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Gravitation verstehen – vorsichtige Annäherung an Michael Jackson

Ein nasskalter Sommertag, wir fahren zu schnell. Links eine Felswand, rechts ein Wall aus Geröll, die Straße führt um einen See herum. Wir sollten jetzt abbremsen, nach rechts einschlagen. Doch wir halten weiter auf den Höhenzug zu, jeden Moment muss Realität eintreten: ein Aufprall, reißendes Blech, verpuffendes Benzin. Stattdessen verschwindet der Wagen und wir mit ihm. Scheinwerfer holen Tunnelwände aus dem Nichts, erschaffen von Augenblick zu Augenblick die Straße vor uns. Wir fahren und fahren, und ich lausche dem Singen der Reifen, das mich von allen Seiten einzulullen beginnt. Wir sind unterwegs in eine deutsche Großstadt, zu einer Wohltätigkeitsveranstaltung anlässlich von Michael Jacksons Todestag.

Trommelwirbel
Noch nie habe ich einen solch gravierenden Regen erlebt, ein immenses Solo geht auf das Wagendach nieder. Mit was für einer Leidenschaft die Natur sich äußert! Was für eine Konsequenz! Vor uns auf der Straße tauchen die verwaschenen Umrisse eines Lastwagens auf, mannshohe Reifen schaufeln Schmutzwasser über uns, die Scheibenwischer versagen.
„Ich überhol den mal besser“, ruft meine Freundin gegen das Trommeln an. Sie zieht nach links, beschleunigt.
Von diesem Augenblick an gibt es keine Lücke mehr zwischen uns und der Welt, gelb und braun drängt sie von allen Seiten gegen die Wagenscheiben. Wir fahren unter Wasser. Der Augenblick dehnt sich, eine Kraft geht von dem Lastwagen neben uns aus, wie Höhenangst: man muss Abstand halten, weil die Anziehung des Abgrunds so groß ist. Es gibt keine Straße mehr, keinen Horizont, nur noch Trommeln, Blindheit und das Warten auf den Knall. Meine Freundin packt das Steuer fester und gibt Gas.

Spotlight
In der deutschen Großstadt werde ich Zeugin einer Geisterbeschwörung: Verkleidete Leute stehen herum und versuchen bad auszusehen. Keiner von ihnen füllt seinen Anzug aus, viele wirken verloren. Ob diese Form des aktiven Nachverstehens hilft, die Leidenschaft der Fans auf die Passanten zu übertragen, damit sie Geld für den guten Zweck spenden?
Ich beobachte Tanzkurse für Beat it und Thriller, Umarmungen, Tränen. Innerlich bleibe ich auf Distanz. So sehr ich das humanitäre Engagement respektiere, die Form der Huldigung bleibt mir fremd.

Auf dem Platz gibt es eine öffentliche Toilette, die nach und nach von all den Jackson-Inkarnationen aufgesucht wird. Die Wände der Kabine sind nachtblau, von oben brennt ein einzelner Spot herab. Ich denke an eine Anekdote über Michael Jackson auf dem Klo, als er von einem Jungen gefragt wurde, ob er denn auch auf die Toilette ginge. Jackson war zu perplex, um darauf zu antworten.
Dann denke ich an den Mitschnitt einer Billie Jean-Performance: Strasshandschuh, Paillettenjacke und Fedora. Popping and Locking, klassische Pantomime, intensiver Kontrast zwischen hell und dunkel, zwischen eckigen und fließenden Bewegungen, der Griff in den Schritt, der paradoxe Moonwalk, und ein einzelner, gleißend heller Verfolger auf der ansonsten dunklen Bühne. Inbegriff von Bühnenmagie. Und letztlich wofür? Um erst vergöttert und dann in Stücke gerissen zu werden?
Durch den Lichtkegel in der Toilettenkabine schweben Staubpartikel wie Plankton in der Tiefssee. Ich befinde mich mal wieder unter Wasser.

Unter Wasser atmen
In einer meiner frühesten Erinnerungen sitze ich in einer fremden Stadt am Boden eines Brunnens. Sonnenlicht fällt durch die Wasseroberfläche auf bunte Mosaikfliesen am Beckengrund und erschafft Farben, die es gar nicht gibt. Alles ist auf weißblaugoldene Art friedlich, ich atme tief, das Wasser ist um mich und in mir und ich fühle mich für immer aufgehoben. Ich will in diesem Glück aus Licht und Farben bleiben, bin hier willkommen.
Frank Cascio erzählt1, wie Jackson einmal voll bekleidet in den Whirlpool gesprungen, untergetaucht und dann lange nicht wieder aufgetaucht ist. So lange nicht, bis er ihn, mittlerweile in Panik, aus dem Wasser zerrte.
Jackson ging es gut. Er war nur plötzlich von einer, wahrscheinlich schmerzmittelinduzierten, inneren Ruhe erfüllt gewesen und unter Wasser eingeschlafen.
Dumpfe Stimmen dringen zu mir durch, und als man mich aus dem Wasser reißt, bleibt ein Stück von mir in dem Brunnen zurück. Ich sehne mich oft dorthin zurück.

Es heißt, Künstler schaffen aus Angst vor dem Tod und dass sie ihre Seele in die Leinwand weben oder sie zwischen die Zeilen flechten, damit sie überlebt. So betreiben sie uralte Spinnenmagie.
Vielleicht schaffen sie aber gar nicht aus Angst, sondern um ihren ureigenen Ort des Aufgehobenseins, an dem Leben und Tod dasselbe sind, wiederzufinden. Mit jeder Zeile, mit jedem Pinselstrich und jeder Note versuchen sie, wenigstens einen kurzen Blick auf den Brunnen zu erhaschen. Es geht darum, nur einmal noch, unter Wasser zu atmen.

Michael Jackson – muss das sein?
Ein Jahr zuvor. Ich stehe in der Küche, schneide Zwiebeln, heule vor mich hin. Meine achtjährige Tochter brüllt aus ihrem Zimmer heraus gegen die laufende Spülmaschine an:
„Mama, kriege ich eine Michael Jackson CD?“
„Was? Warum das denn plötzlich?“, brülle ich zurück.
Sie taucht in der Küchentür auf. „Pamela ist Michael Jackson Fan. Sie ist sogar in ihn verliebt.“
„Ach, deshalb.“
„Und er macht tolle Musik.“
Bin ich als Kind verblödet, weil ich mein Taschengeld für Barbies gespart habe? Warum also nicht der King of Pop für meine Tochter? Vielleicht ist dann auch endlich mal die ABBA-Phase vorbei.
„Und, kriege ich eine CD?“
Eigentlich habe ich keine Lust, Geld dafür auszugeben. Vielleicht verschwindet der Wunsch wieder, wenn ich ein bisschen warte.
„Mal sehen, Mäuschen. Vielleicht finden wir ja auf dem Flohmarkt eine.“

Niemand weiß bisher wirklich, wie Gravitation entsteht. Es hat etwas mit der Korrelation von Masse und Beschleunigung zu tun, und dunkle Materie, eine bislang unergründliche Existenz, spielt wohl ebenfalls eine Rolle. Gewichtiges jedenfalls hat die Tendenz, sich mit mehr Gewichtigem zusammenzutun und sich so dicht wie möglich zusammenzudrängen. So entstehen Gaswolken, Planeten, Sterne und schwarze Löcher.
Wenn ich die Physik der Gravitation auch nicht begreife, weiß ich doch, dass sie Voraussetzung für Leben ist. Sie hält die Erde in der Umlaufbahn und die Dinge am Boden. Die schwersten Sterne sind auch die hellsten und heißesten. Sie brennen oft nur Millionen Jahre, während die durchschnittlichen, wie unsere Sonne, leicht 10 Milliarden Jahre schaffen.
Doch sind es die schweren Sterne, die unter dem Gravitationsdruck schließlich zusammenfallen und dabei all die Elemente erschaffen, die Leben auf Planeten wie unserem erst ermöglichen. Auch sind die Massen von Mond und Sonne immer in Resonanz mit der Erdmasse. Ihre Gravitation zieht nicht nur das Wasser der Meere an, sondern alles Wasser: das in den Brunnen, Regengüssen, stillen Weihern, schlammigen Tümpeln, Whirlpools – und das in allen Leibern. Letztlich will alles Wasser = Leben immer dorthin, nach oben, zu den Himmelslichtern, um verbrannt und in neues Leben verwandelt zu werden.

Die Nasa zum Beispiel hat Milliarden investiert, um die Erdanziehung zu überwinden und die Idee eines Moonwalk zu verwirklichen. Wenn man das Wort in eine Suchmaschine eingibt, bekommt man als Ergebnis jedoch nicht zuerst Neil Armstrong, sondern den Mann mit Paillettenjacke und Fedora, der vorwärts und rückwärts zugleich über die Bühne gleitet. Es ist der Kerl mit dem Bühnentrick, der die Credits bekommt. Der Moonwalk sieht unendlich leicht aus – doch wer erst in seinen Anziehungsbereich geraten ist, kommt kaum wieder fort.

In der Schwebe zwischen Anziehung und Abstoßung
Im Internet kursiert ein Foto von Michael Jackson im hellen 30er-Jahre-Anzug mit blauer Armbinde, tief in die Stirn gezogenem Hut und Gamaschenschuhen – das Smooth Criminal Outfit. Jackson neigt sich, die Füße platt am Boden, im 45°-Winkel nach vorn. Darunter steht in fetten Buchstaben:
Fuck you, Gravity! I´m Michael Jackson!

Damit ein Künstler Schwerkraft entwickelt, muss ich mit ihm in Resonanz gehen. Wenn er mich zugleich anzieht und verärgert, abstößt oder ich seine Arbeit dumm und oberflächlich nenne, weil ich es nicht wage, den Kopf unter Wasser zu tauchen um zu schauen, was unter der Oberfläche geschieht, genau dann ist die Resonanz am stärksten. In der Mitte zwischen Schwerkraft und Fliehkraft entsteht freier Fall, ein Schwebezustand, in dem Gleiches sichtbar wird, das einander begegnen will. Gebe ich der Schwerkraft unkontrolliert nach, besteht die Gefahr von Absturz, Kollision, Ertrinken.

Eine Erinnerung, die noch weiter zurückreicht, als der Brunnen: Ich stehe auf dem Wohnzimmerteppich, eine persischer Garten in Gelb- und Grüntönen, in dem Elemente eines Musters zu invertierten Elementen anderer Muster werden. Alles ist außen und innen zugleich, und ich breite die Arme aus, hebe die Füße vom Boden und schwebe über den Teppich dahin, folge den Ornamenten und verliere mich darin. Ich habe keine Angst zu fallen, ich fliege ja nicht hoch, der Teppich ist weich, und sollte jemand hereinkommen, kann ich schnell die Füße auf den Boden stellen.

Auf dem Flohmarkt erstehe ich eine Doppel-CD mit Jacksons Hits. Die meisten Stücke kenne ich, ohne sie je bewusst gehört zu haben. Hymnen, Balladen, Soul, Funk, Rock. Eingängig, tanzbar, oft sentimental. Singen kann er ja schon, das muss ich zugeben. Aber der Earth Song ist so kitschig, dass es wehtut.
Noch halten sich Anziehung und Abstoßung die Waage.

Gravitation …
Meine Tochter hört die neue CD rauf und runter. Ich lächele, ein wenig von oben herab, werde jedoch zunehmend unsicher. Wie kommt ein immens reicher Popstar dazu, sich in They don´t care about us mit den Unterdrückten und Entrechteten dieser Welt gemein zu machen? Was weiß der schon von Straßenkämpfen und Polizeigewalt? Was hat es mit dem Stranger in Moscow auf sich? Ist das ein Relikt jener amerikanischen Urangst vor dem Kommunismus? Und wieso singt er, es sei egal, ob man schwarz oder weiß ist, wenn er selbst immer weißer wurde? Ist das eiskalte, kommerziell motivierte Heuchelei oder kompletter Realitätsverlust?

Je öfter ich bewusst zuhöre, desto weniger kann ich Jacksons Lyrics und die emotionale Aufrichtigkeit seines Gesangs in einen sinnvollen Zusammenhang bringen, ich habe keinen anderen Deutungsrahmen als jenen, den ich über Jahrzehnte unbewusst erworben habe: den der Sensationspresse, die Jackson als mehr oder weniger senilen Spinner beschrieben hat.
Was ich darum jetzt wahrnehme, sind unbegreifliche Unvereinbarkeiten. Da gibt es den netten jungen Mann von nebenan, den misogynen Macho, den exzentrischen Aristokraten, den asexuellen ebenso wie den höchst sinnlichen Jackson, den Mann, der sich nicht im Spiegel anschauen kann und den stolzen Swagger. Ich sehe den Zirkusdirektor und den Freak aus der Kuriositätenshow, den humanitären Heiligen und die Medienhure, … was steckt dahinter? Welche der vielen Verkörperungen ist „echt“? Und vor allem: warum beschäftigt mich das überhaupt? Nach all den Jahren, in denen mir Jackson vollkommen egal war, plötzlich: Gravitation!

… darf man nicht erklären
Ist Resonanz vorhanden, suche ich in der Begegnung mit einem Künstler und seiner Arbeit nach Selbsterweiterung. Wie alles im Universum bin auch ich bestrebt, meine (mentale und emotionale) Masse vergrößern.
Vor allem aber hoffe ich, einen erhellenden Blick auf die beiden großen Dunkelheiten des Daseins zu erhaschen: Was bedeutet es zu leben? Was bedeutet es zu sterben? Das ist es, was ich wissen will! Künstler, die keine Haltung zu diesen Fragen finden, lassen mich meistens kalt. Wo finde ich diese Selbsterweiterung, welches sind die Elemente, die Zuwachs versprechen?

Der schwerelos wirkende Moonwalk entsteht durch einen geschickten Wechsel der entgegengesetzten Kräfte Ziehen und Schieben. Der Lean basiert auf patentierten Schuhen, die auf einem Bolzen in der Bühne einrasten und so die Füße am Boden halten. Der Michael Jackson, der während der Dapngerous-Tour mit einem Jetpack auf dem Rücken über die Massen schwebt, ist ein Double, und wenn er mit Werwolfmaske in einem gläsernen Sarg verschwindet und Sekunden später auf einer Hebebühne über den Zuschauern erscheint, setzt er Playback und ein Körperdouble ein, um Zeit für den Kostüm- und Ortswechsel zu gewinnen.

Das herauszufinden, hat mich dem Verständnis von Gravitation jedoch nicht nähergebracht. Solange mir niemand erklärt hatte, dass ich in Wirklichkeit gar nicht fliegen kann sondern es mir nur vorstellte, konnte ich fliegen. Gravitation zu verstehen bedeutet nicht, den Trick zu entlarven. Verstehen bedeutet, den Zauber zu erleben. Es geht nicht um die Frage, wie ist es gemacht? Es geht um die Frage: Was macht es mit mir?

Begegnung mit dem Trickster
Ich sehe mir die Musik-Filme an, erkenne den versierten Dramaturgen der Persona „Michael Jackson“, bewundere den genialen Tänzer, lese Essays und Poesie eines Dichters, der mir manchmal unfassbar naiv und dann wieder fast erleuchtet erscheint, ich beargwöhne den kommerziellen Unterhalter, fremdele mit dem romantischen Verteidiger der Kindheit, hinterfrage die Schwerter-zu-Pflugscharen Symbolik der Militärjacken und Armbänder, wundere mich über den Kitschliebhaber, der sich als König, Heiligengestalt oder – nach einem Gemälde von John William Waterhouse – als Narziss, der sich im Wasser spiegelt, malen lässt. Ist da ein Funken Selbstironie zu spüren, oder ist all dieses Pathos aufrichtig?

Wenn Jackson auf der Bühne stand und ins Publikum blickte, sah er keine anderen Menschen, er sah sich selbst: Plakate mit seinem Konterfei, Massen, die seinen Namen skandierten, eine See von Armen, die in der Dünung seiner eigenen Rhythmen trieben. Jackson war eine Naturgewalt, wenn er auf der Bühne stand, er badete in sich selbst. Und wenn er nach Liebe rief, hörte er nur sein eigenes Echo. Gerade das Narziss-Selbstporträt bezeugt einen ebenso nüchtern-realistischen wie verklärenden Blick auf sich selbst. Schon wieder ein Widerspruch!

Was immer ich über Michael Jackson in Erfahrung bringe, provoziert neue Fragen, neue Widersprüche, und ich beginne zu ahnen, dass es kein Entweder-Oder gibt. Ich arbeite mich an einem Trickster ab, der sich ins Fäustchen lacht, an jemandem, der durch und durch ambivalent ist.
Trickster sind Kulturstifter, wie Prometheus, der Feuerbringer oder Anansi, der afrikanische Spinnengott, Netzespinner, Intrigenweber und Herr über alle Geschichten. Es ist nicht leicht, mit ihnen auszukommen, sie sind eine Herausforderung des Tolerierbaren, sind Mann/Frau, Erwachsener/Kind, Weiser/Narr sowie schwarz und weiß zugleich.
Sie sind einer unhintergehbaren Ethik des Lebens verpflichtet, kennen jedoch keine Moral. Ständig überschreiten sie schädlich gewordene Grenzen der Konvention und erweitern so die menschlichen Möglichkeiten. Sie leben intensiv und lassen uns sowohl an ihrer Ekstase als auch an ihrem unausweichlichen Schmerz teilhaben. Und wie Prometheus oder der allzu hell brennende Stern zahlen sie einen Preis für diese Intensität.

Nichtverstehen heißt erleben
Es ist die unaufgelöste Spannung, das „noch nicht verstehen“, das mich weiter in den Gravitationsschacht „Michael Jackson“ hineinzieht. Ich muss wissen, was geschieht, wenn ich tiefer tauche, und dazu muss ich mich in Bereiche begeben, die mir ungemütlich sind.
Was mich initial an Jackson abgestoßen hat – das Pathos, der naive, romantische Gestus – beginne ich zunehmend in mir selbst zu erkennen. Ist da etwas, das nach Anerkennung und Ausdruck verlangt? Ein Hang zum Sentimentalen, zum Gutmenschentum und zur großen Geste? Das sind natürlich fürchterlich uncoole Accessoires für jeden „ernsthaft“ Kulturschaffenden. Doch es ist zu spät, ich bin bereits ergriffen. Noch einmal: Wie funktioniert diese Magie?

Magie wird in der Unmittelbarkeit einer verblüffenden Erfahrung erlebt. Sie erzeugt einen zwingenden Moment, von dem man sich mittels Verstand und Urteilen nicht distanzieren kann. In Jacksons eigenen Worten:
„Meine Vorstellung von Magie hat nicht viel mit Bühnentricks und Illusionen zu tun. Die ganze Welt strotzt vor Magie. Wenn ein Wal aus der See taucht wie ein neugeborener Berg, schnappst du in unerwartetem Entzücken nach Luft. Welch Magie! Ein Kleinkind, das seine erste Kaulquappe durch einen schlammigen Tümpel flitzen sieht, empfindet dieselbe Erregung. Staunen erfüllt sein Herz, für eine Sekunde hat es einen Blick auf die Verspieltheit des Lebens erhascht.
Wenn ich Wolken sehe, die von einem schneebedeckten Gipfel fortgewischt werden, möchte ich rufen: „Bravo!“ Die Natur, größte aller Magierinnen, hat soeben eine neue Attraktion vorgeführt. Sie hat die eigentliche Illusion aufgedeckt: unsere Unfähigkeit, über ihre Wunder zu staunen. Jedes mal wenn die Sonne aufgeht, wiederholt die Natur denselben Befehl: „Sieh hin!““
(Michael Jackson, Danding the dream, doubleday 1992, Übersetzun: d.A.)

Das klingt, als hätte die Natur den Wunsch zu gefallen. Erster Impuls: Lachhaft!
Doch diesmal werde ich nicht vorschnell von Romantisierung sprechen, sondern mich einlassen. Was ich erlebe, muss überhaupt nicht faktisch korrekt oder auf einer Metaebene ironisch distanziert sein. Es muss lediglich menschlich wahr sein. Ich darf meinen Deutungshorizont frei wählen.
Nehme ich also für den Moment einmal an, Natur bringt sich per se selbst zum Ausdruck und will dabei gesehen werden, was gleichbedeutend ist mit: sich selbst bewusst erleben. Denn wer oder was auch immer hinsieht, ist Teil dieser Natur.
Wenn ich unter dieser Prämisse hinsehe, kommen in der Natur im Größten wie im Kleinsten und wie in nichts, was ich über sie erhaben fühlt, die Prinzipien des Lebens in kreativem Überschwang zum Ausdruck. Und die Prinzipien des Sterbens in Klarheit und Akzeptanz. Damit kann ich durchaus etwas anfangen, auch als Vorbild für das, was es in der Kunst überhaupt zu erreichen gilt.

Wirklich gravierende Kunst lehrt, mich für die bezwingenden Aspekte des Lebens zu öffnen statt sie zu rationalisieren. Sie richtet meinen Blick neu aus. Der Alltag ist von Ablenkung bestimmt, ich springe von Sorge zu Sorge, von Rolle zu Rolle, von der Vergangenheit in die Zukunft und zurück. Ständig verliere ich den Moment aus den Augen. Dabei ist der Moment doch der einzige Ort, an dem Erkenntnis und Magie zusammenkommen können. Und Michael Jackson zwingt mich dazu, in den Moment zu kommen und Magie/Nichtbegreifen zuzulassen.

Den Gesetzen der Thermodynamik entkommen
In The Wiz (1977), einer großstädtischen, komplett schwarz besetzten Adaption des Wizard of OZ (der ja bekanntlich ein Betrüger ist), spielt der damals 19jährige Jackson die Vogelscheuche. Sein Kopf ist nicht mit Stroh, sondern mit Zitaten der Philosophiegeschichte gefüllt. Aufgehängt an ihrem Gestell singt die Vogelscheuche den Krähen zu deren gehässigem Vergnügen immer wieder die „Spielregeln des Lebens“ vor, die nichts weiter sind, als eine Umschreibung der drei Gesetze der Thermodynamik:

Energie kann nicht gewonnen oder zerstört werden: You can´t win.
Energieumwandlung findet immer von schnell/warm Richtung langsam/kalt statt: You can´t break even.
Alles endet unausweichlich im vollkommenen Energiegleichgewicht, in dem nichts mehr bewegt oder verändert werden kann: You can´t get out of the game.

Die Aussicht, dass das Universum mit all seinen Sternen, Galaxien, leuchtenden Filamenten und tiefdunklen Voids einmal den Wärmetod sterben wird, ist konsequent pessimistisch. Die Vogelscheuche ist entsprechend hoffnungslos, ihr Schicksal je ändern zu können – bis Dorothy (Diana Ross) ihr zeigt, dass es durchaus möglich ist, aus dem Spiel auszusteigen:
Man muss dazu selbst Energie aufbringen, selbst etwas bewegen. So entsteht, entgegen aller Wahrscheinlichkeit, magisches Momentum. Das hilflose Geschöpf steht plötzlich auf eigenen Beinen und macht sich, die leuchtend gelbe Ziegelsteinstraße vor Augen, auf den Weg, um sich selbst zu erschaffen.

Den Blick unscharf stellen
Kunst ist ein Scheinwerfer, der einen gangbaren Weg aus dem Allem/Nichts hervorzaubert. Die Verengung des Blicks führt zu einer Vertiefung der Wahrnehmung. Das ist der Punkt, an dem Verstehen einsetzt: ein fokussierter Blick definiert nicht nur das, was ich sehe, sondern auch meine Identität. Ich werde, was ich sehen kann. Sei es eine Vogelscheuche voll papierner Zitate – oder ein weißglühender Stern von hoher Gravitation.

Um den Fokus frei wählen zu können, muss der Blick jedoch zuerst bedingungslos offen und das Bild verschwommen sein.
Es ist eine interessante Erfahrung, mit absichtlich unscharfem Unterwasserblick herumzulaufen und dabei nicht die Dinge, sondern den Raum dazwischen zu betrachten. Man beginnt dann Rhythmen zu sehen, Muster, Tänze. Eine gewisse Schwerelosigkeit stellt sich ein, und das Bewusstsein weitet sich, wie der Blick, über das Ich hinaus. Man erlebt dann die Magie des unmittelbaren Lebensausdrucks, ohne ihn sogleich interpretieren und Dinge oder Umstände benennen zu müssen. Das ist der ultimativ kindliche Blick.
Je mehr Erziehung und Bildung man jedoch anhäuft, desto schwieriger wird es jedoch, den unmittelbaren Ausdruck überhaupt noch für relevant zu halten. Als Künstler bekommt man dann vielleicht das Gefühl, möglichst brillante Strategien erfinden zu müssen, um vom Publikum zu bekommen, was man braucht: Resonanz.
Dann wird der Lebensausdruck zu einem Ausdruck des Kampfes um Anerkennung. Wie sonst könnte man als Mensch, geschweige denn als Künstler überleben?
Wenn man es auf den kleinsten gemeinsamen Nenner bringt, dann bedeutet Überleben, die Dinge so wahrzunehmen, wie sie in diesem Moment sind und angemessen zu reagieren. Wer von vornherein einen Tunnelblick hat, wer den Fokus zu früh setzt, dem entgehen nicht nur die Gefahren, die sich vom Rand her nähern, sondern auch die Weite des Horizonts.
Echte Magier müssen darum bedingungslos offen sein, unschuldig, urteilslos, unabhängig von dem festen Standpunkt, der letztlich nichts als eine Verteidigungsanlage ist: Schließt man sich in eine Festung aus Denkmustern und festgelegten Reaktionen ein, werden die schöpferischen Impulse ausgeschlossen.

Es liegt darum eine tiefe Wahrheit im Unmittelbaren. Es braucht jedoch Hingabe, Talent und die mit allen Mitteln verteidigte Naivität eines Michael Jackson, um vom unschuldig-dilettantischen Ausdruck über Übung, Technik, Bühnentricks und Geltungsdrang auf einer höheren Ebene zum unmittelbaren Ausdruck zurückzufinden. Jackson ist das gelungen, auf höchstem handwerklichem Niveau. Gelingt es nicht, bleibt man bei bloßem Kunsthandwerk stehen.

In den Leib zurückfinden
Ein Barkeeper beobachtet einen Betrunkenen, der auf allen Vieren um eine Straßenlaterne herumrutscht. Er geht hinaus und fragt den Mann:
„Suchen Sie etwas?“
„Meine Schlüssel!“
„Haben Sie sie hier verloren?“
„Nein. Aber woanders ist es zu dunkel zum Suchen.“

Falls ein Witz funktioniert, entlädt sich mit der letzten Zeile nicht nur im Kopf, sondern auch im Körper die zuvor aufgebaute Spannung. Die Schlusswendung muss zugleich überraschend und zwingend sein, damit Verstand und Atmung (als Schnauben oder Lachen) sich daran erfreuen können.
Wenn eine künstlerische Arbeit als komplex gilt, ist damit häufig gemeint, dass sie sich weniger an den Leib und mehr an den Verstand richtet. Darum ist „Pop“ „schlicht“ und „Komposition“ mitunter „anspruchsvoll“. Gerade in der sog. hohen Kunst wird dem Geist der Vorzug vor dem Leib gegeben; er soll sich gefälligst über das träge, wollüstige und sterbliche Fleisch erheben. Das eigentlich Menschliche wird dort vermutet, wo der Leib so wenig wie möglich eine Rolle spielt.

Der Leib ist jedoch nicht hintergehbar, in keiner Kunst. Ohne ihn läuft gar nichts, und Jackson hat das gewusst. Wenn er in der Panther-Dance-Sequenz (der unzensierten Version) des Black or White Videos unter Schreien und masturbatorischen Bewegungen das amerikanische Ghetto zu Klump schlägt, ist das weniger eine Huldigung von Sex & Crime als ein Tribut an den Leib als dem ersten und besten Ausdrucksmittel von Intensität, vorgetragen in einer musique concrète aus tierhaften Lauten, stampfenden Füßen, Atmung, Schreien, Wasser, klirrendem Glas, elektrischem Knistern. Der Gestus ist nicht Pop, sondern Avantgarde, und es handelt sich um die kontrollierte Entladung einer Spannung, die sich 1992 unter dem Druck der Rassenunruhen in LA zusammengebraut hatte.
Es kann passieren, dass man, wie ich, bei ungeschützter Betrachtung erstmal eine Gewischt bekommt, auf die eigenen, unerwartet heftigen Reaktionen zurückgeworfen wird: Befremden, Faszination, Fragezeichen.

Echte Magier folgen den leiblichen ebenso wie den mentalen Erregungen und bringen sie konsequent zum Ausdruck, und solange ein Werk ausschließlich den Verstand herauszufordern versucht, werde ich nur unter der Straßenlaterne suchen, dort, wo vermeintlich das Licht des Verstandes scheint. Sobald ich als ganzer Mensch bewegt werde, bin ich bereit, ein Wagnis einzugehen und die Schlüssel auch im Dunkeln zu suchen.

In die Wut hineinwachsen
Earth Song ist keine Weltverbesserungshymne, sondern ein verzweifelter Abgesang, ein Verlust des Glaubens an das Gute im Menschen. Dennoch wird auch hier die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben. Wenn im Short Film zum Earth Song am Ende all das zuvor inszenierte Sterben – hingeschlachtete Tiere, Menschen, Bäume – durch die Macht der Musik „ungeschehen“ wird, dann ist das ein schamanischer Akt, eine Umkehrung der thermodynamischen Gesetze. Jackson tritt im zerfetzten Kostüm auf, einer Vogelscheuche gleich, doch diesmal hat er keine schwächlichen Gummibeine, klammert sich nicht hilflos an seinen Vogelscheuchenpfahl, sondern er stampft, insistiert, wütet.
They don´t care about us ist auch keine Anbiederung an die unterdrückten Massen, sondern eine sowohl rhythmisch als auch textlich zornige Anklage der Profiteure der Gleichgültigkeit. Jackson ist als schwarzes Unterschichtkind durchaus Zeuge von Straßenkämpfen gewesen. Mehr als auf solche frühen Erinnerungen bezieht Jackson die police brutality, von der er singt, jedoch auf ganz frische Erinnerungen – auf die sogenannte Strip Search: Zum Vergleich mit den Beschreibungen eines angeblichen Missbrauchsopfers musste Jackson seine Genitalien ablichten lassen.
Das gesamte HIStory-Album ist Reaktion auf diese Anschuldigungen, Jackson ist hier so verletzlich und so aufgebracht wie nie zuvor. Die Strip Search Bilder bewiesen, dass der Junge Jackson niemals nackt gesehen haben konnte.3 Dennoch hat Jackson in eine finanzielle Einigung eingewilligt, denn in einem Prozess wären die Bilder als Beweismittel öffentlich gemacht worden. So jedoch blieben sie unter Verschluss. Dies ist der eine Widerspruch in Jacksons Biografie, mit dem er nicht fertig werden konnte, das eine Mal, dass er ganz unzweideutig die Wahrheit sagen wollte. Dass man ihm nicht geglaubt hat, mag daran liegen, dass er, statt reumütig seiner Hingebung ans Kindsein abzuschwören, insistierte: Ich tue nichts Falsches, und darum werde ich es nicht lassen und euch bigotten Spießern damit recht geben.
Stranger in Moscow schließlich erzählt nicht von der Angst vor Kommunisten, sondern von der tiefen Entfremdung, die Jackson nach den Anschuldigungen durchlitten hat, von Einsamkeit, wenn es keinen Ort mehr gibt, an den man gehen kann. Der Song ist während der Dangerous-Tour in einem Moskauer Hotelzimmer entstanden. Die Ironie: zehn Jahre zuvor war Jackson der beliebteste Popstar auf dem Planeten gewesen, durfte in der UdSSR aber nicht auftreten. Jetzt war er der erste westliche Star, der im Osten Konzerte gab, doch in den USA, seiner Heimat, war er zum Geächteten geworden.

Geister, die man ruft
Die Wut über Gier, Zerstörung und Ungerechtigkeit, die Jackson nach 1993 zunehmend in seiner Arbeit ausdrückt, erscheint mir jetzt nicht mehr als bloßer Gestus, sondern aufrichtiger und gerechtfertigter als bei einigen Punk-, Rock- oder Metal-Größen, für die expressive Aggressivität von vornherein zum guten Ton gehört. Doch obwohl ich zunehmend Respekt für den Künstler und Menschen Michael Jackson empfinde, es bleibt ein Rest, ein Misstrauen gegenüber seinen schwer verständlichen Selbstinszenierungen.

Bis mir Ghosts (1996), ein 40 Minuten langer Musik-Film, in die Hände fällt, eine erneut ambivalente Inszenierung zwischen Selbstüberhöhung und Ironie, zwischen Plakativität und Vielschichtigkeit, zwischen Anklage und Empathie mit dem Feind.
Jackson spielt den Maestro, der sein Publikum mit einem Fingerschnippen unter Kontrolle hat. Was immer er es sehen lassen will, seien es wundersam poetische Momente oder groteske Entstellungen, es ist ihm ein Leichtes. Er prahlt mit gigantischer Zunge von seiner erschreckenden Potenz, gibt mit bröckelnder Nase ihren Verlust vor. Dem Publikum graut vor ihm, und dennoch kann es in seiner Gier nach Erregung nicht wegsehen. Am Ende des Films dann die große Sterbeszene – der Unverstandene wird von einem rechtschaffenden Bürgermeister (ebenfalls von Jackson gespielt; ja er schlüpft erst einmal in die Mokassins seines Gegners, bevor er urteilt .. ) in die Selbstauslöschung getrieben.

Vielmehr als eine Anklage gegen die Ungerechtigkeit der Welt, die Jackson nicht verstehen will, ist Ghosts jedoch ein Lehrstück über das erweiternde Potential von Kunst. You´re right, I like scaring people, erklärt der Maestro dem Bürgermeister auf dessen Vorwurf, er sei ein unheimlicher Kinderschreck.4 Der Bürgermeister droht mit Gewalt, der Maestro wählt die einzige Waffe, die ihm zur Verfügung steht: Bühnenmagie. Er inszeniert eine poetische Horror-Tanz-Show für sein Publikum, um es für sich einzunehmen.
Jackson zeigt dabei nicht nur das Bühnengeschehen, sondern er inszeniert auch das Publikum (wie schon zuvor in den Short Films zu Beat it und BAD), und der Lynchmob, der gekommen ist, um den Maestro zu vertreiben, beginnt nach und nach das Schöne im Grotesken zu erkennen.
Nur den Bürgermeister kann der Maestro nicht bezaubern. Selbst, als er in dessen Körper eindringt und ihn fühlen lässt, was es bedeutet zu tanzen, kann er nicht zur Offenheit des Erlebens zurückfinden. Der Künstler hat versagt und zieht die Konsequenz: Er stirbt. Und der rechtschaffene Bürgermeister wähnt sich als Sieger in einem Kampf, in dem er eine ebenso selbstzufriedene wie lächerliche Figur abgegeben hat. Nur der ehemalige Lynchmob bereut es nun, dass der Maestro nicht mehr ist.

Und ist es am Ende nicht ganz genau so ausgegangen? Jackson hat bereits in den 1980er Jahren mit von ihm selbst lancierten, absurden Geschichten5 begonnen, mit den Medien und seinem Image zu spielen – und hat damit Geister auf den Plan gerufen, die ihn letztlich zu Tode gehetzt haben.

Das ist der Punkt, an dem ich zu heulen beginne. Nicht so ein bisschen, weil das rührend ist, wie prophetisch Ghosts die Realität vorwegnimmt, sondern heftig, anhaltend, bis es körperlich wehtut, heimlich und über Wochen. Ich weiß niemanden, dem ich das Ausmaß dieser Verwirrung anvertrauen könnte. Wie soll ich erklären, warum ich so sehr um jemanden trauere, dem ich nie im Leben begegnet bin, den ich die meiste Zeit über nicht einmal mochte? Ich beginne zu ahnen, dass ich um lauter Dreifaltigkeiten weine: Glaube/Liebe/Hoffnung, das Wahre/Gute/Schöne, Blut/Schweiß/Tränen. Ich weine wegen dieser dreimal verfluchten drei Gesetze der Thermodynamik, um die Magie und die zwei Seiten des Tricksters. Und ich wüte gegen all die ordentlichen Bürgermeisterlein, die achtlos zerstören, was sie nicht begreifen und sich dabei gebärden, als erwiesen sie der Menschheit einen Dienst.

Nach Hause kommen in einer neuen Haut
Am Ende der Wohltätigkeitsveranstaltung in der deutschen Großstadt erscheint auf der Opernfreitreppe eine ansehnliche Menge professioneller Sängerinnen und Sänger in großer Robe, die die Fans auf dem Platz beim abschließenden Absingen von We are the World unterstützen. Es regnet schon wieder, und schon wieder in Strömen. Dennoch hat der Chor Kraft, und alle bleiben, bis der letzte Ton verklingt.
Unmittelbar danach setzt allgemeines Rennen rein, wird Schutz gesucht in Cafés und unter Arkaden und im ausrangierten Militärzelt der Michael Jackson Fans, in dem heute Devotionalien für den guten Zweck versteigert wurden.
Gerade eben war ich noch Teil eines Gemeinschaftskörpers gewesen, alle Kehlen haben in Resonanz miteinander geschwungen. Und nun stehe ich im Eingang des Zeltes und schaue auf den leeren Platz. Innerhalb einer Minute hat die Menschenmenge, zuvor zusammengehalten von der Gravitation ihres Sterns, sich aufgelöst. Der Tag weicht, der Regen trommelt eintönig aufs Zeltdach.
„Wollen wir uns auf den Rückweg machen?“, fragt meine Freundin.
„Ja, bitte.“

Ich bin schweigsam auf der Rückfahrt, fühle mich vage schuldig, ohne sagen zu können, warum. Es ist leicht, auf die verkleideten Fans hinabzulächeln – auf die junge Frau, die mit weiß angemaltem Gesicht und grellroten Lippen aussieht wie eine bösartige Jackson-Parodie, und den dicklichen Mann im schweißig müffelnden Michael-Outfit aus billigster Synthetik. Es ist leicht, sie zu bedauern, weil sie ihren Lebenssinn in der Hülle eines andern suchen, einer Hülle, die nicht sitzt und passt, und durch die sie eine tragikomische Note bekommen. Get a life, möchte man sagen.
Aber etwas verbietet mir, so zu urteilen: Es sind heute mehrere Tausend Euro für ein Kinderhilfsprojekt gesammelt worden. Das ist konkret, weit konkreter als jede intellektuelle Distanz, die die Anziehungskraft eines Künstlers oder die Hingabe seiner Bewunderer zu analysieren versucht. Und wie vermessen ist es, auf einen Akt unmittelbarer Menschlichkeit mit Überheblichkeit zu reagieren?
Michael Jackson hält bislang den Weltrekord als Investor für humanitäre Zwecke. Mit rund 319 Mio. Dollar hat er das größte private Vermögen investiert, und weltweit tun Fans nichts weniger, als dem nachzueifern und etwas fortzuführen, was sie als die ihnen überlassene Aufgabe verstehen. If you wanna make the world a better place, take a look at yourself and make a change, singt Jackson.
Jenseits allen Spott und Hohns über unpassende Verkleidungen, schlecht sitzende Perücken, Spekulationen über die Anzahl plastischer Operationen oder sexuelle Orientierung steht dieses schlichte Tätigsein im Dienst der Mitmenschlichkeit.
Jacksons war ebenso viel in Waisen- und Krankenhäusern unterwegs, wie er Konzerte gegeben hat. Sein ehemaliger Manager Frank Dileo, der ihn dabei gelegentlich begleitet hat, erzählte einmal, wie er sich weinend in einer Ecke wiederfand, weil er nicht mit dem emotionalen impact gerechnet hatte, den das Kinderelend auf ihn haben würde. Jackson, selbst ganz gefasst, hat ihn daraufhin beiseite genommen und erklärt, das hier, das sei ihre eigentliche Arbeit. All das andere finanziere sie nur. Die Einnahmen aus We are the World, so eine Schätzung, haben bisher etwa 260.000 Menschen ganz konkret das Leben gerettet. Wirkliche Sterne brennen zu einem einzigen Zweck: Leben zu ermöglichen und es lebenswert zu machen. Und möglicherweise ist das jeden Preis wert.

Darum genügt es nicht, dem Schamanen aus ethnologischer Distanz anerkennend auf die Schulter zu klopfen und zuzuschauen, wie er, Heilung herbeisingend, ums Feuer tanzt. Es genügt auch nicht, sich das Gewand des Magiers überzustreifen. Verstehen bedeutet, den Künstler nicht bloß brennen zu lassen, sondern mitzubrennen. Sich von solch einer Gravitation zerquetschen zu lassen heißt, neue Lebenskeime entstehen zu lassen. Ob die sich in eigenem künstlerischen Ausdruck, einer hilflosen Verkleidung oder in handfesten Zahlen manifestiert, sei dahingestellt. Einen Künstler und seine Arbeit ernst zu nehmen bedeutet, sich auf die mitunter schmerzhafte Verwandlung einzulassen, die sie fordern. Es bedeutet, nicht länger die Lebensregeln der Hoffnungslosigkeit herzubeten und endlich von der bequemen Vogelscheuchenstange herunterzukommen und sich auf einen Weg zu machen.

In Ghosts gibt es ein Happy End: Maestros Tod war nur ein weiteres Stückchen Bühnenmagie. Er kehrt zurück, der Bürgermeister springt vor Schreck aus dem Fenster, der Staffelstab wird an die Kinder weitergegeben, die nun selbst ausprobieren, wie man am besten Leute erschreckt.
Genau so wird man vom bloßen Zuschauer selbst zum Magier: Man geht durch Angst und Hoffnungslosigkeit hindurch und kommt auf der anderen Seite als jemand heraus, der unter Wasser atmen kann.

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Karla Schmidt am 14. November 2013 in Blog

Erst schreiben, dann essen! Oder: was man lebendig begräbt, steht wieder auf.

Im Mai 2012, nachdem mir keine einzige meiner Hosen mehr passte und ich die verschriebenen Betablocker gegen den Bluthochdruck nicht mehr länger guten Gewissens verweigern konnte, habe ich einmal wieder damit begonnen, systematisch abzunehmen.
Ein halbes Jahr später hatte ich 20 Kilo weniger und konnte die Blutdrucktablette halbieren.
Jetzt, wieder ein halbes Jahr später, passe ich nur noch in zwei meiner Hosen einigermaßen hinein, ich traue mich nicht auf die Waage und messe auch keinen Blutdruck mehr. Statt mich weiter zielstrebig auf mein Gewichtsziel zuzubewegen, habe ich wieder zugelegt. Verdammt!

Es ist nicht das erste Mal, dass ich deutlich ab- und dann wieder zugenommen habe, es gab immer mal Zeiten großer Motivation, das Pendel schlug bisher aber immer wieder in die Gegenrichtung aus.

Doch warum diesmal? Diesmal habe ich keine rigiden Diätvorschriften befolgt, habe keine Kalorien gezählt, habe gute Mahlzeiten gegessen, neue Rezepte ausgetüftelt, Wildkräuter gesammelt, Sprossen gezogen, grüne Smoothies gemixt, mit nativem Kokosöl gekocht, Chiasamen überall dran- und draufgetan, die besten Öle gekauft, edelste Grüntees getrunken … und hatte Spaß daran.

Warum habe ich wieder damit aufgehört?

Ich habe vier wesentliche Faktoren im Verdacht.

Erstens kann es ja irgendwie nicht sein, dass ich mal mit etwas wirklich 100%igen Erfolg habe. Es muss schließlich Rückschläge geben, einen Dämpfer, der mich an meinen Platz verweist. Wenn es mir zu gut geht, kann das nicht rechtmäßog sein! Ein hinderliches Grundgefühl, das mich wahrscheinlich schon an so einigem gehindert hat, das ich auch hätte durchziehen können.

Zweitens: mein biologisch-regionaler und mit besten Zutaten und Nahrungsergänzungsmitteln ausgestatteter Lebensstil ging Anfang des Jahres schlagartig über meine finanziellen Verhältnisse. Ich hatte keinen aktuellen Verlagsvertrag, der letzte größere Auftrag für die “Schule des Schreibens” war durch, die Steuern wollten ebenso bezahlt werden wie der Steuerberater – und plötzlich war mein Dispo am Anschlag. Nichts ging mehr, und meine regelmäßigen monatlichen Ausgaben überstiegen die Einnahmen in beunruhigender Weise. Statt Bioladen war jetzt wieder konsequent Aldi angesagt. Das Gefühl, ein Recht auf gute Selbstfürsorge zu haben – wie weggeblasen. Kann ich mir eben nicht leisten.

Drittens:
finanzieller Engpass, keine Veröffentlichung in Aussicht, das sind psychische Stressfaktoren, die ich besser nicht zu dicht an mich ranlassen wollte. Was liegt also näher, als aufsteigenden Ärger, Selbstzweifel, Ungedulgd, Stress und innere Unruhe möglichst umgehend wieder zu begraben, unter einer Hand voll Chips, einem Glas Wein oder kalten Kartoffeln im Stehen aus dem Topf?

Viertens, und ich denke, das ist der eigentliche Knackpunkt: Wie immer habe ich auch beim letzten Mal versucht, mein Gewicht über eine disziplinierte Ernährung zu regeln: Nur essen, wenn du physisch hungrig bist! Nur die Sachen essen, die dir beim Abnehmen helfen! Aufhören, sobald sich eine leichte Sättigung einstellt! Regelmäßig Sport machen! Keinen Alkohol trinken!
Sogar Fressanfälle habe ich unter disziplinatorische Maßnahmen gestellt: Jeden Samstag ist Fresstag, und da wird geschaufelt, ob du willst oder nicht! So trickst man nämlich den “Hungersnot-Modus” aus, der bei so vielen Diäten zur Stagnation des Abnehmens führt. Schlau, oder?

Am Anfang, wenn man die ersten zehn, fünfzehn Kilo verliert, kann man sich damit durchaus wie auf Wolke sieben bewegen, man fühlt sich stark, auf dem richtigen Weg, ist stolz auf sich selbst.
Irgendwann lässt der Effekt nach, man gewöhnt sich ans Abnehmen, es ist nicht mehr solch eine Sensation, und es geht auch mit der Zeit immer langsamer voran. Stattdessen stellt sich ein Gefühl von erneuter Hoffnungslosigkeit ein. Und so soll das jetzt den Rest Deines Lebens weitergehen? Ständige Disziplin beim Essen?
Irgendwann wird man müde, dann lässt die Disziplin langsam nach. Und wenn dann noch äußere Stressfaktoren hinzukommen, dann gibt es nur noch eins, was einen über Wasser zu halten scheint: Essen!

Es ist nicht so, dass ich große Massen an Futter auf einmal in mich hineinstopfe. Stattdessen esse ich über den Tag verteilt ständig irgendwelche “Häppchen”. Zwei Kekse hier, eine Käsebrot da, ein paar Löffel Reste von gestern, eine Hand voll Nüsse … alles nur Kleinigkeiten. Und abends dann Wein drauf, das entspannt, und dann fühlt man sich auch gleich nicht mehr so schlecht, wenn man anschließend noch die Süßigkeitenkiste plündert …

Die Schriftstellerin Erica Jong glaubt, dass viele Schriftsteller nur deshalb zu viel trinken, weil sie zu wenig schreiben.

Kann da etwas dran sein? Im letzten halben Jahr habe ich wahrhaben müssen, dass meine beiden Verlage (Piper und Rowohlt) durchaus nicht auf ein neues Buch von mir warten. Ich habe erlebt, dass Heyne und ich sehr unterschiedliche Vorstellungen davon hatten, welche Art von Buch sich lohnen würde zu schreiben. Es ist nicht zu einem Vertrag gekommen. Mein Agent hat das Agentsein aufgegeben und ist Programmleiter bei Blessing geworden.
Lauter Rückschläge, nicht nur für den Geldbeutel. Auch fürs Selbstwertgefühl.
Durchaus möglich also, dass der Impuls zu schreiben in einer solchen Situation eben nicht mehr dazu führt, dass ich schreibe, sondern dass ich das Schreiben vermeide – bringt ja doch nichts – und mir stattdessen lieber schnell etwas in den Mund schiebe.

Mehr Energie, als ich nutzen kann

Wenn man im Internet nach psychologischen Ursachen von Übergewicht sucht, findet man unter anderem die Erklärung, dass Zuvielessen oft auf unterdrückte Wut auf sich selbst oder auf andere hinweist. Das ist wohl nicht ganz abwegig. Angst “nicht genug zu bekommen” scheint ebenfalls häufig dahinterzustecken. Passender geht es wohl kaum.
Auch Bluthochdruck wird in psychosomatischen Auslegungen als gestaute Wut aufgefasst, als eine Aggression, die keinen kreativen Ausdruck findet. Der Druck zeigt zugleich auch an, dass jemand mehr Energie hat, als er denkt oder nutzen kann.
Ich stelle mir das wie eine blockierte Dampfmaschine vor, der Druck im Kessel steigt und steigt, aber die Maschine kann die Arbeit dennoch nicht verrichten. Irgendwo klemmt ein Bolzen, irgendwo steckt etwas im Getriebe fest. Das Zuvielessen soll offenbar eine innere Disbalance ausgleichen und führt zu einer “Symptomverschiebung” nach außen: Fett!
Wenn es dabei nur um Schönheitsideale ginge, wäre das für mich halb so wild. Wenn die “äußere Fülle” ein Ausdruck von “innerer Erfülltheit” wäre, würde ich mich damit eher wohl fühlen. Dann hätte ich aber auch keinen Bluthochdruck, sondern einfach eine Menge Energie zur Verfügung.

Ohne Körper geht es nicht

Worum geht es hier also? Es geht darum, mich zu Hause zu fühlen in mir, es geht darum, meinen Körper nicht ständig als “störenden Fremdkörper” mit mir herumzuschleppen, sondern zu erleben, das er das einzige Ausdrucksmittel ist, dass ich letztlich habe. Ohne Körper läuft gar nichts!
Der “störende Fremdkörper” kann nichts dafür, weil er einfach das zum Ausdruck bringt, was ich vorher “runtergeschluckt” habe. Sich einen Feind einzuverleiben, ihn aufzufressen, ist vielleicht die archaischste, aber immer noch wirksamste Methode, ihn loszuwerden, oder?
Der Feind sind demnach nicht der Bluthochdruck oder das Fett, sondern vor allem wohl jene Wut auf mich selbst – weil ich nicht genug Geld verdiene, nicht erfolgreich genug bin, nicht genug schreibe, weil ich antriebslos in der Ecke hocke, statt zu tanzen oder Klavier zu spielen oder zu schreiben; innerlich getrieben und unter Strom, aber im entscheidenden Moment unfähig zu handeln. Vielleicht ist auch Angst dabei, dass sich das nicht ändern lässt, vielleicht auch Wut über alle möglichen Ungerechtigkeiten, an denen ich nichts ändern kann.

Teufelskreis

Wie auch immer es sich verhält, dmittlerweile weiß ich, dass die Lösung nicht darin liegt, sich hinsichtlich Essen und Trinken und Bewegung zu disziplinieren und einem kurzen Erfolgshigh immer wieder die Enttäuschung des Scheiterns folgen zu lassen.
Diese Enttäuschung ist ein Teufelskreis, denn wenn sie eines schürt, dann die Wut auf einen selbst, die Angsts, dass sich nie etwas ändern wird, und den inneren Druck, endlich etwas ändern zu müssen.
Enttäuschung über mich selbst torpediert nicht nur ein glücklicheres Verhältnis zu etwas, das mich jeden Tag des Lebens begleiten wird – zum Essen, sondern auch meine Form des kreativen Ausdrucks, das Schreiben.

Was kann ich also tun? Was kann ich tun, damit ich mich dem Drang, mir etwas in den Mund zu schieben (und zu schlucken! Kaugummi tut es nicht!) nicht so ausgeliefert fühle? Was kann ich tun, um die in Form von Fett und Blutdruck gestaute Energie für den Ausdruck zu nutzen?

Die Antwort erscheint fürchterlich einfach – und das Vorhaben sehr schwierig:

Ich werde mir keinerlei Essen und keinerlei Trinken verbieten, ich werde mir auch nicht verbieten, zu schnell oder zu viel zu essen, ich werde nicht an mir herummäkeln, mich nicht in Schuldgefühlen suhlen, wenn ich die “falschen Sachen” esse, sondern ich werde all diesen “dunklen Impulsen” rückhaltlos nachgeben.

Ich verordne mir dabei nur eine einzige Disziplin: Bevor ich mir etwas in den Mund stecke, werde ich schreiben. Sobald ich aufgeschrieben habe, was immer mich gerade bewegt, was immer gerade für Bilder, Fragen, Gedanken oder Szenarien in mir aufsteigen, kann ich essen. Ohne Wenn und Aber. Die einzige Regel, die es zu befolgen gilt, lautet also:

Erst schreiben, dann essen!

Was das bewirken soll?
Erstens gebe ich mir auf diese Weise die Zeit, denn Futterimpuls verstreichen zu lassen. Möglicherweise stelle ich mit der Zeit fest, dass ich das Essen nicht mehr brauche, nachdem ich geschrieben habe.

Zweitens schreibe ich. Das heißt, ich schaffe Ausdruck, und das vermindert Innendruck. Ich möchte wetten, dabei kommen Ideen zutage, die mir zu weit hergeholt, undurchführbar, größenwahnsinnig oder heikel erscheinen und denen ich darum bisher lieber schnell ein Ei an den Kopf geworfen oder eine Flasche übergezogen habe.
Ich gehe davon aus, dass übermäßiges, unbewusstes und unkontrolliertes Essen daher rührt, dass man einen inneren Zustand überdecken möchte oder ein Bedürfnis zu befriedigen versucht, dass sich mit Essen jedoch nicht stillen lässt. Man ist sich dieses Bedürfnisses oder Zustands jedoch in dem Moment nicht bewusst. Und damit das so bleibt, futtert man schnell etwas.
Indem ich zulasse, dass mir “etwas” bewusst wird, schaffe ich die Voraussetzung, an der Ursache anzusetzen, statt die Symptome mit Essen zu bedecken und sie dann an anderer Stelle als Druck und Fett wieder auferstehen zu sehen.

Merke: Was man lebendig begräbt, steht wieder auf!

Genau darum wird die Regel “Erst schreiben, dann essen” mir mehr Disziplin abfordern, als alle Diätregeln, die ich jemals befolgt habe. Und genau darum ist es möglicherweise die einzige Regel, die zu einer dauerhaften Veränderung führen kann.

Wenn ich jedoch erstmal gelernt und verinnerlicht habe, dass ich nicht zu viel essen muss, um das Leben gebacken zu kriegen, dass ich mehr Energie habe, mehr ausdrücken kann, wenn ich essen und trinken nicht zur Selbstbetäubung missbrauche, dann muss ich auch die Regel nicht mehr befolgen. Dann wäre ich irgendwie ziemlich – frei!

So, und nun darf ich in die Küche gehen und etwas essen. :-)

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Karla Schmidt am 16. Juni 2013 in Blog, Übers Schreiben

Wild Horses – Salon im Westen – Auftakt mit dem Kind auf der Treppe

Die Galerie Egbert Baqué Contemporary Art holt mit der neuen Veranstaltungsreihe Wild Horses die Berliner Salonkultur zurück in die Fasanenstraße – aufregende Bücher zur Kunst, junge literarische Stimmen zum Entdecken, Begegnungen mit außergewöhnlichen Persönlichkeiten – dazu ein gutes Glas Wein zum Nachspülen. Wild Horses – go West!

Moderiert wird die Reihe vom Autor und Verleger Kai Splittgerber. Gastgeber ist Egbert Baqué.

Im Rahmen dieser Reihe und der aktuellen Bowie-Ausstellung habe ich die Gelegenheit, noch einmal aus meinem Berlin-Bowie-Thriller “Das Kind auf der Treppe” zu lesen.

Dienstag
07.05.2013
19:30 Uhr

Hauptstraße 155, mitten in der Nacht. Die junge Musikerin Leni ist aus Reykjavik vor ihrem Mann geflohen. Sie weiß nicht, ob sie ihn in Notwehr getötet hat, oder ob er noch immer hinter ihr her ist. Als sie endlich bei ihrer Halbschwester Zicky in Berlin ankommt, ist die nicht da. Stattdessen sitzt im Treppenhaus ein unheimlicher Junge allein auf den Stufen. Leni nimmt sich des Kindes an und gerät in einen Strudel von widersprüchlichen Ereignissen. Bald weiß sie selbst nicht mehr, ist sie Opfer oder Täterin?

„Das Kind auf der Treppe“ inszeniert eine aus den Fugen geratene Realität und greift dabei die beklemmenden Momente von Bowies Berliner Triptychon Low / „Heroes“ / Lodger und seinem Kunstmord-Album 1. Outside auf. Wichtige Schauplätze sind Bowies Berliner Wohnung und die Hansa-Tonstudios, die Figuren sind von Bowies weirdness, seinem damals exzessiven Alkoholkonsum, der stets gefeierten sexuellen Ambivalenz und seinem Umfeld (Romy Haag, Iggy Pop) inspiriert. Die Vorlage für den seltsamen Jungen auf der Treppe findet sich in Bowies expressionistischem Gemälde Child in Berlin.

Next Horses
Donnerstag, 16. Mai 2013
Lisa-Marie Seydlitz – Sommertöchter

Dumont Buchverlag
Sommertöchter fühlt sich an wie ein heißer Tag: flirrend, vibrierend, leicht und manchmal auch stickig, drückend und geheimnisvoll. Ein echt überzeugendes Debüt! – (RBB Fritz)
Lisa-Maria Seydlitz gelingt mit diesem Roman ein kleines Wunder, denn trotz der schweren
Thematik ist er ihr wunderbar leicht geraten. Das liegt vor allem an den dichten, atmosphärischen
Miniaturen – auch denen des Glücks. – (NDR Kultur)
Ein Debüt, das viel verspricht und viel hält. – (Deutschlandradio Kultur)

Freitag, 31. Mai 2013
Detlef Kuhlbrodt – Leben mit David Bowie: Wie sieht der denn aus?
2008 wurde Detlef Kuhlbrodt mit dem Ben-Witter-Preis geehrt, weil er, so die Jury, “die klassische Kunst des Feuilletons neu belebt” hat und es ihm gelingt, “mit vollendeter Leichtigkeit und Lakonie das Lied in allen Alltagsdingen zum Singen zu bringen: ein heller Träumer, ein sarkastischer Poet, ein Diogenes mit der Laterne. Vor allem aber: ein eigensinniger Sprachkünstler gegen den herrschenden Instant-Journalismus.”

Nach der Lesung und dem Gespräch zwischen Detlef Kuhlbrodt und Kai Splittgerber zeigen wir den 18minütigen Kurzfilm des griechischen Filmemachers Minos Nikolakakis, The Attic, 2011:
Der Held des Streifens ist ein Verlierer. Die Frau lässt sich scheiden, das Verhältnis zur Tochter ist nicht besonders gut und mit der Arbeit läuft es auch nicht. Eines Tages hört er, wie aus einem kleinen Wandschrank Geräusche und Musik ertönen. Als er die Schranktür öffnet, tut sich dahinter ein großer Raum auf und er macht eine ungeheure Entdeckung: Es ist die Welt seines Jugendidols David Bowie. Je weiter er in diese Welt eindringt, desto mehr nimmt er die Rolle des Ziggy Stardust an. Ein neues Leben beginnt…

Egbert Baqué Contemporary Art
Fasanenstraße 37 10719 Berlin
www.berlin-contemporary-art.com
Telephone         +49-30-43.91.08.80
Mobile               +49-179-25.26.210
Email                 office@berlin-contemporary-art.com

Öffnungszeiten
Dienstag – Freitag       14 – 19 Uhr
Samstag                      12 – 18 Uhr

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Karla Schmidt am 23. April 2013 in Blog, Kind auf der Treppe, Lesungen und Termine

Ist es möglich, ein Buch zu werden?

Heute morgen habe ich ein Zitat von Amos Oz gelesen:

“Als ich klein war, wollte ich unbedingt ein Buch werden. Kein Schriftsteller. Menschen können wie Ameisen zertreten werden, und Schriftsteller sind nicht minder schwer zu töten. Aber nicht Bücher. Wie systematisch man auch versucht, ein Buch zu zerstören, es besteht immer die Möglichkeit, dass ein Exemplar überlebt und sein Dasein in einem Regal in irgendeiner kleinen, staubigen Bibliothek in Reykjavik, Valladolid oder Vancouver fristet.”

Ist es möglich, ein Buch zu werden? Das wüsste ich schon gerne. Fangen wir also mit den naheliegenden Gedanken an.

Leute werden Bücher, wenn andere Leute über sie schreiben. Sei sind entweder berühmt und werden mit Biografien bedacht, oder sie fließen als Alltagsfiguren in irgendeinen Roman ein. Eine Autobiografie zu schreiben, ist sicherlich ein ganz bewusster Versuch, ein Buch zu werden und am Leben zu bleiben.
Allerdings wohl eher ein misslingender Versuch. Denn das Ich-Gefühl, das Bewusstsein bleibt ja doch beim Autobiographen und wird zusammen mit ihm sterben, und das Buch, das übrigbleibt, hat per se erstmal kein Leben.

Schreib-Kryonik

Ich fürchte, es führt nicht, wie Amos Oz hofft, zum Weiterleben eines Buches, wenn es in einer verstaubten Bibliothek steht und ein „Dasein fristet“. Das ist kein Leben, sondern eine Art Kryostase, ein inaktiver Modus, der das physische Fortdauern sichert, ohne dass dabei Lebendigkeit im Spiel wäre.
Lebendig wird ein Buch in dem Moment, in dem es gelesen wird, und auch nur so lange, wie es gelesen wird. Klapp das Buch zu und schick es zurück in seinen Kälteschlaf, bis vielleicht nach 2000 Jahren ein Altertumsforscher es aus einer verschütteten Bibliothek rettet oder ein Alien es aus einer in die Tiefen des Alls geschickten Raumkapsel birgt. Sprache und Schrift werden dechiffriert, und wenn der Leser ein Altertumsforscher ist, wird das Buch der Forscher, ist der Leser ein Alien, wird das Buch zum Alien.
Im Buch lebt nicht der Autor weiter, sondern es gewinnt mit jedem Leser ein neues, eigenes Leben, an dem der Autor keinen Anteil mehr hat.

Ein Buch zu schreiben bedeutet, etwas abzusondern, wie eine Protuberanz, die sich dann für immer vom Körper löst. Schreiben wird ja oft genug auch mit dem Kinderkriegen verglichen: Ich habe meine Kinder zwar ausgetragen und geboren, aber abgesehen davon, dass alles Dasein auch irgendwie eins sind, weil es da ist, sind meine Kinder sie selbst und nicht ich.

Für kurze Zeit bin ich das Buch

Schriftsteller sondern also Bücher ab, die nicht sie sind. Aber Oz wollte ja auch nicht Schriftsteller werden, sondern ein Buch. Merkwürdigerweise habe ich eine genaue Vorstellung von dem Gefühl, das er mit der Hoffnung verbindet, ein Buch zu sein. Es ist das Gefühl, das ich als Kind hatte, wenn ich ein Buch gelesen habe:

Ich war die Suche nach dem Heiligen Gral, ich war der Löwe von Narnia, ich war die Gemeinschaft des Rings und die Reiter von Rohan, ich war das Kind im Waisenhaus, das in eine fremde Welt verbannt wird, ich war die turmhohen Wälder auf einem fernen Planeten, ich war das Mädchen, das von den Toten zurückkehrt, …

Bücher habe ich als Kind nicht gelesen, ich habe sie gelebt, und was man lebt, das ist man auch.
„Ein Buch sein“ heißt also zuerst, es auf eine bestimmte Weise lesen zu können: Sich selbst dabei aufzugeben und mit etwas anderem, das davor Nicht-Ich war, zu verschmelzen.
Als Kind war das leicht, die eigenen Identität war noch durchlässig genug, um sich täglich in alles und jeden verwandeln zu können.

Als Erwachsene ist es mir immer weniger gelungen. Ich lese Bücher heute nicht mehr, indem ich zu ihnen werde, sondern indem ich sie denke. Ich nehme auf, was ich lese, ich eigne es mir an, mag es oder mag es nicht. Dabei bin ich immer unzweifelhaft nicht das Buch, sondern diejenige, die das Buch liest. Es bleibt eine Distanz, die scheinbar nicht mehr überbrückt werden kann.

Ein Buch? Für immer?

Warum ist es so schwierig, ein Buch zu werden, wenn man groß ist? „Wenn ich einmal groß bin“ klingt so, als würde das „echte Leben“ erst später beginnen. Jetzt, als Kind, da ist ja alles bloß Spiel, als ob, unfertig.

Die Sehnsucht eines Kindes, im echten Leben, “wenn ich einmal groß bin”, ein Buch zu werden schließt die Vorstellung ein, dass man das Buch nicht nur lebt, solange man es liest, sondern dass man sein Bewusstsein dauerhaft transferieren könnte, so als würde man plötzlich Mitglied der Crew von Captain Futures Comet und würde für immer und einen Tag an ihren prinzipiell unendlichen Abenteuern teilnehmen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Als Erwachsene begreife ich langsam, dass das Leben als Kind genauso echt, faktisch, vollständig und bedeutsam ist, wie mein jetziges Leben. Vielleicht sogar mehr, weil man als Kind noch sorgloser im Moment aufgeht.
Als Kind konnte ich jede Woche ein anderes Buch sein, und die Erinnerungen an diese Erlebnisse sind heute lebendiger und wirklicher, als Erinnerungen an alle Bücher, die ich als Erwachsene gelesen habe. Ich habe tatsächlich viele Leben gelebt, weil ich mich an diese Leben erinnern kann und weil manche dieser Erinnerungen sich in ihrer emotionalen Tiefe in nichts von Erinnerungen an das physische Leben außerhalb der Bücher unterscheiden.

Wenn damals eine Fee gekommen wäre, um mir Amos Oz’ Sehnsuchtsgedanken zu erfüllen und mir erzählt hätte, ich könnte unsterblich werden, indem sie mich in ein Buch verwandelt, und wenn sie mich dann gefragt hätte, welches Buch ich denn gerne „für immer“ sein würde, dann hätte ich höchstwahrscheinlich das genannt, welches ich zufällig gerade las.
Hätte ich darüber nachgedacht, wäre ich aber vielleicht darauf gekommen, dass die Frage eine Falle ist und hätte die Entscheidung verweigert.
Wie hätte ich mich jemals für ein Buch entscheiden und damit alle andern Bücher ausschließen können?! Wie könnte ich das heute? Nur ein Buch sein? Nie mehr tauschen können? In irgendeiner verstaubten Bibliothek in Kryostase verharren? Unmöglich!

Wenn heute die Idee ein Buch zu werden, dennoch ein bisschen Wehmut auslöst, dann deshalb, weil ich nach einer Erfahrung verlange, die ich als Kind für selbstverständlich gehalten habe, die ich heute beim Lesen jedoch nicht mehr finde, weil da immer eine Lücke zwischen mir und dem Buch bleibt.

Die Lücke schließen

Selbst Bücher zu schreiben ist definitiv ein Versuch, diese Lücke zu schließen. Vielleicht ist Amos Oz darum Schriftsteller geworden. Ein Buch zu schreiben, heißt ein Buch zu sein.

Das Buchsein findet aber wiederum nur durch und während des Schreibens statt. Das fertige Produkt ist genauso weit von mir entfernt, wie das Buch jedes anderen Autors auch. Es beginnt, wie die eigenen Kinder, sein eigenes Leben, lässt einen zurück und verbindet sich mit anderen Menschen.
Nur solange man schreibt, lebt man das Buch, ist es ein Teil von einem selbst und man ist selbst ein Teil davon. Mittlerweile weiß ich, wenn dieses Gefühl sich beim Schreiben nicht einstellt, dann schreibe ich nicht gut.

Wenn Schreiben jetzt das ist, was früher für mich das Lesen war, dann kann ich Lesen als eine Art Training verstehen, das mich darauf vorbereitet hat, vollständige Leben im mentalen Innenraum leben zu können – auch ohne fremde Hilfe.
Wenn ich etwas geschrieben habe, kommt es sogar gelegentlich vor, dass ich dorthin zurückkehre, einen Moment erlebe, den ich nicht aufgeschrieben habe. Vielleicht ist das wiederum die nächste logische Stufe? Wenn man weder zu lesen noch zu schreiben braucht, um alle Leben zu leben und alle Welten zu bewohnen?

Die Frage ist vielleicht weniger, ob es möglich ist, ein Buch zu werden, sondern ob es möglich ist, alles zu werden, was man sich vorstellen kann. Es gibt ja Leute, die sagen, dass man das sowieso ist und es spätestens dann erkennt, wenn man stirbt.

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Karla Schmidt am 13. April 2013 in Blog, Übers Schreiben

Mehr Spielzeit für Autoren! Eine Improvisation übers Schreiben

Mir sind in letzter Zeit zwei Bücher in die Hände gefallen, eins übers Malen, eins übers Musizieren:

Michele Cassou: Point Zero – entfesselte Kreativität

Stephen Nachmanovitch: Free Play – Kreativität geschehen lassen

In beiden Büchern geht es um die Wirkung, die freies Improvisieren sowohl auf den Künstler wie auf seine Kunst hat, und beide kommen, auf kurze Formeln gebracht, zu ähnlichen Schlüssen:

- Gekonnte Improvisation braucht Technik

- Technik entwickelt sich nicht durch formelhaftes Üben, sondern mit und durch stetige Improvisation

- Übung durch Improvisation ist kein „Übel“ auf dem Weg zu einem „perfekten“ Ziel, sondern in sich selbst Zweck.

- Ziel ist die Evolution der des Spiels, Spiel ist der Motor der Evolution – sei es in der Natur, in der Reifung des Individuums oder der des Künstlers.

- Improvisation ist eng verknüpft mit einem Gefühl für Spiritualität, weil sie, wie Gebet oder Meditation, eine zugleich entspannte und gerichtete Aufmerksamkeit braucht, ein Aufgehen im Moment, ohne dabei die Kontrolle zu verlieren.

Diese Beschreibung deckt sich mit Erfahrungen, die ich letzter Zeit beim Schreiben mache.

Professionell zu sein ist keine Meisterschaft

Viele von uns sind jedoch – selbst als Kreativarbeiter – weitgehend auf ein protestantisches Arbeitsethos gedrillt. Kindern wird die Fähigkeit, mit jedwedem Material zu spielen, relativ systematisch aberzogen. Alles Tun ist mit zunehmendem Alter zunehmend auf ein Ergebnis, ein Ziel, ein Produkt ausgerichtet, und der Weg dorthin ist steinig und voll der Mühsal, sonst ist die Sache nichts wert. Nur, wer sich ordentlich schindet, gelangt am Ende zu einer gewissen Professionalität, und nur wer professionell ist, verdient es auch, Geld zu verdienen.

Hat man erst einmal einen gewissen Grad der Professionalität erreicht, weiß man, wie man seine Mittel einzusetzen hat, man kennt die „Tricks“ und „Kniffe“, und man reagiert auf die gleiche Art Herausforderung auf immer dieselbe, zehntausend Mal geübte Weise.

Das ist ja das Schöne, nicht wahr? Nun muss man sich nicht mehr schinden, nun weiß man, wie es geht, und es geht hinreichend einfach. Willkommen im kreativen Rentenalter.

Was nämlich bei dieser Art der Professionalität verlorengeht, ist die Fähigkeit zur Evolution. Man erreicht mit den erprobten Techniken in der Ausdrucksfähigkeit, aber auch auch in der eigenen Erkenntnis- und Erlebnisfähigkeit einen Zenit, der mit den bekannten Mitteln nicht überschritten werden kann. Es scheint, als hätte man das Ende der Fahnenstange erreicht, mehr ist da nicht.

Zurück zum freien Spiel

Es sei denn, man findet den Weg zurück zum freien Spiel. Wenn man die Tonleitern rauf und runter leiern kann, wird es Zeit, sie in einer andern Reihenfolge zu spielen. Und wenn sich das nicht gut anhört, dann ändert man die Reihenfolge, ändert sie wieder, und noch einmal. Schon ist man inmitten der Improvisation, man experimentiert, man spielt mit den Tönen und erweitert die erlernten Techniken um Ungelerntes.

Das Besondere am freien Spiel mit dem Material ist, dass man zugleich in zwei Aufmerksamkeiten präsent ist: Sowohl im Tun als auch in der flexiblen Reaktion auf dieses Tun.

Man nimmt die eigene Improvisation wahr, während sie entsteht und reagiert unmittelbar darauf, indem man das Erlebte in die weitere Improvisation einbezieht. So kann „on the fly“ ein Werk entstehen, das ebenso geschlossen, spannungsvoll und strukturiert ist, wie eines, bei dem man sich an den Noten festhält. Dies ist der Punkt, wo Improvisation zur Meditation wird.

Wenn ich nicht mehr schreiben will, dann will ich gar nichts mehr!

Ich habe über die letzten fünf, sechs Jahre einen gewissen Grad an Professionalität erreicht, ich kenne mich mit der Technik nicht nur theoretisch aus, ich habe auch viel geübt, und indem ich andern die Technik beibringe, übe ich sie immer und immer wieder von neuem.

Dabei ist mir ganz genau das passiert, was Cassou im Hinblick auf Malerei und Nachmanovitch im Hinblick auf Musik beschreiben: Irgendwann kennt man seinen Werkzeugkasten. Und dann tut sich nicht mehr viel.

Genossen habe ich das Schreiben im letzten Jahr leider nicht besonders. Es war eher mit Druck behaftet:

Du musst schreiben, das ist das einzige, was du kannst. Deine Profession. Sonst hast du keine!

Und Du musst verkaufen, sonst kannst du davon nicht leben, und dann ist deine Profession nichts wert! Pass dich an, liefere, was sich verkauft!

Selbst die Trotzhaltung, die ich dagegen eingenommen habe, basiert letztlich auf demselben Arbeitsethos: Lasst mich doch endlich das perfekte Buch schreiben, Ihr Banausen! Ich muss doch etwas Authentisches sagen, etwas „von Bedeutung“. Ich will doch nicht nur austauschbare Füllware für die Midlist, sondern ein Lebensergebnis liefern, etwas, das später mal ein Beweis dafür ist, dass ich nicht völlig nutzlos hier gewesen bin … Gebt mir Geld dafür und zeigt mir, dass meine Arbeit etwas Wert ist!

Beide Haltungen sind nur Varianten von „aufs Ergebnis, aufs Ergebnis, aufs Ergebnis kommt es an!“

Und beides führt dazu, dass ich nicht mehr gerne schreibe, dass ich es als Last empfinde, die mich, statt mir Energie zu geben, zunehmend aushöhlt. Zugleich ist mir vollkommen klar: Wenn ich nicht mehr schreiben will, dann will ich gar nichts!

Können Schreiber improvisieren?

Aber zählt beim Schreiben nicht nun einmal der fertige Text, weil es nur das Ergebnis ist, das andere Menschen wahrnehmen können? Wenn ich Musikerin wäre, Schauspielerin, Tänzerin … könnte ich auf der Bühne improvisieren, und das Publikum würde die Improvisation als das „eigentliche“ Werk begreifen, und auch action painting ist eine Improvistationskunst. Nur: wer schaut irgendjemandem beim Schreiben zu? Kann man sich Öderes vorstellen?

In gewisser Weise ist das ganze Leben ein nicht abreißender Strom von Improvisationen. Wenn ich mit jemandem spreche, muss ich die Technik des Sprechens so gut beherrschen, dass ich mit Worten und Satzbau flexibel spielen kann, sie der Situation anpassen und das Gespräch genießen kann. Wenn ich über Waldboden gehe, muss ich die Technik des Gehens so gut beherrschen, dass ich nicht darüber nachdenken muss, wie um alles in der Welt ich hier bitte gehen soll, wenn ich den Spaziergang genießen will.

Wenn ich einen Text schreibe – so wie jetzt diesen hier – ohne vorherigen Plan, sondern einfach meinen Gedanken folge, dann muss ich die Technik des geordneten Selbstgesprächs, des Satzbaus und meine PC-Tastatur so weit beherrschen, dass ich annähernd so schnell schreiben kann, wie ich denke.

Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, kann ich anfangen zu spielen, und dann rückt nicht mehr das Ergebnis, sondern die Erfahrung des Schreibens selbst in den Vordergrund: Ich genieße, wie ein Gedanke aus dem andern folgt und der Text von selbst einen Bogen zu schlagen beginnt. Ich genieße das Gefühl, etwas zu begreifen, indem ich es in Worte fasse. Ich improvisiere nicht nur in meiner Vorstellung, sondern ganz konkret, auf der Tastatur.

Das Ergebnis der Improvisation ist noch etwas holperig. Aber das kann ich anschließend verbessern, bis ich das Ergebnis für präsentabel halte. Vielleicht lasse ich es auch, mal sehen.

Augen zu beim Schreiben!

Bei Nachmanovitch habe ich die Empfehlung gelesen, beim Schreiben die Augen zu schließen und blind zu tippen und sich ganz auf die unmittelbare Umsetzung von Innenwelt in Text zu konzentrieren. Das heißt für mich nicht zwangsweise, dass die Innenwelt im Augenblick der Improvisation keine Richtung oder kein Thema haben darf. Natürlich kann ich im Sinne der mentalen Entrümpelung einfach drauflosschreiben, und das kann befreiend und inspirierend sein. Ich kann jedoch auch ganz bewusst mit einem Gedanken, mit einem Bild, einem Vorgang beginnen und mich in eine zugleich gelöste und konzentrierte Aufmerksamkeit begeben, die tatsächlich vor allem einem meditativen Zustand ähnelt.

Genau das habe ich also gestern Abend versucht: Augen zu, Blick nach innen, Hände auf der Tastatur, bereit zum Protokoll.

Und tatsächlich! Nach Monaten des Stillstands habe ich den entscheidenden Wendepunkt für eine Novelle gefunden. Ich habe nach langer Durststrecke endlich mal wieder eine Sache getan, die ich beinahe vergessen hatte: Ich habe auf den Prozess des Schreibens selbst vertraut, darauf, dass mein Unterbewusstsein längst weiß, was zu tun ist.

Blockiert war dieses Wissen dadurch, dass ich nicht aufhören konnte, an das Ergebnis zu denken und ob es denn einen Verlag finden würde und auch gut genug würde. Stattdessen habe ich diesmal einfach improvisiert, ohne dabei mein Thema aus den Augen zu verlieren. Ich habe mir lediglich keine Sorgen mehr um Misstöne gemacht, habe Variationen zugelassen. Dabei bin ich auf eine unerwartete Melodie gestoßen, auf Bilder, die ich bewusst wohl nicht hätte planen können.

Etwas wagen, spielen, ausprobieren

Zwischenfazit für mich: Improvisation beim Schreiben gelingt – genau wie in jeder andern Kunstform – wenn man die Technik soweit beherrscht, dass man ihr vertrauen kann und dann den Mut aufbringt, sowohl auf die Technik als auch auf das Ergebnis zu verzichten.

Ich fange nach langem „Ernst“ gerade erst wieder an, frei zu spielen, und erinnere mich daran, dass es ein ganz bestimmtes Gefühl bei dieser Art von Spiel ist, weswegen ich ursprünglich mit dem Schreiben einmal begonnen habe: Es geht darum, ganz und gar einzutauchen in das Erleben einer Welt, die auf wundersame Weise entsteht, noch während man hinschaut. Man hat alle Hände voll zu tun, mit dem Stift hinterherzukommen und die Rätsel zu lösen, die sich dabei auftun, und man kann hinterher nicht sagen, wie man auf all diese Ideen gekommen ist. Sie waren eben da, also hat man sie festgehalten, um sie auch für andere sichtbar zu machen.

Michael Jackson hat über das Komponieren gesagt, dass es nichts damit zu tun hat, einen Song zu „erfinden“, sondern damit, einfach in die Musik hineinzutreten. „Just step into the music.“ Genau das meine ich, wenn ich sage: Man muss einfach in die Geschichte einsteigen und aufschreiben, was man dort zu sehen bekommt. Ob man vorher plant oder nicht, ist dabei eigentlich egal. Die einen schreiben besser mit, die andern ohne Plan.

Ein Plan kann ein gutes, stabiles Gerüst liefern, hat aber dann keinen Wert mehr, wenn er zum Korsett wird. Es hat keinen Sinn, eine Richtung zu erzwingen, wenn ich die Augen zumache und die Geschichte in der geplanten Richtung nun einmal nicht weitergeht. In dem Fall hilft nur: andere Richtungen ausprobieren, die Tonleiter in einer andern Reihenfolge spielen.

Wenn man im Professionalismus gefangen ist, dann fühlt sich Schreiben so an: Nur noch eine Seite, dann habe ich es für heute geschafft. 5.000 Zeichen noch, dann kann ich das Dokument endlich schließen. Nur noch eine Beratung, dann darf ich mich erschöpft in die Ecke werfen …

Beim Spielen ist das anders. Egal, wie anstrengend es ist, man will gar nicht aufhören: Nur eine Runde Gummitwist noch! Nur noch ein Tor schießen! Nur noch eine Seite schreiben, ich bin gerade so gut drin, bitte, nicht stören jetzt!

Wenn ich das Schreiben wieder so erleben kann, dann brauche ich niemanden, der mich dafür bezahlt, damit ich mich an den Schreibtisch setze, und ich brauche auch keine Hoffnung auf ein „bedeutsames“ Ergebnis, um mich motiviert zu fühlen. Dann ist es eher so, dass ich es nicht erwarten kann, endlich anzufangen. Dann gibt es auch kein Ende der Fahnenstange, sondern ich gebe mir die Chance, langsam immer besser zu werden.

Jetzt brauche ich nur noch einen Brotjob, der mir viel Zeit zum Spielen lässt. :-)

P.S.: Fürs Protokoll – ich habe die vorliegende Improvisation übers Schreiben einmal überarbeitet und Zwischenüberschriften eingefügt.

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Karla Schmidt am 11. März 2013 in Blog, Übers Schreiben

Angepasst originell, so passt der Schuh!

Gerade bei mir mal wieder aktuell: Ein Verlag möchte gerne “etwas eigenes”, aber es soll auch “passen”.
Das mausert sich irgendwie zum Dauerwiderspruch bei mir – Verlage möchten einerseits gerne eine “originelle künstlerische Leistung” einkaufen, finden zugleich aber, dass “Originalität” für die Gesetze der kalkulierbaren Marktbereiche eben nicht “konform” genug ist.

Die großen Erfolge entstehen meist dort, wo vorher keiner damit gerechnet hätte, wenn jemand etwas Originelles/Auffälliges gemacht hat, das zufällig zum richtigen Zeitpunkt an die richtigen Leute geraten ist. Das ist die Ausnahme von der Regel, und die meisten Autoren hoffen wahrscheinlich, dass sie zu diesen Ausnahmen gehören.

Doch wenn es um die kalkulierten und halbwegs kalkulierbaren Programmplätze der Verlage geht, dann scheint Originalität eher ein Verkaufshindernis zu sein, da sortiert man sich besser ein. Das Blöde dabei: Auf diese Weise wird man als Autor kaum ein eigenes Profil entwickeln, nicht auffallen, nicht bemerkt werden.

Darum würde ich einfach gerne klar trennen: “Kunst” und “Kunsthandwerk”. “Werk” und “Auftragsarbeit”. “Brotjob” und “Herzblut”.  Manche Autoren haben das Glück, dass ihr Herz ganz genau für das schlägt, was Verlage gerade suchen. Die sind aus dem Schneider es sein ihnen gegönnt.

Bei mir ist das etwas anders, was ich mit Leidenschaft gerne schreiben würde, ist meist “zu krass”, “zu schräg”, zu “was ist das überhaupt?”

Ich habe aber auch kein Problem mit  Auftragsarbeiten nach klarer Vorgabe, finde da nichts Ehrenrühriges dran. Es wäre einfach ein ehrlicher Umgang mit der Marktsituation. Wenn eine Vertriebsabteilung also einfach sagen würde:

Wir wollen zwei Pärchen in einer Skihütte, die von der Umwelt abgeschnitten wird, und dann sollen die erst alle durcheinandervögeln und sich dann gegenseitig umbringen. Oder: Wie wollen so ein Buch wie das von Autor XY, aber in einer andern Farbe.

Prima, da weiß ich, was ich zu tun habe und wie das Honorar ausfällt! Und es hieße nicht einmal, dass es keinen Spaß mache und keine Kreativität einfließt, sondern bloß, dass man die Kreativität eben innerhalb bestimmter, festgelegter Parameter nutzen muss.

Verlag sagt aber: Machen Sie doch mal was richtig schön Krasses, das können Sie doch. Wir wollen aber nichts Paranormales und keine missbrauchten Kinder (z.B.).

Daraufhin reiche ich mehrere Stoffe ein – ohne Paranormales und missbrauchte Kinder und schön krass. Ich folge dabei Ideen, die ich spannend finde, denen ich etwas abgewinnen kann, die mich auch über das Genre hinaus interessieren – von denen ich mir erhoffe, dass sie nicht nur Leser, sondern auch mich selbst in meiner Erkenntnisfähigkeit, meiner Erlebnisfähigkeit weiterbringen.

Antwort vom Verlag: “nicht das richtige” / “zu krass”

*Seufz* Ich weiß. Kenn ich schon. Also ich: Dann gebt mir doch bitte genauere Vorgaben. Ich kann doch nicht erraten, was ihr haben wollt, das wisst Ihr doch viel besser als ich. Was ich hingegen gut kann: Umsetzen, was Ihr haben wollt. Ich bin handwerklich gut, das Ergebnis wird spannend und sprachlich auf den Punkt geschrieben sein.

Verlag: Wir wollen aber keine “Reißbrettbücher”, das sollen doch eigenständige, künstlerische Arbeiten sein.

Liebe Vertriebsleute und Lektoren in den Verlagen: Wenn Ihr eigenständige künstlerische, originelle Leistungen wollt, dann müsst ihr genau das auch zulassen und glücklich sein, wenn Ihr keine Reißbrettbücher bekommt.

Wenn Ihr aber eigentlich am liebsten Reißbrettbücher wollt, dann seid doch einfach Euch selbst und den Autoren gegenüber so ehrlich, das auch zu sagen. Programmplätze füllen kann man auch mit sauberem Kunsthandwerk, da muss man keinen “authenische Autoren”-Mythos dranhängen.

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Karla Schmidt am 28. Februar 2013 in Blog

Zähflüssige Wirklichkeiten – warum Michael Jackson noch immer als Kinderschänder, Verleugner seiner Rasse und Verräter der Musik beschrieben wird

In den letzten Tagen habe ich anhand desselben Themas mehrmals dieselbe Beobachtung gemacht: mediale Wirklichkeit, die im quecksilbrigen Wechsel der Bilder so reaktionsschnell und aktuell wirken kann, ist tatsächlich zäh wie Harz und auch im explizit kritischen Journalismus und im medienwissenschaftlichen Kontext manchmal in einer Weise konservativ, die ich beunruhigend finde. Deutlich wurde mir das an drei Zitaten:

1. Jungle World, 7.2.2013 – Bagdad´s Smooth Criminals

So der Titel einer Reportage von Andrea Miluzzi und Linda Dorigo über jugendliche Tänzer in Bagdad, die den Unwillen der Behörden und der Gläubigen auf sich ziehen, weil sie ihre Kunst mangels Proberäumen in Parks und auf Straßen ausüben.

„Unter all den musikalischen Idolen gibt es einen, der über allen anderen steht: Michael Jackson, den sie einfach nur „the king“ nennen. „Als ich das Video von >Smooth Criminal< das erste Mal gesehen habe, war ich acht Jahre alt, es traf mich wie ein Blitzschlag“, erzählt Adel.
Es geht ihnen nicht nur um die Musik und um den Tanz, sondern auch um den Menschen Michael Jackson. Wenn es um ihren König geht, fangen alle plötzlich sehr laut zu reden an, als wollten sie zeigen, wer ihn am meisten liebt. Von den Skandalen um die Person Michael Jackson wollen sie nichts wissen: „Als er gestorben ist, haben wir geweint und tagelang schwarze Kleider getragen“, sagt Adel, „und wir reden nicht mehr mit Leuten, die Schlechtes über ihn sagen.“ Für ausländische Reporter ist das durchaus als Botschaft zu verstehen, den Prozess wegen Kindesmissbrauchs erwähnen wir daher an dieser Stelle lieber nicht.“

Die Reportage beschreibt die Kriminalisierungserfahrungen der Jugendlichen, lobt ihr tänzerisches Talent und belächelt ein wenig von oben herab die Naivität arabischer Kids, denen als rebellische Geste nichts besseres einfällt, als sich für westlichen Pop zu begeistern.
Dass diese Jugendlichen in ihren Aussagen differenzierter und informierter sind, als die Reporter, entgeht diesen komplett. Der Unterschied entspricht dem zwischen der Betrachtung eines Gegenstandes in der Boulevardpresse (Reporter) und der Durchdringung eines Gegenstands nach einer von leidenschaftlichem Interesse beflügelten Recherche (Jugendliche).
Das hat erstens damit zu tun, dass es kaum einen Gegenstand gibt, dessen mediale Repräsentation derart festgelegt ist, wie die Michael Jacksons. Zweitens gibt es möglicherweise keine andere Fangemeinde, die derart mit biografischem, medizinischem und gerichtlichem Detailwissen bewaffnet ist, wie die von Michael Jackson.
Gerade weil Jackson ab einem bestimmten Punkt in der Öffentlichkeit systematisch verlacht und später dämonisiert wurde, sind Fans gezwungen, hinter die Kulissen zu schauen und aus den medialen Inszenierungen das herauszudestillieren, was einer möglichen Wahrheit am nächsten kommt. Was daraus entsteht, ist fast immer gesteigerter Respekt für einen Künstler, der ansonsten wenn nicht unheimlich, so doch zumindest befremdlich bleibt.
Das erscheint im Kontext einer Medienkultur, die eindeutig provokative Stars wie Marilyn Manson oder Lady Gaga hervorbringt, erstaunlich. Doch Jackson hat sich eben nicht als „Provokateur“ gegeben, er ließ sich dort nicht einsortieren, während sein Lebensstil und sein Erfolg zugleich als höchst provokant empfunden wurden . Jackson saß in mehr als nur einer Hinsicht konsequent zwischen den Stühlen, und dieser Status hat den Kern seines Schaffens als Musiker und Tänzer stets überschattet.

2. Lisa Gotto: Touch / Don´t Touch – interkulturelle Körperkontakte im Videoclip. In: Ivo Ritzer / Marcus Stiglegger (Hrsg.): Global Bodies. Mediale Repräsentationen des Körpers. (Berlin 2012)

Lisa Gotto schreibt in ihrem Beitrag unter anderem über Michael Jacksons Shortfim zu dem Stück Black or White (1992). Die Passage des Essays ist von Ungenauigkeiten und Oberflächlichkeiten durchzogen, die im folgenden Zitat mit am deutlichsten zutage treten:

„Der Eindruck ethnischer Vielfalt wird noch einmal aufgenommen und gesteigert in einer Abfolge von Gesichtern, die mittels Morphing auseinander hervor- und ineinander übergehen. Zu sehen sind unterschiedliche Hautfarben und Physiognomien, deren Wechsel sich in einer einzigen fließenden Bewegung zu vollziehen scheint.
Der nächste Teil zeigt ein weiteres Morphing. Aus einem schwarzen Panther erwächst Michael Jackson, dessen zuckende Tanzbewegungen nun nicht mehr von Musik oder Gesang begleitet werden. Es folgen Schreie und Gewaltausbrüche […] Was auf der Ebene des Songtextes angekündigt wird – „It don´t matter if your black or white“ -, das scheint sich auch über die Bilder mitzuteilen und in ihnen auszubreiten […] Geht es hier also um die Unterminierung der Differenz, um die Auflösung und Auslöschung des Unterschieds? Um die Feier einer formvollendeten Formlosigkeit? In der Diskussion um das Morphing ist diese Position mehrfach vertreten worden.“ (S.235f.)

Die Autorin nimmt diese Idee auf und führt anhand verschiedener Zitate weiter aus, dass das Morphing hier die Illusion transformativer Identitäten bezüglich Rasse, Alter und Geschlecht erzeuge, wo es in Wirklichkeit doch nur eine unbehagliche Einheitsform hervorbringe: Die des lächelnden, schönen Menschen.

„Damit ist eine Befürchtung aufgenommen, die Jean Baudrillard bereits als Charakteristikum des Videostadiums gekennzeichnet hatte. Er spricht von der „endlose(n) Angleichung des Menschen an sich selbst.“; von einer Vervielfachung, die das Distinkte zu unterminieren, ja zu zerstören drohe […]. Nicht als befreiendes Moment tritt uns hier die Angleichung entgegen, sondern als beunruhigende Assimilation.“ (S.236f.)

Dies werde auch dadurch unterstützt, dass die Morphing-Sequenz weder einen signifikanten Anfang noch ein Ende habe; die Narration sei hier der Flow selbst, der keine Zuordnung authentischer oder ursprünglicher Merkmale mehr aufweise, ebenso wie Michael Jacksons durch Operationen assimiliertes Gesicht (ebd.)

Beunruhigende Gleichmacherei

Folgt man dieser Argumentation, findet hier keine Befreiung im Sinne eines gleichberechtigten Ausdrucks von Differenz statt, sondern eine beunruhigende Entdifferenzierung und „Gleichmacherei“ unter der Ägide des Popmusikvideos. Es ist interessant, mit welchem Einmut die von der Autorin zitierten Artikel diese Beunruhigung teilen.

Bei dieser Sicht auf die Morphing-Sequenz handelt es sich meiner Meinung nach jedoch um eine eklatante Fehlinterpretation und zeigt vor allem eins: Die Beunruhigung, die Jackson ständig sich wandelnde Erscheinung auslöst, wir hier weitgehend unreflektiert auf seine Arbeit übertragen. Eine genaue Analyse des Videoclips findet nicht statt. Die Morphingsequenz weist z.B. durchaus ein – deutlich ironisches – Ende auf. Sie erschließt sich erst dann, wenn man die anderen Passagen des Films, die musikalische Ausgestaltung, den Tanzstil, Jacksons Stellung in der Öffentlichkeit und den zeitgeschichtlichen Kontext in die Interpretation einbezieht. Gottos Betrachtung des Videos ist in einer Weise oberflächlich, die zu einer allzu unhinterfragten Bestätigung der Sicht auf Jackson als „Verleugner seiner Rasse“ führt – einem Bild, das sich seit 1987 konsequent und vorwurfsvoll durch die Rezeption zieht.

3. David Brun Lambert: Der Phönix der Popszene. In: Starcollector: Michael Jackson – Ausgabe 04/2012

Eine Publikation für Fans, die ich am Bahnhofskiosk erstanden habe. Hier geht es also nicht um eine sozialkritische Reportage oder einen medienwissenschaftlichen Aufsatz, sondern um etwas ganz Einfaches: einen Star in bestem Licht erscheinen zu lassen, die schönen und glamourösen Seiten zu betonen und Leser möglichst nicht durch unbequeme Themen vom Kauf seiner Alben abzuhalten. David Brun-Lambert vertritt hier die – nicht neue, aber bisher kaum differenziert untersuchte – These, dass hinter den Angriffen auf Jackson die alte amerikanische Rassenproblematik stecken könnte. Insofern ist dieser Artikel bereits einen Schritt weiter, als die beiten ersten zitierten Texte. Von dennoch mangelnder Kenntnis des Gegenstands spricht in diesem Kontext eine solche Formulierung:

„Er hatte davon geträumt, anders zu sein und verkörperte das Versprechen der Popszene: „Werde zu dem, der du sein willst.“ Doch ein Schwarzer, der weiß werden will, ist für den amerikanischen Puritanismus nicht akzeptabel.“

Das ist soweit korrekt, verkennt jedoch die Tatsache, dass Jackson durchaus nicht freiwillig weiß geworden ist. Die Angriffe sind zudem auch nicht allein daraus zu erklären, dass er weiß wurde, die Dynamik war komplexer und speiste sich außer aus der Rassenproblematik auch aus der Weigerung Jacksons, über sein Privatleben zu sprechen und einen Lebensstil, der sich an sowohl christlichen Grundwerten als auch an romantischen Künstler-Idealen orientierte.

Künstler oder Kalkulator?

Ich will den Zitaten zugrundeliegenden Denkfiguren ein wenig genauer aufschlüsseln. Ich werde mir hier nicht den Raum nehmen, den Kindesmissbrauchsprozess, der im ersten Zitat zum Stein des Anstoßes wird, im einzelnen zu analysieren – das ist ein Thema, das allein ganze Bücher füllen kann. Es sei hier nur angemerkt, dass sowohl die Prozessakten als auch ein großer Teil von Jacksons FBI-Akte im Internet einsehbar ist und dass Jackson aus gutem Grund in allen Anklagepunkten freigesprochen wurde. Hierzu gibt es mittlerweile reichhaltiges Material, das jedoch in Presseartikeln selten Niederschlag findet, weil Journalisten in der Regel nicht so viel Rechercheaufwand betreiben, wie es z.B. im akademischen Kontext notwendig wäre. (Auch dort wird das Thema bisher jedoch nicht analytisch behandelt.)

Den Shortfilm zu Black or White will ich hingegen eingehender beschreiben. Durch genaue Betrachtung einer konkreten Arbeit lässt sich normalerweise mehr über das Ideengebäude eines Künstlers herausfinden als aus irgendwelchen anderen Quellen.
Es gibt bisher nur sehr wenige Publikationen, die sich explizit mit Jacksons Arbeit auseinandersetzen (Joseph Vogels Man in the Music gehört zu den Ausnahmen). Möglicherweise, weil Jackson als kommerzieller Unterhaltungskünstler gilt, dessen Werk keine Betrachtung als Ausdruck einer Künstlerpersönlichkeit verdient. Sowohl Jacksons Musik als auch seine Videos sind jedoch nicht zuerst Produkte für einen willkürlich mit bunten Bildern zu speisenden Markt gewesen, sondern bewusster, oft hart erarbeiteter Ausdruck, und die ästhetischen Konzeptionen dahinter waren nicht nur brillant, sie erweisen sich auch als weitgehend zeitlos.

Die Miskonzeption Jacksons als kindhaft-naives Wesen stand in krassem Widerspruch zu seiner Arbeit, weswegen es für Kritiker oft schwierig war, die Persona Jackson mit dem Schaffen Jacksons in Übereinstimmung zu bringen, was wiederum dazu führte, dass dieses Schaffen aus dem Blickwinkel eines Voraburteils betrachtet wurde: Was lediglich kalkulierter Kommerz ist, kann keine Kunst sein, und wo sich die Spannung zwischen Gegensätzen nicht in ein einheitliches Bild auflösen lässt, ist etwas verdächtig. Das Naive und das perfektionistisch Durchdachte, das Jackson zugleich verkörperte, schien nicht zusammenzupassen, und darum konnte nur eins von beidem richtig sein.
In einem solchen Blick auf Jacksons Lebensstil und Arbeit wird ersichtlich, warum sich die Geschichte vom „Kinderschänder Jackson“ ebenso hartnäckig hält, wie die vom “Weißeinwollen”  oder vom “kapitalistischen Verräter der wahren Musik” – sogar (oder gerade?) in Publikationen, die sich die kritische Aufdeckung repressiver Denkmuster auf die Fahnen geschrieben haben.

Warum der „gute Neger“ zum „Freak“ wurde

Bei kaum einem andern Star mit solch großer Sicherheit auszuschließen, dass er pädophil war, wie bei Jackson, da bei keinem je so gründlich in der Unterwäsche gewühlt worden ist. Dass man dabei nicht fündig wurde, ist ein Rätsel und ein Ärgernis, das bereits während des Prozesses 2005 für Verschwörungstheorien gesorgt hat – Jackson sei zu reich und zu mächtig, er nutze vielleicht Seilschaften zum organisierten Islam, um sich aus der Affäre zu ziehen. Ist dies die Verbindung zu den Kids aus Bagdad? Erklärt sich vielleicht so, warum sie auf ihren „King“ nichts kommen lassen?

Warum glänzt das Zitat aus der Jungle World Reportage mit solch großer Arroganz und Uninformiertheit? Dass Jackson 2005 freigesprochen wurde, ist von den Medien jeglicher Couleur mit einer gewissen Enttäuschung zur Kenntnis genommen worden. Jackson verurteilt – das hätte nicht nur eine bessere Story gegeben, sondern es hätte auch dem Bild entsprochen, das sich bereits 1983 mit dem Titel „Wacko Jacko“, der Jackson von der britischen SUN verliehen worden war, abzuzeichnen begann und sich spätestens Ende der 1980er mit einem bereits deutlich erbleichten und effeminierten Jackson weiter verfestigte.

Jackson war zunächst noch, wie vor ihm Marvin Gaye, der „gute Neger“ gewesen, höflich, feinsinnig, immer mit einem Lächeln auf den Lippen, dessen „vom Tellerwäscher zum Millionär“-Geschichte wunderbar in die nationale Narration der Machbarkeit passte.
Für Off the Wall gab man ihm zwei Grammys. Doch Jackson war damit nicht zufrieden, er wollte mehr und wusste, dass er mehr erreichen konnte. Er wollte dem von ihm verehrten Charlie Chaplin nacheifern und eine Ausdrucksweise schaffen, die Menschen auf der ganzen Welt emotional berührte. Das Ghetto der „schwarzen Musik“, die damals noch in von den „weißen“ Charts getrennten Charts gelistet wurde, wollte er hinter sich lassen. Genau das gelang:

Dass nächste Album war Thriller, das den damals krisenhaft geschrumpften Plattenmarkt neu definierte und sowohl die weißen als auch die schwarzen Charts anführte. Es wird darüber gern in Superlativen geredet, das ist ja auch sehr reizvoll: Thriller ist mit über 100 Millionen verkauften Exemplaren bis heute das meistverkaufte Album aller Zeiten.

Der Affront bestand darin, dass Jackson damit den gut abgesteckten Bereich schwarzer Unterhaltungsmusik endgültig verließ und sein eigenes Amalgam aus (schwarzem) Soul, (weißem) Rock, Disco, Pop, Musical, später Hip Hop, Beatboxing, klassischer und „ernster“ Musik schuf. Das Ergebnis war elektrisierend und Jackson bewirkte beinahe im Alleinhang eine so radikale Globalisierung der Musikindustrie, dass es ihm manche Kollegen verübeln – wie beispielsweise der weiße Künstler Fatboy Slim, der anmerkte, Jackson hätte besser bei seinem ehrlichen Soul bleiben sollen, statt aus Musik eine Marktmaschinerie zu machen. Nicht nur seiner Ansicht nach hatte Jackson durch seinen kommerziellen Erfolg die „wahre Musik“ verraten; wie immer, wenn jemand mit einer Sache Erfolg hat, steht im Gefolge eine Industrie, die den Erfolg mit andern Stars zu reproduzieren versucht. Den Vorwurf an den Künstler zu richten, der mit seiner Arbeit diese Lawine losgetreten hat, entspricht der These von der Differenz auslöschenden Gleichmacherei, die in der Betrachtung des Black or White Shortfilms bei Gotto für so viel Unbehagen sorgt: Es handelt sich schlicht um eine Projektion.
Eine solche projektive Kritik scheint auf den ersten Blick jedes Rassismus abhold zu sein. Deutlich sichtbar wird Rassismus erst, als Jackson zunehmend nicht mehr als Schwarzer erkennbar ist. Der Vorwurf, er wolle „weiß“ sein, wurde laut. Jackson hat zunächst wenig dafür getan, den Behauptungen die Nahrung zu entziehen. Im Gegenteil hat er anfangs, als er sich eingehend mit dem amerikanischen Zirkusdirektor P.T. Barnum beschäftigt hat, für eine Selbstinszenierung als „Freak“ entschieden. (Freakschows, in denen unter anderem „weiße Neger“ ausgestellt wurden, waren im Europa und in den USA des 19. Jahrhunderts Gang und Gäbe.) Jackson versuchte, aus einer Not eine Tugend zu machen, mit den medialen Repräsentationen zu spielen und so die Realität zu steuern – Geister, die er rief und nachher nicht mehr loswurde.
Die konkrete Not, die zur Tugend gemacht werden musste, nannte sich Vitiligo; die Krankheit, die eine Depigmentierung der Haut zur Folge hat, wurde bereits 1984 diagnostiziert, 1993 hat Jackson in Oprah Winfreys Talkshow, wenn auch sichtlich mit Schamgefühlen behaftet, darüber gesprochen.
Geglaubt hat ihm die Presse zu diesem Zeitpunkt nicht, man stellte sogar die Existenz einer solchen Krankheit gleich ganz in Frage. Doch warum glaubte keiner an eine Hautkrankheit, warum war es naheliegender, an den Freak zu glauben, der sich selbst zum Schneewittchen macht?

Pinocchio schneidet sich die Nase ab

Da wäre zunächst der Mythos vom Selbsthass Jacksons, genährt von einem brutalen Vater, einer schweren Akne in der Pubertät und das schnelle Wachstum einer auffälligen Nase, die das Image des „süßen Jungen“ innerhalb weniger Monate zunichte machte. Sobald er volljährig war, hat Jackson sich die breite, fleischige Nase in eine gerade, schmale Nase verwandeln lassen. Die war im ersten Anlauf einigermaßen kaukasisch geraten, im zweiten Schritt jedoch war das Ergebnis nicht kaukasisch, sondern vor allem: künstlich.
Der plastische Chirurg Stephen Hoeffling hatte Jackson dreieckige Nasenlöcher und eine schiefe, aufwärts strebende Nasenspitze verpasst, die eher nach einem Comic als nach einem Menschen aussah. Es wird sich wohl nicht mehr klären lassen, ob dies ein Unfall war oder dem Kundenwunsch entsprach. Gewiss ist nur: Die Nase hat sich danach (trotz anders lautender Medienberichte) im Wesentlichen nicht mehr verändert. Weitere Operationen dienten dem Erhalt, nicht der Umgestaltung, denn bei der zweiten Operation wurde so viel Knorpelgewebe entfernt, dass die Nase nicht mehr richtig durchblutet wurde.
Diese weder „schwarze“ noch „weiße“ Nase trug Jackson also bereits in den 1980er Jahren. Dennoch begann erst 1993 nach den ersten Kindesmissbrauchs-Vorwürfen die Presse wegen dieser Nase Amok zu laufen. Es kursierten aus ungünstigem Winkel aufgenommene, groteske Bilder und Montagen, in denen Jackson gar keine Nase hatte. (Angeblich bewahrte er seine Prothese in einem Krug auf; eine Geschichte, zu der der Pathologe, der Jackson obduziert hat, auf Nachfrage nur lakonisch antwortete: Natürlich hatte der Mann eine Nase.)
Dieses plötzliche Interesse an Jacksons Nase ist in einem ganz banal freudianischem Sinne zu verstehen: Der Mann hat Böses getan mit seinem Geschlecht; die logische Selbstbestrafung besteht in der Amputation der eigenen Nase.

Jackson hat auch mit dieser Geschichte noch zu spielen versucht: Während einer Bühnenprobe ließ er eine Wachsnase über die Bühne fliegen, fasste sich ins Gesicht und schrie hysterisch. Am nächsten Tag sah er wieder ganz normal aus. Interessanterweise wurde dieser tricksterhafte Spaß nicht als solcher verstanden. Die Nachricht, die um die Welt ging, lautete: Jackson ist bei einer Probe die Nase weggeflogen!
Die Absurdität solch grotesker Geschichten besteht nicht darin, dass sie erfunden sind. Sie besteht darin, dass die Erfindung als Realität interpretiert wurde. Nun war nicht mehr die Geschichte grotesk, sondern Jackson war es. Der Zauberlehrling mit Chaplins Verspieltheit und P.T. Barnums Raffinesse hatte 1993 bereits weitgehend die Kontrolle über den Zirkus verloren.

Wirklichkeit ist das Bild, das wir uns von ihr machen

Wie einfach es ist, jegliche Art von Geschichten zu inszenieren, zeigte in den 1990er Jahren die britische Künstlerin Alison Jackson. Sie arbeitete mit Doppelgängern von Prominenten und inszenierte nie stattgefundene Situationen, z.B. Prinzessin Diana, die den Stinkefinger zeigt oder die Queen auf der Toilette.
Eine Reihe ihrer Bilder zeigte „Michael Jackson“ – mit zerstörter Nase, Weinflasche oder mit schwarzseidener surgical mask, auf den Knien ein schreiendes Kleinkind, in der Hand einen Lippenstift, mit dem er dessen Gesicht beschmiert. Diese Bilder sind so inszeniert, als seien ihre Objekte im Sinne eines Paparazzi-Shots „auf frischer Tat ertappt“ worden – und sie wirken authentisch, wenn man bereit ist, sie nicht als Inszenierung, sondern als „Nachricht“ zu begreifen.

Dass Jackson sich vorsätzlich zum Weißen machte, war vor dem Hintergrund seines Erfolgs, der Rätsel um seine Person und der Narrationen, die er selbst um sich herum zu weben begonnen hatte, tatsächlich leichter zu glauben, als die schlichte und banale Wahrheit einer demütigenden, identitätszerfressenden Hautkrankheit.

Auch nach Jacksons Tod und der Bestätigung von Vitiligo durch den Pathologen nahm die Presse dieses Faktum eher stillschweigend zur Kenntnis. Wie man an dem Star Collector-Zitat sehen kann, ist es noch immer die Geschichte von dem Schwarzen, der lieber weiß sein wollte, der den Hals nicht voll bekam, obwohl er doch schon alles und mehr hatte, als die meisten Weißen auf diesem Planeten, die die Gemüter erregt. Die Narration vom „tragischen Jackson“ beginnt sich parallel zu der des „dämonischen Jackson“ durchzusetzen, doch auch für diese ist die Geschichte vom „Weißseinwollen“ konstitutiv.

Der Schritt zur Kriminalisierung des Zauberlehrlings war nun nicht mehr groß, und er wurde auf breiter Front vollzogen, wie man an dem Zitat aus der Jungle World gut sehen kann – womit ich schließlich zum Black or White Shortfilm komme.

Inszenierung der Differenz – die „Ethnie Michael Jackson“

Für Michael Jackson den Menschen dürfte die Vitiligo-Diagnose auf dem Höhepunkt seines Ruhms eine traumatische Situation dargestellt haben. Die Entscheidung, die Krankheit aktiv in die Selbstinszenierung einzubeziehen und Rätsel und Mythos weiter zu nähren, war für ein Kind, das vor Kameralinsen aufgewachsen war, konsequent. The Show must go on!
Was Jackson inszenierte, war jedoch nicht, wie vielfach konstatiert, „Whiteness“ – sondern Unverwechselbarkeit, oder auch Differenz. Jackson sah 1987, 1988 bereits nicht mehr wie ein Schwarzer aus mit der hell überschminkten Haut und der schmalen Nase. Er sah mit den langen Jheri-Curls aber auch nicht wie ein Weißer aus. Er hob mit Make Up feminine Züge hervor, sah dabei aber nicht wie eine Tunte aus, weil er zugleich auch die Hüfte mit breiten Gürteln und den Schritt mit expliziten Tanzgesten betonte. Seine Ausstrahlung konnte die eines schüchternen jungen Mannes, eines exzentrischen Aristokraten oder eines ausgemachten Machos sein.
Diese Zusammenstellung von Race- und Gendermerkmalen sah von Anfang an unverkennbar ausschließlich wie Michael Jackson aus, er bildete sozusagen seine eigene Ethnie. Das gilt für jedes Stadium seiner weiteren Karriere, während der er mal Papierweiß mit grellrotem Lippenstift in Erscheinung treten konnte, zu anderen Gelegenheiten maskiert und dann wieder praktisch ungeschminkt.

In der Rio-Version des Videos They don´t care about us (1996) zeigt Jackson sich beispielsweise weitgehend so, wie er auch zuhause anzutreffen war: in einfacher Kleidung, ohne Perücke und aufwändiges Make Up. Das nach einem Brandunfall 1984 und durch eine weitere Autoimmunerkrankung (Diskoider Lupus) dünner gewordene Haar und die kaum kaschierten Vitiligo-Flecken auf Brust und Armen wurden im allgemeinen nicht wahrgenommen, weil der Blick darauf nicht geeicht war.

Stattdessen lag der Fokus auf den Features des Gesichts: Ist das eine Nase oder eine Prothese, hat er sich spitzere Wangenknochen machen lassen, die Augen vergrößern, …?
Das Interessante daran ist, dass man anhand von Bildern jegliche Aussage beweisen kann, z.B. dass Jackson an seinem Gesicht „kaum etwas hat machen lassen“ ebenso wie dass er „über 50 Operationen“ hatte. Es ist möglich (und wird auf youtube auch so betrieben), Morphings mit Jacksons Gesicht anzufertigen, die beweisen, was immer zu beweisen das Ziel ist. Dass Jackson dabei immer eindeutig als Jackson erkennbar bleibt, ist das eigentlich Erstaunliche dabei.

Morphing

Es ist die „Ethnie Michael Jackson“, die im Video zu Black or White neben weiteren Ethnien ihren Auftritt hat. Der zitierte Aufsatz von Gotto enthält einen interessanten Ansatz: Der fließende Selbsthervorbringung des Immergleichen als Inhalt der Narration im Gegensatz zur filmischen Montage, die durch Kontrast Spannungsbrüche erzeugen kann.

Die Morphing-Sequenz inszeniert in der Tat das „ewig Menschliche“ und darum allen Menschen Gleiche. Was hier – bewusst naiv auch mit der Unterlegung einer musikalischen, die in Art eines kindlichen Abzählreims wiederholt wird (it´s black, it´s white, it´s tough for you to get by) – erzählt wird, ist das Glück des Menschseins an sich, unabhängig von Form, Farbe oder Geschlecht. Den Kitschfaktor verliert diese Sequenz auch im Kontext des gesamten Shortfilms nicht, er wird durch Kontrast und Selbstkommentierung sogar hervorgehoben.

Beginnen wir also damit das Video in den zeitgeschichtlichen Kontext zu stellen, sehen wir uns Jacksons Position und Image in der Öffentlichkeit zu diesem Zeitpunkt an und gehen dann die Sequenzen des Videos im Detail durch.

Slapstick-Anarchie und der „angry black man“

1990 – Die Komödie Kevin Allein zu haus kommt in die Kinos und macht den jungen Macauley Culkin über Nacht zum Star. Der Film bedient sich aus dem Repertoire des klassisch anarchischen Slapstick. Michael Jackson, ein Fan von Chaplin und den Stooges und ein Mensch, der oft besser mit Kindern als mit Erwachsenen auskam (weil Kinder „nichts von ihm wollten“), freundet sich mit Culkin an. Er wird mit einem deutlichen Erfahrungsvorsprung des ehemaligen Kinderstars ein wichtiger Verbündeter für Culkin, der einer der wenigen Prominenten ist, die während des Kindesmissbrauchsprozesses 2005 für Jackson vor Gericht aussagen werden.

Los Angeles 1991 – Weiße Polizisten verprügeln Schwarze, Schwarze schlagen zurück, ziehen Weiße aus ihren Autos, treten zu. Die Gewalt eskaliert. Die militante Black Panther Bewegung kommt in dieser Zeit zu einiger Berühmtheit.
Jackson, der nicht weit vom Brandherd entfernt lebt, ist von den Ereignissen nicht nur erschüttert, sondern der „good negro“ der Anfangsjahre solidarisiert sich mit den Schwarzen und zeigt sich hier zum ersten Mal explizit als „angry black man“ und bringt diese Solidarität in Black or White zum Ausdruck.
Die Panther Dance-Sequenz am Ende des Shortfilms führt erstmals dazu, dass eine Arbeit von Jackson boykottiert und zensiert wird. Es wird später – im Zusammenhang mit dem Album HIStory und dem knapp 40-minütigen Kurzfilm Ghosts – zwei weitere Zensur-Fälle geben, die Jackson immer dort beschneiden, wo er Unrecht nicht mehr mit dem netten Lächeln des We are the World-Gutmenschen begegnet, sondern zunehmend scharfzüngig und wütend.

1993 – die Oprah Winfrey Show zu Gast auf Michael Jacksons Neverland-Ranch. Vor laufender Kamera und globalem Rekordpublikum erklärt Jackson: I have this scin desease, vitiligo … Die Situation ist Jackson sichtlich peinlich, was dazu beiträgt, dass seine „Aussage“ als „Ausrede“ wahrgenommen wird.

Doch zum Zeitpunkt von Black or White wusste die Weltöffentlichkeit noch nicht um die „Ausrede“ Vitiligo. Als der Clip erschien, war der Effekt folgender:
Der weiße Neger erzählt der Welt, dass es nicht darauf ankommt, ob man schwarz oder weiß ist.
War dies nun eine kommerziell motivierte Heuchelei? Oder Zynismus? Wie konnte er so etwas singen, wenn es ihm selbst offenbar so wichtig war, möglichst weiß zu erscheinen? Das war widersprüchlich und damit suspekt.

Jackson war sich dieses Widerspruchs bewusst, und er ließ ihn absichtlich unaufgelöst. Warum? Weil ein unaufgelöster Widerspruch Spannung erzeugt, der man sich nur schwer entziehen kann. Jackson machte erneut aus der Not eine Tugend – und war im Gespräch.
Dieses „im Gespräch sein“ war auf lange Sicht für das Image Jacksons als ernstzunehmender Künstler jedoch wohl eher kontraproduktiv. Die Idee, die Öffentlichkeit werde den Künstler zuerst nach seiner Arbeit beurteilen, hat sich mit den Jahren immer weniger erfüllt – zum Teil auch, weil Jacksons erfolgreiche Weigerung, sich einer Gruppe oder Schublade zuzuordnen, Teil seiner künstlerischen Arbeit war. Die fortwährend ungelöste Frage „wer oder was ist Michael Jackson?“ gehörte zum Programm, das eben nicht für Assimilation, sondern für Differenz sorgte und für Differenziertheit hätte sorgen können, wenn man weniger die vermeintliche Person und mehr den musikalischen Output ins analytische Visier genommen hätte.
Dass Jacksons Mission ausdrücklich die von Toleranz und Interkulturalität war, widerspricht seiner herausgehobenen Erscheinung nicht, im Gegenteil: Indem er so explizit ausschließlich Jackson und different ist, fordert er Toleranz ein, denn Toleranz verlangt eine positive Anerkennung des Unterschieds als Wert an sich.

Die Inszenierung der Inszenierung

Der Black or White Shortfilm beginnt im Weltraum, die Kamera zoomt in eine weiße, amerikanische Mittelschicht-Vorstadt. Der Vater sitzt vor dem Fernseher, die Mutter, wie ein hypnotisiertes Kaninchen auf dem Sofa, liest ein Boulevard-Blatt. Der Sohn tobt sich – bei rebellischer Rockmusik – in seinem Zimmer aus und spielt Luftgitarre. An seinen Wänden Poster von Bart Simpson und Michael Jackson.
Den Vater stört dieser Ausdruck kindlicher Energie und Kreativität bei seinem Baseballspiel, er befiehlt Bettruhe. Der Junge ist jedoch nicht irgendein Junge, sondern Macauley Culkin, alias „Kevin allein zu haus“. Seine Antwort: Haushohe Boxen, eine rote Gitarre, eine verächtliche Geste aus Jacksons BAD-Schortfilm und eine absurd hohe Lautstärke.

Der Vater fliegt bei diesem Lärm samt Fernsehsessel durch das Dach des Einfamilien-Fertighauses – und landet in der Savanne Afrikas. Hier beginnt die eigentliche Show.

Wiege der Musik

Die einleitende weiße Mittelschicht-Szene hatte die Funktion eines Prologs, erst danach beginnt der eigentliche Song. Es ist kein Zufall, dass Jackson den Zuschauer (zusammen mit dem Mittelschicht-Vater) nach Afrika versetzt: Hier liegen die Wurzeln von Jacksons Musik.
Die Lehrmeinung besagt, dass schwarze Musik die Rhythmik als Basis verwende, während weiße Musik auf Melodie basiere. Jackson, Inbegriff des musikalischen Amalgams, steigt hier in einen Rocksong (mit Dance und HipHop Elementen) im optimistischen up beat Tempo ein. Zunächst ist noch alles am Rhythmus und einem eingängigen Gitarrenriff orientiert, der Gesang setzt erst ein, nachdem Jackson mit einer Gruppe schwarzer Krieger getanzt hat, wobei er ihre Bewegungen adaptiert, ohne seinen eigenen Tanzstil zu verlassen.
Alle weiteren Tanzbegegnungen zwischen Jackson und anderen ethnischen Gruppen sind deutlich als „inszeniert“ markiert – sie finden vor grauem Studio-Hintergrund statt, oder es werden in fließenden Übergängen Backgrounds eingeblendet. Besonders deutlich wird das in der „Indianer-Sequenz“, ein für Touristen inszeniertes „Eingeborenenspektakel“.
In der Begegnung mit einer indonesischen Tänzerin auf dem Grünstreifen einer Straße liest Jackson zunächst – wie zuvor die weiße Mittelschicht-Mutter – eine Zeitung, knüllt diese jedoch schnell zusammen und wendet sich der Tänzerin und damit dem Wesentlichen zu: dem Ausdruck von Individualität und von Einheit in der Differenz im Tanz.

Die gesamte Sequenz, von den afrikanischen bis zu den russischen Tänzern, wird gerne als Ausdruck einer naiven „Multikulti“-Propaganda interpretiert. Dabei wird der Aspekt des Tanzes jedoch zu wenig berücksichtigt, der nicht nur hier, sondern schon in früheren Jackson-Videos (vor allem Beat it und BAD) stellvertretend für „Ausdruck / Kreativität“ steht: In der Individualität des Ausdrucks kommen Menschen zusammen und überwinden Spannungen. Jackson „lernt“ von den kulturspezifischen Ausdrucksweisen, die in seinem eigenen Tanzstil zu einem eigenen Ausdruck zusammenfließen.

Eine Bridge zwischen Schwarz und Weiß

Auf die „Ethno-Tanzsequenz“ folgen – für einen Rocksong ungewöhnlich – zwei musikalische Bridges, Zwischenspiele, die einen Song musikalisch mit neuem Kontext und neuer Spannung aufladen. Hierbei werden musikalische Identitäten unterlaufen:
Die erste Bridge ist eine typische „weiße“ Hard Rock Sequenz. Der „Nigger“ Jackson geht durch die Feuer des Ku Klux Klan und kommt gestählt daraus hervor. Die „aggressive“ Musik benutzt Jackson hier im biblischen Sinne von „Schwerter zu Flugscharen“ – eine Technik, die er später bewusst und in provokanterer Weise im Zusammenhang mit dem HIStory-Album ausbauen wird, wenn er rassistische Lyrik des 19. Jahrhunderts (Little Susie) oder Riefenstahls Propaganda-Ästhetik (HIStory-Teaser) adaptiert und für seine Zwecke ummünzt.
Bei der zweiten Brigde handelt es sich um einen Rap:

„Protection
for gangs, clubs
and nations
causing grief in
human relations
it’s a turf war
on a global scale
I’d rather hear both sides
of the tale.
See, it’s not about races
just places
faces
where your blood
comes from
is where your space is
I’ve seen the bright
get duller
I’m not going to spend
my life being a color.“

Dieser Text stammt nicht von Jackson und wird auch nicht von ihm, sondern von einer andern Männerstimme gerappt, während Macauley Culkin dazu die Lippen bewegt. Wir befinden uns auf einer Straßenszene, die Rapper sind Kids aller Hautfarben, die wiederum ihre Individualität und Kreativität ausdrücken.
Ein interessantes Detail ist, dass Jackson bei den Studio-Aufnahmen durch Unterlassung dafür gesorgt hat, dass die Rap-Sequenz von einem Weißen (Bill Botrell) gerappt wurde. Botrell hatte immer wieder darauf gedrängt, dass man einen „richtigen“ schwarzen Rapper für diese Bridge engagieren müsse, doch Jackson hat sich nicht bewegt, bis Botrell selbst zu Demozwecken eine Version einrappte und Jackson entschied: Perfekt, das nehmen wir.

So kommt es, dass in den beiden Bridges von Black or Whiete weiße Musik von einem Schwarzen und schwarze Musik von einem Weißen performt wird.

Das Ärgernis der Heuchelei

„I´m not gonna spend my life beeing a colour“ – ein irritierender Satz aus dem Munde eines Schwarzen, für dessen Erbleichen bislang jede Erklärung fehlte. Doch noch lässt Jackson das Publikum mit dieser Irritation allein.
Schnitt: Jackson auf der Fackel der Freiheitsstatue, ein kitschiges Bild, noch immer schwelgen wir im fröhlichen up beat eines poppigen Rocksongs. Jackson singt: Don’t tell me you agree with me, when I saw you kicking dirt in my eye …
Die Heuchelei, die man ihm für dieses Video angesichts seiner Hautfarbe vorwerfen mochte, wurde an dieser Stelle präventiv und umstandslos an den politisch korrekten Zuschauer zurückgegeben; von political correctness ausgenommen war nämlich fast immer die „Ethnie Michael Jackson“.

How do you do that?!

Nach diesem kurzen Verweis auf die Denkbewegung des Zuschauers folgt die bereits besprochene Morphing-Sequenz, die im Gesamtkontext des Shortfilms auf technischer Ebene brillant war, damals jedoch offenbar vor allem kulturpessimistische Reaktionen hervorgerufen hat.
Die Sequenz erscheint mittlerweile nicht mehr aufgrund der Technik des Morphings interessant, als wegen der Art und Weise, wie sie zu Ende geführt wird: Die prinzipiell unendliche Morphingbewegung wird auch textlich/musikalisch durch das sich wiederholende it’s black, it’s white, it’s tough for you, to get by markiert.
Entscheidend ist: Am Ende zoomt die Kamera in eine isometrische Totale, wir sehen das Studio mit alle seinen hin und herlaufenden Helfern, Scheinwerfern, Requisiten und seinem Chaos von schräg oben.
Die Morphing-Sequenz wird also zuerst als Inszenierung von Wunschdenken vorgeführt, ähnlich wie schon in Beat it und BAD die Schlichtung der Gangstreitigkeiten als Bühnenutopie oder Fanatasie vorgeführt wurden. Nun folgt ein Scherz, der nur dem aufmerksamen Betrachter auffallen wird: John Landis, der Regisseur, ruft „Cut!“ und geht zu dem Mädchen, das in der Morphing-Sequenz zuletzt zu sehen gewesen war. Es ist ein schwarzes Mädchen, und es ist wohl nicht zu viel gesagt, wenn man sie als Stellvertreterin für Michael Jackson ansieht. Landis sagt zu ihr: „That was perfect! How do you do that?“
In der quasi-dokumentarischen Sicht der Totale erfahren wir also, das Mädchen / Michael Jackson kann in Wirklichkeit morphen und seine Gestalt nach Belieben verändern. Wir haben es hier mir einem doppelbödigen Kommentar auf Jacksons Selbstinszenierung zu tun: Er zeigt uns, dass er prinzipiell jedermann / jedefrau sein kann, dass es sich dabei um eine Inszenierung handelt, dass diese Inszenierung jedoch Wirklichkeit ist.

Die Panther-Sequenz: das Ghetto zerschlagen

Was wir als nächstes Sehen, ist die Bestätigung dafür. Die Kamera zoomt wieder in die Szene und bekommt einen schwarzen Panther in den Fokus. Die nun folgende sogenannten Panther-Sequenz rief besonders in den USA Empörung hervor. Es wurde gesagt, Jackson rufe darin zu Gewalt auf, sie sei unangemessen und für Kinder nicht geeignet. Jackson musste sich öffentlich entschuldigen und die Sequenz wurde von MTV zunächst aus dem Programm genommen und erst dann wieder gezeigt, als sie auch für den „einfachen“ Zuschauer durch ein paar „Interpretationshilfen“ in Form von Hakenkreuzen und rassistischen Tags verständlich gemacht worden war.

Die Panter-Sequenz beginnt, wenn der Black Panther aus dem Filmstudio – in welchem man gerade einen fröhlich-optimistischen up beat Rocksong für MTV dreht – (an einer George Washington-Statue vorbei) eine Stahltreppe hinabgeht.
Dort, jenseits der Studio-Welt, in der eine kitschig-verträumte Version der Wirklichkeit erschaffen wird, wartet eine andere Wirklichkeit: Das Ghetto, eine trostlose, nasse Straße, blinde Fensterscheiben, alte Autos. Das Ghetto ist verlassen, vielleicht sind die Einwohner gerade alle bei den Rassenunruhen.
Aus dem Panther wächst Michael Jackson hervor, ein wildes Tier, das von einem Scheinwerfer eingefangen und gebannt wird. Was nun beginnt, sind nicht, wie Gotto schreibt, „zuckende Tanzbewegungen“, sondern eine viereinhalb Minuten lange, ausdrucksstarke Modern Dance Sequenz. Jackson mischt Stepptanz mit Body Percussion und Musique Concrete. Dass die Sequenz von Kritikern meist als „ohne Musik“ beschrieben wird, dürfte seinen Grund darin haben, dass Jackson sich hier in ein Genre begibt, das man eher von avantgardistischen Bühnenperformances erwartet, nicht aber von einem Popstar. Was jedoch geschieht, ist Performance von massiver Ausdruckskraft.

Ruft Jackson zu Gewalt auf, wenn er unter Schreien und masturbatorischen Bewegungen ein Auto zusammenhaut und Fensterscheiben einwirft?
Was die Nachrichten während dieser Zeit vor allem zeigten, waren Weiße, die auf Schwarze, und Schwarze, die auf Weiße einschlugen. Worauf Jackson einschlägt, ist das Ghetto als solches, das hier als Ursache der fortdauernden Rassentrennung bestimmt wird: Solange es das Ghetto gibt, wird sich nichts wesentliches ändern. Was schwarze Ghettos damals zugleich kontrollierbar und unberechenbar machte, war die Verbreitung von Alkoholismus unter den Bewohnern. Jacksons „Gewaltorgie“ beginnt damit, dass er eine Schnapsflasche in die Gosse tritt. Danach folgen Auto und Fensterscheiben, und am Ende bringt er mit halb raubtierhaften, halb menschlichen Schreien eine Leuchtreklame des „Royal Arms Hotels“ zu Fall. Die Gewalt gilt nicht Menschen, sondern einem System und seinen Symbolen.
Die sexuelle Komponente dieser Sequenz ist dabei auch, aber nicht nur der Erfolg versprechenden Mischung aus Sex and Crime geschuldet. Die Erotik hat hier eine verzweifelte Qualität, ist mehr eine Energie der emotionalen Intensität, als wirklich Lust. Einen ironischen Schlag bekommt sie bei einer Aufnahme von Jacksons Hosenstall: Erst heizt er dem Zuschauer ein, lockt mit einen Versprechen – seit Jahren fragt die Öffentlichkeit nach Jacksons Sexualität. Ist er straight, homo oder gar asexuell? Hat er überhaupt einen Penis, oder hat er sich den, wie seine Nase, bereits entfernen lassen? Auch diese Frage lässt Jacksons, wie alles andere auch, gekonnt in der Schwebe, denn bevor es „etwas“ zu sehen gäbe, zieht er den offenen Hosenstall wieder zu.

Epilog

Nachdem Jackson sich im Ghetto verausgabt hat, verwandelt er sich zurück in einen Panther, verlässt die Szene. Schnitt ins weiße Mittelschicht-Vorstadthaus der Simpsons. Bart, neben „Kevin allein zu haus“ das andere populäre anarchistische Kind dieser Zeit, schaut Michael Jackson im Fernsehen. Homer fühlt sich gestört – „Bart, turn off that noise“ – und schaltet den Fernseher aus, womit auch das Video endet.

Kreativität versus Gewalt

Der gesamte Kurzfilm, inszeniert als Inszenierung, ist sich seiner Mittel nicht nur im Sinne des Effekts sondern auch ihrer Bedeutung bewusst. Hier kulminiert ein Diskurs zum Thema Kreativität und Gewalt, der im Beat-it-Video begann und in Martin Scorseses 18minütiger Version des BAD-Videos weitergeführt wurde.
Will man hingegen das Motiv des Gestaltwandels weiter verfolgen, das in den Tanzbegegnungen und den Morphingsequenzen des Videos thematisiert werden, bieten sich zwei andere Kurzfilme zur näheren Betrachtung an.

Thriller (1984)

Jackson wechselt hier insgesamt sieben Mal die Gestalt: Vom „netten Jungen“ zum Werwolf (im Film) zurück zum netten Jungen (im Kino) in einen Zombie (in der Fantasie des Mädchens), wieder in einen netten Jungen und schließlich in ein katzenhaftes Etwas. An diesem Punkt sind die Grenzen zwischen Realität und Inszenierung verwischt, es bleibt unaufgelöst, ob die Bedrohung real ist oder nicht. Was wir jedoch sehen: der „nette Junge“ hat unheimlichen Spaß dabei, das „Monster“ zu spielen, sein letzter Blick sagt: Ich weiß, ich stare dich an, und wir beide wissen, dass dir das gefällt.

Die Selbstdarstellung als schwarzes, Mädchenfleischhungriges Monster auf dem Höhepunkt von Jacksons Karriere ist natürlich kein Zufall, sondern reflektiert einen Skandal: Jackson galt als das erste schwarz Sexsymbol, das sich auch weiße Mädchen – zur Empörung ihrer Eltern – an die Wand hängten. Jackson war nicht nur erfolgreich, er war sexy, und damit eine potentielle Bedrohung. Ihm war die amerikanische Geschichte, in der Schwarze gelyncht wurden, wenn sie mit weißen Mädchen ausgingen und weiße Mädchen als „white Trash“ galten, wenn sie mit Schwarzen ausgingen, deutlich bewusst. Wenigstens zwei Beziehungen zu weißen Frauen (Brooke Shields und Lisa Marie Presley) scheiterten unter anderem an diesem Problem.

Ghosts (1997)

Dieser knapp vierzig Minuten lange Film war bereits ein Reflex auf die ersten Kindesmissbrauchsvorwürfe, die wenige Wochen nach Oprah Winfreys Interview laut wurden.
Hier rechnet Jackson öffentlich mit dem rechtskonservativen Staatsanwalt Tom Sneddon ab, der ihn von 1993 bis an sein Lebensende verfolgen sollte.
Ghosts wurde von MTV mit der Begründung abgelehnt, dass der Film zu hohe Standards setze, die andere Künstler nicht bedienen könnten. Tatsächlich sieht der Film technisch auch heute noch vollkommen frisch aus.
Dies war jedoch nicht der eigentliche Grund, sondern es ging bei der Ablehnung der Ausstrahlung um Brisanz des Films, denn Jackson greift hier, wie schon in dem Song D.S. (HIStory), den Staatsanwalt offen an.
Jackson spielt hier sich selbst in der Rolle eines Zeremonienmeisters (der Maestro), der eine Show inszeniert, um die aufgebrachten Stadtbewohner für sich einzunehmen. Er spielt auch den fetten, weißen Bürgermeister, der ihn vertreiben und das Publikum auf seine Seite ziehen will. Zudem spielt er einen Ghoul, ein Gerippe und eine (zum Schein) besiegte, tragische Gestalt, deren Gesicht zu Staub zerfällt. Jackson bedient sich in diesem Film ausgiebig und durchaus selbstironisch aus dem Bildreservoir der grotesken Körperkonzeption und liefert eine mit Gesang und Tanz höchst unterhaltsam unterfütterte Studie darüber ab, wie durch Kunst tieferes Verständnis und mehr Toleranz entstehen können. (Ghosts ist einen eigenen Artikel wert, den ich möglicherweise als nächstes angehen werde.)

Einer der Jungen Männer, die in der zitierten Jungle World Reporatge zu Wort kommen, erklärt, dass sie weder Gangsta-Gehabe, Baggie Pants noch Goldkettchen brauchen, ihnen ginge es allein um die Musik, den Tanz. Es war Jacksons Shorfilm zu Smooth Criminal (1987), mit dem für einen von ihnen alles begann. Smooth Criminal ist ein Videoclip, der im Kontext mit anderen Clips zu dem (dramaturgisch unkonventionellen) Spielfilm Moonwalker zu sehen ist.

Der „sanfte Verbrecher“ ist eine von Jacksons immer wiederkehrenden Inkarnationen, die aus dessen Faszination für den Gangsterfilm der 1940er Jahre herrührt. Das Video enthält den Lean, eine Bewegung, bei der Jackson und die Ensemble-Tänzer sich in einem 45-Gradwinkel nach vorne neigen. Buster Keaton hatte das 1927 in seinem Film College bereits vorgemacht, wenn auch nicht mit der selben Nonchalance wie Jackson.

Dieser Lean sagt, ich bin Michael Jackson, ich kann sogar die Schwerkraft außer Kraft setzen! – und eröffnet damit einen unbegrenzten Möglichkeitsraum. Sich diesen Raum auch für sich selbst immer wieder zu erschließen, ist das große Angebot, das Jackson uns mit seiner Arbeit macht. Indem er sich einfachen Deutungen entzieht, indem er das Spannungsfeld zwischen unvereinbar erscheinenden Eigenschaften hält, bleibt er eine der faszinierendsten Figuren der Kultur des zwanzigsten Jahrhunderts.

Ghosts wurde kaum wahrgenommen – 1997 hatte Jackson bereits kaum noch Fürsprecher, viele Künstler verweigerten die Solidarität, um eigene Imageschäden zu vermeiden, passten sich dem Meinungsmainstream an und blickten mit Verachtung auf Jackson. Im Jahr 2001 nahm er sein letztes Album Invincible auf, das jedoch gemessen an seinem gewohntem Erfolg ein Flop wurde. Das Schicksal nahm seinen Lauf.

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Karla Schmidt am 18. Februar 2013 in Blog

Es ist ein Frühchen!

Vier Wochen eher als erwartet halte ich “Die Rote Halle” in den Armen, frisch gedruckt und blutig rot. Ich weiß, so etwas sagt man nicht, aber ich finde sie hübscher als mein Treppenkind … liegt etwas schwerer und griffiger in der Hand, die Schrift sitzt besser auf der Seite und trotz Glanzfolie hat das Cover mehr räumliche Tiefe.

Der Klappentext macht diesmal auch einiges her:

TANZ BIS AUFS BLUT

Ein verlassener Flughafen, eine blutige Ballettinszenierung. Die brutal zugerichtete Leiche einer Tänzerin. Ein Junge, verschluckt von endlosen unterirdischen Gängen. Und die Botschaft an seine Mutter: Sie kann ihren Sohn nur retten, wenn sie selbst zur Täterin wird.

Psychospannung für alle, die Sebastian Fitzek zu harmlos finden.
Westdeutscher Rundfunk

Hier habe ich den Anfang als Leseprobe reingestellt. :-)

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Karla Schmidt am 02. Dezember 2011 in Blog, Rote Halle

Kurzgeschichte des Monats beim Fantasy Guide

Wenn man erstmal anfängt mit bloggen, gibts natürlich immer gleich wieder viele Anlässe. Heute der Folgende:

Der Fantasy Guide hat eine etwas ältere und für meine Verhältnisse ausgesprochen romantische Story mit dem Titel “Plateau” online gestellt – unter der Rubrik “Kurzgeschichte des Monats”.
Diese Geschichte war ein Reflex auf eine zweiwöchige Saharareise – mit Berbern und Kamelen und frischem Brot aus der Asche des abendlichen Feuers und was sonst alles noch dazu gehört (Sonnenallergie und mit Kamelpisse gewürztes Trinkwasser zum Beispiel … ).
Mit das Beeindruckendste an dieser Reise war ein unglaublich plastischer, dicht an dich mit Sternen bepackter Himmel von Horizont zu Horizont, der mir das Gefühl gab, mitten im Weltall zu stehen.
Natürlich befinden wir uns immer mitten im Weltall. Aber dieser Sternenhimmel, der hatte etwas von den romantischen Vorstellungen, die ich mir von einer Weltraumreise mache. Erhabenheit, die Winzigkeit des Individuums im Angesicht des Kosmos, hoch melancholische Space Oddity …
Daraus hat sich dann diese Geschichte ergeben, ein wenig SF, ein wenig Reisebericht, ein wenig kultivierte Einsamkeit und Vergeblichkeit … :-)

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Karla Schmidt am 28. März 2011 in Blog, Kurzgeschichten, Übers Schreiben

Melodie & Rhythmus beim Schreiben / Ich erkenne mich nicht wieder / nur anderthalb Romane

Melodie und Rhythmus – schöne stilistische Tugenden, und auch für die Dramaturgie nicht ganz unwichtig. Diesmal meint die Überschrift aber eine Zeitschrift, und die handelt natürlich nicht vom Schreiben, sondern von Musik.

Schwerpunktthema im Monat März: Musik und Literatur

Da sind ein paar interessante Artikel drin, unter anderem auch ein Interview mit Rocko Schamoni, der eine Weisheit zum besten gibt, an der ich mich in letzter Zeit gerne festhalte, wenn einmal wieder Fragen nach der “Markttauglichkeit” meiner Texte laut werden: Man schreibt nur das gut, was man wirklich schreiben will.
Ich behaute zudem: Nur mit dem, was man wirklich gut macht, kann man auch erfolgreich sein.
Oder eben auf hohem Niveau scheitern. Was es bei mir wird, muss sich erst noch zeigen. :-)

Außerdem gibt es in der Zeitschrift einen Artikel von mir über den Einfluss von Musik auf das Schreiben – am Beispiel von, na wem wohl, David Bowie. Hier ist sie:

Und ein zweites Zeitschriftencover hab ich diesen Monat noch zu bieten: Die Erlösungsdeadline aus dem Hinterland ist noch einmal erschienen. Hier eine kleine Leseprobe (wobei ich sämtliche Häkchen und Ösen, die eigentlich noch an die Buchstaben gehören, wegen Tastaturbeschränkungen weglassen muss):

Termin wybawienia

Janus gapil sie na ekran wielkosci co namniej osmiu metrow kwadratowych. Najczesciej nadawano programy kuchene: od rana do wieczora rzesza polprawdziwych VIP’ow ujawniala tajniki przyrzadzania wszelakich inslala caprese, köfte czy rozyczek kalafiorow. …

Und so weiter. Über zwölf eng gesetzte Zeitschriftenseiten. Die Geschichte wurde für das größte polnische Fantasikmagazin Nowa Fantastyka übersetzt und mit Illustrationen versehen. Das ist schon ein abgedrehtes Gefühl, einen eigenen Text in einer solchen Gestalt zu sehen. Das Schriftbild erscheint mir tatsächlich so sperrig und anders, dass ich beim besten Willen nicht zurückübersetzen kann, ohne in die deutsche Fassung zu gucken. Das einzige, was ich von den beiden obigen Sätzen verstehe, ist “insalata caprese”, und das ist kein Polnisch. :-D

Die beste Neuigkeit ist momentan allerdings diese:
Ich habe dieses Jahr nichts weiter zu tun, als anderthalb Romane fertig zu schreiben. JAAAA!

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Karla Schmidt am 23. März 2011 in Blog, Hinterland, Übers Schreiben