Leseprobe “Seelenfotografin”

My death waits in your arms, between your thighs,
Your cool fingers will close my eyes …
(Jacques Brel / David Bowie)

Die Tage waren so dahin gegangen, bis zum Rand gefüllt mit Schmerz und mit Spiel. Wie hätte ich ahnen können, dass es die letzten Tage in einem Leib aus Fleisch sein sollten. Ich hätte mich in das Schicksal eines kranken Mädchens fügen können und wäre vielleicht ein paar Jahrzehnte am Leben geblieben. Ich aber habe mir diese Existenz erschaffen. Menschen blicken mich an, fragen, wer dieses Kind gewesen sein mag. Sie wissen nicht, dass ich zurück blicke.
(Isabel)

TEIL I

1.

Ruven stand an den roten Wagen gelehnt und beobachtete mit halb geschlossenen Lidern das Treiben um sich herum. Lichter rissen schwitzende Gesichter aus dem Dunkel, ein Konfitürenverkäufer schrie sein Angebot heraus, und vor dem Bierzelt gegenüber versoff Bing, der sich Meister der Fotokunst nannte, die Einnahmen. Der Duft von Würsten und heißem Punsch wölbte sich in die Luft, und Ruven hielt lustlos Ausschau nach der Sorte Kundschaft, die erst im Schutz der Dunkelheit Geschäfte wie das von Bing aufsuchten. Dieser Sommerabend war viel zu heiß und zu feucht für Ruvens Geschmack, und er hoffte, dass nur einen Abend lang, bitte, keiner kommen möge. Aber meist liefen die Geschäfte blendend, obwohl es in der jungen Reichshauptstadt etliche Rummel wie diesen gab. Ruven richtete sich auf, fischte ein feuchtes Stück Kreide aus der Hosentasche und zog den von der schwülen Hitze verwaschenen Schriftzug auf der Werbetafel nach. Verderbte Bilder – Dokumente des sittlichen Verfalls.
Als ein vornehm aussehender Herr mit grauem Backenbart auf den roten Wagen zusteuerte, hielt Ruven die Luft an. Hoffentlich ging er vorbei. Der Mann mit dem Backenbart warf einen kurzen Blick auf die Tafel, ging dann tatsächlich weiter und betrat die Monstrositätenschau im Nachbarzelt. Ruven atmete erleichtert aus.
Bing kam mit unsicherem Gang vom Bierzelt herüber. Erst heute Vormittag hatte er ein dickes Frauenzimmer überredet, vor der Kamera die Röcke zu heben. Seitdem gab er sich ausgesprochen aufgeräumt, und im Laufe des Tages hatte er sich in einen sentimentalen Zustand hinein getrunken. Als er vor Ruven stand, nestelte er einen schwärzlichen Beutel aus seiner Hose, griff nach Ruvens Hand und legte den Beutel hinein. „Pintorov, kauf dir ein Weib. Spendier dir eins. Wird Zeit, dass du lernst, Spaß zu haben.“
Auf Bings Unterlippe saß schaumiger Speichel. Ruven unterdrückte einen leichten Brechreiz und blickte auf die lederne Schnur, die von dem Beutel in seiner Hand in des Meisters Hose führte. Bings Atem ging stoßweise, als er sich, einen gut gefüllten Bierkrug in der Faust, auf Ruvens Schulter stützte.
„Du machst das schon.“
Er gab Ruven einen Klaps auf die glatt rasierte Wange, Bier schwappte auf seine Jacke, dann drehte Bing sich um und ging. Der Geldbeutel sprang aus Ruvens Hand und tänzelte seinem Herrn hinterher.
Auf dem Weg zum Bierzelt kippte Bing dem schwarzhäutigen Wilden, der in der eisernen Umfriedung vor dem Monstrositätenzelt von dem lebte, was die Besucher ihm hinwarfen, das halbe Bier in den Schlund. Ruven wischte sich die Hand an der Hose ab und stieg die beiden Stufen zum roten Wagen hinauf. Besser, er erledigte die Arbeit jetzt als später. Dann hatte er es hinter sich.
Die Mappe, die er aus dem hölzernen Wandschrank nahm, war voll frischer Fotografien. Ruven riss ein Streichholz an, hielt es an den Docht der Lampe und stellte sie auf das Pult. Er war froh um diese schmale Barriere, die ihn von der Kundschaft trennte, und er nahm das Geld auch nie aus ihrer Hand entgegen, sondern zeigte stets auf den kleinen Zinnteller. Jetzt holte er Schere, Leim und einen Bogen schwarzes Papier aus der Schublade. Sorgfältig schnitt er ihn in Streifen und klebte sie über die anstößigsten Partien der neuen Bilder. Es war erstaunlich, wo auch immer sie hinkamen, nie beanstandeten die Beamten, welche die Buden und Geschäfte inspizierten, Bings Geschäft. Es lag an diesen Papierstreifen und an dem emaillierten Schild, das neben der Vitrine hing. Es verwies auf die Verderbtheit der fotografischen Materie und brandmarkte sie als Gefahr für die öffentliche Moral. Die Fotografien wurden auf diese Weise wirkungsvoll als legales Anschauungsmaterial zu Lehrzwecken ausgegeben.
Bing achtete darauf, dass Ruven nicht dabei war, wenn die Herren von der Behörde kamen; er konnte nicht überzeugend lügen. Die Papierstreifen befriedigten nicht nur die Behörden, sondern sie steigerten auch den Umsatz an unzensierten Papierabzügen, die sie unter der Hand verkauften. Ruven überklebte die Scham eines jungen Mädchens von höchstens vierzehn Jahren. Er hasste es, dass er diese Arbeit nicht verrichten konnte, ohne die Bilder dabei anzusehen. Bing bannte am liebsten solche jungen Dinger auf die Platte, meist waren es wegen einer Schwangerschaft entlassene Dienstmädchen, oder Mädchen vom Land, die in der Fabrik nicht genug verdienen konnten, um zu überleben.
Wenn sie Furcht zeigten und sich zierten, dann knetete Bing ihre Schultern, während er ihnen versicherte, dass niemand sie auf den Bildern erkennen würde. Gerade den Unerfahrenen, so behauptete Bing, könne er die intensivste Lüsternheit entlocken. Den Reiz des Verbotenen nannte er das.
Ruven hatte noch nie den Reiz des Verbotenen verspürt. Wenn etwas verboten war, dann hatte das meistens gute Gründe, und es war besser, sich an das Verbot zu halten. Was wusste er schon, welche Schuld er sonst auf sich laden würde.
Er hängte die präparierten Fotografien in die flache Vitrine. Auf einer ließ das schwarze Papier lediglich zwei Frauenköpfe und zwei paar ringelbestrumpfte Beine erkennen. Die stehende Gestalt trug herrische Stiefel und eine Kreissäge aus Stroh auf dem Kopf. Eine gläserne Schnapsflasche glänzte an ihren Lippen. Die andere Frau, ein wenig unscharf, kroch unter der Stehenden auf allen Vieren über die Dielen und sah in die Kamera. Üppiges Haar umwallte ihr Gesicht, ein wie aus weiter Ferne kommendes Lächeln umspielte den weichen Mund. Wie die beiden Frauenzimmer zueinander positioniert waren, konnte man wohl erraten, aber wie viel Fleisch dabei zu sehen war, das konnte der Betrachter nur herausfinden, wenn er eine Reproduktion der Fotografie in einem verschlossenen Umschlag kaufte.
Plötzlich schwankte der Wagen, Ruven hörte ein Rülpsen, und Bings Bieratem wehte erneut heran. In der gläsernen Front der Vitrine zeichnete sich sein eigenes bleiches Gesicht ab, die schmale Gestalt, die mageren Arme, und dahinter der gedrungene Umriss von Bing, der seine Finger in Ruvens Schulter grub. Er starrte das Bild mit den beiden Frauen an.
„An die Zwei erinnere ich mich. Die Stehende hatte so fette Euter, dass sie sie festhalten musste. Und Haare rauf bis auf den Kugelbauch.“ Er stieß erneut auf. „Die unten war mir zu mager.“
Bing hatte die Aufnahme im Atelierzelt vor einem Prospekt mit einer halb hinter schweren Vorhängen verborgenen steinernen Treppe eingerichtet. Die Szene sollte die Einhangshalle eines Herrenhauses darstellen, Bing selbst hatte sich als zufälligen Beobachter hinter dem Vorhang ins Bild gebracht. Ruven, der sonst die Visitporträts machte, hatte den Verschluss der Kamera betätigen müssen. Er hatte es getan, ohne hinzusehen. Ruven bezwang den Wunsch, auf die Scheibe der Vitrine zu spucken, dorthin, wo Bings fröhlich glänzendes Gesicht sich spiegelte.
„Ich hab dir doch gesagt, du sollst dich amüsieren gehen, Junge!“
Ruven nickte, wand sich aus Bings klammerndem Griff und ging. Er brauchte frische Luft. Als Bing endlich verschwunden war, setzte er sich auf die Stufen des roten Wagens. Wenigstens musste er heute Nacht keine Fotoplatten herstellen. Es war Ruvens zehnter Sommer bei Bing, und er hatte noch immer Schwierigkeiten mit dem Dunkelzelt. Das Dunkelzelt war beinahe schlimmer als das nackte Fleisch vor seinem Objektiv. Damals im Waisenhaus, da war er einmal verliebt gewesen, in ein zartes, dunkles Mädchen. Es hatte herausbekommen, dass Ruven mit vollkommener Gewissenhaftigkeit geschlagen war. Um seine Liebe zu beweisen, sollte er etwas für es stehlen, eine kleine bronzene Nachbildung eines Hundes, die im Zimmer der Direktorin auf dem Sekretär stand und die das Mädchen schon oft mit Sehnsucht betrachtet hatte. Natürlich war er erwischt worden. Als er dafür über Nacht in den Karzer gesperrt worden war, hatte er stundenlang hohe Schreie ausgestoßen, die wild und fremd an sein eigenes Ohr drangen, und er hatte sich an den Wänden Kopf und Fäuste blutig geschlagen. Danach galt Ruven als verrückt, die Direktorin wollte ihn loswerden. Sie hatte Bing schon gelegentlich Mädchen für seine Fotografien überlassen. Diesmal schwatzte sie ihm einen Assistenten auf, der ihm die Ausrüstung schleppen und Fotoplatten für ihn herstellen sollte. Kaum eine Stunde später war Ruven mit seinem neuen Meister auf Wanderschaft gegangen.
So sehr Ruven in mancher Nacht auch in seinem Gedächtnis forschte, er konnte sich an den Namen des Mädchens nicht mehr erinnern. Nur, dass es volle Lippen gehabt hatte, das wusste er noch.
Der Mann mit dem Backenbart verließ das Monstrositätenzelt und verweilte einen Moment bei der Meerjungfrau, die sich im Schein einer Gaslaterne Fischschuppen auf die verwachsenen Beine tätowieren ließ; ihr Unterleib war entblößt. Der Mann notierte etwas in ein Buch. Sicher jemand von der Behörde. Ruven fühlte sich unbehaglich, als der Blick des Fremden den seinen traf. Er musste schon lange im Dienst sein, sicher hatte er einen Verwaltungsposten, war aber voller Pflichtgefühl und sah sich immer noch für die rauere Arbeit auf der Straße verantwortlich. Trotz des Gehstocks und des grauen Barts.
Als er zu ihm herüberkam, stemmte Ruven die Hände in die Hüften, so dass seine Ellenbogen vom Körper abstanden wie die Beine eines dünnen Insekts. Er versuchte, möglichst viel Festigkeit in seine Stimme zu legen, als der Mann ihn anlächelte.
„Wir haben geschlossen.“ Ruven konnte ihm dabei nicht in die Augen sehen. „Kommen Sie doch im Licht des Tages wieder, mein Herr. Sie erlauben.“ Damit ging er auf das Rummeltor zu wie jemand, der es eilig hat, fortzukommen. Er wusste, dass ihn das verdächtig machte, aber er konnte nicht anders.
„Rummelplätze sind Orte öffentlicher Perversion, des Sittenverfalls, der Hurerei und Trunksucht.“ Der Mann hatte die weittragende Stimme eines Predigers.
Ruven drehte sich um und zog den Hut. „Ganz recht. Auf Wiedersehen.“
„Sind Sie hier der Fotograf, junger Mann?“
Ruven deutete eine Verbeugung an. Sein Mund wurde trocken. „Wie ich schon sagte, wir haben bereits geschlossen. Unsere Kunst braucht das Licht des Tages.“
Der Mann stellte seinen Stock auf den trockenen Grund und stützte sich betont lässig darauf. „Fotografieren Sie auch Kinder?“
„Sicher.“
„Kinder, junger Mann, sind nervös, zappeln, verdrehen im entscheidenden Moment die Augen oder ziehen die Nase kraus. Sie kratzen sich oder scharren mit den Füßen.“ Der Mann schritt wie auf einer Bühne auf und ab, wobei er den Gehstock weniger als Stütze als zum Gestikulieren brauchte. Er schien sich, zumindest in Grundzügen, mit der Kunst des Fotografierens auszukennen.
Ruven entspannte sich ein wenig. Er konnte antworten, ohne lügen zu müssen. „Drum ist es eine Kunst, ihre Aufmerksamkeit zu fesseln, den Blick in die richtige Richtung zu lenken und ein Gesicht zu evozieren, das nicht übertrieben, aber dennoch ausdrucksstark ist.“
Der Mann blieb stehen. „Mir geht es nicht darum, irgendetwas zu evozieren. Sie sollen nur festhalten, was ist.“ Er zeigte mit dem Stock auf Ruven, als fordere er unter Androhung von Prügeln eine korrekte Antwort. „Können Sie das?“
Der Tonfall war unhöflich, aber statt um einen Sittenwächter schien es sich hier doch eher um einen potentiellen Kunden zu handeln. Und er war offensichtlich ein respektabler Bürger, was Ruven aus der gediegenen Kleidung schloss, und daraus, dass er eine angemessene Autorität ausstrahlte. Vielleicht war er Fabrikant oder, angesichts der tadellosen Haltung trotz seines Alters, Offizier. Sicher wollte er ein ausdrucksstarkes Porträt. Ruven bemühte sich bei seiner Antwort um denselben festen Blick, mit dem sein Gegenüber ihn maß.
„Dank des modernen Schnellapparats, der den Menschen in aller Natürlichkeit einfängt, da die Sitzung nur mehr eine halbe Sekunde dauert, ist uns in der Fotokunst heute fast alles möglich.“ Ruven zog den Schlüsselbund hervor und öffnete das eiserne Schloss des Atelierzelts, das sich weiß und unschuldig neben den roten Wagen duckte. Er bat den Fremden herein, während er weitersprach. „Abgesehen davon habe ich natürlich gewisse Methoden, um die Sitzungen in diesem Sinne abzukürzen. Ohne unbescheiden zu sein, darf ich behaupten, dass ich gute Kinderbilder in nur einer Sitzung mache und aus ihnen den idealen Ausdruck dessen heraushole, was in ihnen steckt.“
Mit einem schnellen Blick vergewisserte sich Ruven, dass keine Weiberwäsche herumlag und das Atelierzelt aufgeräumt war, dann erst zündete er eine Lampe an. Der Geruch von Öl und verbranntem Schwefel stieg in die Luft. Der Fremde setzte sich in einen der vier roten Plüschsessel und stellte den Gehstock neben sich ab. „Keine Methoden, keine Ideale“, sagte er bestimmt.
Ruven schlug das Auftragsbuch auf. „Sind es denn Ihre eigenen Kinder, die Sie zu fotografieren lassen wünschen?“
„Ich beabsichtige, meine Patienten fotografieren zu lassen.“
Aus Meister Bings Wagen, der direkt hinter dem Atelierzelt stand, drang plötzlich schrilles Weibergelächter. Die Ursache der darauffolgenden Geräusche war eindeutig, Ruvens Gesicht wurde heiß und rot. Er hob die Stimme.
„Und wen darf ich vormerken?“
„Doktor Karl Greipel. Mediziner, Psychologist und Ingenieur.“
Ruven ließ die Kurbel des Bleistiftspitzers rotieren, dann schrieb er den Namen mit zitternden Fingern auf.
„Ich leite die Berliner Klinik für invasive Therapie geistiger und seelischer Störungen. Ich operiere höchst erfolgreich, Sie werden von mir gehört haben.“
Im Wagen hinter dem Zelt spitzte sich die Situation zu, das Weib bei Bing schrie, während es sich auf den Höhepunkt zuarbeitete. In Ruvens Ohren klang es eher wütend als lustvoll, und einen irritierenden Moment lang verspürte er den Drang, in das Geschrei mit einzustimmen.
Der Doktor hatte keine Mühe, den obszönen Lärm mit seiner Stimme zu übertönen. „Und ich beabsichtige selbstverständlich nicht, mit meinen Patienten hierher zu kommen. Ich erwarte, dass Sie mich in meinen Praxisräumen aufsuchen.“
„Selbstverständlich. Damit ich Vorbereitungen treffen kann, wüsste ich nur gern, um wie viele Objekte handelt es sich denn? Und wünschen Sie ein Gruppenbildnis oder Einzelportraits?“
Der Doktor lehnte sich in den Sessel zurück, schlug die Beine übereinander und tastete nach seiner Uhr. „Portraits.“ Als der Doktor die Uhr aufschnappen ließ, erkannte Ruven im Lampenschein einen brünstigen Hirsch auf dem Deckel. Der Doktor betrachtete das Zifferblatt als warte er auf etwas, während er fortfuhr. „Es steht momentan ein Kontingent von Hundertdreiundzwanzig für je wenigstens zwei Fotografien bereit. Das kann sich natürlich täglich ändern. Ich beabsichtige, die Patienten sowohl in verschiedenen Stadien ihrer Krankheit als auch im genesenen Zustand fotografieren zu lassen. Was voraussetzt, dass Sie mir bis zur Genesung der Patienten zur Verfügung stehen.“
Der Doktor blickte auf und sah ihn erwartungsvoll an. Ruven sagte nichts, sein Kopf war leer.
„Was wiederum voraussetzt, dass Sie diese unwürdige Umgebung verlassen und festen Wohnsitz in unserer schönen Hauptstadt nehmen.“
Das Weib bei Bing stieß einen finalen Schrei aus. Dann war es still. Der Doktor klappte seine Uhr wieder zu und steckte sie weg. Ruven fühlte sich schwach. Noch nie zuvor war ihm eine Situation so peinlich gewesen.
Doktor Greipel griff nun nach seinem Gehstock und stützte die Hände darauf. Er sah Ruven an und schien auf eine Antwort zu warten.
„Bitte eine Frage, Herr Doktor.“
„Nur zu.“
„Wozu Porträts von Geisteskranken?“
Der Doktor stand auf und begann erneut mit dem Abschreiten seiner gedachten Bühne, seine Absätze schlugen den Takt zu seinen Worten.
„Nun, mein junger Freund, diese Fotografien geben mir einen Eindruck von der Seele, die ich zu behüten und zu heilen geschworen habe. In der schiefen Haltung des Körpers, in den verzerrten Zügen meiner Schützlinge drückt sich ihre Krankheit aus. Wenn ich nun die Fotos studiere, die Sie für mich anfertigen, werde ich alles über ihre Krankheiten erfahren.“ Doktor Greipel kam zum Empfangstisch herüber und blieb dicht vor Ruven stehen. „Sie verstehen sicher die Frage, die ich Ihnen eingangs stellte, denn ich gehe davon aus, dass meine Geisteskranken ähnlich schwierige Objekte sind wie Ihre Kinder.“
Ruven bemühte sich um professionelle Sachlichkeit, aber seine Stimme blieb ohne Volumen. „Und welcher Termin wäre Ihnen recht?“ Er blickte auf und sah in Doktor Greipels stahlgraue Augen.
„Ich erwarte Sie morgen um elf Uhr zu einer Probesitzung im Operationssaal meiner Klinik. Meine Karte.“
Ruven nahm die Karte und legte sie ins Auftragsbuch. Dann stand er auf und verneigte sich.
„Wie heißen Sie überhaupt, junger Mann?“
Ruven wusste nicht, dass er es tun würde, doch als er den Mund öffnete, stellte er fest, dass er log. „Rabinski, Herr Doktor, mein Name ist Peter Rabinski.“ Ruven hatte noch nie zuvor absichtlich gelogen. Es erstaunte ihn, wie leicht und selbstverständlich es ging und wie sehr die Lüge die Scham erleichterte, die er wegen des Beischlafs hinter dem Atelierzelt empfand.
„Sehr schön, Herr Rabinski. Wenn ich mit der ersten Fotoserie zufrieden bin, übergebe ich Ihnen mit Freude das gesamte Projekt.“ Der Doktor machte eine raumgreifende Geste. „Dies hier ist ja kein Ort für einen anständigen jungen Mann, und ich betrachte es als meine Pflicht, jungen Menschen eine Chance zu geben. Wie alt sind Sie überhaupt?“
Eine gute Frage. Doch bevor Ruven in die Verlegenheit kam, darauf antworten und vielleicht erneut lügen zu müssen, zog Doktor Greipel den Hut und verließ das Zelt ohne ein weiteres Wort.

Ruven blieb noch einen Augenblick lang sitzen. Er fühlte sich benommen, ohne eigentlich zu wissen, warum. Er hatte einen Auftrag angenommen, mehr nicht. Nur eine Sitzung in einem Krankenhaus. Es gab wirklich keinen Grund, außer Fassung zu geraten. Er stand von seinem Platz hinter dem Empfangstisch auf, klappte das Auftragsbuch zu, schloss das Zelt ab und stellte sich in Erwartung von Kundschaft erneut vor den roten Wagen. Ein hervorstehender Nagel bohrte sich zwischen seine Schulterblätter, als er sich zurück lehnte. Der Schmerz sorgte für ein wenig mehr Klarheit in seinem Kopf. Er hatte nicht gewusst, dass es für Fotografen auch Festanstellungen gab. Eine Sehnsucht regte sich in ihm. Sesshaftigkeit, Sicherheit, ein anständiges Leben.
Aber es war ausgeschlossen. Er hatte keine eigene Ausrüstung und auch kein Geld, um eine zu erwerben. Ruven seufzte und ließ die Lider halb über die müden Augäpfel sinken, wie er es sich angewöhnt hatte, wenn er nachts vor dem Wagen blieb. Plötzlich hatte er die Stimme der Direktorin wieder im Ohr, scharf und kalt. Er versuchte, die Ohren gegen die Erinnerung zu verschließen. Aber sie kam, ob er wollte oder nicht.
Man hatte ihn an einem eiskalten Wintermorgen auf den Stufen vor dem Waisenhaus gefunden, bis auf die Knochen abgemagert und krank. Er hatte in das grelle Licht des Himmels hinauf geblinzelt und die ersten Worte vernommen, an die er sich bewusst erinnerte:
„Wir lassen ihn liegen.“
„Ein totes Kind auf den Stufen, würde das nicht unserem Ruf schaden?“ Eine andere Stimme, kaum wärmer.
Kurzes Schweigen. Dann: „Na schön, ein Maul mehr. Päppeln wir ihn auf.“
Ruven fühlte, wie man ihn hochhob, dann wurde es dunkel.
Nach und nach mischten sich pudrige Farben in das Dunkel, dann kamen die Bitterkeit von Medizin und das würgende Gefühl von Haferschleim hinzu. Als Ruven wieder ins Bewusstsein fand, fragten sie ihn, woher er kam, wer seine Eltern seien. Er lag in einem harten Bett unter Bergen von rauem Leinenzeug und wollte antworten. Doch er stellte fest, dass er es nicht wusste. Ein Leben vor dem grellen Morgen auf den Stufen gab es nicht, es war vollständig aus seinem Gedächtnis getilgt. Nur sein Name war ihm geblieben.
Ruven Pintorov. In der ersten Zeit hatte er diese beiden Worte ständig vor sich hin gemurmelt, Pintorov, Pintorov, wie um durch den Klang weitere Worte anzulocken, die ihm verrieten, wer er war und woher er kam. Wie alt war er gewesen, als Bing ihn vor zehn Jahren aus dem Waisenhaus geholt hatte? Elf Jahre, oder erst neun? Oder vielleicht schon vierzehn? Man konnte es ihm nicht ansehen, seine schlaksigen Glieder, sein Gesicht mit den dunklen Schatten unter den Augen hatten immer schon erwachsen gewirkt. Vielleicht, dachte Ruven schläfrig und streckte die Beine von sich in den Staub, bin im Jahr 1900 schon über vierzig. Mit Vierzig könnte er ein respektabler und gesetzter Mann sein. Oder er lag in der Gosse, vielleicht schon tot.
Der fiebrige Lärm des Rummelplatzes füllte Ruvens Kopf, und die Menschen, die vorbeikamen, traten vor seinem verhangenen Blick wie Bilder aus dem Entwicklerbad hervor, blass und verschwommen erst, dann mit zunehmend schärferen Konturen, weißes Fleisch und Schattenschluchten. Immer wieder kamen Männer zu dem roten Wagen, warfen schnelle Blicke in die Runde, zahlten und stiegen die zwei Stufen hinauf. Meist dauerte es nicht sehr lange, bis sie wieder herauskamen, mit Augen wie aus Glas, und bei jedem Groschen, der in seine Büchse wanderte, glaubte Ruven, Bings Stimme zu hören, die ihm vertraulich die Höhe der Einnahmen ins Ohr raunte.
Für einen Moment nur schloss Ruven die Augen. Dann flog er durch den unbegrenzten, finsteren Raum seines Inneren, machte weit unten den Rummel aus, betrachtete die ganze Stadt, die sich wie unter Gärungsdruck immer weiter aufblähte. Plötzlich rissen ihre mit Leben prall gefüllten Venen und ergossen sich in einem erstaunlichen Aderlass in das ausgedörrte Land. Ruven fühlte, wie er stürzte, hinab in diese brodelnde, blutige Masse aus Gliedmaßen, nackten Brüsten und Hintern, die sich ihm entgegenreckten.
Er schreckte hoch. Er war von den Stufen des roten Wagens gerutscht, lag wie der Wilde in seiner Umfriedung im Dreck. Er sprang auf, klopfte sich eilig die Kleider ab und fuhr sich durch die mit Staub und Pomade verklebten Haare. Dann hielt er inne. Es war tiefe Nacht geworden. Bis auf den Wilden, der nackt unter freiem Himmel schlief, war er allein auf dem Platz. Nur ganz hinten, am eisernen Tor des Rummelplatzes, das mit Papiergirlanden und Immergrün geschmückt war, konnte er den Platzwart mit seiner trüben Laterne ausmachen. Plötzlich wusste Ruven genau, was zu tun war. Und er musste es jetzt tun. Bevor er es sich anders überlegte.

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Karla Schmidt am Dezember 2nd 2011

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