29.12.2009 “Die Seelenfotografin” – ein langer Weg bis zu Rowohlt
… es gab da ja noch einen Romanerstling, nicht wahr?
Ja, der Titel war Isabels Schöpfung, ein historisch-fantastischer Roman, der Ende des 19. Jahrhunderts in Berlin spielt. Er soll im November 2010 bei Rowohlt erscheinen. Nun ist bereits klar, dass er einen anderen Titel bekommen wird – Die Seelenfotografin – und dass der Roman unter Pseudonym erscheinen soll – Charlotte Freise – , damit er sich nicht mit den Thrillern ins Gehege kommt.
Und darum gehts …
Jezira Kowka, Wanderfotograf, lebt zusammen mit seinem Meister Bing von erotischen Bildern, die sie unter der Hand verkaufen. Jezira ekelt sich vor den Aufnahmen, die er von Meister Bings Huren machen muss.
Eines Tages erscheint ein Dr. Greipel auf dem Rummel und sucht einen Fotografen. Jezira ergreift die Gelegenheit, klaut Bing Ausrüstung und Geld und beginnt ein neues Leben als Krankenhausfotograf.
In Dr. Greipels Klinik trifft Jezira auf die fünfzehnjährige Isabel, die wegen einer hysterischen Lähmung behandelt wird.
Tatsächlich ist sie mit einem genialen Verstand begabt. Das Mädchen macht Jezira Angst, dringt in ihn, rührt an seine tiefsten Wunden. Jezira ist hin und her gerissen zwischen Isabel und seinem Willen, ein respaktabler Bürger zu werden, und jeder Versuch sich richtig zu verhalten, scheint sich unausweichlich in sein Gegenteil zu verkehren. …
Als ich diesen Blog begonnen habe, hatte ich ja versprochen, dass ich auch über den Prozess des Schreibens und Veröffentlichens berichten werden. Also dann …
Plötzlich ein Roman – und das Ende einer langen Durststrecke
“Isabels Schöpfung” ist mein persönlicher Durchbruch gewesen – allerdings nicht kommerziell, wie auch, das Buch erscheint ja erst Ende 2010. Aber ich habe mit diesem Buch einen Jahre lang andauernden inneren Widerstand überwunden. Ich habe es endlich geschafft, einen ganzen Roman zu schreiben!
Tatsächlich hat “Isabels Schöpfung” Ende 2005 als Kurzgeschichte für ein (inzwischen versandetes) Anthologieprojekt begonnen. Die Story sollte der Auftakt für sieben miteinander verschränkte Stories werden. Doch nach achtzig Seiten hatte ich noch nicht einmal ein Vierteil des Plots umgesetzt. In dem Moment habe ich begriffen, dass ich dabei war, einen Roman zu schreiben – und mich hat die Angst gepackt.
Ich hatte nämlich bereits ein paar Romane begonnen – und nie bin ich mit einem davon fertig geworden. Sie liegen immer noch als mehr oder weniger peinliche Fragmente auf meinem Rechner herum.
Was, wenn ich es wieder nicht schaffe?
Mir ging es in diesem Moment vielleicht ein wenig wie einem Süchtigen: Ich wusste, dieses mal muss ich es schaffen, oder ich schaffe es nie. Es gab nur noch diese beiden Optionen: Es durchziehen – oder es für immer aufgeben.
Dass ich mit “Isabels Schöpfung” endlich diesen persönlichen “Durchbruch” geschafft habe, verdanke ich folgenden Faktoren:
1. hatte ich mir diese “Jetztodernie”-Situation geschaffen.
2. war ich gerade dabei, mein zweites Kind abzustillen und hatte an den Tagen und Abenden wieder größere zusammenhängende Zeitbrocken für mich allein.
3. habe ich diese freien Zeitbrocken radikal für den Roman genutzt – obwohl mir die Zeit zum Geldverdienen fehlte. Ich habe im Jahr 2005 und 2006 deswegen einen kleinen Schuldenberg angesammelt. Aber ich wusste: Ich muss das jetzt schaffen!
4. hatte ich zum ersten mal einen Plot ausgearbeitet, bevor ich mit dem Schreiben begonnen habe. Mit “Isabels Schöpfung” habe ich begriffen, dass ein Roman einen Plan braucht, wenn ich mich nicht innerhalb von 70 oder 80 Seiten in eine Sackgasse schreiben will.
Ein richtiger Agent!
Nach einem guten Jahr war ich mit “Isabels Schöpfung” fertig – und wusste dann nicht, was ich damit anstellen sollte. Durch einen Zufall ist das Buch bei einem Agenten gelandet – der ihn über Monate nicht gelesen hat.
Irgendwann war ich ziemlich wütend deswegen und habe mit dem Gefühl, dass ich ohnehin nichts zu verlieren habe, drei weitere Agenten angerufen und den Roman am Telefon kurz und mit trotzigem Mut vorgestellt – oder “gepitcht”, wie man im Fachjargon sagt.
Alle drei Agenten haben daraufhin das Manuskript angefordert. Soweit schon mal Erfolg und Genugtuung.
Von einer Agentur habe ich noch am selben Tag eine Absage erhalten. Mein Mut sank ein wenig.
Von der zweiten Agentur habe ich zwei Tage später eine begeisterte Zusage erhalten. Ich war obenauf!
Und die dritte Agentur hat mir ein dreiviertel Jahr später einen Vertrag angeboten. Auch schön. Ich durfte meine erste dankende Absage formulieren.
Einen Agenten zu haben, der mich unterstützte und hinter “Isabels Schöpfung” stand, war auf jeden Fall ein großer Schritt nach vorne, auch wenn es noch etwas dauern sollte, bis mit “Isabels Schöpfung” etwas passierte.
Das Buch ist nicht vermittelbar
Nach einem guten Jahr und einem halben Roman später haben sowohl der Agent als auch ich aufgegeben, das Buch unterzubringen.
Sämtliche Verlage waren der Meinung, dass man das Buch nicht vermarkten könne, weil es in keine Genreschublade passt.
Es war kein historischer Roman, keine Fantastik, kein Krimi, keine Lovestory, nicht eindeutig Literatur und nicht eindeutig Unterhaltung – sondern irgendwas dazwischen.
Ich bin irgendwann dazu übergegangen, das Buch eine “novel noir” zu nennen, aber dieses Genre schien merkwürdiger Weise niemanden zu interessieren.
“Isabels Schöpfung” wanderte 2008 als “nicht vermittelbar” in die Schublade.
Mein Agent tröstete mich: Wenn ich erstmal mit Roman Nr.2, an dem ich inzwischen arbeitete und der ein marktgerechter Psychothriller werden sollte, draußen und erfolgreich sei, dann würde sich auch jemand für “Isabels Schöpfung” interessieren. Außerdem landen die ersten ein bis drei “Gesellenstücke” ohnehin meist in der Schublade, bevor das erste “Meisterstück” einen Verlag findet.
… aber zum Glück gibt es auch andere Wege zum Verlag.
Ich weiß nicht warum, aber aus irgendeinem irrationalen Impuls heraus beteiligte ich mich mit “Isabels Schöpfung” an dem Rowohlt-Wettbewerb “Der historische Roman 2009″.
Das Buch gewann nicht. Klar, es ist ja auch kein “richtiger” historischer Roman – sondern irgendwas dazwischen.
Ich war nicht einmal enttäuscht.
Tod und Geburt
Als ich dann im August 2009 mit meinem Onkel in Bückeburg auf den Parkplatz eines Ruheforstes fuhr, in dem zwei Wochen zuvor die Urne meiner Tante unter einer alten, üppigen Buche beigesetzt worden war, klingelte das Handy.
Es hätte keinen unpassenderen Moment geben können, aber als ich auf das Display sah, bin ich trotzdem ran gegangen. Die Hoffnung stirbt schließlich immer zuletzt.
Ich wusste, es muss irgendetwas aufregendes passiert sein, wenn mein Agent mich mitten im Urlaub anruft:
“Isabels Schöpfung” war durch den Wettbewerb gerauscht. Aber eine Lektorin hatte sich in das Buch verliebt und es ihrem Programmleiter ans Herz gelegt. Mein Agent hat dann alles für mich verhandelt.
Und so sind wir fast vier Jahre nach Fertigstellung des Manuskriptes doch noch zu einem Verlagsangebot gekommen.
Karla Schmidt am 29. Dezember 2009 in Blog, Die Seelenfotografin, Übers Schreiben




