Gelesen: John Ajvide Lindqvist “So finster die Nacht”
Oskar ist dreizehn, er ist der Klassenloser, er wird täglich buchstäblich zur Sau gemacht, wenn die anderen Jungs ihn zwingen “zu schreien wie ein Schwein”. Oskar gibt sich den übelsten Mordphantasien hin. Man kann es verstehen.
Dann wird wirklich wer ermordet und Oskar ist unsicher, ob er nicht auf paranormalem Wege doch irgend etwas damit zu tun hat. Hat er nicht, sowas gibt es nicht.
Doch dann lernt er Eli kennen, ein seltsames Kind, ungefähr in seinem Alter, das aber nur nachts auf dem Spielplatz erscheint. Eli stinkt, hat schmierige Haare, redet seltsam, trägt immer denselben Pulli. Trotzdem ist Oskar völlig fasziniert von ihr. Die zarte Liebe, die sich zwischen den beiden entwickelt, ist körperlich und zugleich vollkommen keusch. Im Grunde sind die beiden Kinder die einzigen Wesen, die in dieser Geschichte zueinander finden, während alles andere immer weiter auseinanderdriftet. Freunde verlieren einander, Eltern verlieren ihre Kinder, Kinder verlieren ihre Unschuld.
Zugleich kommt es im näheren Umfeld zu immer grausigeren Morden – und die Spur führt zu Eli und einem Mann, der sich als ihr “Vater” ausgibt, der jedoch immer mehr zum Monster mutiert. Schließlich ist Oskar der erste und einzige Mensch, der es begreift: Eli ist ein Vampir. Und Vampire leben von Blut.
“So finster die Nacht” wurde in Deutschland weder als Horror noch als Vampirromance vermarktet, sondern als Thriller im weiteren Sinne. Dabei ist dieses Werk (großes Wort, aber vollkommen berechtigt), durchaus alles mögliche mehr als “nur” ein Thriller:
Coming of Age Story (Oskar lernt, sich zu wehren), Sozialdrama (Die “normalen” Vorstadtjugendlichen nehmen es in Punkto Grausamkeit locker mit jedem irrsinnigen Mörder und erst recht mit einen hungrigen Vampir auf), Zombiehorrorschocker (selten einen so pervers widerlichen Zombie gelesen), paranormale Romanze (dabei völlig ungeschlechtlich), Rachefeldzug (Der Vampir wird buchstäblich zum Engel).
Seit ich dreizehn war, musste ich, nachdem mir um vier Uhr früh beim Lesen dann doch irgendwann die Augen zu fielen, zum ersten mal das Licht anlassen um einschlafen zu können. Irgendwie war mir nicht wohl bei dem Gedanken, im Dunkeln zu liegen …
