Gesicht anzufertigen, die beweisen, was immer zu beweisen das Ziel ist. Dass Jackson dabei immer eindeutig als Jackson erkennbar bleibt, ist das eigentlich Erstaunliche dabei.

Morphing

Es ist die „Ethnie Michael Jackson“, die im Video zu Black or White neben weiteren Ethnien ihren Auftritt hat. Der zitierte Aufsatz von Gotto enthält einen interessanten Ansatz: Der fließende Selbsthervorbringung des Immergleichen als Inhalt der Narration im Gegensatz zur filmischen Montage, die durch Kontrast Spannungsbrüche erzeugen kann.

Die Morphing-Sequenz inszeniert in der Tat das „ewig Menschliche“ und darum allen Menschen Gleiche. Was hier – bewusst naiv auch mit der Unterlegung einer musikalischen, die in Art eines kindlichen Abzählreims wiederholt wird (it´s black, it´s white, it´s tough for you to get by) – erzählt wird, ist das Glück des Menschseins an sich, unabhängig von Form, Farbe oder Geschlecht. Den Kitschfaktor verliert diese Sequenz auch im Kontext des gesamten Shortfilms nicht, er wird durch Kontrast und Selbstkommentierung sogar hervorgehoben.

Beginnen wir also damit das Video in den zeitgeschichtlichen Kontext zu stellen, sehen wir uns Jacksons Position und Image in der Öffentlichkeit zu diesem Zeitpunkt an und gehen dann die Sequenzen des Videos im Detail durch.

Slapstick-Anarchie und der „angry black man“

1990 – Die Komödie Kevin Allein zu haus kommt in die Kinos und macht den jungen Macauley Culkin über Nacht zum Star. Der Film bedient sich aus dem Repertoire des klassisch anarchischen Slapstick. Michael Jackson, ein Fan von Chaplin und den Stooges und ein Mensch, der oft besser mit Kindern als mit Erwachsenen auskam (weil Kinder „nichts von ihm wollten“), freundet sich mit Culkin an. Er wird mit einem deutlichen Erfahrungsvorsprung des ehemaligen Kinderstars ein wichtiger Verbündeter für Culkin, der einer der wenigen Prominenten ist, die während des Kindesmissbrauchsprozesses 2005 für Jackson vor Gericht aussagen werden.

Los Angeles 1991 – Weiße Polizisten verprügeln Schwarze, Schwarze schlagen zurück, ziehen Weiße aus ihren Autos, treten zu. Die Gewalt eskaliert. Die militante Black Panther Bewegung kommt in dieser Zeit zu einiger Berühmtheit.
Jackson, der nicht weit vom Brandherd entfernt lebt, ist von den Ereignissen nicht nur erschüttert, sondern der „good negro“ der Anfangsjahre solidarisiert sich mit den Schwarzen und zeigt sich hier zum ersten Mal explizit als „angry black man“ und bringt diese Solidarität in Black or White zum Ausdruck.
Die Panther Dance-Sequenz am Ende des Shortfilms führt erstmals dazu, dass eine Arbeit von Jackson boykottiert und zensiert wird. Es wird später – im Zusammenhang mit dem Album HIStory und dem knapp 40-minütigen Kurzfilm Ghosts – zwei weitere Zensur-Fälle geben, die Jackson immer dort beschneiden, wo er Unrecht nicht mehr mit dem netten Lächeln des We are the World-Gutmenschen begegnet, sondern zunehmend scharfzüngig und wütend.

1993 – die Oprah Winfrey Show zu Gast auf Michael Jacksons Neverland-Ranch. Vor laufender Kamera und globalem Rekordpublikum erklärt Jackson: I have this scin desease, vitiligo … Die Situation ist Jackson sichtlich peinlich, was dazu beiträgt, dass seine „Aussage“ als „Ausrede“ wahrgenommen wird.

Doch zum Zeitpunkt von Black or White wusste die Weltöffentlichkeit noch nicht um die „Ausrede“ Vitiligo. Als der Clip erschien, war der Effekt folgender:
Der weiße Neger erzählt der Welt, dass es nicht darauf ankommt, ob man schwarz oder weiß ist.
War dies nun eine kommerziell motivierte Heuchelei? Oder Zynismus? Wie konnte er so etwas singen, wenn es ihm selbst offenbar so wichtig war, möglichst weiß zu erscheinen? Das war widersprüchlich und damit suspekt.

Jackson war sich dieses Widerspruchs bewusst, und er ließ ihn absichtlich unaufgelöst. Warum? Weil ein unaufgelöster Widerspruch Spannung erzeugt, der man sich nur schwer entziehen kann. Jackson machte erneut aus der Not eine Tugend – und war im Gespräch.
Dieses „im Gespräch sein“ war auf lange Sicht für das Image Jacksons als ernstzunehmender Künstler jedoch wohl eher kontraproduktiv. Die Idee, die Öffentlichkeit werde den Künstler zuerst nach seiner Arbeit beurteilen, hat sich mit den Jahren immer weniger erfüllt – zum Teil auch, weil Jacksons erfolgreiche Weigerung, sich einer Gruppe oder Schublade zuzuordnen, Teil seiner künstlerischen Arbeit war. Die fortwährend ungelöste Frage „wer oder was ist Michael Jackson?“ gehörte zum Programm, das eben nicht für Assimilation, sondern für Differenz sorgte und für Differenziertheit hätte sorgen können, wenn man weniger die vermeintliche Person und mehr den musikalischen Output ins analytische Visier genommen hätte.
Dass Jacksons Mission ausdrücklich die von Toleranz und Interkulturalität war, widerspricht seiner herausgehobenen Erscheinung nicht, im Gegenteil: Indem er so explizit ausschließlich Jackson und different ist, fordert er Toleranz ein, denn Toleranz verlangt eine positive Anerkennung des Unterschieds als Wert an sich.

Die Inszenierung der Inszenierung

Der Black or White Shortfilm beginnt im Weltraum, die Kamera zoomt in eine weiße, amerikanische Mittelschicht-Vorstadt. Der Vater sitzt vor dem Fernseher, die Mutter, wie ein hypnotisiertes Kaninchen auf dem Sofa, liest ein Boulevard-Blatt. Der Sohn tobt sich – bei rebellischer Rockmusik – in seinem Zimmer aus und spielt Luftgitarre. An seinen Wänden Poster von Bart Simpson und Michael Jackson.
Den Vater stört dieser Ausdruck kindlicher Energie und Kreativität bei seinem Baseballspiel, er befiehlt Bettruhe. Der Junge ist jedoch nicht irgendein Junge, sondern Macauley Culkin, alias „Kevin allein zu haus“. Seine Antwort: Haushohe Boxen, eine rote Gitarre, eine verächtliche Geste aus Jacksons BAD-Schortfilm und eine absurd hohe Lautstärke.

Der Vater fliegt bei diesem Lärm samt Fernsehsessel durch das Dach des Einfamilien-Fertighauses – und landet in der Savanne Afrikas. Hier beginnt die eigentliche Show.

Wiege der Musik

Die einleitende weiße Mittelschicht-Szene hatte die Funktion eines Prologs, erst danach beginnt der eigentliche Song. Es ist kein Zufall, dass Jackson den Zuschauer (zusammen mit dem Mittelschicht-Vater) nach Afrika versetzt: Hier liegen die Wurzeln von Jacksons Musik.
Die Lehrmeinung besagt, dass schwarze Musik die Rhythmik als Basis verwende, während weiße Musik auf Melodie basiere. Jackson, Inbegriff des musikalischen Amalgams, steigt hier in einen Rocksong (mit Dance und HipHop Elementen) im optimistischen up beat Tempo ein. Zunächst ist noch alles am Rhythmus und einem eingängigen Gitarrenriff orientiert, der Gesang setzt erst ein, nachdem Jackson mit einer Gruppe schwarzer Krieger getanzt hat, wobei er ihre Bewegungen adaptiert, ohne seinen eigenen Tanzstil zu verlassen.
Alle weiteren Tanzbegegnungen zwischen Jackson und anderen ethnischen Gruppen sind deutlich als „inszeniert“ markiert – sie finden vor grauem Studio-Hintergrund statt, oder es werden in fließenden Übergängen Backgrounds eingeblendet. Besonders deutlich wird das in der „Indianer-Sequenz“, ein für Touristen inszeniertes „Eingeborenenspektakel“.
In der Begegnung mit einer indonesischen Tänzerin auf dem Grünstreifen einer Straße liest Jackson zunächst – wie zuvor die weiße Mittelschicht-Mutter – eine Zeitung, knüllt diese jedoch schnell zusammen und wendet sich der Tänzerin und damit dem Wesentlichen zu: dem Ausdruck von Individualität und von Einheit in der Differenz im Tanz.

Die gesamte Sequenz, von den afrikanischen bis zu den russischen Tänzern, wird gerne als Ausdruck einer naiven „Multikulti“-Propaganda interpretiert. Dabei wird der Aspekt des Tanzes jedoch zu wenig berücksichtigt, der nicht nur hier, sondern schon in früheren Jackson-Videos (vor allem Beat it und BAD) stellvertretend für „Ausdruck / Kreativität“ steht: In der Individualität des Ausdrucks kommen Menschen zusammen und überwinden Spannungen. Jackson „lernt“ von den kulturspezifischen Ausdrucksweisen, die in seinem eigenen Tanzstil zu einem eigenen Ausdruck zusammenfließen.

Eine Bridge zwischen Schwarz und Weiß

Auf die „Ethno-Tanzsequenz“ folgen – für einen Rocksong ungewöhnlich – zwei musikalische Bridges, Zwischenspiele, die einen Song musikalisch mit neuem Kontext und neuer Spannung aufladen. Hierbei werden musikalische Identitäten unterlaufen:
Die erste Bridge ist eine typische „weiße“ Hard Rock Sequenz. Der „Nigger“ Jackson geht durch die Feuer des Ku Klux Klan und kommt gestählt daraus hervor. Die „aggressive“ Musik benutzt Jackson hier im biblischen Sinne von „Schwerter zu Flugscharen“ – eine Technik, die er später bewusst und in provokanterer Weise im Zusammenhang mit dem HIStory-Album ausbauen wird, wenn er rassistische Lyrik des 19. Jahrhunderts (Little Susie) oder Riefenstahls Propaganda-Ästhetik (HIStory-Teaser) adaptiert und für seine Zwecke ummünzt.
Bei der zweiten Brigde handelt es sich um einen Rap:

„Protection
for gangs, clubs
and nations
causing grief in
human relations
it’s a turf war
on a global scale
I’d rather hear both sides
of the tale.
See, it’s not about races
just places
faces
where your blood
comes from
is where your space is
I’ve seen the bright
get duller
I’m not going to spend
my life being a color.“

Dieser Text stammt nicht von Jackson und wird auch nicht von ihm, sondern von einer andern Männerstimme gerappt, während Macauley Culkin dazu die Lippen bewegt. Wir befinden uns auf einer Straßenszene, die Rapper sind Kids aller Hautfarben, die wiederum ihre Individualität und Kreativität ausdrücken.
Ein interessantes Detail ist, dass Jackson bei den Studio-Aufnahmen durch Unterlassung dafür gesorgt hat, dass die Rap-Sequenz von einem Weißen (Bill Botrell) gerappt wurde. Botrell hatte immer wieder darauf gedrängt, dass man einen „richtigen“ schwarzen Rapper für diese Bridge engagieren müsse, doch Jackson hat sich nicht bewegt, bis Botrell selbst zu Demozwecken eine Version einrappte und Jackson entschied: Perfekt, das nehmen wir.

So kommt es, dass in den beiden Bridges von Black or Whiete weiße Musik von einem Schwarzen und schwarze Musik von einem Weißen performt wird.

Das Ärgernis der Heuchelei

„I´m not gonna spend my life beeing a colour“ – ein irritierender Satz aus dem Munde eines Schwarzen, für dessen Erbleichen bislang jede Erklärung fehlte. Doch noch lässt Jackson das Publikum mit dieser Irritation allein.
Schnitt: Jackson auf der Fackel der Freiheitsstatue, ein kitschiges Bild, noch immer schwelgen wir im fröhlichen up beat eines poppigen Rocksongs. Jackson singt: Don’t tell me you agree with me, when I saw you kicking dirt in my eye …
Die Heuchelei, die man ihm für dieses Video angesichts seiner Hautfarbe vorwerfen mochte, wurde an dieser Stelle präventiv und umstandslos an den politisch korrekten Zuschauer zurückgegeben; von political correctness ausgenommen war nämlich fast immer die „Ethnie Michael Jackson“.

How do you do that?!

Nach diesem kurzen Verweis auf die Denkbewegung des Zuschauers folgt die bereits besprochene Morphing-Sequenz, die im Gesamtkontext des Shortfilms auf technischer Ebene brillant war, damals jedoch offenbar vor allem kulturpessimistische Reaktionen hervorgerufen hat.
Die Sequenz erscheint mittlerweile nicht mehr aufgrund der Technik des Morphings interessant, als wegen der Art und Weise, wie sie zu Ende geführt wird: Die prinzipiell unendliche Morphingbewegung wird auch textlich/musikalisch durch das sich wiederholende it’s black, it’s white, it’s tough for you, to get by markiert.
Entscheidend ist: Am Ende zoomt die Kamera in eine isometrische Totale, wir sehen das Studio mit alle seinen hin und herlaufenden Helfern, Scheinwerfern, Requisiten und seinem Chaos von schräg oben.
Die Morphing-Sequenz wird also zuerst als Inszenierung von Wunschdenken vorgeführt, ähnlich wie schon in Beat it und BAD die Schlichtung der Gangstreitigkeiten als Bühnenutopie oder Fanatasie vorgeführt wurden. Nun folgt ein Scherz, der nur dem aufmerksamen Betrachter auffallen wird: John Landis, der Regisseur, ruft „Cut!“ und geht zu dem Mädchen, das in der Morphing-Sequenz zuletzt zu sehen gewesen war. Es ist ein schwarzes Mädchen, und es ist wohl nicht zu viel gesagt, wenn man sie als Stellvertreterin für Michael Jackson ansieht. Landis sagt zu ihr: „That was perfect! How do you do that?“
In der quasi-dokumentarischen Sicht der Totale erfahren wir also, das Mädchen / Michael Jackson kann in Wirklichkeit morphen und seine Gestalt nach Belieben verändern. Wir haben es hier mir einem doppelbödigen Kommentar auf Jacksons Selbstinszenierung zu tun: Er zeigt uns, dass er prinzipiell jedermann / jedefrau sein kann, dass es sich dabei um eine Inszenierung handelt, dass diese Inszenierung jedoch Wirklichkeit ist.

Die Panther-Sequenz: das Ghetto zerschlagen

Was wir als nächstes Sehen, ist die Bestätigung dafür. Die Kamera zoomt wieder in die Szene und bekommt einen schwarzen Panther in den Fokus. Die nun folgende sogenannten Panther-Sequenz rief besonders in den USA Empörung hervor. Es wurde gesagt, Jackson rufe darin zu Gewalt auf, sie sei unangemessen und für Kinder nicht geeignet. Jackson musste sich öffentlich entschuldigen und die Sequenz wurde von MTV zunächst aus dem Programm genommen und erst dann wieder gezeigt, als sie auch für den „einfachen“ Zuschauer durch ein paar „Interpretationshilfen“ in Form von Hakenkreuzen und rassistischen Tags verständlich gemacht worden war.

Die Panter-Sequenz beginnt, wenn der Black Panther aus dem Filmstudio – in welchem man gerade einen fröhlich-optimistischen up beat Rocksong für MTV dreht – (an einer George Washington-Statue vorbei) eine Stahltreppe hinabgeht.
Dort, jenseits der Studio-Welt, in der eine kitschig-verträumte Version der Wirklichkeit erschaffen wird, wartet eine andere Wirklichkeit: Das Ghetto, eine trostlose, nasse Straße, blinde Fensterscheiben, alte Autos. Das Ghetto ist verlassen, vielleicht sind die Einwohner gerade alle bei den Rassenunruhen.
Aus dem Panther wächst Michael Jackson hervor, ein wildes Tier, das von einem Scheinwerfer eingefangen und gebannt wird. Was nun beginnt, sind nicht, wie Gotto schreibt, „zuckende Tanzbewegungen“, sondern eine viereinhalb Minuten lange, ausdrucksstarke Modern Dance Sequenz. Jackson mischt Stepptanz mit Body Percussion und Musique Concrete. Dass die Sequenz von Kritikern meist als „ohne Musik“ beschrieben wird, dürfte seinen Grund darin haben, dass Jackson sich hier in ein Genre begibt, das man eher von avantgardistischen Bühnenperformances erwartet, nicht aber von einem Popstar. Was jedoch geschieht, ist Performance von massiver Ausdruckskraft.

Ruft Jackson zu Gewalt auf, wenn er unter Schreien und masturbatorischen Bewegungen ein Auto zusammenhaut und Fensterscheiben einwirft?
Was die Nachrichten während dieser Zeit vor allem zeigten, waren Weiße, die auf Schwarze, und Schwarze, die auf Weiße einschlugen. Worauf Jackson einschlägt, ist das Ghetto als solches, das hier als Ursache der fortdauernden Rassentrennung bestimmt wird: Solange es das Ghetto gibt, wird sich nichts wesentliches ändern. Was schwarze Ghettos damals zugleich kontrollierbar und unberechenbar machte, war die Verbreitung von Alkoholismus unter den Bewohnern. Jacksons „Gewaltorgie“ beginnt damit, dass er eine Schnapsflasche in die Gosse tritt. Danach folgen Auto und Fensterscheiben, und am Ende bringt er mit halb raubtierhaften, halb menschlichen Schreien eine Leuchtreklame des „Royal Arms Hotels“ zu Fall. Die Gewalt gilt nicht Menschen, sondern einem System und seinen Symbolen.
Die sexuelle Komponente dieser Sequenz ist dabei auch, aber nicht nur der Erfolg versprechenden Mischung aus Sex and Crime geschuldet. Die Erotik hat hier eine verzweifelte Qualität, ist mehr eine Energie der emotionalen Intensität, als wirklich Lust. Einen ironischen Schlag bekommt sie bei einer Aufnahme von Jacksons Hosenstall: Erst heizt er dem Zuschauer ein, lockt mit einen Versprechen – seit Jahren fragt die Öffentlichkeit nach Jacksons Sexualität. Ist er straight, homo oder gar asexuell? Hat er überhaupt einen Penis, oder hat er sich den, wie seine Nase, bereits entfernen lassen? Auch diese Frage lässt Jacksons, wie alles andere auch, gekonnt in der Schwebe, denn bevor es „etwas“ zu sehen gäbe, zieht er den offenen Hosenstall wieder zu.

Epilog

Nachdem Jackson sich im Ghetto verausgabt hat, verwandelt er sich zurück in einen Panther, verlässt die Szene. Schnitt ins weiße Mittelschicht-Vorstadthaus der Simpsons. Bart, neben „Kevin allein zu haus“ das andere populäre anarchistische Kind dieser Zeit, schaut Michael Jackson im Fernsehen. Homer fühlt sich gestört – „Bart, turn off that noise“ – und schaltet den Fernseher aus, womit auch das Video endet.

Kreativität versus Gewalt

Der gesamte Kurzfilm, inszeniert als Inszenierung, ist sich seiner Mittel nicht nur im Sinne des Effekts sondern auch ihrer Bedeutung bewusst. Hier kulminiert ein Diskurs zum Thema Kreativität und Gewalt, der im Beat-it-Video begann und in Martin Scorseses 18minütiger Version des BAD-Videos weitergeführt wurde.
Will man hingegen das Motiv des Gestaltwandels weiter verfolgen, das in den Tanzbegegnungen und den Morphingsequenzen des Videos thematisiert werden, bieten sich zwei andere Kurzfilme zur näheren Betrachtung an.

Thriller (1984)

Jackson wechselt hier insgesamt sieben Mal die Gestalt: Vom „netten Jungen“ zum Werwolf (im Film) zurück zum netten Jungen (im Kino) in einen Zombie (in der Fantasie des Mädchens), wieder in einen netten Jungen und schließlich in ein katzenhaftes Etwas. An diesem Punkt sind die Grenzen zwischen Realität und Inszenierung verwischt, es bleibt unaufgelöst, ob die Bedrohung real ist oder nicht. Was wir jedoch sehen: der „nette Junge“ hat unheimlichen Spaß dabei, das „Monster“ zu spielen, sein letzter Blick sagt: Ich weiß, ich stare dich an, und wir beide wissen, dass dir das gefällt.

Die Selbstdarstellung als schwarzes, Mädchenfleischhungriges Monster auf dem Höhepunkt von Jacksons Karriere ist natürlich kein Zufall, sondern reflektiert einen Skandal: Jackson galt als das erste schwarz Sexsymbol, das sich auch weiße Mädchen – zur Empörung ihrer Eltern – an die Wand hängten. Jackson war nicht nur erfolgreich, er war sexy, und damit eine potentielle Bedrohung. Ihm war die amerikanische Geschichte, in der Schwarze gelyncht wurden, wenn sie mit weißen Mädchen ausgingen und weiße Mädchen als „white Trash“ galten, wenn sie mit Schwarzen ausgingen, deutlich bewusst. Wenigstens zwei Beziehungen zu weißen Frauen (Brooke Shields und Lisa Marie Presley) scheiterten unter anderem an diesem Problem.

Ghosts (1997)

Dieser knapp vierzig Minuten lange Film war bereits ein Reflex auf die ersten Kindesmissbrauchsvorwürfe, die wenige Wochen nach Oprah Winfreys Interview laut wurden.
Hier rechnet Jackson öffentlich mit dem rechtskonservativen Staatsanwalt Tom Sneddon ab, der ihn von 1993 bis an sein Lebensende verfolgen sollte.
Ghosts wurde von MTV mit der Begründung abgelehnt, dass der Film zu hohe Standards setze, die andere Künstler nicht bedienen könnten. Tatsächlich sieht der Film technisch auch heute noch vollkommen frisch aus.
Dies war jedoch nicht der eigentliche Grund, sondern es ging bei der Ablehnung der Ausstrahlung um Brisanz des Films, denn Jackson greift hier, wie schon in dem Song D.S. (HIStory), den Staatsanwalt offen an.
Jackson spielt hier sich selbst in der Rolle eines Zeremonienmeisters (der Maestro), der eine Show inszeniert, um die aufgebrachten Stadtbewohner für sich einzunehmen. Er spielt auch den fetten, weißen Bürgermeister, der ihn vertreiben und das Publikum auf seine Seite ziehen will. Zudem spielt er einen Ghoul, ein Gerippe und eine (zum Schein) besiegte, tragische Gestalt, deren Gesicht zu Staub zerfällt. Jackson bedient sich in diesem Film ausgiebig und durchaus selbstironisch aus dem Bildreservoir der grotesken Körperkonzeption und liefert eine mit Gesang und Tanz höchst unterhaltsam unterfütterte Studie darüber ab, wie durch Kunst tieferes Verständnis und mehr Toleranz entstehen können. (Ghosts ist einen eigenen Artikel wert, den ich möglicherweise als nächstes angehen werde.)

Einer der Jungen Männer, die in der zitierten Jungle World Reporatge zu Wort kommen, erklärt, dass sie weder Gangsta-Gehabe, Baggie Pants noch Goldkettchen brauchen, ihnen ginge es allein um die Musik, den Tanz. Es war Jacksons Shorfilm zu Smooth Criminal (1987), mit dem für einen von ihnen alles begann. Smooth Criminal ist ein Videoclip, der im Kontext mit anderen Clips zu dem (dramaturgisch unkonventionellen) Spielfilm Moonwalker zu sehen ist.

Der „sanfte Verbrecher“ ist eine von Jacksons immer wiederkehrenden Inkarnationen, die aus dessen Faszination für den Gangsterfilm der 1940er Jahre herrührt. Das Video enthält den Lean, eine Bewegung, bei der Jackson und die Ensemble-Tänzer sich in einem 45-Gradwinkel nach vorne neigen. Buster Keaton hatte das 1927 in seinem Film College bereits vorgemacht, wenn auch nicht mit der selben Nonchalance wie Jackson.

Dieser Lean sagt, ich bin Michael Jackson, ich kann sogar die Schwerkraft außer Kraft setzen! – und eröffnet damit einen unbegrenzten Möglichkeitsraum. Sich diesen Raum auch für sich selbst immer wieder zu erschließen, ist das große Angebot, das Jackson uns mit seiner Arbeit macht. Indem er sich einfachen Deutungen entzieht, indem er das Spannungsfeld zwischen unvereinbar erscheinenden Eigenschaften hält, bleibt er eine der faszinierendsten Figuren der Kultur des zwanzigsten Jahrhunderts.

Ghosts wurde kaum wahrgenommen – 1997 hatte Jackson bereits kaum noch Fürsprecher, viele Künstler verweigerten die Solidarität, um eigene Imageschäden zu vermeiden, passten sich dem Meinungsmainstream an und blickten mit Verachtung auf Jackson. Im Jahr 2001 nahm er sein letztes Album Invincible auf, das jedoch gemessen an seinem gewohntem Erfolg ein Flop wurde. Das Schicksal nahm seinen Lauf.

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Karla Schmidt am 18. Februar 2013 in Leben schreiben

Wie man sich einen Roman vorstellt

Stellt Euch vor, Ihr sitzt bei Eurem Literaturagenten und brütet mit ihm über dem Treatment für Euren nächsten Psychothriller. Plötzlich schlägt er vor, man könnte ja auch die Figuren mal spielen. Er holt einen Sack voll Playmobilfiguren.

Meine erste Reaktion: Ähm, ja. … Bin ich Lord Helmchen, der seine geheimsten Fantasien beim Spiel mit seinen Actionfiguren auslebt? Und muss ich das unbedingt unter Zeugen tun? Ist das ein Witz, oder was?

Nein, es ist ganz ernst gemeint. Und außerdem ist es professionelles Playmobil, rollenneutral wie die Urfiguren von 1974. So sieht das aus:

professionelles Playmobil

Mein Agent schüttet also den Sack mit den Figuren vor mir aus und fordert mich auf, welche auszusuchen, die stellvertretend für meine Romanfiguren stehen sollen. Er schreibt die Namen der Romanfiguren auf kleine Klebezettel und bappt sie den jeweiligen Playmomännchen und -frauchen auf den Bauch. Dann deutet er auf eine Filzunterlage, etwa in DinA3-Größe, und fordert mich auf: Stellen Sie die Figuren so auf, wie sie im Roman zueinander stehen. Am besten fangen wir am Anfang an.

Gut, da sitze ich also, vor mir ein Haufen bunter Plastikfiguren, und mit denen soll ich jetzt professionell spielen.

Aber wie spielt man professionell und überhaupt, was wird man aus diesem Spiel für Schlüsse über meinen psychischen Zustand ziehen können? Bestimmt kriege ich hinterher eine F60.4 oder so bescheinigt. Schließlich hat mein Agent mir zu Beginn unseres Treffens verraten, dass er ausgebildeter Psychotherapeut ist.

Genau daher kommt nämlich auch diese Methode, nämlich aus der systemischen Therapie, und sie ist von Bernd Hellingers Methode der „Familienaufstellung“ abgeleitet.
Dabei werden Familienkonflikte dadurch bearbeitet, dass man ausgehend von einer Frage, die man lösen möchte, Stellvertreter für die Familienmitglieder im Raum aufstellt und aufeinander bezieht. Ganz intuitiv wählt man den Abstand der Stellvertreter zueinander, entscheidet über ihre Körperhaltung und die Blickrichtung.
Aus diesen Anordnungen entstehen bei den Stellvertretern Empfindungen, die denen der realen Familienmitglieder ähnlich sein sollen. Wenn sie nun darüber reden, wie sie sich in ihrer jeweiligen Position fühlen, so wird es für die Person, die mit ihrer Frage im Hinterkopf die Aufstellung vornimmt, möglich, die Konflikte zu verstehen, die in seiner Familie bestehen – und sie auf der Stellvertreterebene zu lösen. Das alles natürlich immer unter der Anleitung eines erfahrenen Therapeuten …
Das mutet ein wenig esoterisch an, wenn man davon ausgeht, dass die Stellvertreter irgendeinen paranormalen Draht zu den echten Familienmitgliedern hätten und in der Aufstellung quasi als Medium fungieren.

Aber ich denke, so darf man die Sache nicht verstehen – denn sonst würde sie ja nicht mit Playmomännchen ebenso gut funktionieren. Playmomännchen fühlen sich nicht, und die Rote fängt hoffentlich auch nicht plötzlich an, darüber zu sprechen, dass sie sich weniger geliebt als die Blaue fühlt.
Wenn ich einen Konflikt in meiner Familie (oder sonst wo) mit Stellvertretern nachstellen kann – und zwar intuitiv – dann muss ich ja davon ausgehen, dass irgendetwas in mir (huhu, hier spricht dein Unbewusstes …) die Konfliktdynamik bereits kennt – und dass ich mich demnach auch in jede beteiligte Person hineinfühlen kann.
Und wenn ich das kann, dann kann ich auch, indem ich die Positionen der Figuren zueinander verändere, die Konflikte auf Stellvertreterebene dynamisieren und lösen. Und das wiederum gibt mir vielleicht einen Hinweis darauf, wie ich einen Konflikt im Reallife lösen könnte …

Soweit zur Theorie der Familienaufstellung. Einziger Haken an der Sache: Es geht bei der Aufstellungsarbeit darum, Konflikte zu lösen. Im Roman – zumal im Thriller – geht’s dagegen darum, Konflikte möglichst auszureizen und auf die Spitze zu treiben.

Tja. Aber man kann das Prinzip natürlich auch umdrehen: Statt Konflikte auf der Stellvertreterebene zu entschärfen – z.B. in dem man Figuren aufeinander zugehen oder sich einander zuwenden lässt – kann man Konflikte auf dieselbe Art auch auf die Spitze treiben. Indem man sich anschaut, wo Konflikte nur latent vorhanden sind, kann man dafür sorgen, dass sie zum Ausbruch kommen, wo sie schwach sind, kann man sie verstärken.

Dazu reicht es natürlich nicht, die Figürchen über die Filzmatte zu schieben und zu sagen: Der Sohn zieht sich jetzt von der Mutter zurück, aber sie kann ihn nicht gehen lassen. Man muss für diese Konflikte dann auch konkrete Bilder finden: Wie äußert sich die Kontrollsucht der Mutter? Wie äußert sich das Zurückziehen des Sohnes, was konkret tut er?

Ich also: Figuren aussuchen. Die Rote hier ist die Böse, und die Gute ist – na, was schon – weiß. Das Objekt der Begierde grün (wie die Hoffnung), ebenso wie der Ermittler (hier ist eher ein sattes Polizeigrün zu assoziieren), der Sohn ist weiß wie die Mutter, und der drogenabhängige Regisseur ist, in Ermangelung psychedelischer Regenbogenfarben, schlicht blau. Das Mordoper, na ja, rot, was sonst. Und dann geht es los. Kapitel für Kapitel.

Ist „Zurückziehen“ für den Sohn überhaupt stark genug? Kommt da vielleicht noch jemand ins Spiel, der sich zwischen Mutter und Sohn stellt?
Okay, nun steht da eine böse, rote Playmobilfigur zwischen Mutter und Sohn. Was genau tut sie?
Sie nimmt den Sohn aus dem Spiel. Ich nehme den Sohn von der Filzmatte.
Sie nimmt ihn aus dem Spiel heißt: Sie tut ihm etwas an? Ja, auf jeden Fall! Aber was? …
Okay, und was ist mit dem Toten aus der Backstory? Der liegt da hinten so rum und eigentlich braucht den niemand. Er ist keine Gefahr und keiner vermisst ihn.
Aber wenn nun jemand etwas darüber wüsste, wie er ums Leben gekommen ist? Wer könnte das sein?
Der da, das Objekt der Begierde weiß Bescheid! Und auf einmal hat er ein fettes Druckmittel gegen den Blauen in der Hand …

Ich gebe zu, ich habe zuerst gedacht, das bringt nichts – aber nachdem ich die ersten Kapitel – unter kompetenter therapeutischer Anleitung :D – durchgearbeitet hatte, fing ich an, meine Figuren zu verstehen. Ich habe verstanden, wer hier welche Ängste aussteht, welche Hoffnungen hegt, welchen Dreck am Stecken hat und wie jede Figur alle anderen Figuren beeinflusst. Jetzt habe ich meine Figuren soweit, dass sie mir zeigen, was Menschen einander antun können, wenn sie in die Enge getrieben werden.

Diese Sitzung war extrem anstrengend – und extrem effektiv. Ich habe das Gefühl, an einem Nachmittag die Arbeit von mehreren Wochen erledigt zu haben.

Jetzt überlege ich, ob ich mir selbst so einen Sack mit professionellen Urplaymos zulegen soll? Vierzig Stück gibt es für 46 Euro.

Hmm … wenn ich das Honorar für diesen Thriller bekomme, werde ich mich wohl mit ein wenig professionellem Spielzeug versorgen. :-)

Liebe Grüße, Karla

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Karla Schmidt am 18. Februar 2010 in Leben schreiben