So, das war nicht schlecht, oder? Die gestrige „Hinterlandlesung“ am historischen Ort vor fachkundigem Publikum auf der Bowie-Party im „Neuen Ufer“ meine ich.
Irgendwie gehören Lesungen ja auch zum „Handwerk des Schreibens“. Ich habe lange u.a. darum nicht geschrieben, weil ich höllische Angst davor hatte, dass ich das dann öffentlich vorlesen muss. Das blanke Grauen. Schon in der Schule bin ich immer in Schnappatmung verfallen, sobald ich vorlesen sollte. Besonders in Französisch.
Dass ich diese Angst zumindest in Teilen überwunden habe, habe ich meinen geschichtenhungrigen nochnichtlesekundigen Kindern zu verdanken. Fünf Jahre Kindergeschichten vorlesen sind offenbar ein gutes Training.
Dennoch hat mich nach der Lesung das Lob einer bühnenerprobten Freundin fast am meisten gefreut: Offensichtlich ist es nicht schrecklich, mir beim Vorlesen zuzuhören. Ja, es gab Lacher, und ja, manche Leute haben nach mehr verlangt, als ich eigentlich zu lesen aufhören wollte. Also fühle ich mich heute wie ein aufgeblähter Puter, der unbedingt zeigen muss, was für einen besonders schönen, roten Halsschwabbel er hat.
Oder anders gesagt: Ich fange an zu verstehen, warum manche Leute sich GERNE auf der Bühne präsentieren. Es macht Spaß. (Zumindest vor wohlwollendem Publikum. Ich denke gerade daran, wie es wäre, dasselbe in einer halbtoten Kleinstadt zu machen, in der man völlig unbekannt ist … *schluck*.)
Gelesen und ihren Spaß dabei gehabt haben übrigens:
1. Siegfried Langer: Berlin Nachklang (Let´s Dance)
2. Jakob Schmidt: Die sehr betrübte Strahlenkanone (Running Gun Blues)
3. Karla Schmidt: Erlösungsdeadline (Five Years / Joe the Lion)
4. Jasper Nicolaisen: Kleines Mädchen aus China (China Girl)
5. Barbara Streun: Es ist nichts passiert – on idle (Time / Saviour Machine / Sunday)
Das ganze war als Quiz gestaltet. Vor der Lesung haben wir einen üppigen Gabentisch aufgebaut – Bowie-Bücher, -Kalender, -Fotos, „Jump“ (das PC-Spiel!!) – alles gestiftet von einem Fan, der sich (man kann es kaum glauben) von seiner Sammlung getrennt hat. Dann wurde gelesen und das Publikum sollte den Songtitel dazwischen rufen, auf dem die jeweilige Geschichte basiert. Und wer richtig geraten hatte, durfte sich etwas von unserem Gabentisch aussuchen.
Was die Veranstaltung dann abgerundet hat, war ein Zufall:
Vor der Lesung kam ein Mann in den Laden, fragte, was hier stattfinden würde. Ging dann wieder. Ich hatte nicht wirklich mitbekommen, was er eigentlich wollte, (war gerade mit nervösem Magenflattern wegen der bevorstehenden Lesung beschäftigt …).
Etwas später kam er wieder und brachte seine Frau mit. Und seine Frau brachte ihr Buch mit.
Nachdem unser Lesequiz abgeschlossen war, habe ich also das Publikum gefragt, ob es noch mehr hören will. Einhelliges „Ja“, was ja schon mal freudig stimmt.
Also hat Bibo Loebnau ein Kapitel aus ihrem Roman Zoe – sind denn alle netten Männer schwul? gelesen, und zwar den Abschnitt, in dem die Heldin nach einem Konzert, es muss 1983 gewesen sein, dem stark erblondeten und pudelisierten Bowie in der westberliner Kultdisco „Dschungel“ begegnet. Das Daseinsgefühl der 80er Jahre, für das ich eine Mischung aus Nostalgie und Beklemmung empfinde, wurde heftig lebendig – auf witzige Weise. Das Buch werde ich nun natürlich ganz lesen müssen …

Aber gut, genau dafür sind Lesungen da, und natürlich wünschen wir uns auch, dass ein paar Zuhörer, die gestern dabei waren, unser Buch kaufen und weiter empfehlen werden. Im Fachjargon nennt man das wohl „Werbeträger generieren“. Hat Bibo mit mir schon mal ganz gut hinbekommen, oder?
Und hier ist Bibos eigener Kommentar – für die Kommentarfunktion war er zu lang. 
Liebe Karla, liebe Bowie-Fans,
was für eine große Freude! Eine Spontan-Lesung vor echtem Fachpublikum – das hatte ich auch noch nicht erlebt. Wow!
Als mein Mann mich gestern aus dem “Neuen Ufer” anrief, hatte ich zuerst keine Lust, mich durch das Schneetreiben aufzumachen – er hatte nur gesagt: “Die spielen hier Bowie.” Tja, das konnte ich auch zu Hause hören… Doch dann rief er noch mal an – nachdem er sich bei Karla nach dem tieferen Grund erkundigt hatte – und erzählte mir von einer Bowie-Geburtstagsparty, und dass da auch noch eine Lesung anstand. Das überzeugte mich schließlich (ich liebe Live-Lesungen!) und ich stapfte los – nicht ohne noch schnell mein Buch einzustecken… Man weiß ja nie…
Und dann traf ich auf Karla, erzählte ihr, dass ich seit meinem 15 Lebensjahr glühender Bowie-Fan bin, dass es in “Zoe – Sind denn alle netten Männer schwul?!” gleich in mehreren Passagen um David Bowie ginge und ob ich da nicht ein kleines Stückchen draus lesen dürfe. Ohne mich oder mein Buch zu kennen, sagte sie spontan zu. Danke, Karla!
Doch zuvor durfte ich erstmal den faszinierenden SciFi-Kurzgeschichten der KollegInnen lauschen – Hut ab! Und dann hab ich auch noch einen Song richtig erraten und wurde mit einer Bowie-Bio beglückt – toll!
Bisher hatte ich das (wahre!) Kapitel “Der Vizemeister” noch nie live gelesen. Aber es war wie gemacht für ein verständiges Fan-Publikum, das die Verwirrung und das Herzklopfen bei Zoes Begegnung mit David Bowie, 1983 im “Dschungel” nach dem “Serious Moonlight”-Konzert in der Berliner Waldbühne, nachvollziehen konnte. Es hat mir wahninnig viel Spaß gemacht, und ich schwebe – genau wie Karla – seit gestern Abend auch ein paar Zentimeter über dem Erdboden… Toll!
Meine nächste Lesung findet übrigens schon am nächsten Sonntag (17.1.) um 20 Uhr in der “Roten Beete”, Gleditschstr. 71 in Schöneberg statt. Dort gibt es dann u.a. noch mehr in Sachen Bowie zu hören… Versprochen! Ich lese abwechselnd mit meinem Freund und Autoren-Kollegen IKO, der wunderbare, witzige Kurzgeschichten schreibt – und so ganz nebenbei auch Bowie-Fan ist… Der Eintritt ist frei und ein paar Bücher und Hörbücher gibt’s dort dann auch zu kaufen. Ich würde mich auf ein Wiedersehen mit dem/der einen oder anderen sehr freuen!
Seit gestern bin ich mir sicher: Es gibt keine Zufälle im Leben! Das sollte alles so sein. Es war toll, Euch kennen zu lernen und wer weiß, was sich noch daraus ergibt… Liebe Grüße, bibo