Wie man sich einen Roman vorstellt

Stellt Euch vor, Ihr sitzt bei Eurem Literaturagenten und brütet mit ihm über dem Treatment für Euren nächsten Psychothriller. Plötzlich schlägt er vor, man könnte ja auch die Figuren mal spielen. Er holt einen Sack voll Playmobilfiguren.

Meine erste Reaktion: Ähm, ja. … Bin ich Lord Helmchen, der seine geheimsten Fantasien beim Spiel mit seinen Actionfiguren auslebt? Und muss ich das unbedingt unter Zeugen tun? Ist das ein Witz, oder was?

Nein, es ist ganz ernst gemeint. Und außerdem ist es professionelles Playmobil, rollenneutral wie die Urfiguren von 1974. So sieht das aus:

professionelles Playmobil

Mein Agent schüttet also den Sack mit den Figuren vor mir aus und fordert mich auf, welche auszusuchen, die stellvertretend für meine Romanfiguren stehen sollen. Er schreibt die Namen der Romanfiguren auf kleine Klebezettel und bappt sie den jeweiligen Playmomännchen und -frauchen auf den Bauch. Dann deutet er auf eine Filzunterlage, etwa in DinA3-Größe, und fordert mich auf: Stellen Sie die Figuren so auf, wie sie im Roman zueinander stehen. Am besten fangen wir am Anfang an.

Gut, da sitze ich also, vor mir ein Haufen bunter Plastikfiguren, und mit denen soll ich jetzt professionell spielen.

Aber wie spielt man professionell und überhaupt, was wird man aus diesem Spiel für Schlüsse über meinen psychischen Zustand ziehen können? Bestimmt kriege ich hinterher eine F60.4 oder so bescheinigt. Schließlich hat mein Agent mir zu Beginn unseres Treffens verraten, dass er ausgebildeter Psychotherapeut ist.

Genau daher kommt nämlich auch diese Methode, nämlich aus der systemischen Therapie, und sie ist von Bernd Hellingers Methode der „Familienaufstellung“ abgeleitet.
Dabei werden Familienkonflikte dadurch bearbeitet, dass man ausgehend von einer Frage, die man lösen möchte, Stellvertreter für die Familienmitglieder im Raum aufstellt und aufeinander bezieht. Ganz intuitiv wählt man den Abstand der Stellvertreter zueinander, entscheidet über ihre Körperhaltung und die Blickrichtung.
Aus diesen Anordnungen entstehen bei den Stellvertretern Empfindungen, die denen der realen Familienmitglieder ähnlich sein sollen. Wenn sie nun darüber reden, wie sie sich in ihrer jeweiligen Position fühlen, so wird es für die Person, die mit ihrer Frage im Hinterkopf die Aufstellung vornimmt, möglich, die Konflikte zu verstehen, die in seiner Familie bestehen – und sie auf der Stellvertreterebene zu lösen. Das alles natürlich immer unter der Anleitung eines erfahrenen Therapeuten …
Das mutet ein wenig esoterisch an, wenn man davon ausgeht, dass die Stellvertreter irgendeinen paranormalen Draht zu den echten Familienmitgliedern hätten und in der Aufstellung quasi als Medium fungieren.

Aber ich denke, so darf man die Sache nicht verstehen – denn sonst würde sie ja nicht mit Playmomännchen ebenso gut funktionieren. Playmomännchen fühlen sich nicht, und die Rote fängt hoffentlich auch nicht plötzlich an, darüber zu sprechen, dass sie sich weniger geliebt als die Blaue fühlt.
Wenn ich einen Konflikt in meiner Familie (oder sonst wo) mit Stellvertretern nachstellen kann – und zwar intuitiv – dann muss ich ja davon ausgehen, dass irgendetwas in mir (huhu, hier spricht dein Unbewusstes …) die Konfliktdynamik bereits kennt – und dass ich mich demnach auch in jede beteiligte Person hineinfühlen kann.
Und wenn ich das kann, dann kann ich auch, indem ich die Positionen der Figuren zueinander verändere, die Konflikte auf Stellvertreterebene dynamisieren und lösen. Und das wiederum gibt mir vielleicht einen Hinweis darauf, wie ich einen Konflikt im Reallife lösen könnte …

Soweit zur Theorie der Familienaufstellung. Einziger Haken an der Sache: Es geht bei der Aufstellungsarbeit darum, Konflikte zu lösen. Im Roman – zumal im Thriller – geht’s dagegen darum, Konflikte möglichst auszureizen und auf die Spitze zu treiben.

Tja. Aber man kann das Prinzip natürlich auch umdrehen: Statt Konflikte auf der Stellvertreterebene zu entschärfen – z.B. in dem man Figuren aufeinander zugehen oder sich einander zuwenden lässt – kann man Konflikte auf dieselbe Art auch auf die Spitze treiben. Indem man sich anschaut, wo Konflikte nur latent vorhanden sind, kann man dafür sorgen, dass sie zum Ausbruch kommen, wo sie schwach sind, kann man sie verstärken.

Dazu reicht es natürlich nicht, die Figürchen über die Filzmatte zu schieben und zu sagen: Der Sohn zieht sich jetzt von der Mutter zurück, aber sie kann ihn nicht gehen lassen. Man muss für diese Konflikte dann auch konkrete Bilder finden: Wie äußert sich die Kontrollsucht der Mutter? Wie äußert sich das Zurückziehen des Sohnes, was konkret tut er?

Ich also: Figuren aussuchen. Die Rote hier ist die Böse, und die Gute ist – na, was schon – weiß. Das Objekt der Begierde grün (wie die Hoffnung), ebenso wie der Ermittler (hier ist eher ein sattes Polizeigrün zu assoziieren), der Sohn ist weiß wie die Mutter, und der drogenabhängige Regisseur ist, in Ermangelung psychedelischer Regenbogenfarben, schlicht blau. Das Mordoper, na ja, rot, was sonst. Und dann geht es los. Kapitel für Kapitel.

Ist „Zurückziehen“ für den Sohn überhaupt stark genug? Kommt da vielleicht noch jemand ins Spiel, der sich zwischen Mutter und Sohn stellt?
Okay, nun steht da eine böse, rote Playmobilfigur zwischen Mutter und Sohn. Was genau tut sie?
Sie nimmt den Sohn aus dem Spiel. Ich nehme den Sohn von der Filzmatte.
Sie nimmt ihn aus dem Spiel heißt: Sie tut ihm etwas an? Ja, auf jeden Fall! Aber was? …
Okay, und was ist mit dem Toten aus der Backstory? Der liegt da hinten so rum und eigentlich braucht den niemand. Er ist keine Gefahr und keiner vermisst ihn.
Aber wenn nun jemand etwas darüber wüsste, wie er ums Leben gekommen ist? Wer könnte das sein?
Der da, das Objekt der Begierde weiß Bescheid! Und auf einmal hat er ein fettes Druckmittel gegen den Blauen in der Hand …

Ich gebe zu, ich habe zuerst gedacht, das bringt nichts – aber nachdem ich die ersten Kapitel – unter kompetenter therapeutischer Anleitung :D – durchgearbeitet hatte, fing ich an, meine Figuren zu verstehen. Ich habe verstanden, wer hier welche Ängste aussteht, welche Hoffnungen hegt, welchen Dreck am Stecken hat und wie jede Figur alle anderen Figuren beeinflusst. Jetzt habe ich meine Figuren soweit, dass sie mir zeigen, was Menschen einander antun können, wenn sie in die Enge getrieben werden.

Diese Sitzung war extrem anstrengend – und extrem effektiv. Ich habe das Gefühl, an einem Nachmittag die Arbeit von mehreren Wochen erledigt zu haben.

Jetzt überlege ich, ob ich mir selbst so einen Sack mit professionellen Urplaymos zulegen soll? Vierzig Stück gibt es für 46 Euro.

Hmm … wenn ich das Honorar für diesen Thriller bekomme, werde ich mich wohl mit ein wenig professionellem Spielzeug versorgen. :-)

Liebe Grüße, Karla

14 Kommentare »

Karla Schmidt am Februar 18th 2010 in Leben schreiben

14 Kommentare zu “Wie man sich einen Roman vorstellt”

  1. Kossi schrieb am 18 Feb 2010 um 22:46 #

    Also ist das Schreiben am Ende doch nur die “Therapie”, die dem Autor hilft, sein Leben in den Griff zu bekommen, oder? :-)

    Ich finde diese Idee ehrlich gesagt super und überlege ebenfalls, mir für das zweite Buch ein paar Püppchen zuzulegen. Ich denke schon, dass man sich die Story dadurch irgendwie realer vorstellen kann.
    Gibt es diese Beratung mittlerweile auch auf Rezept? Kassenpatient. Bitte um Terminvorschläge :-)

    Liebe Grüße,
    Kossi

  2. karla schrieb am 18 Feb 2010 um 22:58 #

    Liebe Kossi,

    soweit ich weiß, gibts “Romanstellen” noch nicht auf Rezept. Aber man könnte mal über die Gründung einer Selbsthilfegruppe nachdenken. ;-)

    LG, Karla

  3. Monika schrieb am 19 Feb 2010 um 14:37 #

    Liebe Karla, ich kenne diese Methode auch aus meiner Gruppenarbeit mit Pflege-und Adoptiveltern und aus einer Fortbildung zum Psychodrama. Man glaubt nicht, was man selbst und auch andere alles daraus erkennen und es stimmt! Für einen Roman finde ich es auch eine klasse Idee, ebenso das ja wahrscheinlich überall bekannte mind-mapping. Dadurch, dass man visualisiert, hat man nicht nur alles im Kopf, sondern auch direkt “zum anfassen”. Ich freue mich auf Dein Buch!
    Gruß von Monika Wiedemann-Kaiser

  4. karla schrieb am 20 Feb 2010 um 10:22 #

    Liebe Monika,

    ja, genau dieses “zum Anfassen” macht es wahrscheinlich so nützlich.

    Ich habe letzte Nacht von Playmobilfiguren geträumt. Völlig verrückt …

    LG, Karla

  5. Esther Grau » Blog Archive » Spielerische Inspiration schrieb am 22 Feb 2010 um 14:31 #

    [...] besonders originelle Methode beschreibt die Autorin Karla Schmidt, deren Literaturagent ein Verfahren der Psychotherapie heranzieht, um ihren kreativen Prozess [...]

  6. PLAYMOBIL® 4270 – Arena : Günstige Kindersachen schrieb am 23 Feb 2010 um 10:31 #

    [...] Firma geobra Brandstätter, &#1281&#1110&#1077 seit 1974 &#1281&#1072&#1109 System-Spielzeug Playmobil &#1072&#965f &#1281&#1077&#1495 Markt bringt, &#1211&#1072t &#1109&#1110&#1089&#1211 natürlich [...]

  7. Andreas Reisenbauer schrieb am 06 Apr 2010 um 15:05 #

    Sorry, aber mit Hellinger hat diese Methode recht wenig zu tun. Sie nennt sich “Drehbuchaufstellung” und wurde von Matthias Varga von Kibéd und Insa Sparrer entwickelt:
    http://systeme-stellen.info/blog/film-ab-kamera-laeuft-die-drehbuchaufstellung

  8. karla schrieb am 06 Apr 2010 um 16:32 #

    Danke für die Info zum Drehbuchaufstellen, eine interessante Querverbindung, die mir neu ist.

    Sicher haben aber die Drehbuchleute die Abwandlungen von Hellingers – oder eher noch Satirs – Aufstellungsarbeit zu dramaturgischen Zwecken nicht für sich allein gepachtet oder?
    Denn letztlich scheint die Drehbuchaufstellung eben nichts anderes zu machen: Das Prinzip aus der systemischen Therapie auf die Dramaturgie anzuwenden und in ihrem Sinne abzuwandeln.

    Was wir in der Romanaufstellung gemacht haben, war insgesamt weniger systematisch als in der beschriebenen Drehbuchaufstellung.

    LG, Karla

  9. Stefan schrieb am 16 Apr 2010 um 06:57 #

    Wo bekommt man den solch “professionelles Playmobil”? Hab mal im Netz geschnüffelt, stoße aber immer wieder nur auf den “Kinderkram”. Irgendwelche Ideen?

  10. Karla schrieb am 16 Apr 2010 um 07:02 #

    @Stefan – schau mal hier:

    http://www.aufstellungsfiguren.de/playmobil.php

    :)

    LG, Karla

  11. Stefan schrieb am 17 Apr 2010 um 13:29 #

    Herzlichen Dank!

  12. Dieter schrieb am 24 Aug 2010 um 07:49 #

    Gute und lustige Art seine Gedanken bildlich darzustellen!

  13. Rene Baron schrieb am 23 Sep 2011 um 14:37 #

    Mit Gummibärchen geht es auch. Man kann sie nicht nur auflegen sondern auch Kopf abbeissen, an Spiegel kleben, oder ganz aufessen – je nach Frustrationsgrad des Autors.
    Hilft, ist aber weniger verdächtig als wenn Erwachsene mit Playmobils rummachen!

  14. Karla schrieb am 24 Sep 2011 um 12:50 #

    Hi Rene,

    hm, klingt gut. Ich wüsste nur nicht, ob ich es schaffen würde, einen Plot durchzustellen, bevor die Tüte leer ist. Oder es würden in der Geschichte halt sehr viele Figuren sterben müssen … :D

    LG, Karla

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