Leseprobe “Kind auf der Treppe”

Prolog

Berlin, Hauptstraße 155, 26./27.Januar 2010

Er bewegte seine Hand mechanisch auf und ab, mit langsamen, rhythmischen Bewegungen. Die Handschellen erzeugten auf dem Alurahmen des Feldbettes ein dünnes Quietschen. Auf und ab, er durfte nicht nachlassen. Irgendwann würde ihn jemand hören, trotz der Eierkartons an den Wänden, trotz der Pappschichten, auf denen sein Lager stand. Die Angst gab ihm Kraft.
Er hatte viel Zeit zum Lauschen. Manchmal verstand er beinahe, was die Leute in den anderen Wohnungen sagten. Manchmal hörte er das Kind in der Nachbarwohnung vor Hunger weinen. Oder er hörte, wie es die Treppen hinauf- und hinabhüpfte. Es sang mit seiner hellen Stimme einen Abzählreim, der sich in seine Hirnwindungen fraß. Er wusste, dass nur der Tod diese Silben wieder auslöschen konnte. Die Worte hatten etwas mit ihm zu tun, aber er fand den Sinn darin nicht. Er schmeckte sein eigenes Blut und würgte. Auf und ab, nur nicht nachlassen.
Der Schmerz in seinem Beinstumpf wurde wieder stärker, ein Pulsen und Reißen knapp unter der Leiste, wo die sauber versorgte Wunde war, und der weit grausamere Phantomschmerz in dem Teil seines Beines, den es nicht mehr gab.
Jede Scheibe, die davon abgeschnitten worden war, konnte er spüren, jeder Schnitt ein Kreis aus singendem Schmerz. Jedes Nervenende sandte nach wie vor Alarmsignale an sein Hirn, das nicht akzeptieren wollte, was geschehen war. Fort, fort, für immer, er wusste es genau.
Doch irgendein Teil seines Selbst wollte der kompetenten Stimme hinter dem grünen Mundschutz glauben. „Keine Sorge, es wächst irgendwann nach. Vertrauen Sie mir“, sagte die Stimme. „Vertrauen Sie mir“, wenn er gewaschen wurde, wenn er gefüttert wurde, wenn ihm Blut abgezapft wurde. Ein kleiner Schlauch war in seiner Vene fixiert. Einmal am Tag wurde der Drehverschluss geöffnet, und sein helles, rotes Blut lief in eine Kindertasse. Hinterher musste er trinken. Meistens bekam er Milch oder Saft. Er wurde gut umsorgt, und er wurde auch nicht bestraft, wenn er vor Angst das Bett nass machte.
Als der Schmerz unerträglich wurde, wollte er schreien, doch das Klebeband auf seinem Mund ließ nur ein dumpfes Stöhnen nach außen dringen. Blut lief ihm in die Kehle, und er schluckte hart. Am ersten Abend war seine Zunge mit einem Haken weit aus dem Mund herausgezogen worden. Dann hatte die Gestalt mit dem Mundschutz sie mit zwei schnellen, glatten Schnitten ihres Skalpells herausgetrennt und den Stumpf vernäht. Er riss immer wieder auf. „Es tut mir leid“, sagte die Stimme. „Wir haben hier leider keinen Laser, um die Wunde zu verschließen.“ Wenn er zu viel Blut schluckte, konnte es passieren, dass er an seiner geronnenen Kotze erstickte. Darum sollte er still liegen, sich nicht aufregen. „Alles wird wieder gut.“
Wenn die Wirkung der Spritzen nachließ und das Bewusstsein um den nahenden Tod ihn ein Stückchen weiter in den Wahnsinn trieb, dauerte es nicht mehr lange. Er sehnte sich ebenso sehr nach der Spritze, wie ihm davor graute. Eine Spritze war gnädige Dunkelheit, die ihn den Albtraum für eine Weile vergessen ließ. Und eine Spritze bedeutete, mit einem Stück Leib weniger aufzuwachen, das durch einen neuen, singenden Kreis aus Schmerz ersetzt worden war.
Jetzt musste es bald auf Mitternacht zugehen. Der Mond kroch um die Hausecke, schien durch den Schlitz links neben den Felddecken herein, die als Vorhänge dienten. Sie trugen den Aufdruck FUSSENDE. Ein bitteres Lachen stieg in ihm auf. Er versuchte, seine Position zu verändern, bis er in dem Lichtstreif lag, der auf sein Lager fiel. Vielleicht erkannte jemand aus einer Wohnung weiter oben im Hof, dass etwas nicht stimmte. Vielleicht sah ihn jemand. Vielleicht sah jemand der Stimme mit dem Mundschutz bei ihrer Arbeit zu und alarmierte die Polizei. Falls es gegenüber Fenster gab. Er wusste es nicht, weil er den Kopf nicht weit genug drehen konnte, um nachzusehen.
Hinter der Tapetentür machte sich jemand zu schaffen, sein Herzschlag beschleunigte sich, dunkle Flecken tanzten vor seinen Augen. Er beschleunigte den Rhythmus seiner Bewegungen, gab Kraft dazu. Das Quietschen wurde lauter. Sein Blick irrte über die Wände, Wände aus finsteren Löchern und spitzen Mondscheinbergen, grün und grau wie bemooste Steine am Grund eines Tümpels. Seine Hände würde man ihm lassen. Ohne Hände würde es schwieriger sein, ihn ans Bett zu fesseln. Aber ohne Arme und Beine könnte er sowieso nirgends mehr hin. Vielleicht würden sie seine Hände nehmen. Wie viel konnten sie nehmen, bevor er starb?
Erneut beschleunigte er den Rhythmus. Blut lief an seinen Händen hinab, und während er arbeitete und schwitzte, glitt er in einen Dämmerzustand hinüber, in dem das Pulsieren des Schmerzes den Rhythmus seiner Bewegungen vorgab wie ein Galeerenschlag. Er ruderte um sein Leben. Mit jeder Minute wurde der Rhythmus härter, wurde der Schmerz intensiver, fast wie ein Klang in seinem Leib. Er warf sich auf dem Feldbett hin und her.
Plötzlich mischte sich in den Schmerz und das Kreischen der Handschellen ein weiteres Geräusch. Ein Klopfen. Er hielt inne und lauschte. Er atmete schwer, Blut rauschte in seinen Ohren, aber er war sich sicher: Jemand war an der Wohnungstür.
Er kämpfte gegen seine Fesseln. Er musste lauter sein als der Schmerz, er schüttelte sich, spannte jeden Muskel, bäumte sich auf, bis er sich fast die Arme aus den Schultergelenken riss.
Dann fiel er auf sein Kissen zurück, das nass von Schweiß und Tränen war. Er drehte den Kopf zur Seite, schloss die Augen und lauschte. Nichts. Er weinte. Dann betete er. Zum ersten Mal, seit er ein Kind war und dazu genötigt worden war, betete er. Und zum ersten Mal in seinem Leben tat er es mit dem Wunsch, wirklich zu glauben. Gott, wenn es dich gibt. Der Schmerz ist zu groß. Hilf mir. Als der Schmerz unerträglich wurde, riss er die Augen auf, so als könnte er statt mit der Stimme mit dem Blick schreien.
Vor dem Feldbett stand eine Gestalt. Ein schmaler Streifen Mondlicht fiel auf ihr Gesicht. Es war bleich, die Augen dunkel, die Wimpern lang und dicht, die kurzen Locken eher orange als rot. Leni.
Sie kam näher, atmete scharf ein, wich wieder zurück. Hatte sie ihn erkannt? Er bewegte sich nicht, um die Erscheinung nicht zu vertreiben. Leni stieß einen lang gezogenen, dünnen Schrei aus. Dann biss sie sich in die Hand. Er erkannte Ekel in ihrem Gesicht. Mit Sicherheit stank er zum Himmel, nach Angst und Kot und süßem Fleisch. Mach mich los, dachte er, mach das Klebeband ab, damit ich atmen kann, bring mich hier raus, Leni, bitte. Er wusste, dass seine Augen flehten, doch Leni bewegte sich nicht. Nur ihre Lippen öffneten sich ein wenig, als sie sprach.
„Aber.“
Mehr sagte sie nicht. Sie sprach es nicht einmal fragend aus, sondern vollkommen trocken, ohne jede Intonation. Hatte sie ihn erkannt? Wie viel war noch von ihm übrig, das sie wiedererkennen konnte?
Er bäumte sich erneut auf, stieß mit dem verbliebenen Bein in die Luft, bis die Felddecke auf den Boden rutschte. Leni schluchzte. Sie starrte seinen Beinstumpf an, die wasserdichte Unterlage unter seinem nackten Unterleib, und sein Geschlecht, das schlaff auf der Matratze lag.
Leni blickte auf ihn herab, ganz kurz empfand er einen Anflug von Demut, der von einem intensiven Gefühl von Dringlichkeit abgelöst wurde. Jetzt, Leni, jetzt. Bitte.
Lenis Hand kam näher, sie fasste eine Ecke des Klebebands. Sie zog es langsam ab, vorsichtig, als ob sie zweifelte, dass sie das Richtige tat, und während sie seine Befreiung hinauszögerte, verblasste ihr weißes Gesicht zu einem Schattenriss. Die Tapetentür schwang auf, geräuschlos und geisterhaft wie immer.


I.

Berlin, Hauptstraße 155, 08./09.Januar 2009

Es war ein eiskalter Mittwochmorgen, vier Uhr früh, als Leni aus dem M48er Bus stieg. Sie hatte über eine Stunde vom Flughafen hierher gebraucht, unsicher, wohin sie sich wenden musste. Die Stadt war überwältigend groß. Immer wieder hatte sie sich umgeblickt. Sie hörte keine Schritte hinter sich, kein verhaltenes Atmen. Und trotzdem fühlte sie sich verfolgt. Sie konnte nicht anders.
Plötzlich stand sie vor dem richtigen Haus, Nummer 155. Hier wohnte also Zicky. Es war vollkommen windstill, Lenis gefrorener Atem stand ihr als Nebel vor dem Gesicht. Ein Auto dröhnte hinter ihr vorbei, und der Riemen ihrer Sporttasche drückte schmerzhaft auf den Bluterguss, der sich diagonal über ihre Brust zog.
Es war ziemlich genau einundzwanzig Jahre her, seit Leni ihre Halbschwester zuletzt gesehen hatte. Sie wusste nicht einmal, ob sie sie wieder erkennen würde. Sie sah an dem Haus hinauf, starrte die beleuchtete Hausnummer an, auf deren Innenseite ein paar tote Insekten klebten. Die Fassade war gelblichgrau, und die Durchfahrt zum Hof war ein schwarzes Loch. Sie trat näher und betrachtete das Klingelschild. Im ersten Stock ein Zahnarzt, und darüber: Zicky Kretschmar und Olga Blau. Ob sie mitten in der Nacht klingeln konnte?
Leni drückte versuchsweise gegen die Haustür. Sie war ein wenig verzogen, wahrscheinlich wegen der Kälte, und stand einen Zentimeter weit offen. Leni ging hinein und drückte die Tür hinter sich zu. So konnte ihr niemand, der keinen Schlüssel hatte, ins Haus folgen.
Der Eingang verlor sich nach hinten zu den Treppen in Dunkelheit. Die Stufen waren mit einem fleckigen, roten Sisalläufer bedeckt. Es roch nach Kälte, Staub und gekochtem Fleisch. Leni ertastete den Lichtschalter, der Schein der Deckenlampen war dumpf, und sie gaben ein hohes Sirren von sich, bevor ein paar Sekunden später das Licht wieder erlosch. Leni drückte noch einmal auf den Schalter, doch bis auf das Licht der Straßenbeleuchtung, das durch die Tür herein fiel, blieb es dunkel. Vor allem links neben der Treppe war genügend Platz, um sich im tieferen Schatten zu verstecken und jemandem aufzulauern. Und Leni musste dort vorbei, wenn sie nach oben wollte.
Sie lauschte auf ihren beschleunigten Atem und fühlte ihren Herzschlag, während ihre Augen sich an das Dunkel gewöhnten. Dann packte sie ihre Sporttasche fester und machte sich an den Aufstieg.
Das abgegriffene Geländer schraubte sich nach oben und verlor sich in Schwärze, die Leni schwindelig machte, als ob sie in einen Abgrund schaute. Sie wusste, dass dort oben niemand auf sie wartete, und dennoch hatte sie das sichere Gefühl, in eine Falle zu laufen.
Nach eineinhalb Stockwerken musste Leni sich setzen, ihre Knie weigerten sich einfach, weiter zu arbeiten. Ihr Gesicht war schweißüberströmt, ihre Zähne klapperten, und sie glaubte zu spüren, wie sie splitterten. Ich halluziniere schon, dachte sie.
Leni hatte seit zwei Tagen nicht geschlafen, seit Magnus sie gestellt hatte, seit sie ihn vielleicht getötet hatte, seit sie Hals über Kopf den ersten Flieger nach Berlin genommen hatte. Nicht mal im Flugzeug hatte sie schlafen können. Vielleicht war Magnus tot. Vielleicht lebte er. Vielleicht war er ihr gefolgt. Leni wurde übel bei dem Gedanken, dass Magnus plötzlich hinter ihr auftauchen könnte. Sie hoffte, das er tot war. Und zugleich fürchtete sie es. Sie brauchte dringend eine oder zwei Schlaftabletten.
Plötzlich fühlte Leni einen Luftzug neben sich, wärmer als die kalte Luft des Treppenhauses. Jemand atmete ihr ins Gesicht. Jemand, der sich vollkommen lautlos bewegt hatte. Der Atem roch nach Fleisch.
Leni schnellte hoch und wich stolpernd gegen die Wand zurück. Eine weiße Hand hätte sie beinahe berührt. Ein dünner Schrei löste sich aus Lenis Kehle.
„Wer ist da? Was wollen Sie?“
„Nichts.“
Die Stimme war hell. Ein Kind. Leni starrte ins Dunkel und erkannte, dass die Hand zu einem dunkelhaarigen Jungen gehörte, der auf dem Treppenabsatz stand. Blass, ein wenig hohläugig. Er starrte zurück. Dann zog er ein zerknülltes Stofftaschentuch aus der Hose. „Da.“
Leni merkte erst jetzt, dass sie unaufhörlich ihre laufende Nase hochzog. Sie lachte nervös, ohne dass ihr eigentlich nach Lachen zumute war, und nahm das Taschentuch. Es war feucht. Leni wischte sich die Nase an ihrem Ärmel ab und gab es zurück.
„Danke.“
„Wie heißt du?“
Lenis Deutsch war nicht mehr so gut wie in Kindertagen, aber sie hatte keine Schwierigkeiten, den Jungen zu verstehen. Sie hätte zwar keine Vokabeln herbeten können, aber sie stellte fest, dass die Wörter von allein kamen, wenn sie sie brauchte.
„Ich heiße Leni.“ Sie versuchte zu lächeln.
„Ich Nicky.“
Er war vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, und Leni fand, dass er ein wenig verhungert aussah. Was machte ein kleines Kind mitten in der Nacht allein in einem eiskalten Treppenhaus?
Leni setzte sich wieder auf den Absatz, und der Junge setzte sich dicht neben sie, als würden sie sich schon immer kennen. Vielleicht suchte er nur Wärme. Aber vielleicht musste Leni ihn auch irgendwie trösten. Sie hatte keine Ahnung, wie man so etwas machte. Sie kannte sich mit Kindern nicht aus.
Der Junge streichelte Leni sehr sacht übers Haar. Als ob ich zerbrechlich oder ein Kaninchen bin, dachte sie. Die Geste war ihr unangenehm. Sehe ich so verängstigt aus, dass ich mich von einem kleinen Kind beschützen lassen muss? Leni hatte nicht gewusst, dass es in ihr wartete, aber mit einem Mal konnte sie das Schluchzen, das sich seit Tagen und Wochen in ihr aufgestaut hatte, nicht mehr unterdrücken. Die Tränen strömten und Trauer schüttelte sie.
Als das Weinen nach einer Ewigkeit endlich verebbte, streichelte der Junge sie immer noch.
„Danke. Ist schon gut. Ich muss mich nur beruhigen.“ Leni lachte verlegen. „Tut mir leid. Ich will meine Schwester besuchen. Weißt du, wo sie wohnt? Sie heißt Zicky Kretschmar. Eigentlich Katharina.“
Nicky schüttelte bekümmert den Kopf. „Ich kanns dir zeigen. Aber sie ist nicht da.“
Nicky stand auf und streckte Leni seine weiße Hand entgegen. Ihr fiel auf, wie schmal und langgliedrig sie war, gar nicht wie eine Kinderhand. Sie ergriff sie und ließ sich eine halbe Treppe weiter hinaufziehen. Im zweiten Stock blieben sie vor einer braun lackierten Wohnungstür stehen.
Die Klingel gab einen schrillen Ton von sich. Leni lauschte. Keine Schritte in der Wohnung, kein Licht unter der Tür. Niemand öffnete. Leni seufzte. Was, wenn Zicky für längere Zeit weg war?
„Ich kann auch nicht rein.“
„Bei dir zu Hause?“
Der Junge nickte. „Ich hab mich ausgesperrt.“
„Wieso bist du denn rausgegangen?“
„Sandra hat so geheult. Sie ist in ihr Zimmer eingesperrt. Sie läuft nachts immer weg, obwohl es draußen ein Schulwegmonster gibt. Da wollte ich Zicky holen.“
„Und deine Eltern? Sind die nicht da?“
Nicky schüttelte den Kopf. „Mama ist auf Nachtschicht.“
„Und dein Papa?“
Nicky zuckte die Achseln. „Den kenn ich gar nicht.“
„Und was machst du jetzt?“
Der Junge lächelte nachsichtig, als wäre Leni ein wenig begriffsstutzig. „Na, warten, bis Mama kommt.“
Leni sah auf ihre Uhr. Es war bald fünf. Sicher gäbe es in einer Stadt wie Berlin eine Möglichkeit, sich aufzuwärmen, und sie wäre froh, wenn sie nicht alleine hinaus müsste. Ein Kind an ihrer Hand, das würde sie so aussehen lassen, als wäre sie hier heimisch. „Was hältst du davon, wenn wir zusammen frühstücken gehen?“
Nickys Augen leuchteten auf, bevor er die Schultern hochzog und auf seine Füße blickte. „Draußen essen geht nicht. Ich kann nur essen, was Mama macht. Ich darf nichts von Fremden annehmen.“
„Hat deine Mama es dir verboten?“
„Hm.“
„Das ist ziemlich vernünftig, weißt du? Was arbeitet deine Mama denn?“
„Sie ist Krankenschwester. Auf der Laserstation.“ Nicky sprach das Wort aus, als hätte seine Mutter einen Job bei den Jedirittern.
„Na gut, dann warten wir zusammen. Okay?“
Sie setzten sich auf den Treppenabsatz vor Zickys Wohnungstür. Ewig konnte es ja nicht dauern, bis Nickys Mutter kam. Die große Schwester würde ja auch zur Schule müssen. Und danach könnte Leni immer noch frühstücken gehen und sich überlegen, was sie machen sollte, falls Zicky nicht auftauchte. Während Leni nachdachte, sank Nicky gegen ihre Schulter. Er war eingeschlafen, den Daumen im Mund wie ein Baby. Leni betrachtete ihn.
Nicky gehörte nicht zu den Kindern, die man auf Anhieb süß oder rührend findet. Er hatte etwas Hartes, Leidgeprüftes an sich, das ihn zu erwachsen erscheinen ließ, um niedlich zu wirken. Und er roch seltsam, ein wenig süßlich, wie gekochte Milch. Dass seine Mutter ihre Tochter einsperrte und ihr Sohn die Nacht im Treppenhaus verbringen musste, sprach nicht gerade für sie. Sie konnte ebenso gut Prostituierte sein, wenn sie nachts arbeitete.
Leni schüttelte unwillig den Kopf. Sie sah die Dinge, wie immer, in einem viel zu düsteren Licht. Und der Junge war freundlich und schlief friedlich auf dem alten Treppenläufer. Wahrscheinlich war alles nur ein dummer Zufall.

***

Sandra lag auf dem nackten Dielenboden, ihr Haar war mit Erbrochenem verklebt. Sie schwitzte und zitterte, während sie immer wieder Schaum hochwürgte. Diese beschissenen Alkopops. Aber sie musste hier raus, es machte sie fertig, nicht raus zu können. Sie hätte mit dem Saufen warten sollen, bis Mama weg war. Wieder kroch sie zur Tür, zog sich an der Klinke hoch.
„Nicky! Nicky!“
Warum machte dieser kleine Scheißer nicht auf? Sandra hasste ihren Bruder. Und Mama. Sie setzte sich auf ihr Bett und wiegte sich vor und zurück, während sie weinte.
Durch den Tränenschleier sah es so aus, als würde sich die Wand gegenüber dem Fenster bewegen. Ein schmaler Lichtstreif erschien, wurde dann breiter. Eine Tür schwang auf, wo keine war, und in der Tür erschien eine Gestalt. Sandra hatte zu viel Angst, um darüber nachzudenken, ob sie Halluzinationen hatte. Als die Gestalt näher kam, erkannte Sandra schneeweißes Haar und strahlend blaue Augen. Ein alter, gütig blickender Mann. Er setzte sich neben Sandra aufs Bett.
„Alles in Ordnung, Prinzessin“, sagte er mit tiefer, beruhigender Stimme.
Sandra zitterte immer noch. „Bist du Gott? Muss ich jetzt sterben?“
„Hast du denn etwas Verbotenes getan?“
Sandra blickte auf ihre Hände und nickte. „Ich hab schon wieder getrunken.“
Der Mann lächelte. „Ja, Prinzessin. Und wer etwas Verbotenes getan hat, der muss bestraft werden, nicht wahr?“
Sandra nickte. Dann lehnte sie sich an Gott und weinte.
„Siehst du, Prinzessin?“ Gott strich ihr tröstend über den Rücken.
Dann fuhr er mit der Hand unter ihr T-Shirt und drückte ihre schmerzenden, geschwollenen Brustspitzen zwischen seinen Fingern zusammen.
Sandra stieß Gott weg, aber er hielt sie fest, warf sie aufs Bett und wälzte sich auf sie. Mit dem Unterarm drückte er ihr die Kehle zu, während sein Gesicht immer näher kam.
Sandra biss, schmeckte Blut. Konnte Gott bluten? Für einen Moment ließ der Druck nach. Sandra machte sich los, warf sich wieder gegen die Tür. Sie schrie um Hilfe, aber niemand kam.
Gott lachte, stand auf, kam auf sie zu. „Ich fürchte, wir zwei sind hier ganz allein miteinander, Prinzessin. Warum tust du nicht einfach, was ich sage. Dann geht es schneller und tut nicht so weh, ja?“
Sandra zog sich zum Fenster zurück.
Noch zwei oder drei Schritte, er streckte die Hand nach ihr aus. Sandra drehte sich um und öffnete das Fenster.

***

Sirenengeheul riss Leni aus ihren Gedanken. Draußen war es noch immer dunkel. Sie legte den Jungen vorsichtig auf den Sisalläufer, nahm ihren Bademantel aus der Sporttasche und deckte ihn damit zu. Magnus hatte ihn ihr geschenkt. Das war am Anfang gewesen. In der guten Zeit. Leni ging leise die Treppen hinunter.
Durch die verglaste Haustür sah sie Blaulicht. Polizei fuhr vor, ein Notarztwagen. Leni zog an der Tür, die sie vorher extra fest geschlossen hatte. Sie war zugefroren. Ein Polizist trat vor die Haustür. Leni winkte, aber er bemerkte sie nicht, im Hausflur war es zu dunkel. Der Polizist war um die vierzig, er hatte schütteres, rotblondes Haar und ein müdes Rauchergesicht. Er studierte die Klingeln, wählte eine aus und drückte mit einem gelblich verfärbten Zeigefinger lange darauf.
Aus dem Treppenhaus drang schrilles Klingeln zu Leni herab. Sicher wurde der Junge davon wach.
Sie hätte jetzt so gerne eine Zigarette gehabt.
Leni klopfte gegen die Scheibe und rüttelte an der Tür, um sich bemerkbar zu machen. Der Polizist formte seine Hände zu einem Tunnel und legte sie an die Scheibe. Sein Atem ließ das Glas beschlagen. Leni lächelte. Der Polizist schaute sie lange an, sie begann, sich unbehaglich zu fühlen. Dann lächelte er zurück. Er drehte sich um, winkte einen Kollegen heran und bedeutete Leni, einen Schritt zurückzutreten.
Gemeinsam schafften die Männer es, die Tür aufzustemmen. Sie knallte gegen die Wand, die Glasscheibe schepperte, und Leni kniff reflexartig die Augen zusammen und drehte sich weg, um sich vor dem Scherbenregen zu schützen. Er klang wie Gelächter, als das Glas auf den Steinfliesen in Tausend Stücke zersprang.
„Scheiße. Zahlt die Versicherung. Alles in Ordnung mit Ihnen?“
Leni öffnete die Augen und nickte. „Ja, danke.“
Der Polizist zückte einen Block und einen Stift. „Ihr Name, bitte.“
„Leni Draugur.“ Bei ihrem Nachnahmen zögerte Leni einen Moment, sie wusste nicht, ob er überhaupt noch zu ihr gehörte, nach allem, was geschehen war. Hoffentlich dachte der Polizist wegen ihres Zögerns nicht, dass sie log oder sich etwas hatte zu schulden kommen lassen.
„Wohnen Sie hier?“
„Ich bin zu Besuch. Bei Frau Kretschmar. Haben Sie vielleicht eine Zigarette für mich?“
Der Polizist klopfte seine Hosen- und Jackentaschen ab und schüttelte bedauernd den Kopf.
„Tut mir leid, die hab ich im Auto liegen lassen.“
Leni spürte, wie der Junge seine Hand in ihre schob. Sie war warm vom Schlaf, beruhigend. Er wird mich führen, dachte Leni, und sie spürte den Punkt zwischen ihren Augen, der unangenehm pulsierte. Sie rieb mit dem Zeigefinger darüber, um das Gefühl zu vertreiben. Der Polizist nahm Nicky nicht einmal wahr, so leise hatte er sich bewegt, und auch Leni hörte ihn kaum atmen. Oma hatte immer zu Leni gesagt, mach dein drittes Auge auf. Sieh, was kommt. Nichts hätte Leni mehr ängstigen können als Gewissheit über die Zukunft. Sie war sich sicher, dass sie nur Katastrophen und Unglück sehen würde. Aber Oma war ein verrücktes altes Luder. Als Kind hatte sie ihr immer wieder mit ihren schaurigen Geschichten Angst gemacht. Leni hoffte, dass es ihr gut ging. Falls Magnus sie erwischt hatte, dann war das Lenis Schuld. Alles schien Lenis Schuld zu sein. Leni wischte den Gedanken beiseite und konzentrierte sich wieder auf das Jetzt.
„Was ist denn überhaupt passiert?“
Der Polizist machte eine Kopfbewegung Richtung Straße. „Böser Sturz. Sie entschuldigen.“
Damit ging er mit langen Schritten Richtung Treppe, nahm immer drei Stufen auf einmal. Leni hörte ihn oben gegen eine Tür bollern.
Böser Sturz. In Leni flackerten Bilder auf, die sie lange nicht heimgesucht hatten. Sie atmete durch. Sie musste aufhören, in der Vergangenheit zu leben. Sie musste jetzt leben. Hand in Hand mit Nicky trat sie auf die Straße hinaus.
Vor dem Haus stand ein Krankenwagen, dahinter zwei Streifenwagen. Auf dem Bürgersteig schwirrten Menschen wie aufgeregte Insekten um ein ruhendes Zentrum, Sanitäter und Polizisten. Das Zentrum bestand aus zwei Frauen in dunklen Wintermänteln. Wie traurige Krähen sahen sie aus, mit eingezogenen Köpfen, und die Hände tief in die Taschen vergraben. Zwischen ihren Schwingen hindurch konnte Leni etwas Dunkles, Nasses auf dem mit Raureif überzogenen Gehweg erkennen, und in dem Dunklen lag etwas, ein hellblaues T-Shirt, ein verdrehter Arm, blondes Haar.
Leni blickte schnell nach oben, weg von dem Mädchen, das entweder tot war oder gerade starb. Übelkeit wallte jäh in ihr auf, und sie wusste, sie würde sich nicht von der Stelle bewegen, bis jemand sie erlöste. Wie Joringel in dem Märchen. Wie sie selbst, als Zicky sie vor zwanzig Jahren mit dem Bann belegt hatte. Bleib stehen, du Plage. Rühr dich nicht vom Fleck!
Leni betete zu der graugelben Fassade des Hauses Nummer 155 um Erlösung. Ein Fenster im dritten Stock stand offen, Leni starrte in die Finsternis dahinter, und dann meinte sie, eine Bewegung wahrzunehmen, einen Blick. Jemand war dort oben und zog sich rasch ins Innere des Hauses zurück, als er Leni bemerkte.
Sie hatte gar nicht gemerkt, wie fest sie Nickys Hand umklammert hielt. Sicher tat sie ihm weh. Jetzt riss er sich los und lief zu dem abgestürzten Mädchen. Leni senkte den Blick, sah absichtlich hin. Der Junge kniete sich mitten in das viele Blut und redete leise auf das Mädchen ein. Ein Sanitäter schob ihn beiseite und legte dem Mädchen eine Halsmanschette an.
Eine der Frauen, die dünne, dunkelhaarige, hob den Jungen hoch. Er klammerte sich an sie wie ein Äffchen, und Leni sah, dass Tränen über sein Gesicht liefen. Sein ganzer Körper zuckte. Die zweite Frau, die mit der blondierten Mähne, redete mit den Sanitätern. Dann kam die Dunkelhaarige mit Nicky im Arm auf Leni zu.
Zicky hatte dasselbe schmale Gesicht, die lange Nase, die schwarzen Augen, den selben kleinen Mund wie früher. Sie war keine achtzehn mehr, sie war nicht einmal mehr jung. Aber es war Zicky. Und sie sah durch Leni hindurch, als sei sie Luft, während sie mit dem Jungen an ihr vorbei zur Haustür ging. Leni blieb unerlöst, ihr Blick kehrte zu dem Mädchen auf der Straße zurück. Zwei Sanitäter legten es auf eine Trage, hoben sie an, schoben sie in den Krankenwagen. Aus der dunklen Toreinfahrt des Hauses kam ein alter Mann. Er senkte den Blick, wandte sich ab und ging mit klackernden Absätzen davon. Blaulicht und Martinshorn gingen an. Der Krankenwagen fuhr los.
Leni wusste, dass Zicky jetzt gleich hinter ihr im Haus verschwinden würde, und dann würde die Tür zufallen und es würde sein, als wäre Leni niemals hier gewesen. Wenn sie jetzt einfach ginge, dann konnte sie den Anblick des Mädchens auf der Straße vielleicht ebenso hier zurücklassen wie den Rest ihrer Vergangenheit. Frost nagte an Lenis Fingern, doch sie konnte sich nicht einmal rühren, um die Hände in die Taschen ihrer viel zu großen Lederjacke zu stecken. Papas Lederjacke.
„Sind Sie Frau Kretschmar?“
Das war die Stimme des Polizisten, den Leni nach einer Zigarette gefragt hatte. Dann Zickys Stimme, in der immer noch derselbe alte Trotz mitzuschwingen schien. „Ja, warum?“
„Wissen Sie, wo die Familie des Mädchens ist? Es macht niemand auf.“
„Ich komme eben erst nach hause. Sandra ist uns praktisch vor die Füße gefallen. Die Mutter ist sicher auf Nachtschicht.“
„Und dieses Kind, was hat das mitten in der Nacht auf der Straße verloren?“
„Das ist Nicky, der Bruder.“
Nun ging die blondierte Frau an Leni vorbei, gesellte sich zu Zicky und den anderen. Auch sie starrte mit ihren veilchenblauen Augen mitten durch Leni hindurch.
„Das beantwortet meine Frage nicht. Wer hat denn auf das Kind aufgepasst?“
Leni merkte zu ihrer eigenen Überraschung, dass sie Nicky beschützen wollte. Es fühlte sich gut an, sich um jemand anderen zu sorgen, statt um sich selbst. Sie holte tief Luft und drehte sich um.
„Ich war das. Ich hab aufgepasst. Stimmts, Nicky?“
Nicky weinte immer noch, nickte aber. Die Blondierte hatte sich bei Zicky eingehakt.
Der Polizist runzelte die Stirn und schrieb etwas auf seinen Block. „Na gut. Leni Draugur. Sie hören noch von mir. Jetzt kümmern Sie sich besser um den Jungen.“ Er strich Nicky ungeschickt über den Kopf. „Das wird schon wieder, mit deiner Schwester, Cowboy.“
Nicky starrte den Polizisten böse an, und Leni spürte, dass Zicky sie anstarrte. Sie blickte auf und sah ihrer Schwester in die Augen.
Zicky machte eine knappe Kopfbewegung. „Los, komm rein.“
Leni probierte ein Lächeln, doch es wurde nicht erwidert.
„Scheißlicht“, meinte Zicky, als sie die Treppen hinaufstiegen.
„Schon wieder kaputt?“ Die Stimme der Blondierten war ungewöhnlich tief und melodiös. Die Haare auf Lenis Armen richteten sich auf.
Im zweiten Stock schloss Zicky die Wohnungstür auf und schaltete das Flurlicht ein. Warmer Schein ergoss sich einladend vor Lenis Füße.
„Pass auf, dass du nichts vollschmierst“, sagte Zicky zu dem Jungen.
Leni hob ihre Sporttasche auf, bevor sie die Wohnung betrat. Den Bademantel ließ sie liegen. Sie hatte das Gefühl, dass sie soeben die Schwelle zu ihrer Zukunft überschritt, und sie wollte dabei so wenig Vergangenheit mitschleppen wie möglich.

***

Zicky schob Nicky vor sich zur Tür hinein und hoffte, dass Olga sich um Leni kümmern würde. Manchmal kam aber auch wirklich alles auf einmal. Sandra fällt aus dem Fenster und Leni taucht aus dem Nichts auf.
Zicky und Leni hatten sich schon vor zwanzig Jahren nichts zu sagen gehabt. Sie selbst war wild gewesen – und Leni ein überaus braves kleines Mädchen. Und ein Klotz am Bein. Zwischen ihnen lagen zwölf Jahre Altersunterschied, einerseits fast nichts, und dann doch wieder eine Ewigkeit. Zicky war ja damals selbst noch ein Kind gewesen. Sie hatte das unangenehme Gefühl, dass diese Heimsuchung ihr Leben nachhaltig durcheinanderbringen könnte. Leni stand einfach vor der Tür, belog einen Polizisten und rettete Nickys Mutter damit vor dem Jugendamt. Das hätte sie dem Mädchen gar nicht zugetraut. Aber woher kannte sie Nicky? Woher wusste sie, wo Zicky wohnte? Was wollte sie von ihr?
Zicky schob den immer noch weinenden Jungen direkt nach rechts ins Badezimmer. Er war von oben bis unten mit dem Blut seiner Schwester beschmiert. Die Hosenbeine waren blutgetränkt, und die für das kalte Wetter viel zu dünnen Stoffturnschuhe waren ebenfalls dunkelrot. Zicky würde nachsehen müssen, ob der Junge im Treppenhaus Spuren hinterlassen hatte.
Nicky hatte sich mit seinen besudelten Händen auch die Augen gerieben, und jetzt sah er aus wie ein Heiliger, der Blut statt Tränen weinte. Zicky speicherte das Bild in ihrem Gedächtnis. Sie würde es malen müssen, um es loszuwerden. Sie würde es als Votivtafel machen, ein kleines Format nur, auf Holz, mit Blattgold hinterlegt. Und dann ein fotorealistisches Gemälde darauf. Aber nicht so ein süßliches Weinen, wo aus großen Kinderaugen glänzende Tränen kullerten, sondern das blutverschmierte Gesicht, das Greinen mit offenem Mund, in dem Spucke und Zähne glänzten. Kindergeschrei in all seiner Hässlichkeit.
Zicky empfand jähen Ekel, was hatte sie eigentlich mit dem Kind von Ines Schartmöller zu schaffen? Sie zog Nicky die dreckigen Sachen vom Leib, stellte ihn in die Badewanne und machte das Wasser an. Nur lauwarm. Dennoch schrie Nicky vor Schmerz, weil er so durchgefroren war.
„Stell dich nicht so an. Du musst warm werden, sonst holst du dir den Tod.“
Zicky ließ das Wasser laufen, steckte Nickys Kleidung in die Waschmaschine und kippte großzügig Waschmittel in die Trommel. Als sie sich wieder umdrehte, steckte Nicky sich, immer noch schluchzend, wie ein Baby den blutbeschmierten Daumen in den Mund. Zicky schlug ihm auf die Hände.
„Lass das. Waschen.“
Dann nahm sie einen Waschlappen und rieb so lange an Nickys Händen, Knien und Wangen herum, bis die Haut sich kräftig zu röten begann.
„So, das reicht. Komm raus, wir wickeln dich warm ein, und dann legst du dich erst mal hin. Und wenn du geschlafen hast, fahren wir zu deiner Mama und zu Sandra ins Krankenhaus, okay?“
Immer noch tropften Tränen aus Nickys Augen. Zicky wurde jetzt erst klar, wie der Junge sich fühlen musste. Das Bild von Sandra, die verdreht auf dem kalten Stein vor ihren Füßen lag, die Blutlache, die sich viel zu schnell unter ihr ausbreitete, das machte ihr selbst zu schaffen. Wie musste es da erst einem fünfjährigen Kind ergehen. Nicky stand sicher schreckliche Ängste aus, und er musste sich unendlich einsam fühlen, ohne Mutter, die ihm jetzt zur Seite stand. Zicky erinnerte sich an dieses Gefühl der Verlassenheit, an die Hilflosigkeit, das Ausgeliefertsein, nur zu gut.
„Komm mal her.“ Zicky nahm Nicky in den Arm, wickelte ihn in ein großes Handtuch und hob ihn hoch. Er legte den Kopf auf ihre Schulter und steckte den Daumen in den Mund.
So ging Zicky mit ihm ins Wohnzimmer hinüber und legte einhändig eine von Olgas esoterischen CDs mit Meeresrauschen und kosmischen Frequenzen ein. Dann trug sie Nicky hin und her, bis er eingeschlafen war. Sie legte ihn auf das überdimensionierte, orangefarbene Sofa und deckte ihn zu. Es war an der Zeit, sich um das andere Problem zu kümmern.

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Karla Schmidt am Januar 4th 2010

22 Kommentare zu “Leseprobe “Kind auf der Treppe””

  1. Jasper schrieb am 26 Feb 2010 um 11:28 #

    Hübsch eklig! Gefällt mir!

  2. Karla Schmidt schrieb am 26 Feb 2010 um 11:39 #

    Merci beaucoup. Kommt natürlich noch dicker … :D

    LG, Karla

  3. Adriana schrieb am 01 Mrz 2010 um 12:46 #

    Liebe Karla,
    eine unglaublich dichte, spannende Schilderung, die mich nicht losgelassen hat. Und gleich so viele Fragen, die beim Lesen weiterbeschäftigen. Wer ist dieser Mann, den Leni kennt und der so brutal behandelt wurde?
    Wieviel Zeit liegt zwischen dem Prolog und dem ersten Kapitel?
    Ist die Mutter von Nicky die Täterin an dem Mann, der ohne Zunge und Bein gefesselt irgendwo im gleichen Haus liegt?
    Und wer hat Sandra überfallen? Oder war es doch eine Halluzination?
    Und was ist zwischen den beiden Schwestern geschehen, die sich so lange nicht gesehen haben?
    Und was geschah mit Magnus?
    So viele Fragen: Da kann frau nur weiterlesen wollen!

    Auch wenn der Stoff unglaublich hart ist,was ich eigentlich nicht so mag, ist er dennoch so brillant beschrieben, dass ich unbedingt weiterlesen will.
    WOW!
    Adriana

  4. karla schrieb am 01 Mrz 2010 um 13:00 #

    Liebe Adriana,

    dass der Stoff Dich packt, obwohl Du harte Thriller eigentlich nicht gerne liest, ist eine riesengroße Auszeichnung für mich.

    Danke! :-)

  5. Dirk Röse schrieb am 01 Mrz 2010 um 20:21 #

    Liebe Karla,

    ich freue mich für dich, dass es nun endlich soweit ist und dein Buch erscheint, und ich freue mich für mich, dass ich es nun bald lesen kann. Viel positive Aufmerksamkeit, gute Resonanz und erfreuliche Umsätze wünsche ich dir!

  6. Karla Schmidt – Das Kind auf der Treppe « fRemade schrieb am 09 Mrz 2010 um 09:25 #

    [...] Leseprobe usw. gibts hier – aber vorsicht, es geht schon derb los. [...]

  7. Das böse Kind will auf der Treppe abgeholt werden « Jakobs Blog schrieb am 11 Mrz 2010 um 12:12 #

    [...] Die Leseprobe gibts Hier, irgendwo da gibt es auch einen Link zum Bestellen. Das Buch kriegt ihr sicher auch im Hammett (habe ich allerdings noch nicht überprüft). [...]

  8. Peyton von Kronenbach schrieb am 17 Apr 2010 um 18:43 #

    Hallo Karla,
    die Leseprobe gefällt mir außerordentlich gut! Richtig spannend schreibst Du! Bin auf Deinen Roman neugierig geworden. Ich wünsche Dir sehr großen Erfolg und gaaaaannnz viele positive Rezensionen.

    Viele Grüße
    Peyton von Kronenbach

  9. Karla schrieb am 22 Apr 2010 um 06:43 #

    @Peyton – dankeschön, sowas lese ich natürlich gerne. Besonders von einer Kollegin. :-)

  10. Renate Greiner schrieb am 01 Jun 2010 um 13:45 #

    Liebe Frau Schmidt,

    Ihr “Kind auf der Treppe” ist ein sehr spannendes Buch, ich hätte gerne sofort weitergelesen! Chapeau!
    Wie komme ich in den Besitz eines Exemplars, hat es evtl. der Bertelsmann Club schon in seinem Repertoire?
    Ansonsten wünsche ich Ihnen einen glatten Senkrechtstart, was ich diesem Thriller durchaus zutraue!
    Lb. Grüße Renate Greiner

  11. Bella schrieb am 07 Jun 2010 um 13:28 #

    Hallo Frau Schmidt,

    die Leseprobe ist einfach super.
    Ich liebe es von Beginn an gepackt zu werden und nicht mehr davon loszukommen.
    Ich habe die ersten drei Zeilen gelesen und musste arbeitsbedingt eine kurze Pause einschieben, aber dennoch drehten sich meine Gedabken die ganze Zeit nur ums weiterlesen.
    Ich muss einfach wissen wie es weitergeht.
    Ich hoffe für Sie-nein ich bin überzeugt davon, dass dieses Buch ein unglaublicher Knaller wird…
    Wer hier nicht mitfiebert, dem kannman einfach nciht helfen!!!

    LG
    Bella

  12. Karla schrieb am 07 Jun 2010 um 14:12 #

    Liebe Frau Greiner, liebe Bella,

    zwei Mal dieses Kompliment hintereinander, das ist natürlich besonders toll! Dankeschön. :-)

  13. Sandy schrieb am 11 Jun 2010 um 21:22 #

    Liebe Frau Schmidt,
    ich wollte Ihnen für diese unglaublich packende Leseprobe danken und zugleich mein Kompliment aussprechen. Ich bin seit Jahren ein riesiger Fan dieses Genere und habe schon so einiges gelesen, aber selten hat mich etwas so sehr in solch kurzer Zeit gepackt, wie diese Leseprobe. Nachdem ich “Der Todeskünstler” von Cody McFadyen gelesen hatte, habe ich verzweifelt versucht ein Buch zu finden, dass an Ihn herranreicht. *lächelt* Ich glaube ich habe es endlich gefunden! Ich kann es kaum erwarten Morgen in den Buchladen zu gehen und mir Ihr Werk zu kaufen. Ich hoffe es geht genauso schön schaurig weiter. Ich wünsche Ihnen alles Liebe und viel Inspiration für den nächsten Roman.

    liebe grüße aus nrw,
    Ihre Sandy

  14. Karla schrieb am 12 Jun 2010 um 10:26 #

    Liebe Sandy,

    mit so einem großen Namen verglichen zu werden, macht gute Laune. Dankeschön. :-)

    Ich wünsche Ihnen viel Spaß mit dem Rest des Buches!

    LG, Karla

  15. Sabine schrieb am 05 Aug 2010 um 12:00 #

    Also ich lese das Buch im Moment und bin auf Seite 101 und muss sagen, es der Wahnsinn das Buch, besser gehts nicht. War noch nie so in den Bann gezogen worden von einem Buch. Weiter so ;)

  16. Ilka schrieb am 03 Feb 2011 um 21:17 #

    Ich habe das Buch durch Zufall entdeckt und bin nun fast durch und ich bin so begeistert.
    Das Buch hat mich vom ersten Moment an gefesselt und ich habe es kaum aus der Hand legen können…
    Jetzt bin ich wirklich traurig dass das Buch schon vorbei und ausgelesen ist und ich hoffe es folgen noch viele spannende Bücher aus ihrer Hand :o )
    Weiterhin viel Erfolg…

  17. Karla schrieb am 04 Feb 2011 um 09:15 #

    Liebe Ilka,

    danke, darüber freue ich mich!

    Es gibt zur Zeit ja noch die “Seelenfotografin” von mir. Auch düster und melancholisch, nur definitiv weniger grausam. ;-)
    Der nächste Thriller kommt aber auch …

    LG, Karla

  18. Pablo schrieb am 19 Jun 2011 um 18:06 #

    Liebe Karla,

    Schon nach den ersten 3 sätzen dieser Leseprobe , verschwand meine Abneigung bücher gegenüber sofort.. Ich kann nicht aufhören an diesen Thriller zu denken! Ich werde es mir morgen nach der Schule umgehend kaufen ( das wird mein das erste Buch sein , dass ich mir freiwillig kaufen werde)!!
    Ich bin 16 Jahre , hoffe daher , dass ich alles verstehen werde.

    Lg

    Pablo

  19. Karla schrieb am 20 Jun 2011 um 10:07 #

    Hey Pablo,

    sollte ich es wirklich geschafft haben, einen Nichtleser zum Lesen zu verführen? Also, darauf bin ich ehrlich stolz. :-)

    Ich hoffe, Dir macht der Rest des Buches so viel Spaß wie der Anfang!

    LG, Karla

  20. Hans Ludwig schrieb am 20 Aug 2011 um 09:26 #

    Hallo Karla,
    ich habe schon einige Thriller gelesen, auch Psychothriller. Nur die wenigsten haben das „Psycho-“ in dem Wort wirklich verdient. Das Kind auf der Treppe gehört zu denen, die den Namen mehr als verdienen.
    Ich hätte stutzig werden sollen als der sanfte und eigentlich alltägliche Name Schmidt mit einem Psychothriller in Verbindung gebracht wurde. Spätesten beim Prolog hätte es mir klar sein müssen was auf mich zu kommt.
    Ich nahm mir Zeit diese Werk zu genießen. Sandstrand, Sonne und die Ostsee war meinen Leseumgebung.
    Nachdem ich das Buch zugeklappt hatte ging es mir eigentlich noch ganz gut. Ich dachte über den ganz normalen Wahnsinn nach, mit dem dein Buch nach dem Prolog begann. Der Rest des Tages verlief dann ganz normal.
    Nachts um drei wachte ich schweißgebadet auf, konnte nicht mehr einschlafen da ich dass Gefühl hatte ein schabendes Geräusch zu hören. Es war Gott sei dankt nur die Toilettenspülung in der Wohnung über uns, glaube ich!!
    Ich danke dir herzlich für einen kurzweiligen Tag und ein schaflose Nacht!!

  21. karla schrieb am 21 Aug 2011 um 17:48 #

    Hallo Hans Ludwig,

    eine schlaflose Nacht? Super! :D Danke für den Kommentar. Dass es wirklich “psycho” wird, war mir wichtig. Komisch fand ich, dass manche Leute darunter ausschließlich “Psychiatrie” zu verstehen scheinen und sich wundern, warum das Ding “Psychothriller” heißt. ;-)

    LG, Karla

  22. [Rezension] Das Kind auf der Treppe von Karla Schmidt | Bibliofeles schrieb am 23 Mrz 2013 um 17:14 #

    [...] x Erscheinungsdatum: 01. April 2010 x 320 Seiten x Piper x ISBN: 349225781X x zur Leseprobe: *klick* x Erste Sätze: Prolog. Berlin, Hauptstraße 155, 26./27. Januar 2010. Er bewegte seine Hand [...]

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