Leseprobe “Rote Halle”

„Bitte, schneide meine Schuhe ab, um mich von diesem Fluch zu befreien“, flehte die Arme, während sie an der Tür des Scharfrichters vorbeitanzte. Mit seiner Axt durchtrennte er die Riemen, doch die Schuhe blieben an ihren Füßen, und so flehte sie ihn in ihrer Verzweiflung an, ihr die Füße abzuhacken, damit die Qual ein Ende habe, und der Scharfrichter tat wie gesagt. Da tanzten die Schuhe mitsamt den Füßen allein weiter durch den Wald und über Berg und Tal davon.

(Das Märchen von den Roten Schuhen nach Clarissa P. Estés)

TEIL I

Ende

Dave rennt, rennt zum Rhythmus der Worte in seinem Kopf, ein scheppernder Leierkastenwalzer, Maul-hal-ten, Maul-hal-ten, stolpert, fängt sich, rennt weiter, riecht Erde und faulendes Laub, links fliegt die Kleingartenanlage vorbei. Der Teich, in dem sie den ersten toten Jungen gefunden haben, schimmert zwischen den Büschen hindurch, und rechts die Kirche, hinter der er und Janina sich geliebt haben. Jetzt über die Straße, dann die Mauer. Wir haben Deinen Sohn. Wenn Du ihn wieder haben willst … Friedhof … Grab … Maul halten.
Er braucht zwei Anläufe, um die obere Kante der Mauer zu erwischen, seine Schuhe kratzen Putz von den Backsteinen, finden Halt, er zieht den Rest des Körpers nach und lässt sich auf der anderen Seite fallen.
Die Taschenlampe macht weißes, kaltes Licht, das er zwischen alten Bäumen und Gräbern hindurchrucken lässt. Wo soll er anfangen? Wie soll er in diesen Dutzenden von Reihen, zwischen diesen Hunderten von Steinen den Treffpunkt finden? Das Licht zuckt nervös, seine Füße beginnen wieder zu laufen.
Sein Sohn hat dieselbe schmale Nase, die eckigen Augenbrauen, denselben langen Hals, das dichte, braune Haar. Dave spürt das Gewicht, das ihn nach unten zieht, die Panik, etwas zu verlieren, das er gerade erst gefunden hat: Ich habe ein Kind!
Maul-hal-ten, Maul-hal-ten, Maul-hal-ten.
Dave rennt, setzt mit einem langen Sprung über etwas Dunkles hinweg, seine Füße rutschen ab.
Eine Grube, das muss die Stelle sein, Erde prasselt, er lässt sich auf alle viere fallen, strampelt sich wieder hoch, wirbelt herum und herum, sieht nichts, hört nichts, nur das Geräusch seiner eigenen Füße, seines Atems, seines Herzens: viel zu laut, um irgendetwas anderes zu hören.
Zwischen der Rückseite eines Grabsteins und der Grube liegt ein Stück Bauplane, in der Grube ist ein Rucksack und dahinter ein finsteres Areal mit alten Bäumen. Dave starrt in die Dunkelheit. Nur das Rauschen der Stadt erinnert ihn daran, dass er sich in Berlin befindet. Das hier könnte jeder beliebige Dorffriedhof sein, am Rand eines Waldes bis zum Ende der Welt. Hier ist es. Eine Feststellung, die nicht zu ihm durchdringt, und darum denkt er noch einmal, diesmal mit Nachdruck: Hier ist es! Wo sind sie? Wo ist Simon? Dave steht auf. Die Kirchturmuhr schlägt zwei. Er ist allein. Keine Bewegung, kein Rascheln, kein Husten. Was, wenn ich einfach gehe?
Was dann? Sie töten deinen Sohn, du Idiot!
Dave nickt, legt die Taschenlampe weg und greift nach dem Rucksack, nach dem Zettel darin. Der ihm sagt, was zu tun ist. Der Rucksack stinkt nach Bier und Gips und Theaterblut und Dave stößt ein trockenes Husten aus. Vielleicht ist es auch ein Lachen. Sein Kopf geht nur mit Mühe hinein, der dicke Stoff lässt ihn kaum atmen. Folgsam setzt er sich auf die Bauplane vor das Grab, schmiegt den Rücken an den kalten Stein, reckt die Arme nach hinten. Wartet. Lauscht.
Schnelle Schritte, leises Klirren. Dann die Kälte von Metall, am rechten, am linken Handgelenk. Handschellen rasten ein.
Eine Ewigkeit lang nichts als sein Atem und der jener anderen Person, beide unregelmäßig und zu schnell. Er versucht über sein eigenes Hecheln hinwegzuhören. Ein Schluchzen. Sein eigenes? Das eines anderen? Er ist sich nicht sicher.
Maul halten, Maul halten.
Aber die Frage muss raus, er kann nichts dagegen tun:
„Simon, bist du das? Geht es dir gut?“
Als Antwort nur ein Keuchen, und ein paar flache, panische Atemzüge später fühlt er eine Hand, die den Rucksack packt, fest, und seinen Kopf zurückreißt. Sein Schädel knallt auf den Grabstein. Dann wieder eine Pause, Atmen, Keuchen.
„Wo ist Simon?“
Statt einer Antwort wird sein Kopf noch weiter zurück gebogen, er fühlt, wie seine Halswirbel gestaucht werden, wie die Muskeln zu krampfen beginnen. Er versucht zu schlucken, doch seine Kehle ist zu stark gedehnt. Sein Instinkt befiehlt ihm, sich zu wehren, sich loszureißen. Und dann spürt er es, nicht kalt, sondern heiß, und seine Beine beginnen unkontrolliert zu tanzen, als die Haut am Hals nachgibt. Als das Blut ihm in den Kragen rinnt.

Tag 1 – Visionen

Neben ihr saß Simon, den Kopf an die Scheibe gelehnt, halb schlafend. Die U6 ruckelte hin und her, warf ihren übermüdeten, wattigen Kopf nach links und nach rechts, und es kam Janina vor, als ob die Fahrt von Schönefeld nach Tempelhof schon ewig dauerte. Zwischen ihren Füßen und auf der Sitzbank gegenüber stand das Gepäck. Viel Gepäck. Sie hatte den größten Teil der Kostüme dabei. Rost hatte ihr die Maße der Tänzer per Email nach Vancouver durchgegeben, und sie hatte mit ihm die Entwürfe durchgesprochen, sodass sie bereits vorab das meiste fertig hatte. Lauter weißes Gewalle, bei dem im Eifer des Gefechts so manche Männer- und Frauenbrust freigelegt werden würde. Eigentlich würde daran nichts weiter zu tun sein als hier und da ein bisschen abnähen, kürzen. Sehr viel bügeln. Und zwischendurch immer wieder flicken, bei den zarten Stoffen.
Das einzige, was noch fehlte, waren die Schuhe und die Schweinehäute. Sie hatte noch nicht ausprobiert, wie sie damit am besten arbeiten konnte und war auch nicht besonders versessen darauf. Immerhin hatte sie in letzter Minute einen Bauernhof im Berliner Umland gefunden, der die unversehrten Häute täglich frisch liefern konnte. Nicht gerade billig. Aber in Tierfabriken bekamen sie so etwas erst gar nicht, und es hätte Janina auch widerstrebt. Obwohl es wahrscheinlich keinen Unterschied machte. Getötet wurden die Viecher ja allemal.
Sie würde die Häute vorab perforieren müssen. Hoffentlich spielten die Tänzer mit. Die Vorstellung, sich eine kalte, fettige, tote Schweinehaut über die eigene, warme, nackte Haut zu stülpen, sich darin einnähen zu lassen … Janina schüttelte den Kopf, um die Gedanken abzuschütteln. Und wach zu bleiben.
Sie hatten einen dreizehnstündigen Flug hinter sich, dann das Auschecken, das Warten, bis sie ihr Gepäck bekamen, der Weg vom äußersten Rand Berlins bis in den Innenstadtring … Janina hatte sich noch nie so sehr auf heißes Wasser auf ihrer Haut, kühle Wäsche und ein eiskaltes Bier ohne bitteren Schaum gefreut. Und auf ein Hotelbett, den Duft eines frisch bezogenen Kissens, das Rascheln der Decke dicht am Ohr, und dann versinken … Wenn sie ehrlich war: Sie freute sich nur auf das Hotelbett.
Alles andere gehörte lediglich zum guten Ton. Man machte sich frisch, tat so, als könnte einen nichts aus den Socken hauen, trank noch etwas zusammen und berichtete von seinen letzten Erfolgen. Dann fiel man einander in die Arme, steckte die Reviere neu ab, verbrüderte sich, damit man es die nächsten Wochen oder Monate miteinander aushielt, und dann erst sank man übermüdet und halb besoffen ins Bett. Und begann am nächsten Morgen nach einem Kantinenfrühstück mit saurem Kaffee viel zu früh mit der ersten Disposition. Viel schöner wäre: einfach nur schlafen gehen. Die Tänzer, die Bühnenleute, Techniker, Josef Rost – die würde sie auch morgen noch früh genug sehen. Und wozu eigentlich heute noch duschen? Sie war schließlich allein im Bett.
Die U-Bahn ruckte erneut, und Janina schreckte aus ihrem Dämmerzustand hoch. Ihre Augen brannten, wahrscheinlich hatte sie minutenlang vor sich hingestarrt und zu blinzeln vergessen. Das passierte ihr oft auf Reisen, besonders auf Langstreckenflügen fiel sie in eine Art Trance, die vom Schlafmangel kam. Trotz Schlaftabletten, Notfalltropfen, Schlafmaske, autogenem Training, was auch immer, war es Janina unmöglich ein Auge zuzutun.
Das hatte nichts mit Flugangst zu tun. Es lag an den zu schmalen Sitzen, die einem eine unentwegt verkrampfte Sitzhaltung aufzwangen, wenn man nicht mit dem Sitznachbarn auf Tuchfühlung gehen wollte. Oder mit einem fünfzehnjährigen Sohn, der jede Berührung durch seine Mutter sorgfältig vermied.
Wenn Janina noch so schlank gewesen wäre, wie vor sechzehn Jahren, wäre es ihr leichter gefallen, ihre Ellenbogen bei sich zu behalten und sich trotzdem zu entspannen. Dann hätte sie vielleicht schlafen können. Aber so war sie gezwungen, die Arme praktisch den gesamten Flug über vor der Brust verschränkt zu halten. Wenigstens in der U-Bahn konnte sie sich ausbreiten. Natürlich drohte die Müdigkeit genau jetzt, sie endlich zu übermannen. Sie waren fast da, sie hatte Platz, die Anspannung fiel ab. Janina unterdrückte ein Gähnen und warf erneut einen Blick zu Simon hinüber.
Der starrte unverändert aus dem Fenster in das vorbeirauschende Schwarz des U-Bahnschachtes. Seine schmalen Jungenschultern waren in letzter Zeit breiter geworden, sein nussbraunes Haar färbte er schwarz, umrandete auch die Augen schwarz, und er trug seit neuestem enge Hosen, die seine langen, muskulösen Beine zur Geltung brachten. Simon war verdammt hübsch geworden, und Janina war sich sicher, dass sich hinter seiner mürrischen Teenager-Fassade irgendein großes Talent oder eine Tiefe verbarg, die er erst noch entdecken musste. Rein optisch wäre man wohl nicht auf die Idee kommen, dass er ausgerechnet Janinas Sohn war. Sie selbst hatte feines, weißblondes Haar – Babyhaar. An guten Tagen fand sie sich üppig, und an Tagen, an denen sie stundenlang in Flugzeugen ausharren musste, bloß fett. Ihre Nase war groß und gerade. Simons Nase war schmal, seine Haare so dicht, dass jedes Mädchen ihn darum beneidete. Sie hätte gerne seine Schulter berührt, ihn vorsichtig wach gerüttelt. Aber wozu, warum sollte er nicht ein wenig dösen. Er war genauso erschöpft wie sie.
Außerdem war er nicht sehr begeistert von dieser Reise gewesen, hatte weder Lust auf Berlin noch auf Josef Rost, und sie konnte es ihm eigentlich nicht verdenken. Sie waren nach Vancouver gezogen, nachdem sich Rost vor sechs Jahren radikal aus ihrem Leben zurückgezogen hatte. Vorher war er für Simon ein hingebungsvoller Ersatzvater gewesen, aber dann hatte er praktisch von heute auf morgen jeden Kontakt abgebrochen. Ohne Erklärung. Simon war zu recht vorsichtig und eigentlich hätte Janina ihm erlaubt, zu Hause zu bleiben. Aber ihr Plan war, dauerhaft nach Berlin zurückzukehren, und das hier war eine perfekte Gelegenheit. Janina richtete den Blick wieder nach vorne. Vielleicht würde Simon Berlin gefallen. Darum ging es. Dann könnten sie vielleicht bleiben. Sie hatte Berlin vermisst. So sehr.
Die Weite der Straßen, das viele Grün, die unendlich vielen Straßencafés im Sommer, die alten, ruckeligen Bahnen. Sie hätte vor Rührung beinahe geweint, als sie die Treppe zur U6 runtergestiegen waren und sie zum ersten Mal seit sechs Jahren diesen unverwechselbaren dumpfen, leicht verbrannten U-Bahngeruch eingeatmet hatte. Es war ihr nicht schwer gefallen, Josef Rost für diese Inszenierung zuzusagen. Obwohl sie immer noch Wut auf ihn verspürte, war sie zugleich glücklich, dass er sie nach Berlin zurückgeholt hatte. Endlich zu Hause!
Janina schreckte erneut hoch, als eine schnarrende Lautsprecherstimme den Mehringdamm ankündigte. Noch zwei Stationen. Irgendwo in der Stadtmitte musste sie doch eingenickt sein.
Simon saß immer noch genauso da wie zuvor: Die Stirn an die Scheibe gelehnt, die Arme locker im Schoß. Sie konnte sein Gesicht nicht sehen, selbst wenn sie sich nach vorn beugte, und plötzlich hatte sie das Gefühl, dass etwas nicht stimmte.
Simon?, wollte sie sagen, doch sie bekam keinen Ton heraus.
Und dann ging auch keine Luft mehr herein, Janinas Hals war wie zugeschnürt und sie begann, am Ausschnitt ihres T-Shirts zu ziehen, ihr Ellbogen traf Simon im Nacken. Statt aufzuwachen und sich zu beschweren, sackte sein Körper nach vorn, rutschte vom Sitz und er blieb, das Gesicht gegen seinen Koffer gepresst, in der engen Lücke zwischen Bank und Gepäck hängen.
Janina wollte um Hilfe rufen, doch es kamen nur erstickte Laute heraus, als säße ein zäher Schleim in ihrer Kehle. Vielleicht ein Virus, etwas Ansteckendes. Vielleicht war Simon bereits daran erstickt. Janina schossen Tränen in die Augen. Sie musste sein Gesicht sehen! Doch ihr Körper gehorchte ihr nicht, weil er seinen eigenen Kampf kämpfte. Halb blind vor Tränen erkannte Janina einen dunklen Schopf, der in der Sitzbank vor ihnen auftauchte.
Eine Frau.
„Hallo. – Janina?“
Das Gesicht. Sie kannte es, sie wusste, dass sie den Namen kennen müsste. Es sollte verschwinden. Etwas daran stimmte nicht.
„Alles in Ordnung?“
Als die Frau sprach, bewegte sich nur die eine Hälfte ihres Mundes, die andere hing schlaff herunter. Eine lange Narbe zog sich vom Mundwinkel fast bis zum Ohr hinauf.
Janina schüttelte verzweifelt den Kopf, doch der Schleimpfropf in ihrem Hals ließ keinen Laut nach außen dringen und keine Luft nach innen. Das letzte, was sie sah, bevor weiße Blitze das Bild auslöschten, war das schiefe Lächeln der Frau in der Sitzreihe vor ihr.

Janina fühlte kalten Wind. Frisch. Luft. Gut. Jemand hielt ihren Oberkörper in einer halb sitzenden Position aufrecht. Simon.
„Geht’s wieder, Mam?“
Er lächelte besorgt.
Und vor ihr stand diese Frau. Drahtig, dünn, eine kleine, rechtwinklig geknickte Spraydose in der Hand, die sie hin und her schwenkte.
„Hilft prima bei Panikattacken. Passiert ja öfter mal bei Bühnenleuten, nicht?“
Sie zwinkerte Janina zu. Wieso Panikattacken? Wer war diese Frau? Die dunklen Locken … Wo waren sie überhaupt?
Neben der Frau stand ein BVG-Angestellter in dunkelblauer Uniform, der sie beinahe noch besorgter anblickte, als ihr Sohn. Platz der Luftbrücke, las sie hinter seinem Kopf. Eine mit Edding verzierte Bank. Das Gepäck auf dem U-Bahnsteig verteilt, Oh Gott, so viel! Wie sollten sie das ohne Trolley nur von hier wegbringen?
„Mam? Alles okay?“
Janina nickte.
„Mir ist nur irgendwie schlecht geworden. Geht schon wieder. Und du?“
Janina rappelte sich auf, wollte aus eigener Kraft sitzen, strich sich die verschwitzten Haare aus der Stirn.
„Wieso ich?“
„Du bist vom Sitz gerutscht.“
Simon grinste verlegen. Seine Frisur war nach der langen Reise ebenso hinüber, wie das Make up um seine Augen. Er sah aus, als hätte er die Nacht durchgefeiert.
„Eingepennt.“
Natürlich. Was sonst. Janina wollte aufstehen, aber die dunkelhaarige Frau drückte sie auf die Bank zurück.
„Moment, Süße. Wir warten hier, ich habe schon telefoniert. Die Bühnenjungs holen uns ab.“
Die Dunkelhaarige stützte sich mit der einen Hand auf einen eleganten Gehstock aus dunklem Holz. Die andere streckte sie ihr mit einem schiefen Lächeln entgegen.
„Hallo erstmal. Erkennst du mich nicht?“
Janina nickte. Ja doch, sie kannte sie. Aber woher?
Die Narbe auf der Wange prägte ihre Züge, und um ihr Auge herum war ein Netz aus feinen weiße Linien zu erkennen. Wenn Janina jemandem mit einem so einprägsam entstellten Gesicht schon einmal begegnet wäre, müsste sie sich doch daran erinnern. Aber da war etwas in ihrem Gesicht – die schwarzen Augen, die dichten Brauen, die wilden Locken. Der leicht arrogante Ausdruck. Dieses Gesicht war attraktiv, trotz der Entstellungen. Die Frau drohte ihr mit dem Zeigefinger.
„Janina, du willst mich doch nicht etwa enttäuschen?!“
Und in diesem Moment fiel es ihr ein. Ihre allererste Begegnung …

Berlin, 1996. Ein kühler Frühlingstag. Janina trödelt an der Spreepromenade entlang, die Hände in die Manteltaschen gegraben, und die langen, hellblau lackierten Fingernägel tief in die Handflächen gedrückt, so nervös ist sie, weil sie ein Bewerbungsgespräch hat, im Gorki.
Und dann diese Begegnung am Hintereingang des Theaters, die Tänzerin und der Tänzer, er wie ein Rockgott kostümiert, sie in Rokoko, beide so schön, und die Tänzerin hält ein Messer in der Hand, lächelt.
„Versprich es.“
„Kann ich nicht.“
„Du willst mich doch nicht enttäuschen? Versprich es!“
Er lacht.
Und sie stößt sich das Messer durch das Kostüm hindurch in den Arm. Blut quillt hervor.
„Versprich es!“
Er, plötzlich bleich, verspricht es.
Und sie zieht das Messer raus, wischt es seelenruhig an einem Spitzentüchlein, das sie aus ihrem Ausschnitt zieht, ab.
„Ich verlasse mich drauf.“

Janina schluckte die leichte Übelkeit hinunter, die bei dieser Erinnerung wieder in ihr aufwallte. Wie hatte sie dieses Gesicht vergessen können? Wie hatte sie diese Szene vergessen können? Natürlich war es nur ein Trickmesser gewesen, das Blut nur Theaterblut, die ganze Sache ein Spaß. Aber in diesem Moment hatte sie geglaubt, was sie sah und sich gefragt, was der Tänzer hatte versprechen müssen. Janina war so verstört zu ihrem Vorstellungsgespräch gegangen, dass sie sich heute noch wunderte, wie es ihr damals gelungen war, einen Job in der Kostümabteilung zu bekommen. Sie hatte lange nicht an diese Inszenierung gedacht. Sie dachte überhaupt nicht gern daran zurück.
„DeeDee!“, sagte sie. „Entschuldige, die Cenerentola ist wirklich schon so unendlich lange her.“
„Sechzehn Jahre“, sagte DeeDee.
„Bist du, ich meine, hast du das neue Stück komponiert?“
DeeDee lächelte.
„Ja. Reading Red Shoes ist mein Baby. Hey, da kommen endlich die Bühnenjungs!”

Janina kam sich schwer und langsam wie eine Schildkröte vor, als sie hinter den vier jungen Männern in Arbeitskleidung herlief, die ihr Gepäck schleppten. Sie war dankbar dafür, denn sie war tatsächlich noch etwas wackelig auf den Beinen und sehnte sich mehr denn je nach einem Bett.
Neben ihr ging DeeDee mit ihrem Gehstock, der sein regelmäßiges Tock, Tock durch den U-Bahnhof hallen ließ. Simon war auf ihrer anderen Seite, warf ihr wachsame Seitenblicke zu, die Janina peinlich waren, sie aber auch rührten. Er trug DeeDees Partiturtasche. Janina hätte gerne gewusst, woher sie die Narben und den Stock hatte, fand es für eine solch intime Frage nach so langer Zeit aber noch zu früh. Vielleicht in ein oder zwei Wochen, wenn sie sich wieder ein wenig besser kannten. Janina wurde jetzt erst bewusst, dass Josef Rost ihr alles Notwendige über die Handlung des Stücks und sein Inszenierungskonzept gesagt hatte, damit sie Kostüme entwerfen, Materialien wählen und sich auf die Assistenz vorbereiten konnte.
Aber er hatte ihr nichts, aber auch gar nichts darüber gesagt, wer alles an der Sache beteiligt war. Und sie hatte nicht danach gefragt. Es war, wie immer bei Josef Rost, einfach kein Platz für Fragen gewesen, er war so energisch, so manisch gewesen, so begeistert, er hatte jeden Winkel ihrer Aufmerksamkeit ausgefüllt. Und natürlich hatte sie auch eine CD mit einer Demoversion der Musik gehabt. Natürlich hatte sie sie angehört. Sicherlich hundert Mal. Aber sie hatte nicht gefragt, von wem sie war.
„Dir ist ein Meisterwerk gelungen“, sagte Janina, und sie meinte es so.
„Danke“, sagte DeeDee schlicht.
Warum hatte Janina nicht nachgefragt? Weil sie gewollt hatte, das es bei diesem Engagement um Simon und Josef Rost ginge. Darum, den Kontakt wiederherzustellen, sich wieder anzunähern. Sie hatte gehofft, es ginge um sie. Aber wenn DeeDee ebenfalls hier war … Janinas Herz begann bei diesem Gedanken mit einem unangenehmen Nachdruck zu schlagen, schwer und langsam, so als sei ihr Blut plötzlich zähflüssig geworden. Sie hatte nicht gefragt, weil sie die Hoffnung nicht aufgeben wollte, dass es darum ging, wieder eine Familie zu werden. Sie hatte sich etwas vorgemacht. Es ging bei dieser Sache um Josef Rost, den gefeierten Choreographen. Um sonst niemanden. Wie immer, wenn er inszenierte.
„Pass bloß auf mit dem Koffer, das ist mein größtes Heiligtum“, sagte DeeDee.
„Klar“, gab Simon zurück.
Ein schlichtes, aufrichtiges Wort. Seit sie von Vancouver losgeflogen waren, wirkte er zum ersten Mal entspannt.
Janina fühlte einen Anflug von Erleichterung. Sollte es so einfach sein? Konnte sie das zu ihrer neuen Hoffnung machen? Einfach hier ankommen, und schon begann ihr Sohn sich einzuleben, mit Menschen zu sprechen, nett zu sein und ihr zu verzeihen, dass sie ihn hierher verschleppt hatte?
Als sie die U-Bahn-Treppe hochkamen und auf die offene Straße traten, bot sich Janina ein vertrautes Bild. Früher war sie hier öfter angekommen oder abgeflogen. Aber jetzt war der Flughafen Tempelhof stillgelegt. Der Eindruck war jetzt etwas anders. Nackter irgendwie. Kälter.
Sie wandten sich direkt nach links, folgten der engen Biegung des nordwestlichen Gebäudekomplexes am Platz der Luftbrücke, überquerten den Columbiadamm und standen nach wenigen Minuten direkt vor dem ehemaligen Alliiertenhotel.
Janina wusste nicht, ob sie den Anblick deprimierend oder erhaben finden sollte. Sie hatte gelesen, dass das Flughafengebäude nach dem Pentagon und der Nasa immer noch das drittgrößte Gebäude der Welt war. Es war eine halbe Stadt mit neuntausend Büros, mit Hotels, Hallen, Hangars, Werkstätten, Bunkern, Fabriken und endlosen Treppen und Gängen, die tief in die Erde hineinreichten. Und es war konsequent grau.
Die Fassade des ehemaligen Hotelflügels ragte mit einem leicht konkaven Schwung vor ihnen auf, in regelmäßigen Abständen waren viereckige Sprossenfenster eingelassen. Immer noch die originalen Holzfenster aus den dreißiger Jahren, frisch gestrichen leuchteten sie aus dem alten Fassadengrau heraus.
Die Glastüren und das Hotelschild stammten aus den 50er Jahren, und die Innenausstattung der Lobby war ebenso zum größten Teil noch alt und strahlte einen verwirrend uneinheitlichen Retrocharme aus, der von den 1930er bis zu den 1980er Jahren reichte. Abgehängte Decken mit Neonlichtern, ein abgeschabter, hellgrauer Kunststoffcounter mit abgerundeten Kanten, ein hellblauer Teppich mit gelbem Flugzeugmuster. Dazu die Natursteinverkleidung der Wände, wie ein neoklassizistischer Tempel.
Das alles zusammen wirkte komisch und bedrückend zugleich, und Janina hoffte, die Zimmer würden nach aktuellem Standard eingerichtet und nicht irgendeiner grauenvollen historischen Authentizität verpflichtet sein.
An der Rezeption bekamen sie von einem dürren Mann mit Dienstmütze und dunklen Brillengläsern ihre elektronischen Schlüssel.
„Die sind ganz neu. Wenn ihr euch an die Wege haltet, die wir für euch frei geschaltet haben, könnt ihr euch eigentlich nicht verlaufen.“
Der Mann sah selbst aus, wie ein Relikt aus der Nachkriegszeit.
„Wieso verlaufen?“, wollte Simon wissen.
Der Mann hob die Brauen und zog einen rasselnden Schlüsselbund aus einer Schublade. Eigentlich waren es vier oder fünf Schlüsselbunde an Ringen so groß wie Untertassen, die alle ineinandergehakt waren.
„Siehste die hier?“
Simon war sichtlich beeindruckt. „Sind das alle?“
Der Mann nickte. „Und nu rate mal, wie oft ich Anrufe kriege von irgendwelchen Jungs in deinem Alter? Die steigen hier ein, und dann wissen sie nicht mehr, wie sie rauskommen sollen. Ja, also, wir sind hier in so einem Gang, und hier sind so Büros. Ha! Dann muss man die erst mal finden. Kann Stunden dauern!“
Die elektronischen Schlüssel sahen alt aus, wie aus Bakelit, und sie hingen an ihren Zimmerschlüsseln.
„Das hier ist kein Hotel mehr, es ist ein Bettenhaus. Die Rezeption ist normalerweise nicht besetzt. Verliert die Dinger also nicht, sonst sitzt ihr fest!“ Er zog vergnügt die Mundwinkel in die Breite, die Vorstellung schien ihm Spaß zu machen. „Und ich mache nicht jeden Tag einen kompletten Rundgang. Eher einmal die Woche.“
Dann gab er ihnen einen Gebäudeplan, der mehrere Seiten stark war.
Janina seufzte. Ihre Orientierung war noch nie besonders gut gewesen, aber in geschlossenen Gebäuden war sie erbärmlich. Wenn sich jemand hier verlaufen würde, dann ganz sicher sie.
Ihre Zimmer waren im dritten Stock. Vom Treppenhaus kam man in einen geschwungenen Gang mit Neonlicht, hellem Teppichboden und einer hellgrauen Metallic-Abhängung unter der Decke. Links und rechts gingen in regelmäßigen Abständen hellblau lackierte Holztüren ab.
Das Ende des Gangs war nicht zu sehen. Von der Treppe her sah es so aus, als führe es immer und immer weiter in diesem sanft geschwungenen Bogen. DeeDee und Simon gingen voraus.
„Nummer vierzehn, ich hab meins“, rief DeeDee fröhlich.
Simon bemühte sich, ihr den Partiturkoffer ins Zimmer zu tragen. Janina sah auf ihren eigenen Schlüssel. Nummer siebzehn. Die Bühnenleute stellten Janinas Gepäck im Zimmer ab und einer von ihnen mit langen, gepflegten Dreads fragte: „Und die Kostüme, sollen wir die gleich noch ins Kostüm runterbringen?“
In dem Fall hätte Janina ihr Gepäck erst einmal sortieren müssen, und dafür war sie viel zu müde.
„Ist nicht nötig, danke. Das mach ich schon.“

Das Zimmer hatte zwei große Fenster, die fast bis zur Decke hinaufreichten, und eine Glasflügeltür zum zweiten Raum – Simons Zimmer. Dahinter war das Bad. Es würde ihm unangenehm sein, wenn sie dauernd durch sein Zimmer gehen musste, womöglich kaum bekleidet. Janina seufzte. Sie würde sich Mühe geben müssen.
Die Ausstattung der Zimmer war zweckmäßig und bis auf die neuen Betten stammte alles aus verschiedenen älteren Epochen:
Zwei neu bezogene, dunkelblaue Sessel aus den Fünfzigern mit spitzen Füßen, die Kreise in den hellblauen Teppich drückten, ein flacher Tisch mit schwarzgolden unterlegter Glasplatte und einer klobigen Vase darauf. Schwere, gelbe Vorhänge aus einem sicherlich feuerresistenten Synthetikmaterial und zusätzlich graue Rollos, die man runterlassen konnte. Das Bett war aus Metallrohr, ein bisschen wie in einer Zelle, aber es war neu, und die Bettwäsche war weiß mit kleinen, grauen eingewebten Flugzeugmotiven. Nüchtern, aber stylisch und irgendwie sehr typisch für Berlin.
Janina musste lächeln. Vancouver, das war nur eine Flucht, eine Sehnsucht nach Beschaulichkeit gewesen. Hier in Berlin, an der Seite eines kreativen Giganten wie Josef Rost, hier, wo man in jeder ranzigen Ecke noch eine Möglichkeit fand, die Welt weiter zu denken, genau hier wollte sie sein. Und die Zimmer waren hell, groß, es gab eine Badewanne, und irgendwo auf dem Gang sollte sich laut Plan auch eine Küche befinden, sodass sie selbst kochen konnten, wenn sie wollten.
Sie würde sich hier mit Simon eine schöne Zeit machen, und wenn sie mit Reading Red Shoes fertig waren, würden sie sich in Kreuzberg oder Neukölln eine Wohnung suchen und Simon würde in ihr geliebtes altes Berlin eintauchen. Er war genau im richtigen Alter für eine der coolsten Städte der Welt. Es gab so viel hier, was sie ihm zeigen wollte.
Janina hörte den Schlüssel in der Tür nebenan, und dann stand Simon in der Verbindungstür.
„Mam?“ Er zögerte kurz. „Hast du was dagegen, wenn ich mich gleich bei den Bühnenleuten umsehen gehe? Matti hat gesagt, sie brauchen vielleicht noch wen für ein Praktikum.“
„Matti?“
„Der mit den Dreads.“
„Ach so. Nein, mach nur.“
„Geht’s dir auch echt wieder gut?“
Janina lächelte.
„Ja, geht’s mir. Das war wirklich nur die Übermüdung. Ich gehe jetzt erstmal in die Wanne.“
„Okay, na dann.“
Simon wandte sich zum Gehen.
„Ach, Simon!“
„Ja?“
„Treffen wir uns zum Abendessen? Rufst du mich an, wenn du in die Kantine gehst?“
„Okay, mach ich. Bis dann.“

Und dann war Janina allein und die Müdigkeit kam mit voller Wucht. Sie zog ein zerdrücktes Snickers aus ihrer Handtasche, füllte den Zahnputzbecher mit Leitungswasser und stellte sich an eines der beiden Fenster, während sie aß.
Ihr Blick schweifte über den linken, in einem weiten Bogen geschwungenen Flügel des Flughafens mit seinen wuchtigen Treppentürmen. Ganz hinten, am Ende des Bogens, sah sie den leuchtend weißen Radarturm mit seiner dicken Kugel oben drauf.
Janina pickte sich einen Schokokrümel vom T-Shirt, zog die Gardine vor, sodass das Licht in ihrem Zimmer wärmer und weicher wurde. Dann legte sie sich angezogen auf ihr frisches, weißes Bett. Wenigstens für zehn Minuten.

Plötzlich beugt sich jemand über sie. Meine Güte, könnt ihr mich denn nicht einfach mal schlafen lassen?
Es ist DeeDee, die sie besorgt anblickt.
„Ist alles in Ordnung, Süße?“, will sie wissen.
Janina nickt. Sicher, warum auch nicht. Sie ist doch nur müde.
„Hör mal, du solltest jetzt besser aufwachen“, sagt DeeDee in strengem Ton, „sonst …“ – und zieht sich mit einer schnellen Bewegung ihr Trickmesser durchs Gesicht.
Sie lächelt, ihre Wange klafft auf und dahinter sieht Janina die beiden Reihen ihrer feucht glitzernden Backenzähne.
Und dann rammt sie sich das Messer ins Auge.

Janina wachte davon auf, dass sie Luft in ihre Lungen sog, wie eine Ertrinkende, warme, dunkle Luft, die nach nassem Staub und frisch gewischtem Stein, nach Kartoffeln, Fleisch und Bohnen roch, so wie es bei ihrer Oma immer gerochen hatte. Eigentümlich gediegen und alt. Gehörte das jetzt auch noch zu dem Traum? Wo war sie, warum war es dunkel? Janina lag vollkommen still, suchte nach einem Anhaltspunkt, nach einer Information. Ihre Hände fuhren über ihren Körper. Sie trug Straßenkleidung. Sie lag auf einem Bett. Ein Hotelbett. Berlin.
„Simon?“
Janina lauschte.
„Bist du da?“
Warum hatte er sie nicht geweckt, sie wollten doch zusammen zu Abend essen. Und warum träumte sie von DeeDee?
Janina tastete nach der Nachttischlampe, die einen kleinen, gelben Kreis in ihr Zimmer warf. Das Handy behauptete, es sei drei Uhr morgens. Hatte sie so lange durchgeschlafen, mehr als neun Stunden? Sie fühlte sich steif und schmutzig, und ihr Magen knurrte. Der Geruch nach Essen hatte nicht zum Traum gehört, er hing immer noch in der Luft, und auf dem flachen Glastisch fand Janina einen Teller mit einer Roulade, kalten Kartoffeln und tatsächlich – grünen Bohnen. Daneben ein Zettel.
Hey Mam!
Wann war es eigentlich zum letzten Mal Liebe Mama gewesen?
Wollte Dich nicht wecken.
Oder wolltest du mich nicht sehen?
Ich bin zu den Bühnenleuten umgezogen, erster Stock. Die sind nett und passen auf mich auf, okay? Ulli vom KBB weiß Bescheid.
Nein, nicht okay! Wir sind doch noch nicht mal richtig hier angekommen.
Wir sehen uns beim Frühstück. Schlaf schön!
Simon.
Janina seufzte. Doch, es war okay. Natürlich war es das. Wenn ihr Sohn in einem Theaterteam bestehen wollte, konnte er unmöglich am Rockzipfel seiner Mutter hängen. Sie selbst hatte von ihrer Oma als Kind und auch als junge Frau noch so viel Behütung und Gängelung und Zügelung erfahren, dass sie Simon auf keinen Fall dasselbe antun wollte. Er war schon als kleiner Junge so selbstständig gewesen, mit vier Jahren war er zum ersten Mal allein geflogen, und mit sieben fuhr er allein U-Bahn, hantierte sicher mit Geld und hatte seinen eigenen Schlüssel. Aber er hatte noch nie woanders gewohnt … Komm schon, Janina, dachte sie. Lass ihn los! Er ist schließlich fast sechzehn. Schließlich habe ich mir gewünscht, dass er sich hier wohlfühlt. Offensichtlich war Simon fest dazu entschlossen, es sich gut gehen zu lassen. Was wollte sie mehr.
Janina steckte den Zettel in die Hosentasche und nahm den Teller auf den Schoß. Die Kartoffeln schmeckten dumpf, aber das Fleisch und die Bohnen waren in Ordnung und Janina schaufelte beides mit Heißhunger in sich rein.
Die Schwäche von gestern war endlich verschwunden und sie fühlte sich satt und ausgeruht. Schlafen würde sie nun doch nicht mehr können, und eigentlich wollte sie es auch gar nicht. Da sie schon einmal wach war, meldete sich endlich die Neugier und die Freude auf die Arbeit, die vor ihr lag. Also holte sie nach, was sie gestern versäumt hatte, ging duschen, zog sich an und studierte dann im Schein ihrer Nachttischlampe den Lageplan, den sie an der Rezeption bekommen hatte.
Von oben sah der gesamte Flughafen aus wie ein gigantischer, nicht ganz fertig gestellter Vogel. Das Hotel war im hinteren Teil des Kopfes untergebracht, im Ansatz des Nackengefieders gewissermaßen. Die Kantine befand sich im selben Sektor. Dahinter kam ein breiter Hals, dort war die ehemalige Eingangshalle und darüber, im zweiten Geschoss, die sogenannte Ehrenhalle, ein langgestreckter, zehn Meter hoher Saal, in dem Josef Rost Reading Red Shoes inszenieren würde.
Und die Kostümabteilung war eins tiefer, zweites Obergeschoss, ganz hinten, die drei große Räume neben der Küche. Perfekt. Wenn es dort noch einen oder zwei vernünftige Kühlschränke gab, würde sie auch die Schweinehäute lagern können.
Janina würde ihren elektronischen Schlüssel ausprobieren, die Kostüme runterbringen und nachschauen, ob alles da war, was sie brauchte – Bügelbretter, Nähmaschinen, Kleiderstangen, Tische …
Sie stand von der Bettkante auf, schlängelte sich durch den Schlitz in der Mitte der Vorhänge, öffnete das Fenster, um den dicken, fleischigen Essensgeruch rauszulassen.
Unten, in einem der vielen Innenhöfe, erkannte sie den Umriss einer großen Eiche. Obwohl das Bettenhaus freundlich gestaltet war, fand Janina den monumentalen Bau plötzlich bedrückend. Der steinerne Reichsadler, den sie außen an der Fassade gesehen hatte, die schweren Steinplatten, mit denen der Stahlbetonbau verkleidet war, die trotz Größe und Weitläufigkeit gedrungenen Proportionen, die Ausstrahlung von Unüberwindlichkeit. Eine Architektur, die Menschen winzig klein erscheinen ließ, ein Leben in Hallen und Fluchten, deren Ende man nicht ausmachen konnte. Janina atmete noch eine große Portion Nachtluft ein, nahm sich vor, in diesem Gebäude nicht verloren zu gehen und machte sich auf den Weg.

2 Kommentare »

Karla Schmidt am Dezember 2nd 2011

2 Kommentare zu “Leseprobe “Rote Halle””

  1. Mascha schrieb am 03 Dez 2011 um 18:17 #

    Karla, was für ein fantastischer Einstieg! Ich kann nicht abwarten, bis das Buch rauskommt. Werde aber wohl müssen …

  2. Karla schrieb am 05 Dez 2011 um 10:55 #

    Liebe Mascha,

    ich danke Dir! Und ich fürchte, ich kann mich von meinem “Erstexemplar” nicht trennen … aber das Buch müsste eigentlich jeden Moment lieferbar sein! :-)

Trackback URI | Comments RSS

Kommentar schreiben

Comment moderation is enabled. Your comment may take some time to appear.