Archiv der Kategorie ‘Übers Schreiben‘

Ist es möglich, ein Buch zu werden?

Heute morgen habe ich ein Zitat von Amos Oz gelesen:

“Als ich klein war, wollte ich unbedingt ein Buch werden. Kein Schriftsteller. Menschen können wie Ameisen zertreten werden, und Schriftsteller sind nicht minder schwer zu töten. Aber nicht Bücher. Wie systematisch man auch versucht, ein Buch zu zerstören, es besteht immer die Möglichkeit, dass ein Exemplar überlebt und sein Dasein in einem Regal in irgendeiner kleinen, staubigen Bibliothek in Reykjavik, Valladolid oder Vancouver fristet.”

Ist es möglich, ein Buch zu werden? Das wüsste ich schon gerne. Fangen wir also mit den naheliegenden Gedanken an.

Leute werden Bücher, wenn andere Leute über sie schreiben. Sei sind entweder berühmt und werden mit Biografien bedacht, oder sie fließen als Alltagsfiguren in irgendeinen Roman ein. Eine Autobiografie zu schreiben, ist sicherlich ein ganz bewusster Versuch, ein Buch zu werden und am Leben zu bleiben.
Allerdings wohl eher ein misslingender Versuch. Denn das Ich-Gefühl, das Bewusstsein bleibt ja doch beim Autobiographen und wird zusammen mit ihm sterben, und das Buch, das übrigbleibt, hat per se erstmal kein Leben.

Schreib-Kryonik

Ich fürchte, es führt nicht, wie Amos Oz hofft, zum Weiterleben eines Buches, wenn es in einer verstaubten Bibliothek steht und ein „Dasein fristet“. Das ist kein Leben, sondern eine Art Kryostase, ein inaktiver Modus, der das physische Fortdauern sichert, ohne dass dabei Lebendigkeit im Spiel wäre.
Lebendig wird ein Buch in dem Moment, in dem es gelesen wird, und auch nur so lange, wie es gelesen wird. Klapp das Buch zu und schick es zurück in seinen Kälteschlaf, bis vielleicht nach 2000 Jahren ein Altertumsforscher es aus einer verschütteten Bibliothek rettet oder ein Alien es aus einer in die Tiefen des Alls geschickten Raumkapsel birgt. Sprache und Schrift werden dechiffriert, und wenn der Leser ein Altertumsforscher ist, wird das Buch der Forscher, ist der Leser ein Alien, wird das Buch zum Alien.
Im Buch lebt nicht der Autor weiter, sondern es gewinnt mit jedem Leser ein neues, eigenes Leben, an dem der Autor keinen Anteil mehr hat.

Ein Buch zu schreiben bedeutet, etwas abzusondern, wie eine Protuberanz, die sich dann für immer vom Körper löst. Schreiben wird ja oft genug auch mit dem Kinderkriegen verglichen: Ich habe meine Kinder zwar ausgetragen und geboren, aber abgesehen davon, dass alles Dasein auch irgendwie eins sind, weil es da ist, sind meine Kinder sie selbst und nicht ich.

Für kurze Zeit bin ich das Buch

Schriftsteller sondern also Bücher ab, die nicht sie sind. Aber Oz wollte ja auch nicht Schriftsteller werden, sondern ein Buch. Merkwürdigerweise habe ich eine genaue Vorstellung von dem Gefühl, das er mit der Hoffnung verbindet, ein Buch zu sein. Es ist das Gefühl, das ich als Kind hatte, wenn ich ein Buch gelesen habe:

Ich war die Suche nach dem Heiligen Gral, ich war der Löwe von Narnia, ich war die Gemeinschaft des Rings und die Reiter von Rohan, ich war das Kind im Waisenhaus, das in eine fremde Welt verbannt wird, ich war die turmhohen Wälder auf einem fernen Planeten, ich war das Mädchen, das von den Toten zurückkehrt, …

Bücher habe ich als Kind nicht gelesen, ich habe sie gelebt, und was man lebt, das ist man auch.
„Ein Buch sein“ heißt also zuerst, es auf eine bestimmte Weise lesen zu können: Sich selbst dabei aufzugeben und mit etwas anderem, das davor Nicht-Ich war, zu verschmelzen.
Als Kind war das leicht, die eigenen Identität war noch durchlässig genug, um sich täglich in alles und jeden verwandeln zu können.

Als Erwachsene ist es mir immer weniger gelungen. Ich lese Bücher heute nicht mehr, indem ich zu ihnen werde, sondern indem ich sie denke. Ich nehme auf, was ich lese, ich eigne es mir an, mag es oder mag es nicht. Dabei bin ich immer unzweifelhaft nicht das Buch, sondern diejenige, die das Buch liest. Es bleibt eine Distanz, die scheinbar nicht mehr überbrückt werden kann.

Ein Buch? Für immer?

Warum ist es so schwierig, ein Buch zu werden, wenn man groß ist? „Wenn ich einmal groß bin“ klingt so, als würde das „echte Leben“ erst später beginnen. Jetzt, als Kind, da ist ja alles bloß Spiel, als ob, unfertig.

Die Sehnsucht eines Kindes, im echten Leben, “wenn ich einmal groß bin”, ein Buch zu werden schließt die Vorstellung ein, dass man das Buch nicht nur lebt, solange man es liest, sondern dass man sein Bewusstsein dauerhaft transferieren könnte, so als würde man plötzlich Mitglied der Crew von Captain Futures Comet und würde für immer und einen Tag an ihren prinzipiell unendlichen Abenteuern teilnehmen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Als Erwachsene begreife ich langsam, dass das Leben als Kind genauso echt, faktisch, vollständig und bedeutsam ist, wie mein jetziges Leben. Vielleicht sogar mehr, weil man als Kind noch sorgloser im Moment aufgeht.
Als Kind konnte ich jede Woche ein anderes Buch sein, und die Erinnerungen an diese Erlebnisse sind heute lebendiger und wirklicher, als Erinnerungen an alle Bücher, die ich als Erwachsene gelesen habe. Ich habe tatsächlich viele Leben gelebt, weil ich mich an diese Leben erinnern kann und weil manche dieser Erinnerungen sich in ihrer emotionalen Tiefe in nichts von Erinnerungen an das physische Leben außerhalb der Bücher unterscheiden.

Wenn damals eine Fee gekommen wäre, um mir Amos Oz’ Sehnsuchtsgedanken zu erfüllen und mir erzählt hätte, ich könnte unsterblich werden, indem sie mich in ein Buch verwandelt, und wenn sie mich dann gefragt hätte, welches Buch ich denn gerne „für immer“ sein würde, dann hätte ich höchstwahrscheinlich das genannt, welches ich zufällig gerade las.
Hätte ich darüber nachgedacht, wäre ich aber vielleicht darauf gekommen, dass die Frage eine Falle ist und hätte die Entscheidung verweigert.
Wie hätte ich mich jemals für ein Buch entscheiden und damit alle andern Bücher ausschließen können?! Wie könnte ich das heute? Nur ein Buch sein? Nie mehr tauschen können? In irgendeiner verstaubten Bibliothek in Kryostase verharren? Unmöglich!

Wenn heute die Idee ein Buch zu werden, dennoch ein bisschen Wehmut auslöst, dann deshalb, weil ich nach einer Erfahrung verlange, die ich als Kind für selbstverständlich gehalten habe, die ich heute beim Lesen jedoch nicht mehr finde, weil da immer eine Lücke zwischen mir und dem Buch bleibt.

Die Lücke schließen

Selbst Bücher zu schreiben ist definitiv ein Versuch, diese Lücke zu schließen. Vielleicht ist Amos Oz darum Schriftsteller geworden. Ein Buch zu schreiben, heißt ein Buch zu sein.

Das Buchsein findet aber wiederum nur durch und während des Schreibens statt. Das fertige Produkt ist genauso weit von mir entfernt, wie das Buch jedes anderen Autors auch. Es beginnt, wie die eigenen Kinder, sein eigenes Leben, lässt einen zurück und verbindet sich mit anderen Menschen.
Nur solange man schreibt, lebt man das Buch, ist es ein Teil von einem selbst und man ist selbst ein Teil davon. Mittlerweile weiß ich, wenn dieses Gefühl sich beim Schreiben nicht einstellt, dann schreibe ich nicht gut.

Wenn Schreiben jetzt das ist, was früher für mich das Lesen war, dann kann ich Lesen als eine Art Training verstehen, das mich darauf vorbereitet hat, vollständige Leben im mentalen Innenraum leben zu können – auch ohne fremde Hilfe.
Wenn ich etwas geschrieben habe, kommt es sogar gelegentlich vor, dass ich dorthin zurückkehre, einen Moment erlebe, den ich nicht aufgeschrieben habe. Vielleicht ist das wiederum die nächste logische Stufe? Wenn man weder zu lesen noch zu schreiben braucht, um alle Leben zu leben und alle Welten zu bewohnen?

Die Frage ist vielleicht weniger, ob es möglich ist, ein Buch zu werden, sondern ob es möglich ist, alles zu werden, was man sich vorstellen kann. Es gibt ja Leute, die sagen, dass man das sowieso ist und es spätestens dann erkennt, wenn man stirbt.

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Karla Schmidt am 13. April 2013 in Blog, Übers Schreiben

Mehr Spielzeit für Autoren! Eine Improvisation übers Schreiben

Mir sind in letzter Zeit zwei Bücher in die Hände gefallen, eins übers Malen, eins übers Musizieren:

Michele Cassou: Point Zero – entfesselte Kreativität

Stephen Nachmanovitch: Free Play – Kreativität geschehen lassen

In beiden Büchern geht es um die Wirkung, die freies Improvisieren sowohl auf den Künstler wie auf seine Kunst hat, und beide kommen, auf kurze Formeln gebracht, zu ähnlichen Schlüssen:

- Gekonnte Improvisation braucht Technik

- Technik entwickelt sich nicht durch formelhaftes Üben, sondern mit und durch stetige Improvisation

- Übung durch Improvisation ist kein „Übel“ auf dem Weg zu einem „perfekten“ Ziel, sondern in sich selbst Zweck.

- Ziel ist die Evolution der des Spiels, Spiel ist der Motor der Evolution – sei es in der Natur, in der Reifung des Individuums oder der des Künstlers.

- Improvisation ist eng verknüpft mit einem Gefühl für Spiritualität, weil sie, wie Gebet oder Meditation, eine zugleich entspannte und gerichtete Aufmerksamkeit braucht, ein Aufgehen im Moment, ohne dabei die Kontrolle zu verlieren.

Diese Beschreibung deckt sich mit Erfahrungen, die ich letzter Zeit beim Schreiben mache.

Professionell zu sein ist keine Meisterschaft

Viele von uns sind jedoch – selbst als Kreativarbeiter – weitgehend auf ein protestantisches Arbeitsethos gedrillt. Kindern wird die Fähigkeit, mit jedwedem Material zu spielen, relativ systematisch aberzogen. Alles Tun ist mit zunehmendem Alter zunehmend auf ein Ergebnis, ein Ziel, ein Produkt ausgerichtet, und der Weg dorthin ist steinig und voll der Mühsal, sonst ist die Sache nichts wert. Nur, wer sich ordentlich schindet, gelangt am Ende zu einer gewissen Professionalität, und nur wer professionell ist, verdient es auch, Geld zu verdienen.

Hat man erst einmal einen gewissen Grad der Professionalität erreicht, weiß man, wie man seine Mittel einzusetzen hat, man kennt die „Tricks“ und „Kniffe“, und man reagiert auf die gleiche Art Herausforderung auf immer dieselbe, zehntausend Mal geübte Weise.

Das ist ja das Schöne, nicht wahr? Nun muss man sich nicht mehr schinden, nun weiß man, wie es geht, und es geht hinreichend einfach. Willkommen im kreativen Rentenalter.

Was nämlich bei dieser Art der Professionalität verlorengeht, ist die Fähigkeit zur Evolution. Man erreicht mit den erprobten Techniken in der Ausdrucksfähigkeit, aber auch auch in der eigenen Erkenntnis- und Erlebnisfähigkeit einen Zenit, der mit den bekannten Mitteln nicht überschritten werden kann. Es scheint, als hätte man das Ende der Fahnenstange erreicht, mehr ist da nicht.

Zurück zum freien Spiel

Es sei denn, man findet den Weg zurück zum freien Spiel. Wenn man die Tonleitern rauf und runter leiern kann, wird es Zeit, sie in einer andern Reihenfolge zu spielen. Und wenn sich das nicht gut anhört, dann ändert man die Reihenfolge, ändert sie wieder, und noch einmal. Schon ist man inmitten der Improvisation, man experimentiert, man spielt mit den Tönen und erweitert die erlernten Techniken um Ungelerntes.

Das Besondere am freien Spiel mit dem Material ist, dass man zugleich in zwei Aufmerksamkeiten präsent ist: Sowohl im Tun als auch in der flexiblen Reaktion auf dieses Tun.

Man nimmt die eigene Improvisation wahr, während sie entsteht und reagiert unmittelbar darauf, indem man das Erlebte in die weitere Improvisation einbezieht. So kann „on the fly“ ein Werk entstehen, das ebenso geschlossen, spannungsvoll und strukturiert ist, wie eines, bei dem man sich an den Noten festhält. Dies ist der Punkt, wo Improvisation zur Meditation wird.

Wenn ich nicht mehr schreiben will, dann will ich gar nichts mehr!

Ich habe über die letzten fünf, sechs Jahre einen gewissen Grad an Professionalität erreicht, ich kenne mich mit der Technik nicht nur theoretisch aus, ich habe auch viel geübt, und indem ich andern die Technik beibringe, übe ich sie immer und immer wieder von neuem.

Dabei ist mir ganz genau das passiert, was Cassou im Hinblick auf Malerei und Nachmanovitch im Hinblick auf Musik beschreiben: Irgendwann kennt man seinen Werkzeugkasten. Und dann tut sich nicht mehr viel.

Genossen habe ich das Schreiben im letzten Jahr leider nicht besonders. Es war eher mit Druck behaftet:

Du musst schreiben, das ist das einzige, was du kannst. Deine Profession. Sonst hast du keine!

Und Du musst verkaufen, sonst kannst du davon nicht leben, und dann ist deine Profession nichts wert! Pass dich an, liefere, was sich verkauft!

Selbst die Trotzhaltung, die ich dagegen eingenommen habe, basiert letztlich auf demselben Arbeitsethos: Lasst mich doch endlich das perfekte Buch schreiben, Ihr Banausen! Ich muss doch etwas Authentisches sagen, etwas „von Bedeutung“. Ich will doch nicht nur austauschbare Füllware für die Midlist, sondern ein Lebensergebnis liefern, etwas, das später mal ein Beweis dafür ist, dass ich nicht völlig nutzlos hier gewesen bin … Gebt mir Geld dafür und zeigt mir, dass meine Arbeit etwas Wert ist!

Beide Haltungen sind nur Varianten von „aufs Ergebnis, aufs Ergebnis, aufs Ergebnis kommt es an!“

Und beides führt dazu, dass ich nicht mehr gerne schreibe, dass ich es als Last empfinde, die mich, statt mir Energie zu geben, zunehmend aushöhlt. Zugleich ist mir vollkommen klar: Wenn ich nicht mehr schreiben will, dann will ich gar nichts!

Können Schreiber improvisieren?

Aber zählt beim Schreiben nicht nun einmal der fertige Text, weil es nur das Ergebnis ist, das andere Menschen wahrnehmen können? Wenn ich Musikerin wäre, Schauspielerin, Tänzerin … könnte ich auf der Bühne improvisieren, und das Publikum würde die Improvisation als das „eigentliche“ Werk begreifen, und auch action painting ist eine Improvistationskunst. Nur: wer schaut irgendjemandem beim Schreiben zu? Kann man sich Öderes vorstellen?

In gewisser Weise ist das ganze Leben ein nicht abreißender Strom von Improvisationen. Wenn ich mit jemandem spreche, muss ich die Technik des Sprechens so gut beherrschen, dass ich mit Worten und Satzbau flexibel spielen kann, sie der Situation anpassen und das Gespräch genießen kann. Wenn ich über Waldboden gehe, muss ich die Technik des Gehens so gut beherrschen, dass ich nicht darüber nachdenken muss, wie um alles in der Welt ich hier bitte gehen soll, wenn ich den Spaziergang genießen will.

Wenn ich einen Text schreibe – so wie jetzt diesen hier – ohne vorherigen Plan, sondern einfach meinen Gedanken folge, dann muss ich die Technik des geordneten Selbstgesprächs, des Satzbaus und meine PC-Tastatur so weit beherrschen, dass ich annähernd so schnell schreiben kann, wie ich denke.

Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, kann ich anfangen zu spielen, und dann rückt nicht mehr das Ergebnis, sondern die Erfahrung des Schreibens selbst in den Vordergrund: Ich genieße, wie ein Gedanke aus dem andern folgt und der Text von selbst einen Bogen zu schlagen beginnt. Ich genieße das Gefühl, etwas zu begreifen, indem ich es in Worte fasse. Ich improvisiere nicht nur in meiner Vorstellung, sondern ganz konkret, auf der Tastatur.

Das Ergebnis der Improvisation ist noch etwas holperig. Aber das kann ich anschließend verbessern, bis ich das Ergebnis für präsentabel halte. Vielleicht lasse ich es auch, mal sehen.

Augen zu beim Schreiben!

Bei Nachmanovitch habe ich die Empfehlung gelesen, beim Schreiben die Augen zu schließen und blind zu tippen und sich ganz auf die unmittelbare Umsetzung von Innenwelt in Text zu konzentrieren. Das heißt für mich nicht zwangsweise, dass die Innenwelt im Augenblick der Improvisation keine Richtung oder kein Thema haben darf. Natürlich kann ich im Sinne der mentalen Entrümpelung einfach drauflosschreiben, und das kann befreiend und inspirierend sein. Ich kann jedoch auch ganz bewusst mit einem Gedanken, mit einem Bild, einem Vorgang beginnen und mich in eine zugleich gelöste und konzentrierte Aufmerksamkeit begeben, die tatsächlich vor allem einem meditativen Zustand ähnelt.

Genau das habe ich also gestern Abend versucht: Augen zu, Blick nach innen, Hände auf der Tastatur, bereit zum Protokoll.

Und tatsächlich! Nach Monaten des Stillstands habe ich den entscheidenden Wendepunkt für eine Novelle gefunden. Ich habe nach langer Durststrecke endlich mal wieder eine Sache getan, die ich beinahe vergessen hatte: Ich habe auf den Prozess des Schreibens selbst vertraut, darauf, dass mein Unterbewusstsein längst weiß, was zu tun ist.

Blockiert war dieses Wissen dadurch, dass ich nicht aufhören konnte, an das Ergebnis zu denken und ob es denn einen Verlag finden würde und auch gut genug würde. Stattdessen habe ich diesmal einfach improvisiert, ohne dabei mein Thema aus den Augen zu verlieren. Ich habe mir lediglich keine Sorgen mehr um Misstöne gemacht, habe Variationen zugelassen. Dabei bin ich auf eine unerwartete Melodie gestoßen, auf Bilder, die ich bewusst wohl nicht hätte planen können.

Etwas wagen, spielen, ausprobieren

Zwischenfazit für mich: Improvisation beim Schreiben gelingt – genau wie in jeder andern Kunstform – wenn man die Technik soweit beherrscht, dass man ihr vertrauen kann und dann den Mut aufbringt, sowohl auf die Technik als auch auf das Ergebnis zu verzichten.

Ich fange nach langem „Ernst“ gerade erst wieder an, frei zu spielen, und erinnere mich daran, dass es ein ganz bestimmtes Gefühl bei dieser Art von Spiel ist, weswegen ich ursprünglich mit dem Schreiben einmal begonnen habe: Es geht darum, ganz und gar einzutauchen in das Erleben einer Welt, die auf wundersame Weise entsteht, noch während man hinschaut. Man hat alle Hände voll zu tun, mit dem Stift hinterherzukommen und die Rätsel zu lösen, die sich dabei auftun, und man kann hinterher nicht sagen, wie man auf all diese Ideen gekommen ist. Sie waren eben da, also hat man sie festgehalten, um sie auch für andere sichtbar zu machen.

Michael Jackson hat über das Komponieren gesagt, dass es nichts damit zu tun hat, einen Song zu „erfinden“, sondern damit, einfach in die Musik hineinzutreten. „Just step into the music.“ Genau das meine ich, wenn ich sage: Man muss einfach in die Geschichte einsteigen und aufschreiben, was man dort zu sehen bekommt. Ob man vorher plant oder nicht, ist dabei eigentlich egal. Die einen schreiben besser mit, die andern ohne Plan.

Ein Plan kann ein gutes, stabiles Gerüst liefern, hat aber dann keinen Wert mehr, wenn er zum Korsett wird. Es hat keinen Sinn, eine Richtung zu erzwingen, wenn ich die Augen zumache und die Geschichte in der geplanten Richtung nun einmal nicht weitergeht. In dem Fall hilft nur: andere Richtungen ausprobieren, die Tonleiter in einer andern Reihenfolge spielen.

Wenn man im Professionalismus gefangen ist, dann fühlt sich Schreiben so an: Nur noch eine Seite, dann habe ich es für heute geschafft. 5.000 Zeichen noch, dann kann ich das Dokument endlich schließen. Nur noch eine Beratung, dann darf ich mich erschöpft in die Ecke werfen …

Beim Spielen ist das anders. Egal, wie anstrengend es ist, man will gar nicht aufhören: Nur eine Runde Gummitwist noch! Nur noch ein Tor schießen! Nur noch eine Seite schreiben, ich bin gerade so gut drin, bitte, nicht stören jetzt!

Wenn ich das Schreiben wieder so erleben kann, dann brauche ich niemanden, der mich dafür bezahlt, damit ich mich an den Schreibtisch setze, und ich brauche auch keine Hoffnung auf ein „bedeutsames“ Ergebnis, um mich motiviert zu fühlen. Dann ist es eher so, dass ich es nicht erwarten kann, endlich anzufangen. Dann gibt es auch kein Ende der Fahnenstange, sondern ich gebe mir die Chance, langsam immer besser zu werden.

Jetzt brauche ich nur noch einen Brotjob, der mir viel Zeit zum Spielen lässt. :-)

P.S.: Fürs Protokoll – ich habe die vorliegende Improvisation übers Schreiben einmal überarbeitet und Zwischenüberschriften eingefügt.

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Karla Schmidt am 11. März 2013 in Blog, Übers Schreiben

Kurzgeschichte des Monats beim Fantasy Guide

Wenn man erstmal anfängt mit bloggen, gibts natürlich immer gleich wieder viele Anlässe. Heute der Folgende:

Der Fantasy Guide hat eine etwas ältere und für meine Verhältnisse ausgesprochen romantische Story mit dem Titel “Plateau” online gestellt – unter der Rubrik “Kurzgeschichte des Monats”.
Diese Geschichte war ein Reflex auf eine zweiwöchige Saharareise – mit Berbern und Kamelen und frischem Brot aus der Asche des abendlichen Feuers und was sonst alles noch dazu gehört (Sonnenallergie und mit Kamelpisse gewürztes Trinkwasser zum Beispiel … ).
Mit das Beeindruckendste an dieser Reise war ein unglaublich plastischer, dicht an dich mit Sternen bepackter Himmel von Horizont zu Horizont, der mir das Gefühl gab, mitten im Weltall zu stehen.
Natürlich befinden wir uns immer mitten im Weltall. Aber dieser Sternenhimmel, der hatte etwas von den romantischen Vorstellungen, die ich mir von einer Weltraumreise mache. Erhabenheit, die Winzigkeit des Individuums im Angesicht des Kosmos, hoch melancholische Space Oddity …
Daraus hat sich dann diese Geschichte ergeben, ein wenig SF, ein wenig Reisebericht, ein wenig kultivierte Einsamkeit und Vergeblichkeit … :-)

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Karla Schmidt am 28. März 2011 in Blog, Kurzgeschichten, Übers Schreiben

Melodie & Rhythmus beim Schreiben / Ich erkenne mich nicht wieder / nur anderthalb Romane

Melodie und Rhythmus – schöne stilistische Tugenden, und auch für die Dramaturgie nicht ganz unwichtig. Diesmal meint die Überschrift aber eine Zeitschrift, und die handelt natürlich nicht vom Schreiben, sondern von Musik.

Schwerpunktthema im Monat März: Musik und Literatur

Da sind ein paar interessante Artikel drin, unter anderem auch ein Interview mit Rocko Schamoni, der eine Weisheit zum besten gibt, an der ich mich in letzter Zeit gerne festhalte, wenn einmal wieder Fragen nach der “Markttauglichkeit” meiner Texte laut werden: Man schreibt nur das gut, was man wirklich schreiben will.
Ich behaute zudem: Nur mit dem, was man wirklich gut macht, kann man auch erfolgreich sein.
Oder eben auf hohem Niveau scheitern. Was es bei mir wird, muss sich erst noch zeigen. :-)

Außerdem gibt es in der Zeitschrift einen Artikel von mir über den Einfluss von Musik auf das Schreiben – am Beispiel von, na wem wohl, David Bowie. Hier ist sie:

Und ein zweites Zeitschriftencover hab ich diesen Monat noch zu bieten: Die Erlösungsdeadline aus dem Hinterland ist noch einmal erschienen. Hier eine kleine Leseprobe (wobei ich sämtliche Häkchen und Ösen, die eigentlich noch an die Buchstaben gehören, wegen Tastaturbeschränkungen weglassen muss):

Termin wybawienia

Janus gapil sie na ekran wielkosci co namniej osmiu metrow kwadratowych. Najczesciej nadawano programy kuchene: od rana do wieczora rzesza polprawdziwych VIP’ow ujawniala tajniki przyrzadzania wszelakich inslala caprese, köfte czy rozyczek kalafiorow. …

Und so weiter. Über zwölf eng gesetzte Zeitschriftenseiten. Die Geschichte wurde für das größte polnische Fantasikmagazin Nowa Fantastyka übersetzt und mit Illustrationen versehen. Das ist schon ein abgedrehtes Gefühl, einen eigenen Text in einer solchen Gestalt zu sehen. Das Schriftbild erscheint mir tatsächlich so sperrig und anders, dass ich beim besten Willen nicht zurückübersetzen kann, ohne in die deutsche Fassung zu gucken. Das einzige, was ich von den beiden obigen Sätzen verstehe, ist “insalata caprese”, und das ist kein Polnisch. :-D

Die beste Neuigkeit ist momentan allerdings diese:
Ich habe dieses Jahr nichts weiter zu tun, als anderthalb Romane fertig zu schreiben. JAAAA!

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Karla Schmidt am 23. März 2011 in Blog, Hinterland, Übers Schreiben

Lesung im totsicher – und other news

Mir ist heute früh was eingefallen. Nämlich, dass ich nächste Woche Dienstag etwas vorlesen werde. Und zwar aus dem “Kind auf der Treppe”.

ORT: Krimibuchhandlung “totsicher” in der Berliner Winsstraße. Das ist im Prenzlauer Berg.
ZEIT: Dienstag, 14.09., 20:00 Uhr
EINTRITT: 4,00 Euro

Der Ort ist wirklich schön, mit Holzboden, Wein, Sofa, weichem Licht und Büchern rundherum. Wer noch nicht hat oder nochmal will – ich freue mich, wenn Ihr kommt!

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Und nun die other news. Fange ich mit dem “Hinterland” an. Es hat auf Facebook mittlerweile eine eigene Seite. Dort biedern wird uns nicht nur potentiellen Lesern (Bowisten und SF-Fans) an, sondern auch den unendlichen Weiten des englischsprachigen Buchmartes. Tatsächlich ist es uns (mit Anna Janas’ Hilfe) gelungen, engagierte Profis aufzutreiben, die das “Hinterland” nach und nach ins Englische übersetzen.

Da es sogar für einen Herrn Kehlmann ein Glücksfall ist, auf den amerikanischen Buchmarkt losgelassen zu werden, sind die Aussichten für das “Hinterland”, zum “Ausland” zu gehören, verschwindend gering. Eine Übersetzerin hat erzählt, dass Sie mal ein Projekt bei US-Verlagen angeboten hat. Die Antwort: No thanks, we already have two Books from other countries this year. Also, nicht etwa “zwei Bücher aus Deutschland” – sondern zwei Bücher from the entire fucking not english writing hinterworld!

Aber es gibt Schleichwege … Sobald die Übersetzung vollständig ist, könnten wir das Buch z.B. über amazon.com als POD anbieten. POD bedeutet “Print on Demand”. Man kann das Buch ganz normal bei amazon bestellen, aber es werden immer nur so viele gedruckt, wie gekauft werden. Außer unserer Hinterland-Seite und den persönlichen Kanälen der Autoren und Übersetzer hätten wir dann zwar keinen Vertrieb – dafür gehen aber alle Einnahmen direkt an uns. :-)

Aber zuerst ist die deutsche Ausgabe dran. Und jetzt kommen die echten News: Das “Hinterland” wird in Frankfurt auf der BuCon 2010 vorgestellt. Die BuCon ist parallel zur Frankfurter Buchmesse ein traditionsreiches Branchentreffen für alle fantastischen Genres. Der Verleger Ernst Wurdack wird das Buch dort präsentieren, und drei von uns werden aus dem “Hinterland” lesen:

Dirk Röse liest aus “Purgatorium”
Barbara Streun liest aus “On Idle”
Nadine Boos liest aus “Kamera(d), Action!”

Und nun die Kurznachrichten:

+++ +++ +++ “Die Seelenfotografin” von Charlotte Freise ( = Karla Schmidt) jetzt bei amazon vorbestellen! Das Buch ist lektoriert, korrigiert und gesetzt und fertig. YES! +++ +++ +++ Karla Schmidt wagt ein Experiment. Gemeinsam mit Daphne Großmann will sie unter einem gemeinsamen Pseudonym Fantasy für junge Erwachsene schreiben. Schaun wir mal, wie gut das klappt +++ +++ +++ Die letzte Nacht war schlaflos, aber gut. Endlich hat sich bei Karla Schmidt ein großer, dicker Knoten gelöst, die Bruchstücke einer Story haben sich zusammengefügt. Mehr dazu gleich … +++ +++ +++

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Ja, Thema Schreibknoten. Soll ja angeblich den meisten Autoren hin und wieder passieren. Dieser Knoten hatte sich aus verschiedenen Fäden zusammengeschwurbelt.

Faden 1: Eigentlich darf ich jetzt nicht noch was schreiben. Der nächste Thriller ist noch nicht fertig, und da ist ja auch noch diese Coautoren-Sache … erstmal was fertig machen, bevor Du was Neues anfängst!

Faden 2: Will große, üppige, tiefe Space Opera schreiben. Also, nicht notwendig tatsächlich mit Weltraum, sondern etwas mit dieser Welthaltigkeit und einer entsprechenden Komplexität. Das ist ein verdammt hoher Anspruch.

Faden 3: Science Fiction kauft kein Mensch. Selbst, wenn es keine Science Fiction ist.

Faden 4: Aber es soll ja auch gar keine SF sein, sondern einfach ein Buch, in dem eben auch wissenschaftlich spektuliert wird. Genau. Und das kauft erst recht kein Mensch. Es sei denn, ich würde in den USA leben und unter dem Label Slipstream Fiction schreiben. Kurt Vonnegut darf das, David Foster Wallace hat es getan, bevor er sich erhängt hat. Kelly Link, Jonathan Lethem, Michael Chabon. Die dürfen das alle. Aber hier … kauft kein Mensch. Vergiss es.

Faden 5: Ich kriegs außerdem eh nicht hin. Was bilde ich mit ein! Mistmistmist.

Faden 6: Ich habe 40.000 Ideen für Details, für Szenen, für Figuren. Aber das alles fügt sich nicht zu etwas Ganzem zusammen. Es bleiben lose Einzelteile. Doppelobermist!

Komisch, wie sich solche Knoten manchmal lösen. In diesem Fall war es das glückliche Zusammentreffen von Information:
Gestern habe ich etwas über bestimmte Rezeptoren im Gehirn gelesen und über Medikamentennebenwirkungen. Und ich habe etwas über den Architekten Soleri gelesen. Und ich wusste plötzlich, dass meine Hauptfigur nicht 30, sondern 13 Jahre alt sein muss und dass der Roman nicht jetzt, sondern im Jahr 1986 spielt.
Everything’s falling in to pla-ace.

Am liebsten würde ich nun den ganzen Plot hererzählen. Aber dann hätte wirklich niemand mehr einen Grund, dieses Buch zu kaufen …

Wichtig ist nur: tatsächlich ist es mir völlig egal, dass das Buch in kein Genre passen wird. Selbst, wenn ich es nicht verkaufen kann – ich brenne darauf, es zu schreiben. Es geht dabei um die Empfindung, etwas gefunden zu haben und es mitteilen zu können. Es geht um den schmalen Kanal zwischen “Wissen” und “Suchen”, dem man beim Schreiben folgt.
Alle Erwägungen zur Verkäuflichkeit eines Manuskripts sind angesichts der Erkundung der soeben entdeckten Welt zweitrangig – und solange man einen Brotjob hat oder andere Projekte, die besser in die Marktschubladen passen, bleibt es auch zweitrangig.

Neobooks bei Droemer Knaur … ich weiß auch nicht …

Eine neue Autorenplattform im Internet befindet sich zur Zeit in der Betatestphase. Sie nennt sich neobooks.

Autoren können dort Manuskripte einstellen, die werden durch ein Publikum vorsortiert und die Top 10 werden weitergeleitet auf den Schreibtisch des Verlagslektors. Das ist aber nicht etwa ein zusätzliches Goodie, sondern in Zukunft soll neobooks neben der Einreichung durch einen Agenten die einzige Eintrittskarte zum Lektorenschreibtisch sein.

Das Konzept wirft viele, viele Fragen auf. Aber ich will die Diskussion an dieser Stelle nicht lostreten, denn es wird bereits an zwei anderen Stellen kompetent darüber informiert und diskutiert:

1. Auf dem Blog von Nicole Rensmann. Ihr solltet ungedingt auch die Kommentare lesen, denn dort äußert sich auch jemand von Droemer Knaur.

2. Im Montségur-Autorenforum.

Schaut da mal rein. Es lohnt sich wirklich, falls Ihr überlegt, Euch auf diese Weise zu empfehlen!

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Karla Schmidt am 14. August 2010 in Autoren, Blog, Übers Schreiben

Man sollte auf Aufstehn stehn. Oder Ausschlafen.

… und genau das habe ich vor in den nächsten drei Wochen. Zwar brauch ich kein Meer mehr, wenn ich’n See seh, aber ein bisschen mehr Wasser ist auch immer schön. Das heißt, ich werde damit beschäftigt sein, an verschiedenen Seen abzuhängen, und ein bisschen auch am Meer, wenn es klappt.

Heißt auch: Ich werde in den nächsten drei Wochen nichts posten.

Darum jetzt noch schnell eine kleine Bestandsaufnahme, denn es hat sich ja auch einiges getan in den letzten Wochen.

Erstmal das “Hinterland” – drei der Stories haben wir mittlerweile in Übersetzung. Und obwohl Bowies Management sich bisher nicht gemeldet hat und das insgesamt auch eher unwahrscheinlich bleibt … wir haben mittlerweile eine Facebook-Seite für das “Hinterland”, und dort werden wir die Anfänge aller übersetzten Stories posten.

Was das soll?

Wir wollen einen englischsprachigen Verlag. Wir wollen Bowie. Und wir wollen den direkten Austausch mit Lesern. Und den bekommen wir auf Facebook wahrscheinlich. Wäre toll! :-)

Was noch?

Ach ja – der nächste Thriller geht in eine etwas heißere Phase, die Kurzfassung ist fertig (etwa 10 % der späteren Buchs), letzte Recherchen werde ich im Laufe des Juli erledigen, und dann geht es los. Wenn ich nicht noch einen Brotjob hätte, dann könnte das Buch bis Jahresende fertig sein. So wird es aber eher März oder April werden.

Uuuuuund: Man kann die “Seelenfotografin” mittlerweile bei amazon vorbestellen. An das Pseudonym muss ich mich noch sehr gewöhnen … aber das wird schon noch. So sieht sie übrigens aus:

Mehr fällt mir erstmal nicht ein. Außer:

SEHT EUCH DAS HINTERLAND AUF FACEBOOK AN!

:-)

Was ist Literatur? Umfrage bei Crazy Culture Clap

Aus einer Diskussion zu der Frage, wie sinnvoll eingentlich Genreschubladen sind, hat sich auf dem Crazy Cultur Clap Blog eine weitere Frage ergeben:

Was ist eigentlich Literatur, und wird das von Lesern eigentlich so wahrgenommen, wie vom Literaturbetrieb definiert?
Ist nur Literatur, was im festen Einband und mit Lesebändchen daherkommt? Oder darf man Genrebücher auch als Literatur bezeichnen?
Wann ist ein Buch banal, wann hallt es nach? Und warum?

Nicole hat auf die Schnelle eine Umfragemaske gebaut. Schaut doch mal rein, vielleicht findet Ihr Euch in den Fragen ja wieder?

LG, Karla

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Karla Schmidt am 22. Juni 2010 in Blog, Von Freunden, Übers Schreiben

Interview mit Stefan vom Bücher(p)lausch

Fürchterlich, wie langsam ich im Moment bin … es ist schon seit ein paar Tagen online, aber ich komme erst jetzt dazu, das hier Einzustellen … Stefan Baumgartner vom Bücher(p)lausch hat am 5.5. ein knapp halbstündiges Interview mit mir veröffentlicht.

Es geht natürlich um “Das Kind auf der Treppe”, aber es geht auch viel um David Bowie, das “Hinterland” kommt zur Sprache, und wir reden auch über Recherche und wie ich beim Schreiben arbeite.

Stefan hat mir netterweise den Einbettungscode gegeben, so dass ich das Interview auch hier einbinden kann. Macht Eure Lautsprecher an und klickt auf den Playbutton, dann sollte es gehen.

Ich wünsche Euch viel Spaß damit. :-)

Wie man sich einen Roman vorstellt

Stellt Euch vor, Ihr sitzt bei Eurem Literaturagenten und brütet mit ihm über dem Treatment für Euren nächsten Psychothriller. Plötzlich schlägt er vor, man könnte ja auch die Figuren mal spielen. Er holt einen Sack voll Playmobilfiguren.

Meine erste Reaktion: Ähm, ja. … Bin ich Lord Helmchen, der seine geheimsten Fantasien beim Spiel mit seinen Actionfiguren auslebt? Und muss ich das unbedingt unter Zeugen tun? Ist das ein Witz, oder was?

Nein, es ist ganz ernst gemeint. Und außerdem ist es professionelles Playmobil, rollenneutral wie die Urfiguren von 1974. So sieht das aus:

professionelles Playmobil

Mein Agent schüttet also den Sack mit den Figuren vor mir aus und fordert mich auf, welche auszusuchen, die stellvertretend für meine Romanfiguren stehen sollen. Er schreibt die Namen der Romanfiguren auf kleine Klebezettel und bappt sie den jeweiligen Playmomännchen und -frauchen auf den Bauch. Dann deutet er auf eine Filzunterlage, etwa in DinA3-Größe, und fordert mich auf: Stellen Sie die Figuren so auf, wie sie im Roman zueinander stehen. Am besten fangen wir am Anfang an.

Gut, da sitze ich also, vor mir ein Haufen bunter Plastikfiguren, und mit denen soll ich jetzt professionell spielen.

Aber wie spielt man professionell und überhaupt, was wird man aus diesem Spiel für Schlüsse über meinen psychischen Zustand ziehen können? Bestimmt kriege ich hinterher eine F60.4 oder so bescheinigt. Schließlich hat mein Agent mir zu Beginn unseres Treffens verraten, dass er ausgebildeter Psychotherapeut ist.

Genau daher kommt nämlich auch diese Methode, nämlich aus der systemischen Therapie, und sie ist von Bernd Hellingers Methode der „Familienaufstellung“ abgeleitet.
Dabei werden Familienkonflikte dadurch bearbeitet, dass man ausgehend von einer Frage, die man lösen möchte, Stellvertreter für die Familienmitglieder im Raum aufstellt und aufeinander bezieht. Ganz intuitiv wählt man den Abstand der Stellvertreter zueinander, entscheidet über ihre Körperhaltung und die Blickrichtung.
Aus diesen Anordnungen entstehen bei den Stellvertretern Empfindungen, die denen der realen Familienmitglieder ähnlich sein sollen. Wenn sie nun darüber reden, wie sie sich in ihrer jeweiligen Position fühlen, so wird es für die Person, die mit ihrer Frage im Hinterkopf die Aufstellung vornimmt, möglich, die Konflikte zu verstehen, die in seiner Familie bestehen – und sie auf der Stellvertreterebene zu lösen. Das alles natürlich immer unter der Anleitung eines erfahrenen Therapeuten …
Das mutet ein wenig esoterisch an, wenn man davon ausgeht, dass die Stellvertreter irgendeinen paranormalen Draht zu den echten Familienmitgliedern hätten und in der Aufstellung quasi als Medium fungieren.

Aber ich denke, so darf man die Sache nicht verstehen – denn sonst würde sie ja nicht mit Playmomännchen ebenso gut funktionieren. Playmomännchen fühlen sich nicht, und die Rote fängt hoffentlich auch nicht plötzlich an, darüber zu sprechen, dass sie sich weniger geliebt als die Blaue fühlt.
Wenn ich einen Konflikt in meiner Familie (oder sonst wo) mit Stellvertretern nachstellen kann – und zwar intuitiv – dann muss ich ja davon ausgehen, dass irgendetwas in mir (huhu, hier spricht dein Unbewusstes …) die Konfliktdynamik bereits kennt – und dass ich mich demnach auch in jede beteiligte Person hineinfühlen kann.
Und wenn ich das kann, dann kann ich auch, indem ich die Positionen der Figuren zueinander verändere, die Konflikte auf Stellvertreterebene dynamisieren und lösen. Und das wiederum gibt mir vielleicht einen Hinweis darauf, wie ich einen Konflikt im Reallife lösen könnte …

Soweit zur Theorie der Familienaufstellung. Einziger Haken an der Sache: Es geht bei der Aufstellungsarbeit darum, Konflikte zu lösen. Im Roman – zumal im Thriller – geht’s dagegen darum, Konflikte möglichst auszureizen und auf die Spitze zu treiben.

Tja. Aber man kann das Prinzip natürlich auch umdrehen: Statt Konflikte auf der Stellvertreterebene zu entschärfen – z.B. in dem man Figuren aufeinander zugehen oder sich einander zuwenden lässt – kann man Konflikte auf dieselbe Art auch auf die Spitze treiben. Indem man sich anschaut, wo Konflikte nur latent vorhanden sind, kann man dafür sorgen, dass sie zum Ausbruch kommen, wo sie schwach sind, kann man sie verstärken.

Dazu reicht es natürlich nicht, die Figürchen über die Filzmatte zu schieben und zu sagen: Der Sohn zieht sich jetzt von der Mutter zurück, aber sie kann ihn nicht gehen lassen. Man muss für diese Konflikte dann auch konkrete Bilder finden: Wie äußert sich die Kontrollsucht der Mutter? Wie äußert sich das Zurückziehen des Sohnes, was konkret tut er?

Ich also: Figuren aussuchen. Die Rote hier ist die Böse, und die Gute ist – na, was schon – weiß. Das Objekt der Begierde grün (wie die Hoffnung), ebenso wie der Ermittler (hier ist eher ein sattes Polizeigrün zu assoziieren), der Sohn ist weiß wie die Mutter, und der drogenabhängige Regisseur ist, in Ermangelung psychedelischer Regenbogenfarben, schlicht blau. Das Mordoper, na ja, rot, was sonst. Und dann geht es los. Kapitel für Kapitel.

Ist „Zurückziehen“ für den Sohn überhaupt stark genug? Kommt da vielleicht noch jemand ins Spiel, der sich zwischen Mutter und Sohn stellt?
Okay, nun steht da eine böse, rote Playmobilfigur zwischen Mutter und Sohn. Was genau tut sie?
Sie nimmt den Sohn aus dem Spiel. Ich nehme den Sohn von der Filzmatte.
Sie nimmt ihn aus dem Spiel heißt: Sie tut ihm etwas an? Ja, auf jeden Fall! Aber was? …
Okay, und was ist mit dem Toten aus der Backstory? Der liegt da hinten so rum und eigentlich braucht den niemand. Er ist keine Gefahr und keiner vermisst ihn.
Aber wenn nun jemand etwas darüber wüsste, wie er ums Leben gekommen ist? Wer könnte das sein?
Der da, das Objekt der Begierde weiß Bescheid! Und auf einmal hat er ein fettes Druckmittel gegen den Blauen in der Hand …

Ich gebe zu, ich habe zuerst gedacht, das bringt nichts – aber nachdem ich die ersten Kapitel – unter kompetenter therapeutischer Anleitung :D – durchgearbeitet hatte, fing ich an, meine Figuren zu verstehen. Ich habe verstanden, wer hier welche Ängste aussteht, welche Hoffnungen hegt, welchen Dreck am Stecken hat und wie jede Figur alle anderen Figuren beeinflusst. Jetzt habe ich meine Figuren soweit, dass sie mir zeigen, was Menschen einander antun können, wenn sie in die Enge getrieben werden.

Diese Sitzung war extrem anstrengend – und extrem effektiv. Ich habe das Gefühl, an einem Nachmittag die Arbeit von mehreren Wochen erledigt zu haben.

Jetzt überlege ich, ob ich mir selbst so einen Sack mit professionellen Urplaymos zulegen soll? Vierzig Stück gibt es für 46 Euro.

Hmm … wenn ich das Honorar für diesen Thriller bekomme, werde ich mich wohl mit ein wenig professionellem Spielzeug versorgen. :-)

Liebe Grüße, Karla

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Karla Schmidt am 18. Februar 2010 in Blog, Übers Schreiben