Ist es möglich, ein Buch zu werden?
Heute morgen habe ich ein Zitat von Amos Oz gelesen:
“Als ich klein war, wollte ich unbedingt ein Buch werden. Kein Schriftsteller. Menschen können wie Ameisen zertreten werden, und Schriftsteller sind nicht minder schwer zu töten. Aber nicht Bücher. Wie systematisch man auch versucht, ein Buch zu zerstören, es besteht immer die Möglichkeit, dass ein Exemplar überlebt und sein Dasein in einem Regal in irgendeiner kleinen, staubigen Bibliothek in Reykjavik, Valladolid oder Vancouver fristet.”
Ist es möglich, ein Buch zu werden? Das wüsste ich schon gerne. Fangen wir also mit den naheliegenden Gedanken an.
Leute werden Bücher, wenn andere Leute über sie schreiben. Sei sind entweder berühmt und werden mit Biografien bedacht, oder sie fließen als Alltagsfiguren in irgendeinen Roman ein. Eine Autobiografie zu schreiben, ist sicherlich ein ganz bewusster Versuch, ein Buch zu werden und am Leben zu bleiben.
Allerdings wohl eher ein misslingender Versuch. Denn das Ich-Gefühl, das Bewusstsein bleibt ja doch beim Autobiographen und wird zusammen mit ihm sterben, und das Buch, das übrigbleibt, hat per se erstmal kein Leben.
Schreib-Kryonik
Ich fürchte, es führt nicht, wie Amos Oz hofft, zum Weiterleben eines Buches, wenn es in einer verstaubten Bibliothek steht und ein „Dasein fristet“. Das ist kein Leben, sondern eine Art Kryostase, ein inaktiver Modus, der das physische Fortdauern sichert, ohne dass dabei Lebendigkeit im Spiel wäre.
Lebendig wird ein Buch in dem Moment, in dem es gelesen wird, und auch nur so lange, wie es gelesen wird. Klapp das Buch zu und schick es zurück in seinen Kälteschlaf, bis vielleicht nach 2000 Jahren ein Altertumsforscher es aus einer verschütteten Bibliothek rettet oder ein Alien es aus einer in die Tiefen des Alls geschickten Raumkapsel birgt. Sprache und Schrift werden dechiffriert, und wenn der Leser ein Altertumsforscher ist, wird das Buch der Forscher, ist der Leser ein Alien, wird das Buch zum Alien.
Im Buch lebt nicht der Autor weiter, sondern es gewinnt mit jedem Leser ein neues, eigenes Leben, an dem der Autor keinen Anteil mehr hat.
Ein Buch zu schreiben bedeutet, etwas abzusondern, wie eine Protuberanz, die sich dann für immer vom Körper löst. Schreiben wird ja oft genug auch mit dem Kinderkriegen verglichen: Ich habe meine Kinder zwar ausgetragen und geboren, aber abgesehen davon, dass alles Dasein auch irgendwie eins sind, weil es da ist, sind meine Kinder sie selbst und nicht ich.
Für kurze Zeit bin ich das Buch
Schriftsteller sondern also Bücher ab, die nicht sie sind. Aber Oz wollte ja auch nicht Schriftsteller werden, sondern ein Buch. Merkwürdigerweise habe ich eine genaue Vorstellung von dem Gefühl, das er mit der Hoffnung verbindet, ein Buch zu sein. Es ist das Gefühl, das ich als Kind hatte, wenn ich ein Buch gelesen habe:
Ich war die Suche nach dem Heiligen Gral, ich war der Löwe von Narnia, ich war die Gemeinschaft des Rings und die Reiter von Rohan, ich war das Kind im Waisenhaus, das in eine fremde Welt verbannt wird, ich war die turmhohen Wälder auf einem fernen Planeten, ich war das Mädchen, das von den Toten zurückkehrt, …
Bücher habe ich als Kind nicht gelesen, ich habe sie gelebt, und was man lebt, das ist man auch.
„Ein Buch sein“ heißt also zuerst, es auf eine bestimmte Weise lesen zu können: Sich selbst dabei aufzugeben und mit etwas anderem, das davor Nicht-Ich war, zu verschmelzen.
Als Kind war das leicht, die eigenen Identität war noch durchlässig genug, um sich täglich in alles und jeden verwandeln zu können.
Als Erwachsene ist es mir immer weniger gelungen. Ich lese Bücher heute nicht mehr, indem ich zu ihnen werde, sondern indem ich sie denke. Ich nehme auf, was ich lese, ich eigne es mir an, mag es oder mag es nicht. Dabei bin ich immer unzweifelhaft nicht das Buch, sondern diejenige, die das Buch liest. Es bleibt eine Distanz, die scheinbar nicht mehr überbrückt werden kann.
Ein Buch? Für immer?
Warum ist es so schwierig, ein Buch zu werden, wenn man groß ist? „Wenn ich einmal groß bin“ klingt so, als würde das „echte Leben“ erst später beginnen. Jetzt, als Kind, da ist ja alles bloß Spiel, als ob, unfertig.
Die Sehnsucht eines Kindes, im echten Leben, “wenn ich einmal groß bin”, ein Buch zu werden schließt die Vorstellung ein, dass man das Buch nicht nur lebt, solange man es liest, sondern dass man sein Bewusstsein dauerhaft transferieren könnte, so als würde man plötzlich Mitglied der Crew von Captain Futures Comet und würde für immer und einen Tag an ihren prinzipiell unendlichen Abenteuern teilnehmen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
Als Erwachsene begreife ich langsam, dass das Leben als Kind genauso echt, faktisch, vollständig und bedeutsam ist, wie mein jetziges Leben. Vielleicht sogar mehr, weil man als Kind noch sorgloser im Moment aufgeht.
Als Kind konnte ich jede Woche ein anderes Buch sein, und die Erinnerungen an diese Erlebnisse sind heute lebendiger und wirklicher, als Erinnerungen an alle Bücher, die ich als Erwachsene gelesen habe. Ich habe tatsächlich viele Leben gelebt, weil ich mich an diese Leben erinnern kann und weil manche dieser Erinnerungen sich in ihrer emotionalen Tiefe in nichts von Erinnerungen an das physische Leben außerhalb der Bücher unterscheiden.
Wenn damals eine Fee gekommen wäre, um mir Amos Oz’ Sehnsuchtsgedanken zu erfüllen und mir erzählt hätte, ich könnte unsterblich werden, indem sie mich in ein Buch verwandelt, und wenn sie mich dann gefragt hätte, welches Buch ich denn gerne „für immer“ sein würde, dann hätte ich höchstwahrscheinlich das genannt, welches ich zufällig gerade las.
Hätte ich darüber nachgedacht, wäre ich aber vielleicht darauf gekommen, dass die Frage eine Falle ist und hätte die Entscheidung verweigert.
Wie hätte ich mich jemals für ein Buch entscheiden und damit alle andern Bücher ausschließen können?! Wie könnte ich das heute? Nur ein Buch sein? Nie mehr tauschen können? In irgendeiner verstaubten Bibliothek in Kryostase verharren? Unmöglich!
Wenn heute die Idee ein Buch zu werden, dennoch ein bisschen Wehmut auslöst, dann deshalb, weil ich nach einer Erfahrung verlange, die ich als Kind für selbstverständlich gehalten habe, die ich heute beim Lesen jedoch nicht mehr finde, weil da immer eine Lücke zwischen mir und dem Buch bleibt.
Die Lücke schließen
Selbst Bücher zu schreiben ist definitiv ein Versuch, diese Lücke zu schließen. Vielleicht ist Amos Oz darum Schriftsteller geworden. Ein Buch zu schreiben, heißt ein Buch zu sein.
Das Buchsein findet aber wiederum nur durch und während des Schreibens statt. Das fertige Produkt ist genauso weit von mir entfernt, wie das Buch jedes anderen Autors auch. Es beginnt, wie die eigenen Kinder, sein eigenes Leben, lässt einen zurück und verbindet sich mit anderen Menschen.
Nur solange man schreibt, lebt man das Buch, ist es ein Teil von einem selbst und man ist selbst ein Teil davon. Mittlerweile weiß ich, wenn dieses Gefühl sich beim Schreiben nicht einstellt, dann schreibe ich nicht gut.
Wenn Schreiben jetzt das ist, was früher für mich das Lesen war, dann kann ich Lesen als eine Art Training verstehen, das mich darauf vorbereitet hat, vollständige Leben im mentalen Innenraum leben zu können – auch ohne fremde Hilfe.
Wenn ich etwas geschrieben habe, kommt es sogar gelegentlich vor, dass ich dorthin zurückkehre, einen Moment erlebe, den ich nicht aufgeschrieben habe. Vielleicht ist das wiederum die nächste logische Stufe? Wenn man weder zu lesen noch zu schreiben braucht, um alle Leben zu leben und alle Welten zu bewohnen?
Die Frage ist vielleicht weniger, ob es möglich ist, ein Buch zu werden, sondern ob es möglich ist, alles zu werden, was man sich vorstellen kann. Es gibt ja Leute, die sagen, dass man das sowieso ist und es spätestens dann erkennt, wenn man stirbt.
Karla Schmidt am 13. April 2013 in Blog, Übers Schreiben




